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Wednesday, June 28, 2017
Fotos von meiner Festplatte – Jeep Wave
Als ich vor drei Jahren mein neues Auto bekam, wurde ich Mitglied in einem Club. Das wusste ich allerdings noch nicht, als ich den Jeep vom Hof des Autohändlers nach Hause fuhr. Das ist nämlich kein Verein, bei dem man einen Mitgliedsausweis bekommt – eigentlich braucht es nicht einmal den Fahrzeugbrief, denn es reicht schon, wenn man am Steuer dieses Wagens sitzt. Vorausgesetzt, es handelt sich dabei um einen Jeep Wrangler; andere Modelle der Marke zählen nicht. Und als Neuling wundert man sich dann, warum alle plötzlich so freundlich grüßen. Nein, natürlich nicht alle Autofahrer, sondern nur die anderen Besitzer des Vehikels mit den runden Frontscheinwerfern, mit dem man so nonchalant durch Schlaglöcher brausen kann. Eine kurze Nachfrage bei Freund Google bestätigte: Unter Wrangler-Fahrern herrscht Grußpflicht! Jeep Wave nennt sich dieses Phänomen, das eine Art Verschworenheitsgefühl unter Freunden dieser geländegängigen Kiste ausdrückt, auch wenn man gerade nur auf dem Weg zur Arbeit ist. Natürlich macht keiner winke, winke – die meisten heben nur zwei Finger der rechten Hand, die sie oben am Lenkrad halten; bei einem Schaltgetriebe entsprechend mit der linken. Es ist aber auch nicht verboten, leicht die Hand zu heben. Sicher, nicht jede/r Jeepfahrer/in grüßt zurück, aber im Gelände steigt die Grußwahrscheinlichkeit deutlich an, wie ich bemerkt habe. Und auf der Oberen Halbinsel, wo viele gern ihren Jeep dreckig machen, erreicht sie annähernd 100 Prozent. Das Foto zeigt meinen Jeep, intern „das Spaßmobil“ genannt, vor der Mackinac Bridge, welche die Obere und die Untere Halbinsel von Michigan verbindet. Das war am Memorial-Day-Wochenende des vergangenen Jahres. Demnächst fahren wir wieder hin.
Saturday, December 31, 2016
Einfach weiterpaddeln
Vor ein paar Monaten, als es noch Sommer war, saßen wir an einem kleinen See auf einem Anglersteg und blinzelten in die Sonne. Das Wasser schwappte kaum merklich gegen das Holz des Steges, sonst war es ruhig. In der Ferne sah man die Silhouette eines Mann auf einem Paddelboard. Er schien in unsere Richtung zu steuern, aber wir beachteten ihn weiter nicht.
Plötzlich wurde das Plätschern lauter. Der Paddleboarder hatte uns fast erreicht. Die Art, wie er ruderte, sah ziemlich anstrengend aus. „I have no idea what I am doing”, rief er uns zur Begrüßung zu. „Do I look like an idiot?” Ich bemühte mich, ihm das Gegenteil zu versichern, aber das schien er nicht mitzubekommen. Wahrscheinlich legte er Wert auf seine komische Nummer. Wir luden ihn ein, bei uns Platz zu nehmen, was er jedoch ablehnte. Er brauchte wohl nur eine Atempause. Und: „I have to reposition my feet!”
Mit einem Fuß auf den Steg gestützt hatte er seine Standfestigkeit wiedergewonnen, ebenso wie die Fähigkeit zur Konversation. Er stellte sich als Briten vor, was nicht wirklich überraschte, und nachdem wir uns als Deutsche zu erkennen gegeben hatten, wurde er richtig gesprächig. Ich kann mich nicht mehr an den genauen Verlauf der Unterhaltung erinnern, aber das Thema war im Sommer einfach präsent, und er steuerte so direkt darauf zu wie auf den Steg. “I lost my continent!”, klagte er und fügte noch hinzu, er habe natürlich dagegen gestimmt. Dass er den Brexit meinte, verstand sich von selbst. Betroffenheit allerseits. Dann fing er zum Glück an, von seinem Urlaub zu erzählen, den er in Deutschland verbracht hatte, wohin er sonst nur geschäftlich reiste. Im Schwarzwald sei er gewesen. Am Titisee! Es hatte ihm dort gut gefallen, wie es schien. Amüsant fand er allerdings, dass es dort nur einen einzigen kleinen See gab, den alle Welt sehen wollte.
In Michigan gibt es viele Seen, aber die liegen offenbar auf einem Kontinent, der für den Englischmann nicht in Frage kommt. Jedenfalls nicht als Heimat. Er gestand uns dann noch, dass er sich eines Tages in Spanien zur Ruhe setzen wolle. Und somit, wenn er sich’s recht überlege, habe er ja doch noch einen Kontinent.
Und damit stellte er sich wieder auf sein Paddelboard und ruderte davon. Er sah nicht unglücklich aus.
Plötzlich wurde das Plätschern lauter. Der Paddleboarder hatte uns fast erreicht. Die Art, wie er ruderte, sah ziemlich anstrengend aus. „I have no idea what I am doing”, rief er uns zur Begrüßung zu. „Do I look like an idiot?” Ich bemühte mich, ihm das Gegenteil zu versichern, aber das schien er nicht mitzubekommen. Wahrscheinlich legte er Wert auf seine komische Nummer. Wir luden ihn ein, bei uns Platz zu nehmen, was er jedoch ablehnte. Er brauchte wohl nur eine Atempause. Und: „I have to reposition my feet!”
