Während unserer Genfer Zeit wohnten wir in einem großen Mietshaus, wo neben Gastspielern aus aller Herren Länder sowie den ortsüblichen Französischsprachigen auch etliche Deutschschweizer ihr Domizil hatten. Public Viewing war damals noch nicht en vogue. Aber bei Fußballspielen zur Sommerzeit, wenn die Fenster offen standen, kam es doch zu einem gemeinschaftlichen Sporterlebnis. Und dazu musste man nicht einmal den Fernseher anschalten. „Büt, büüt“, schrien die Welschen, wenn ein Tor fiel. „Gool, goool“, tönte es gleichzeitig aus den Wohnungen der Deutschschweizer. In der Tat, wenn es um le football geht, klingt das französische Wort „le but“ tatsächlich wie „butte“. Und die Deutschschweizer sprechen bis heute von einem Goal, weil sie den Fußballsport im 19. Jahrhundert direkt aus dem Vereinigten Königreich importierten. Der FC St. Gallen, der älteste Schweizer Fußballclub, wurde im Jahr 1879 von Briten mitbegründet. Das habe ich mir, räusper, soeben angelesen. Endlich verstehe ich auch, wie es zu anglofonen Vereinsnamen wie dem Grasshopper Club Zürich kam. Danke, Wikipedia! Man lernt doch nie aus.
Der polyglotte Fußballsommer, an den ich mich so lebhaft erinnern kann, war wohl die Weltmeisterschaft im Jahr 1994. Wer da jeweils für wen jubelte, ließ sich schon damals nicht immer genau sagen, aber es spielte auch keine Rolle: Im Schweizer Sport kennt man den Begriff „ehrenvolle Niederlage“. Am nächsten Tag stand’s dann im Boulevardblatt „Blick“, und das Leben ging ganz normal weiter.
Zwanzig Jahre ist das her. Kaum zu glauben. Die WM 2014 wird einem mit Sicherheit ebenfalls unvergesslich bleiben: Auf den Riesenbildschirmen von amerikanischen Pubs gab's plötzlich Soccer! Aber an einem Dienstagnachmittag sitzt man nicht in der Kneipe, und so hätte ich mir zu #WorldCup #GERBRA beinahe wieder Kabelfernsehen gewünscht. Das ist noch nicht oft vorgekommen. Als die Umstellung auf Digital-TV erfolgte, haben wir das Gerät samt Kabel-Abo abgeschafft – und eigentlich nie vermisst. Das Schützenfest heute Nachmittag ließ sich auf SPON und Twitter allerdings nur mühsam verfolgen. In dem Tempo, wie die Tore fielen, konnte man gar nicht aktualisieren. Und die Blitzkrieg-Witze im Netz waren auch nicht sehr originell.
Und jetzt all die Bilder von den heulenden Brasilianern. Der kleine Junge, der in seine Cola schnieft – das kann ich ja noch nachvollziehen. Aber dass ein ganzes Land in Trauer versinkt, das schon weniger. Es wird mit Krawallen gerechnet. Was ist das für ein Sportsgeist? Wer nicht verlieren kann, soll auch nicht spielen. Genau das ist das Faszinierende am „Sommermärchen“ von 2006, als der Gastgeber Deutschland zwar nur den dritten Platz belegte, aber die Fans trotzdem bis zum Finale weiter feierten. Alles nur ein Spiel. Das sollte man auch dem Bundestrainer einmal sagen. Bitte lächeln, Herr Löw!
Nachtrag vom 13. Juli: Jetzt strahlt sogar Jogi Löw. Wer zuletzt lacht, wird Weltmeister.
Tuesday, July 8, 2014
Sunday, March 9, 2014
Zeitumstellung und Beginn der Grillsaison
Von der Terrasse auf der anderen Reihenhausseite steigen Rauchschwaden auf – mein Nachbar von gegenüber grillt. Wahrscheinlich konnte er es schon lange kaum mehr erwarten, die Grillsaison wieder zu eröffnen, und am Tag der Umstellung auf Sommerzeit musste es einfach sein.
