Saturday, March 10, 2007

Tukur mit Hamsterbacken

Als der Film zu Ende war, hatten wir das Bedürfnis zu klatschen. Und als dann der Abspann von "Das Leben der Anderen" folgte, las ich einen Namen, der mich einen Moment lang verwirrte - Ulrich Tukur. Und davor stand: Anton Grubitz. Tukur spielte also den dicklichen Oberstleutnant, der im Film die Stasi-Abteilung Kultur leitet. Dessen Gesicht war mir freilich irgendwie vertraut vorgekommen. Ulrich Tukur! Ich war erschüttert.

Ulrich Tukur, Jahrgang 1957, hat in Tübingen studiert. Um 1980 herum muss das gewesen sein - ich war damals noch Schülerin im Uhlandgymnasium. Tukur hielt sich damals mit "Jobs als Pianist, Akkordeonspieler und Knödeltenor" über Wasser, wie ich der Website seines Musikverlages entnehme. Mag sein, dass ich ihn einmal als Straßenmusikanten in der Fußgängerzone erlebte. Bewusst wahrgenommen habe ich ihn jedenfalls erst, als seine Schauspielkarriere in die Gänge kam - im Kino. "Die Weiße Rose" war sein Filmdebüt - wenn ich mich richtig erinnere, war ich gerade im ersten Semester, als ich den Film sah.

Tukur machte aber auch weiterhin Musik, und er gastierte gerne in Tübingen. Im Jahr 2002 erlebte ich ihn mit den "Rhythmus Boys" auf der LTT-Bühne. Ist erst ein paar Jahre her, aber Tukur war damals noch rank und schlank, wenn auch schon mit schütterem Haar. Den Charmeur gab er trotzdem sehr überzeugend. Den von der Statur her eher kleinen und kompakten Schlagzeuger seiner Tanzkapelle bezeichnete Tukur als "knuffig" - ein Wort, das ich umgehend in meinen Sprachschatz aufnahm (ich hole es nur selten daraus hervor, aber wenn, dann fällt mir sofort wieder ein, wem ich es zu verdanken habe). Tukur machte damals auch viel Aufhebens um einen Knopf, den er offenbar kurz vor seinem Auftritt eingebüßt hatte. Später verarbeitete ich die Episode in einer Knopf-Glosse: "Noch ehe jemand den fehlenden Knopf an seinem grauen Nadelstreifen-Zweireiher bemerkte, hatte er ihn schon zur Sprache gebracht. Der Knopf wird gerade dann zum Gegenstand der Betrachtung, wenn er fehlt."

Und jetzt: Tukur als linientreuer Stasimann mit der Lizenz zum Honeckerwitze-Erzählen. Und mit Hamsterbäckchen. Heute Nachmittag im Kino dachte ich einen Moment lang, sie hätten ihn für den Film in einen Fatsuit gesteckt. Aber in der Wikipedia gibt's ein Foto von 2006, das beweist, dass Tukur in der Tat ziemlich in die Breite gegangen ist. Auf roofmusic.de, das ist der bereits oben erwähnte Musikverlag, fand ich aber eine Art Jugendbild von Ulrich Tukur - und darauf habe ich ihn dann tatsächlich wiedererkannt.

Übrigens ist die schauspielerische Leistung von Tukur in "Das Leben der Anderen" beachtlich und sehenswert, wie überhaupt der ganze Film. Und hat nicht auch Hemingway im reifen Alter Hamsterbacken bekommen? Ein Charmeur ist er trotzdem geblieben. Dieser Tage geht Tukur wieder mit der "ältesten Boygroup der Welt", wie er seine Tanzkapelle neckisch nennt, auf Tournee. Das würde ich gerne sehen.