Mit einem Fuß auf den Steg gestützt hatte er seine Standfestigkeit wiedergewonnen, ebenso wie die Fähigkeit zur Konversation. Er stellte sich als Briten vor, was nicht wirklich überraschte, und nachdem wir uns als Deutsche zu erkennen gegeben hatten, wurde er richtig gesprächig. Ich kann mich nicht mehr an den genauen Verlauf der Unterhaltung erinnern, aber das Thema war im Sommer einfach präsent, und er steuerte so direkt darauf zu wie auf den Steg. “I lost my continent!”, klagte er und fügte noch hinzu, er habe natürlich dagegen gestimmt. Dass er den Brexit meinte, verstand sich von selbst. Betroffenheit allerseits. Dann fing er zum Glück an, von seinem Urlaub zu erzählen, den er in Deutschland verbracht hatte, wohin er sonst nur geschäftlich reiste. Im Schwarzwald sei er gewesen. Am Titisee! Es hatte ihm dort gut gefallen, wie es schien. Amüsant fand er allerdings, dass es dort nur einen einzigen kleinen See gab, den alle Welt sehen wollte.
In Michigan gibt es viele Seen, aber die liegen offenbar auf einem Kontinent, der für den Englischmann nicht in Frage kommt. Jedenfalls nicht als Heimat. Er gestand uns dann noch, dass er sich eines Tages in Spanien zur Ruhe setzen wolle. Und somit, wenn er sich’s recht überlege, habe er ja doch noch einen Kontinent.
Und damit stellte er sich wieder auf sein Paddelboard und ruderte davon. Er sah nicht unglücklich aus.
Thursday, April 23, 2015
Sounds Like Spring
Irgendwann, wenn man schon gar nicht mehr daran glaubt, wird es dann doch Frühling.
In jedem Waldtümpel gibt’s ein Froschkonzert. Und in den noch kahlen Bäumen kann man nicht nur hören, sondern auch sehen, wer da singt: Der Kardinal lockt und schnalzt, die Indianermeise ruft ihr „Pieter, Pieter“, und der Rotflügelstärling schmeißt einen Triller in die Luft.
Nachts fliegen Gänse übers Dach; man hört sie hupen.
Auf die Schwalben warten wir noch.
In jedem Waldtümpel gibt’s ein Froschkonzert. Und in den noch kahlen Bäumen kann man nicht nur hören, sondern auch sehen, wer da singt: Der Kardinal lockt und schnalzt, die Indianermeise ruft ihr „Pieter, Pieter“, und der Rotflügelstärling schmeißt einen Triller in die Luft.
Nachts fliegen Gänse übers Dach; man hört sie hupen.
Auf die Schwalben warten wir noch.
Tuesday, October 28, 2014
Ein paar Beobachtungen zu Redefreiheit
Kürzlich kam ein Prediger auf den Campus. Mit „Prediger“ meine ich nicht einen Priester oder Pfarrer, der das Wort vorwiegend an seine Gemeinde richtet, sondern einen dieser selbsternannten Propheten, die ungefragt den öffentlichen Raum beschallen. Der Mann war leicht übergewichtig und hätte vom Alter her gerade noch als Student durchgehen können. Er stand auf einem Plastikschemel, schwenkte eine Bibel und verkündete den studentischen Passanten, sie würden alle zur Hölle fahren. Weil: Sünder! In meine Richtung schrie er auch etwas, was ich aber geflissentlich überhörte. Außerdem war ich mit den Gedanken bereits bei meinem nächsten Kurs.
Von meinem Klassenzimmer aus hatte ich dann allerdings genau die Szene im Blick, und ich konnte beobachten, wie sich ein Auflauf um den Prediger bildete. Auf dem Rasen vor dem Hörsaalgebäude war noch eine andere Veranstaltung im Gange, und es schien heiße Diskussionen zu geben. Zwischendurch kam es zu kleineren Tumulten, bei denen der Prediger in der Menschenmenge nicht mehr auszumachen war – das mit dem „cesspool of sin“ wollten wohl nicht alle so einfach auf sich sitzen lassen.
Klar, dass schon bald ein Polizeiwagen ins Bild kam, der ganz langsam auf dem Gehweg in Richtung des Rasenstücks rollte, auf dem der Prediger samt Publikum zugange war. Die Polizei unternahm allerdings nichts, und war bald wieder weg. Irgendwann zerstreute sich auch die Menge wieder, und der Redner trollte sich. Oder es war umgekehrt – jedenfalls schaffte es der Vorfall dank der Polizeipräsenz in die Unizeitung. Der Mann sei kein Student, stand in dem Artikel, was aber nichts am Ausgang der Geschichte änderte: „Nothing was done because he was not violating any laws“, zitierte das Blatt eine Ordnungshüterin, „he was expressing his free speech rights.“
Gestern Nachmittag schaute ich zufällig aus dem Hörsaalfenster und bemerkte einen kleinen Menschenauflauf auf dem Rasen. Tatsächlich, da stand schon wieder dieser Kerl auf seinem Stühlchen und strapazierte die Umgebung mit der Ausübung seiner Redefreiheit. Auch diesmal kam bald Bewegung in die Sache. Als ich noch einmal hinguckte, meinte ich, in dem Getümmel gar Batman und Superman zu erkennen, die gegeneinander kämpften. Vielleicht hatte ich mich auch getäuscht. Egal. Ich musste mich nun wirklich auf meinen Unterricht konzentrieren. Die Polizei erschien diesmal aber nicht, so viel bekam ich mit.