Man sollte allerdings dazu sagen, dass der Herr Nachbar zwar im Freien grillt, der Verzehr des Grillgutes aber garantiert für drinnen geplant ist. Es ist März, gewiss, aber draußen vor meinem Fenster ist alles noch winterlich weiß, und auf dem Mäuerchen rund um die nachbarliche Terrasse liegt zirka ein halber Meter Schnee. Außerdem ist es so kalt, dass das Eis auch neben dem mächtigen Grill nicht sofort schmilzt.
Macht nix. Wir sind hier in Michigan, wo Eisfischen als eines der beliebtesten Hobbys gilt und nicht wenige Leute, wahrscheinlich die Eisfischer, den Winter als ihre Lieblingsjahreszeit bezeichnen. Auch wegen Eishockey, wobei man das auch im Sommer spielen kann. Mit dem Grillen verhält es sich ganz ähnlich, nur anders herum, denn das geht notfalls auch als Wintersport.
Man sollte allerdings dazu sagen, dass der Herr Nachbar zwar im Freien grillt, der Verzehr des Grillgutes aber garantiert für drinnen geplant ist. Es ist März, gewiss, aber draußen vor meinem Fenster ist alles noch winterlich weiß, und auf dem Mäuerchen rund um die nachbarliche Terrasse liegt zirka ein halber Meter Schnee. Außerdem ist es so kalt, dass das Eis auch neben dem mächtigen Grill nicht sofort schmilzt.
Macht nix. Wir sind hier in Michigan, wo Eisfischen als eines der beliebtesten Hobbys gilt und nicht wenige Leute, wahrscheinlich die Eisfischer, den Winter als ihre Lieblingsjahreszeit bezeichnen. Auch wegen Eishockey, wobei man das auch im Sommer spielen kann. Mit dem Grillen verhält es sich ganz ähnlich, nur anders herum, denn das geht notfalls auch als Wintersport.
Tuesday, February 25, 2014
John Dingell, ein politisches Urgestein aus Michigan
Vor gut zehn Jahren, Anfang Februar 2004, war ich bei einer Wahlkampfveranstaltung von John Kerry in der Detroiter Vorstadt Warren. Das war noch während der Vorwahlen, ein paar Tage nachdem Howard Dean seinen markerschütternden Schrei ausgestoßen und sich damit als demokratischer Präsidentschaftskandidat unmöglich gemacht hatte. Kerry erschien damals schon als der Frontrunner, war aber noch überraschend zugänglich. Jedenfalls konnte ich auch ohne offizielle Pressezulassung mühelos Nahaufnahmen von ihm machen. Im Hinblick auf die Einstiegs-Digitalkamera, die ich damals besaß, eine gute Sache. Die Sicherheitsmaßnahmen waren eindeutig weniger streng als bei Wahlen in der jüngeren Vergangenheit. Ich traf bei der Gelegenheit auch die damalige Gouverneurin Jennifer Granholm sowie Carl Levin, den Senior Senator von Michigan. Als ich nach der Veranstaltung die Halle wieder verließ, begegnete mir ein weiterer Politiker, dessen beinahe kahlköpfige Erscheinung mir aus der Zeitung wohlvertraut war. Das war der Kongressabgeordnete John Dingell. Er grüßte mich mit einem jovialen „Good morning, young woman!“, was mich sehr erheiterte.
Aus der Sicht eines John Dingell war die Anrede „junge Frau“ natürlich berechtigt. In dem Jahr, als ich geboren wurde, konnte der gute Mann bereits sein siebtes Dienstjubiläum feiern. Mit über 58 Amtsjahren ist Dingell, Jahrgang 1926, nicht nur das dienstälteste Mitglied des US-Repräsentantenhauses, der Demokrat hält auch noch weitere Rekorde: Niemand gehörte länger ununterbrochen dem Kongress an, niemand war länger Dean of the House und so fort.