Nach dem Kurs führte mich mein Weg zum Parkhaus, ohne dass ich es wirklich gewollt hätte, am Ort des Geschehens vorbei. Es war ein milder Herbstnachmittag, und um die ursprüngliche Gruppe hatte sich ein weiterer Kreis von Zuschauern gebildet, die nicht wirklich involviert waren, sondern einfach in der Sonne standen und das Spektakel genossen. Inzwischen hatte sich nämlich das Blatt gewendet: Da war zwar immer noch der Prediger, der wirres und hasserfülltes Zeug redete; inzwischen hatte er aber Konkurrenz bekommen von einem langhaarigen jungen Mann mit einer Gitarre und einer deutlich froheren Botschaft. „Jesus liebt dich“, rief er freudestrahlend in die Menge. Dann griff der Jesus-Hippie in die Klampfe und sang, was das Zeug hielt, wobei er den Prediger mühelos übertönte.
Die Umstehenden applaudierten, und auch die Comic-Superhelden hatten sich längst auf die Seite des guten Propheten geschlagen – sie sprangen um ihn herum wie Hofnarren. Übrigens handelte es sich dabei um Spiderman sowie Captain America, und nicht etwa, wie ich zuerst gedacht hatte, um Batman und Superman. Letztere brauchte man wahrscheinlich immer noch in Detroit, wo gerade „Batman v Superman: Dawn of Justice“ abgedreht wird. Eine Inspiration für Halloween-Kostüme sind Superhelden allemal. Und auch für allerlei Klamauk auf dem Campus stets zu gebrauchen.
Neben mir stand einer meiner Studenten, der ebenfalls die Szene in sich aufnahm. „Freedom of speech“, bemerkte ich, „isn’t that beautiful?“ „Yeah“, sagte er, und mit Blick auf die Superhelden sowie das ganze lärmende Durcheinander im goldenen Herbstlicht: „This is America!“
Freilich. Es ist das Land, in dem Redefreiheit groß geschrieben wird. Und wer am lautesten seine Meinung vertritt, gewinnt. Auch wenn das nicht immer der Nettere ist.
Von meinem Klassenzimmer aus hatte ich dann allerdings genau die Szene im Blick, und ich konnte beobachten, wie sich ein Auflauf um den Prediger bildete. Auf dem Rasen vor dem Hörsaalgebäude war noch eine andere Veranstaltung im Gange, und es schien heiße Diskussionen zu geben. Zwischendurch kam es zu kleineren Tumulten, bei denen der Prediger in der Menschenmenge nicht mehr auszumachen war – das mit dem „cesspool of sin“ wollten wohl nicht alle so einfach auf sich sitzen lassen.
Klar, dass schon bald ein Polizeiwagen ins Bild kam, der ganz langsam auf dem Gehweg in Richtung des Rasenstücks rollte, auf dem der Prediger samt Publikum zugange war. Die Polizei unternahm allerdings nichts, und war bald wieder weg. Irgendwann zerstreute sich auch die Menge wieder, und der Redner trollte sich. Oder es war umgekehrt – jedenfalls schaffte es der Vorfall dank der Polizeipräsenz in die Unizeitung. Der Mann sei kein Student, stand in dem Artikel, was aber nichts am Ausgang der Geschichte änderte: „Nothing was done because he was not violating any laws“, zitierte das Blatt eine Ordnungshüterin, „he was expressing his free speech rights.“
Gestern Nachmittag schaute ich zufällig aus dem Hörsaalfenster und bemerkte einen kleinen Menschenauflauf auf dem Rasen. Tatsächlich, da stand schon wieder dieser Kerl auf seinem Stühlchen und strapazierte die Umgebung mit der Ausübung seiner Redefreiheit. Auch diesmal kam bald Bewegung in die Sache. Als ich noch einmal hinguckte, meinte ich, in dem Getümmel gar Batman und Superman zu erkennen, die gegeneinander kämpften. Vielleicht hatte ich mich auch getäuscht. Egal. Ich musste mich nun wirklich auf meinen Unterricht konzentrieren. Die Polizei erschien diesmal aber nicht, so viel bekam ich mit.
Nach dem Kurs führte mich mein Weg zum Parkhaus, ohne dass ich es wirklich gewollt hätte, am Ort des Geschehens vorbei. Es war ein milder Herbstnachmittag, und um die ursprüngliche Gruppe hatte sich ein weiterer Kreis von Zuschauern gebildet, die nicht wirklich involviert waren, sondern einfach in der Sonne standen und das Spektakel genossen. Inzwischen hatte sich nämlich das Blatt gewendet: Da war zwar immer noch der Prediger, der wirres und hasserfülltes Zeug redete; inzwischen hatte er aber Konkurrenz bekommen von einem langhaarigen jungen Mann mit einer Gitarre und einer deutlich froheren Botschaft. „Jesus liebt dich“, rief er freudestrahlend in die Menge. Dann griff der Jesus-Hippie in die Klampfe und sang, was das Zeug hielt, wobei er den Prediger mühelos übertönte.
Die Umstehenden applaudierten, und auch die Comic-Superhelden hatten sich längst auf die Seite des guten Propheten geschlagen – sie sprangen um ihn herum wie Hofnarren. Übrigens handelte es sich dabei um Spiderman sowie Captain America, und nicht etwa, wie ich zuerst gedacht hatte, um Batman und Superman. Letztere brauchte man wahrscheinlich immer noch in Detroit, wo gerade „Batman v Superman: Dawn of Justice“ abgedreht wird. Eine Inspiration für Halloween-Kostüme sind Superhelden allemal. Und auch für allerlei Klamauk auf dem Campus stets zu gebrauchen.
Neben mir stand einer meiner Studenten, der ebenfalls die Szene in sich aufnahm. „Freedom of speech“, bemerkte ich, „isn’t that beautiful?“ „Yeah“, sagte er, und mit Blick auf die Superhelden sowie das ganze lärmende Durcheinander im goldenen Herbstlicht: „This is America!“
Freilich. Es ist das Land, in dem Redefreiheit groß geschrieben wird. Und wer am lautesten seine Meinung vertritt, gewinnt. Auch wenn das nicht immer der Nettere ist.
Sunday, March 9, 2014
Zeitumstellung und Beginn der Grillsaison
Von der Terrasse auf der anderen Reihenhausseite steigen Rauchschwaden auf – mein Nachbar von gegenüber grillt. Wahrscheinlich konnte er es schon lange kaum mehr erwarten, die Grillsaison wieder zu eröffnen, und am Tag der Umstellung auf Sommerzeit musste es einfach sein.
Man sollte allerdings dazu sagen, dass der Herr Nachbar zwar im Freien grillt, der Verzehr des Grillgutes aber garantiert für drinnen geplant ist. Es ist März, gewiss, aber draußen vor meinem Fenster ist alles noch winterlich weiß, und auf dem Mäuerchen rund um die nachbarliche Terrasse liegt zirka ein halber Meter Schnee. Außerdem ist es so kalt, dass das Eis auch neben dem mächtigen Grill nicht sofort schmilzt.
Macht nix. Wir sind hier in Michigan, wo Eisfischen als eines der beliebtesten Hobbys gilt und nicht wenige Leute, wahrscheinlich die Eisfischer, den Winter als ihre Lieblingsjahreszeit bezeichnen. Auch wegen Eishockey, wobei man das auch im Sommer spielen kann. Mit dem Grillen verhält es sich ganz ähnlich, nur anders herum, denn das geht notfalls auch als Wintersport.
Man sollte allerdings dazu sagen, dass der Herr Nachbar zwar im Freien grillt, der Verzehr des Grillgutes aber garantiert für drinnen geplant ist. Es ist März, gewiss, aber draußen vor meinem Fenster ist alles noch winterlich weiß, und auf dem Mäuerchen rund um die nachbarliche Terrasse liegt zirka ein halber Meter Schnee. Außerdem ist es so kalt, dass das Eis auch neben dem mächtigen Grill nicht sofort schmilzt.
Macht nix. Wir sind hier in Michigan, wo Eisfischen als eines der beliebtesten Hobbys gilt und nicht wenige Leute, wahrscheinlich die Eisfischer, den Winter als ihre Lieblingsjahreszeit bezeichnen. Auch wegen Eishockey, wobei man das auch im Sommer spielen kann. Mit dem Grillen verhält es sich ganz ähnlich, nur anders herum, denn das geht notfalls auch als Wintersport.
Thursday, August 2, 2012
Fischgeschichten
Wie kommt man zu Haustieren? Ganz einfach: Man kauft sich ein Haus. In unserem Fall war das eine Eigentumswohnung, und zu der gehörten ein Dutzend Fische. Nein, die Vorbesitzer hatten uns kein Aquarium hinterlassen – das gehörte nicht zum Überraschungspaket, mit dem der Kauf eines schon etwas älteren Condominiums am besten beschrieben werden kann. Der Uralt-Kühlschrank in der Garage, der irre viel Strom verbrauchte und vor allem die Umgebung heizte, gehörte eindeutig zu den weniger angenehmen Hinterlassenschaften, aber wir sind das Garagenmonster dann schnell losgeworden. Die Fischlein übernahmen wir hingegen gerne, und da war sogar noch eine Dose Fischfutter, die beim Einzug in einem der – ansonsten ausgeräumten – Küchenschränke stand.
Die Fische selbst schwammen bei unserem Einzug munter in ihrem Teich und warteten darauf, dass sie endlich wieder jemand fütterte. Nun, Teich ist vielleicht ein bisschen zu viel gesagt: Bei dem Biotop gleich neben unserer Haustür handelt es sich um einen mit Teichfolie ausgelegten Tümpel im Miniaturformat. Da trifft es sich gut, dass es sich bei den Bewohnern um eine Goldfischvariante im Zwergenformat handelt – die sind zum Glück sehr genügsam. Immerhin besitzt die Pfütze einen munter sprudelnden Springbrunnen, was seine Wirkung auf Besucher nicht verfehlt. Ich beobachtete einmal den Päckchenmann, der nach dem Ablegen seiner Lieferung einen Moment lang vor dem Teich stehenblieb und die Wasserspiele verwundert betrachtete.