Im Dezember 1955 hatte Dingell zunächst bei einer Sonderwahl den Sitz seines verstorbenen Vaters gewonnen, und 1956 wurde er dann für eine volle Amtszeit wieder gewählt. Weil Amerika seine Kongressabgeordneten alle zwei Jahre zur Wahl antreten lässt, wurde er somit 29 Mal im Amt bestätigt. Eine 30. Wiederwahl wird es allerdings nicht geben: Wie John Dingell gestern bekannt gab, will er sich zum Ende der Legislaturperiode in den Ruhestand zurückziehen. Mit 87 Jahren darf man da schon einmal daran denken – in zwei Jahren kann allerhand passieren. Planungssicherheit gibt‘s in dem Alter nicht mehr. „I’ve reached the age when people don’t buy green bananas,” scherzte Dingell laut Zeitungsberichten.
Allerdings ist nicht auszuschließen, dass der Sitz weiterhin in der Familie bleibt. Es heißt, dass sich John Dingells Frau Debbie als Kandidatin aufstellen lassen will – Debbie Dingell ist Jahrgang 1954. Falls sie tatsächlich für die Demokraten anträte, was sich aber erst bei den Vorwahlen entscheidet, und wenn sie dann im November gewinnen würde, wäre sie die erste Kongressabgeordnete, die dem Gatten noch zu dessen Lebzeiten im Amt nachfolgt. Falls er bis dahin noch lebt.
Aus der Sicht eines John Dingell war die Anrede „junge Frau“ natürlich berechtigt. In dem Jahr, als ich geboren wurde, konnte der gute Mann bereits sein siebtes Dienstjubiläum feiern. Mit über 58 Amtsjahren ist Dingell, Jahrgang 1926, nicht nur das dienstälteste Mitglied des US-Repräsentantenhauses, der Demokrat hält auch noch weitere Rekorde: Niemand gehörte länger ununterbrochen dem Kongress an, niemand war länger Dean of the House und so fort.
Im Dezember 1955 hatte Dingell zunächst bei einer Sonderwahl den Sitz seines verstorbenen Vaters gewonnen, und 1956 wurde er dann für eine volle Amtszeit wieder gewählt. Weil Amerika seine Kongressabgeordneten alle zwei Jahre zur Wahl antreten lässt, wurde er somit 29 Mal im Amt bestätigt. Eine 30. Wiederwahl wird es allerdings nicht geben: Wie John Dingell gestern bekannt gab, will er sich zum Ende der Legislaturperiode in den Ruhestand zurückziehen. Mit 87 Jahren darf man da schon einmal daran denken – in zwei Jahren kann allerhand passieren. Planungssicherheit gibt‘s in dem Alter nicht mehr. „I’ve reached the age when people don’t buy green bananas,” scherzte Dingell laut Zeitungsberichten.
Allerdings ist nicht auszuschließen, dass der Sitz weiterhin in der Familie bleibt. Es heißt, dass sich John Dingells Frau Debbie als Kandidatin aufstellen lassen will – Debbie Dingell ist Jahrgang 1954. Falls sie tatsächlich für die Demokraten anträte, was sich aber erst bei den Vorwahlen entscheidet, und wenn sie dann im November gewinnen würde, wäre sie die erste Kongressabgeordnete, die dem Gatten noch zu dessen Lebzeiten im Amt nachfolgt. Falls er bis dahin noch lebt.
Wednesday, December 25, 2013
Wo wir in diesem Jahr Santa trafen
Es ist Weihnachten, und es schneit. Wie waren bei Freunden eingeladen, wo es einen Christbaum, Kinderlachen und Karaoke gab. Die Kinder durften bis zum Umfallen Geschenke auspacken, deswegen muss wohl irgendwann auch Santa dagewesen sein, obwohl wir den alten Herrn vor ein paar Tagen noch in Florida gesichtet hatten.