Springbrunnen hin oder her – die kleine Pumpe mit einem Schwamm am Einzugsrohr mag das Wasser etwas sauerstoffreicher machen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass die Fische immer in derselben Brühe schwimmen müssen. Neuerdings sammeln wir immer Regenwasser, und in Trockenzeiten verdünnen wir die Fischsuppe regelmäßig, aber im vorigen Herbst waren wir noch nicht so schlau. Als der Wasserstand nach etlichen warmenHerbsttagen bedrohlich abgefallen war, füllte ich einfach mit Leitungswasser nach. Das war ein Fehler, wie sich schnell herausstellte: Unser Leitungswasser ist ziemlich stark gechlort. Am nächsten Tag schwamm einer der Fische kieloben. Und ich hatte ein tierisch schlechtes Gewissen.
Solche Dinge passieren, wenn man überraschend zum Haustierbesitzer wird. Wir büßten später noch einen weiteren Fisch ein, aber diesmal richtete sich der Verdacht gegen die verwilderten Katzen, die unserem Fischteich gelegentlich einen Besuch abstatteten: Bei ihm fehlte nämlich schon ein Stück, als ich ihn aus dem Wasser entfernte. Die anderen Fische hingegen gediehen prächtig, und mit dem herannahenden Winter stellte sich die Frage: Was tun?
Meine Recherchen ergaben schnell, dass man Gartenfische nicht einfach in ein Aquarium verpflanzen kann – wie gesagt, wir hatten auch gar keins. Dass Goldfische genügsam sind, wussten wir inzwischen schon. Ist der Teich tief genug, können sie theoretisch sogar im Freien überwintern, aber in unserem Fall war das natürlich ausgeschlossen: So eine Pfütze ist ganz schnell komplett gefroren, Fische inklusive. Ich hatte die Vorbesitzerin übrigens noch gefragt, wie man diese Sorte Fische überwintert. Worauf sie erst ein bisschen verlegen wurde und dann sinngemäß antwortete: „Wissen Sie, die kosten ja nur ein paar Cents... Sie fangen einfach im Frühjahr wieder von vorne an.“ FISCHSTÄBCHEN? Also, das kam überhaupt nicht in Frage. Wenigsten wollten wir es auf einen Versuch ankommen lassen.
Am ehesten, so überlegten wir, ließen sich die Fische wohl in der Garage über den Winter bringen. Nachdem wir kein Garagenmonster mehr besaßen, hatten wir auch noch ein bisschen Platz übrig, und so fuhren wir in den Supermarkt und kauften eine große Plastikwanne. Mein Mann fischte die Fische mit einem löchrigen Kescher, der sich bei den Fischutensilien befunden hatte, einzeln aus dem Teich, und dann kamen sie mit einer ausreichenden Menge Fischwasser in die Wanne. Ein kleine Pumpe wurde auch noch erstanden, mittels Saugnapf an einem Stein befestigt und in der Wanne versenkt. Wir schlossen den Goldfisch-Whirlpool an die Steckdose in der Garage an, und das Ganze fing fröhlich an zu sprudeln. Dann fuhren wir für ein paar Tage nach Florida.
Als wir aus dem Urlaub zurückkamen, waren zu unserer Überraschung alle noch am Leben. Wenn man mit der Taschenlampe in die Wanne leuchtete, konnte man sie sehen – sie hatten sich in eine Ecke verzogen und schienen zu schlafen. Das taten sie auch weiterhin; insgesamt dümpelten sie an die vier Monate in ihrer Wanne. Zu fressen bekamen sie nur etwas, wenn es zwischendurch aufwärmte und sie aktiv wurden. In den ersten Frühjahrstagen kippten wir die inzwischen ziemlich trübe Brühe wieder in den Teich zurück. Und nicht nur das: Wir kauften ein Tongefäß mit seitlichen Löchern, wie man es für Gewürzpflanzen benutzt, und legten es so in den Teich, dass die Fische rein- und rausschwimmen können. Das taten sie schon nach wenigen Minuten. Ich weiß nicht, ob Fische begeistert sein können, aber irgendwie wirkten sie so. Auch Fische brauchen eine Eigentumswohnung.
Inzwischen sind ein paar Monate vergangen, wir haben uns an die neue Wohnung gewöhnt, und die Fische fressen uns aus der Hand. Sie müssen nun auch nicht mehr befürchten, als tiefgefrorene Fischstäbchen zu enden.
In der Garage riecht es allerdings immer noch leicht fischig. Daran wird wohl nichts mehr zu ändern sein.
Die Fische selbst schwammen bei unserem Einzug munter in ihrem Teich und warteten darauf, dass sie endlich wieder jemand fütterte. Nun, Teich ist vielleicht ein bisschen zu viel gesagt: Bei dem Biotop gleich neben unserer Haustür handelt es sich um einen mit Teichfolie ausgelegten Tümpel im Miniaturformat. Da trifft es sich gut, dass es sich bei den Bewohnern um eine Goldfischvariante im Zwergenformat handelt – die sind zum Glück sehr genügsam. Immerhin besitzt die Pfütze einen munter sprudelnden Springbrunnen, was seine Wirkung auf Besucher nicht verfehlt. Ich beobachtete einmal den Päckchenmann, der nach dem Ablegen seiner Lieferung einen Moment lang vor dem Teich stehenblieb und die Wasserspiele verwundert betrachtete.
Springbrunnen hin oder her – die kleine Pumpe mit einem Schwamm am Einzugsrohr mag das Wasser etwas sauerstoffreicher machen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass die Fische immer in derselben Brühe schwimmen müssen. Neuerdings sammeln wir immer Regenwasser, und in Trockenzeiten verdünnen wir die Fischsuppe regelmäßig, aber im vorigen Herbst waren wir noch nicht so schlau. Als der Wasserstand nach etlichen warmenHerbsttagen bedrohlich abgefallen war, füllte ich einfach mit Leitungswasser nach. Das war ein Fehler, wie sich schnell herausstellte: Unser Leitungswasser ist ziemlich stark gechlort. Am nächsten Tag schwamm einer der Fische kieloben. Und ich hatte ein tierisch schlechtes Gewissen.
Solche Dinge passieren, wenn man überraschend zum Haustierbesitzer wird. Wir büßten später noch einen weiteren Fisch ein, aber diesmal richtete sich der Verdacht gegen die verwilderten Katzen, die unserem Fischteich gelegentlich einen Besuch abstatteten: Bei ihm fehlte nämlich schon ein Stück, als ich ihn aus dem Wasser entfernte. Die anderen Fische hingegen gediehen prächtig, und mit dem herannahenden Winter stellte sich die Frage: Was tun?
Meine Recherchen ergaben schnell, dass man Gartenfische nicht einfach in ein Aquarium verpflanzen kann – wie gesagt, wir hatten auch gar keins. Dass Goldfische genügsam sind, wussten wir inzwischen schon. Ist der Teich tief genug, können sie theoretisch sogar im Freien überwintern, aber in unserem Fall war das natürlich ausgeschlossen: So eine Pfütze ist ganz schnell komplett gefroren, Fische inklusive. Ich hatte die Vorbesitzerin übrigens noch gefragt, wie man diese Sorte Fische überwintert. Worauf sie erst ein bisschen verlegen wurde und dann sinngemäß antwortete: „Wissen Sie, die kosten ja nur ein paar Cents... Sie fangen einfach im Frühjahr wieder von vorne an.“ FISCHSTÄBCHEN? Also, das kam überhaupt nicht in Frage. Wenigsten wollten wir es auf einen Versuch ankommen lassen.
Am ehesten, so überlegten wir, ließen sich die Fische wohl in der Garage über den Winter bringen. Nachdem wir kein Garagenmonster mehr besaßen, hatten wir auch noch ein bisschen Platz übrig, und so fuhren wir in den Supermarkt und kauften eine große Plastikwanne. Mein Mann fischte die Fische mit einem löchrigen Kescher, der sich bei den Fischutensilien befunden hatte, einzeln aus dem Teich, und dann kamen sie mit einer ausreichenden Menge Fischwasser in die Wanne. Ein kleine Pumpe wurde auch noch erstanden, mittels Saugnapf an einem Stein befestigt und in der Wanne versenkt. Wir schlossen den Goldfisch-Whirlpool an die Steckdose in der Garage an, und das Ganze fing fröhlich an zu sprudeln. Dann fuhren wir für ein paar Tage nach Florida.
Als wir aus dem Urlaub zurückkamen, waren zu unserer Überraschung alle noch am Leben. Wenn man mit der Taschenlampe in die Wanne leuchtete, konnte man sie sehen – sie hatten sich in eine Ecke verzogen und schienen zu schlafen. Das taten sie auch weiterhin; insgesamt dümpelten sie an die vier Monate in ihrer Wanne. Zu fressen bekamen sie nur etwas, wenn es zwischendurch aufwärmte und sie aktiv wurden. In den ersten Frühjahrstagen kippten wir die inzwischen ziemlich trübe Brühe wieder in den Teich zurück. Und nicht nur das: Wir kauften ein Tongefäß mit seitlichen Löchern, wie man es für Gewürzpflanzen benutzt, und legten es so in den Teich, dass die Fische rein- und rausschwimmen können. Das taten sie schon nach wenigen Minuten. Ich weiß nicht, ob Fische begeistert sein können, aber irgendwie wirkten sie so. Auch Fische brauchen eine Eigentumswohnung.
Inzwischen sind ein paar Monate vergangen, wir haben uns an die neue Wohnung gewöhnt, und die Fische fressen uns aus der Hand. Sie müssen nun auch nicht mehr befürchten, als tiefgefrorene Fischstäbchen zu enden.
In der Garage riecht es allerdings immer noch leicht fischig. Daran wird wohl nichts mehr zu ändern sein.
Tuesday, October 25, 2011
Glück, Wunsch, Karte
Glückwunschkarten sind ein Riesengeschäft in den USA. Nicht nur, dass jeder größere Supermarkt gleich mehrere dicht bestückte Regale davon hat; es gibt auch Läden, die nichts anderes führen. Abgesehen einmal von Kondolenzkarten, gewissermassen die Antithese der Glückwunschkarte, gibt es sie für alle Anlässe, bei denen es etwas zu feiern gibt – und dazu gehören nach amerikanischem Verständnis nicht nur Geburtstage, Hochzeiten und ähnliche Schwellenereignisse im Leben, die einen vorgedruckten Gruß statthaft erscheinen lassen. Wobei die Happy Divorce Greeting Card
selbstverständlich ebenso unter diese Kategorie fällt. Ein Schulabschluss oder ein bestandenes Examen erfordern genauso eine formale Karte wie tausend andere Ereignisse, für die man nur etwas Fantasie braucht, um sie wichtig genug zu nehmen.