Wir saßen gerade im Restaurant, als er vorbeigefahren kam. Nein, nicht auf einem Schlitten – Santa kam per Boot. Das war nämlich ein Restaurant in Everglades City, direkt am Barron River gelegen und dadurch mit Verbindung zum Golf von Mexiko, damit es der Fisch nicht so weit in die Küche hat. Ich hatte schon vor dem Abendessen jemand sagen hören, dass es eine Christmas Parade geben werde, aber fälschlicherweise angenommen, es handele sich um einen Umzug auf der Straße. Das war dumm gedacht, denn da war ja niemand. In den Everglades konzentriert sich bis heute alles auf die Wasserwege; kein Wunder, dass Santa diese Route nahm.
Es war ein fast sommerlich warmer Abend, auf dem Fluss war es stockfinster, und das mit bunten Lämpchen geschmückte Santa-Schiff samt Begleitboot sorgte für einen bemerkenswerten Effekt. Als es langsam vorbeiglitt, gab es ein großes Gewinke und Gejohle. Die Gäste drängten sich auf der Aussichtsterrasse des Restaurants, das in den Fluss hineinragte und wo sich in dem Moment auch die Moskitos zum Abendmahl versammelten. Ich wollte aber lieber essen als gefressen werden, und so zog ich mich schnell wieder in den Gastraum zurück.
Aber abgesehen davon war alles sehr schön. Wie immer, wenn man vor Weihnachten in Florida auf Santa trifft.
Wir saßen gerade im Restaurant, als er vorbeigefahren kam. Nein, nicht auf einem Schlitten – Santa kam per Boot. Das war nämlich ein Restaurant in Everglades City, direkt am Barron River gelegen und dadurch mit Verbindung zum Golf von Mexiko, damit es der Fisch nicht so weit in die Küche hat. Ich hatte schon vor dem Abendessen jemand sagen hören, dass es eine Christmas Parade geben werde, aber fälschlicherweise angenommen, es handele sich um einen Umzug auf der Straße. Das war dumm gedacht, denn da war ja niemand. In den Everglades konzentriert sich bis heute alles auf die Wasserwege; kein Wunder, dass Santa diese Route nahm.
Es war ein fast sommerlich warmer Abend, auf dem Fluss war es stockfinster, und das mit bunten Lämpchen geschmückte Santa-Schiff samt Begleitboot sorgte für einen bemerkenswerten Effekt. Als es langsam vorbeiglitt, gab es ein großes Gewinke und Gejohle. Die Gäste drängten sich auf der Aussichtsterrasse des Restaurants, das in den Fluss hineinragte und wo sich in dem Moment auch die Moskitos zum Abendmahl versammelten. Ich wollte aber lieber essen als gefressen werden, und so zog ich mich schnell wieder in den Gastraum zurück.
Aber abgesehen davon war alles sehr schön. Wie immer, wenn man vor Weihnachten in Florida auf Santa trifft.
Sunday, November 24, 2013
Zungenfertiges Deutsch
„Ich möchte mehr Deutsch lernen. Ich hoffe, dass ich zungenfertig Deutsch sprechen kann. […]
Nie fühlte ich mich mehr zu Hause in einem Klassenzimmer als dann, wenn ich im Deutschunterricht saß. Wenn ich Deutsch spreche, fühle ich mich intelligent. Ich denke, wenn man eine andere Sprache spricht, kann man die Welt aus einer anderen Perspektive sehen.“
Mein STUDENT Ashton in einem Aufsatz, in dem er sein Verhältnis zur deutschen Sprache beschreiben sollte. Ich finde, das ist ihm auf sehr überzeugende Art gelungen. Ich überlege gerade noch, ob das nicht ein geeigneter Slogan wäre: Wanna feel smart? Study German!
Nie fühlte ich mich mehr zu Hause in einem Klassenzimmer als dann, wenn ich im Deutschunterricht saß. Wenn ich Deutsch spreche, fühle ich mich intelligent. Ich denke, wenn man eine andere Sprache spricht, kann man die Welt aus einer anderen Perspektive sehen.“
Mein STUDENT Ashton in einem Aufsatz, in dem er sein Verhältnis zur deutschen Sprache beschreiben sollte. Ich finde, das ist ihm auf sehr überzeugende Art gelungen. Ich überlege gerade noch, ob das nicht ein geeigneter Slogan wäre: Wanna feel smart? Study German!
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