Daneben gibt es natürlich auch Karten als Dankeschön, zur Aufmunterung und just because. Im Handel sind außerdem Glückwunschkarten zu den verschiedensten Anlässen, die man als Tochter dem Vater, als Frau dem Ehegatten, als Großvater dem Enkel oder auch umgekehrt überreichen kann. So wundert es einen nicht, es auch Greeting Cards gibt, die man den frisch gebackenen Besitzern eines Eigenheimes schenken kann, wie wir heute vor zwei Monaten feststellen konnten. Als wir unsere Wohnung zum ersten Mal als Eigentümer betraten, standen in der Küche eine Flasche Wein und zwei Gläser auf der Anrichte – und daneben lag die abgebildete Karte. Nun, die Vorbesitzer hatten glücklich verkauft, und insofern können ein paar gute Wünsche schon angebracht erscheinen. Cheers.
selbstverständlich ebenso unter diese Kategorie fällt. Ein Schulabschluss oder ein bestandenes Examen erfordern genauso eine formale Karte wie tausend andere Ereignisse, für die man nur etwas Fantasie braucht, um sie wichtig genug zu nehmen.Daneben gibt es natürlich auch Karten als Dankeschön, zur Aufmunterung und just because. Im Handel sind außerdem Glückwunschkarten zu den verschiedensten Anlässen, die man als Tochter dem Vater, als Frau dem Ehegatten, als Großvater dem Enkel oder auch umgekehrt überreichen kann. So wundert es einen nicht, es auch Greeting Cards gibt, die man den frisch gebackenen Besitzern eines Eigenheimes schenken kann, wie wir heute vor zwei Monaten feststellen konnten. Als wir unsere Wohnung zum ersten Mal als Eigentümer betraten, standen in der Küche eine Flasche Wein und zwei Gläser auf der Anrichte – und daneben lag die abgebildete Karte. Nun, die Vorbesitzer hatten glücklich verkauft, und insofern können ein paar gute Wünsche schon angebracht erscheinen. Cheers.
Sunday, October 2, 2011
Schlüsselabgabe
Ein merkwürdiges Gefühl, wenn man die Tür zu einer leer geräumten Wohnung schließt und zum letzten Mal den Schlüssel herumdreht.
Es war am Freitagmorgen um halb drei, als wir ins Auto stiegen, jeder in seines. Mein Jeep war noch einmal vollgepackt bis unters Dach. Als ich auf die Hauptstraße einbog, lief im Radio gerade „American Pie“. Das fand ich irgendwie passend.
Von der alten Wohnung zu neuen ist es nicht weit – die Fahrt durch die Nacht dauerte nur ein wenig länger als der Song von Don McLean, der es in der Originalversion auf achteinhalb Minuten bringt. Aber er begleitete mich doch über einen Großteil der Strecke.
I started singin’,
„Bye, bye Miss American Pie
Drove my Chevy to the levee but the levee was dry
And them good old boys were drinking whiskey and rye
Singin’ this’ll be the day that I die […]“
Es war am Freitagmorgen um halb drei, als wir ins Auto stiegen, jeder in seines. Mein Jeep war noch einmal vollgepackt bis unters Dach. Als ich auf die Hauptstraße einbog, lief im Radio gerade „American Pie“. Das fand ich irgendwie passend.
Von der alten Wohnung zu neuen ist es nicht weit – die Fahrt durch die Nacht dauerte nur ein wenig länger als der Song von Don McLean, der es in der Originalversion auf achteinhalb Minuten bringt. Aber er begleitete mich doch über einen Großteil der Strecke.
I started singin’,
„Bye, bye Miss American Pie
Drove my Chevy to the levee but the levee was dry
And them good old boys were drinking whiskey and rye
Singin’ this’ll be the day that I die […]“
Sunday, April 24, 2011
Was Amerikaner auf die Idee bringt, Deutsch zu lernen
Für Studenten einer US-Universität, die das Erlernen einer Fremdsprache zum Pflichtfach macht, sind die unterschiedlichsten Gründe vorstellbar, warum sie sich letztlich für Deutsch entscheiden. Etwa: Alle anderen nehmen sowieso Spanisch, Französisch ist irgendwie aus der Mode gekommen, und Mandarin dürfte noch schwieriger sein. Wenn es sich um eine Hochschule in Michigan handelt, mag indessen die Familiengeschichte den Ausschlag geben – woher die Vorfahren stammten, verrät oft schon der Nachname. Eine kleine Auswahl von Familiennamen meiner Studenten in den vergangenen beiden Semestern: Bruner, Hizelberger, Hufnagel, Kappel, Mahlich, Maurer, Mueller, Reichenbach, Reiman, Reinholm, Sauerwald, Schmutz, Stocker, Umlauf, Wagner. Manche Namen sind auch stark amerikanisiert, so dass man ihnen die Herkunft nicht auf den ersten Blick ansieht.
Bei vielen Studenten erfährt man allerdings erst im Laufe des Semester, was sie zum Deutschlernen motivierte. Mit der Verehrung für deutsche Dichter und Denker hat das heutzutage selten zu tun – eher steckt die Vorliebe für Musik aus Germany dahinter. Und auch da geht es selten um die Klassiker. Eine Wagner-Liebhaberin hatte ich erst einmal in meinem Kurs, aber dafür schon mehrfach Studenten, die deutschen Heavy Metal, Punkrock oder vergleichbar laute Musikrichtungen aus Deutschland schätzten. Einer schrieb sogar einen Aufsatz über „German Metal“. Zitat: „Many people dismiss the genre as an immature, ultraviolent form of noise. I say they could not be more wrong.“
Nun, die „Einstürzenden Neubauten“ waren mir zwar pauschal ein Begriff, aber wer Blixa Bargeld ist, habe ich zugegebenermaßen erst im Laufe meiner Lehrtätigkeit erfahren. „I am a classic rock person“, erkläre ich in so einem Fall immer; das wird als Entschuldigung anstandslos akzeptiert. Für Anregungen bin ich trotzdem dankbar, und ich werde wohl demnächst „Blixa Bargeld liest Hornbach“ im Unterricht verwenden. Außerdem war da noch die Studentin, die für Tokio Hotel schwärmt und deshalb Deutsch lernt, wie sie in ihrem „Extra Credit Paper“ berichtete. Ob es überhaupt deutsche Fans dieser Band gibt, ist ungewiss, aber Lehrer für Deutsch als Fremdsprache sind Tokio Hotel jedenfalls international zu Dank verpflichtet.
Die Themen für derartige Aufsätze in Englisch über Kultur in deutschsprachigen Ländern können von den Studenten frei gewählt werden, jedenfalls nach Absprache. Fußball geht immer gut, genau wie deutsche Kinofilme – im vergangenen Winter war „Lola rennt“ der Hit. Eine Studentin schrieb über Schloss Schönbrunn, ein Student über grüne Technologie, und ein anderer widmete zwei Seiten der deutschen Autobahn. Ötzi, der Mann aus dem Eis, stieß ebenfalls auf Interesse. Das möglicherweise kurioseste Aufsatzthema kam von einer Studentin, die sich als Fan von Vergnügungsparks mit Riesen-Achterbahnen outete – sie recherchierte, ob es in Deutschland auch etwas in der Art gibt. Das ist bekanntlich der Fall, und nun hat die Studentin ein neues Traumziel im Programm: den Europa-Park in Rust. Auf nach Deutschland, zum Achterbahn fahren!
Bei vielen Studenten erfährt man allerdings erst im Laufe des Semester, was sie zum Deutschlernen motivierte. Mit der Verehrung für deutsche Dichter und Denker hat das heutzutage selten zu tun – eher steckt die Vorliebe für Musik aus Germany dahinter. Und auch da geht es selten um die Klassiker. Eine Wagner-Liebhaberin hatte ich erst einmal in meinem Kurs, aber dafür schon mehrfach Studenten, die deutschen Heavy Metal, Punkrock oder vergleichbar laute Musikrichtungen aus Deutschland schätzten. Einer schrieb sogar einen Aufsatz über „German Metal“. Zitat: „Many people dismiss the genre as an immature, ultraviolent form of noise. I say they could not be more wrong.“
Nun, die „Einstürzenden Neubauten“ waren mir zwar pauschal ein Begriff, aber wer Blixa Bargeld ist, habe ich zugegebenermaßen erst im Laufe meiner Lehrtätigkeit erfahren. „I am a classic rock person“, erkläre ich in so einem Fall immer; das wird als Entschuldigung anstandslos akzeptiert. Für Anregungen bin ich trotzdem dankbar, und ich werde wohl demnächst „Blixa Bargeld liest Hornbach“ im Unterricht verwenden. Außerdem war da noch die Studentin, die für Tokio Hotel schwärmt und deshalb Deutsch lernt, wie sie in ihrem „Extra Credit Paper“ berichtete. Ob es überhaupt deutsche Fans dieser Band gibt, ist ungewiss, aber Lehrer für Deutsch als Fremdsprache sind Tokio Hotel jedenfalls international zu Dank verpflichtet.
Die Themen für derartige Aufsätze in Englisch über Kultur in deutschsprachigen Ländern können von den Studenten frei gewählt werden, jedenfalls nach Absprache. Fußball geht immer gut, genau wie deutsche Kinofilme – im vergangenen Winter war „Lola rennt“ der Hit. Eine Studentin schrieb über Schloss Schönbrunn, ein Student über grüne Technologie, und ein anderer widmete zwei Seiten der deutschen Autobahn. Ötzi, der Mann aus dem Eis, stieß ebenfalls auf Interesse. Das möglicherweise kurioseste Aufsatzthema kam von einer Studentin, die sich als Fan von Vergnügungsparks mit Riesen-Achterbahnen outete – sie recherchierte, ob es in Deutschland auch etwas in der Art gibt. Das ist bekanntlich der Fall, und nun hat die Studentin ein neues Traumziel im Programm: den Europa-Park in Rust. Auf nach Deutschland, zum Achterbahn fahren!
Sunday, August 1, 2010
Schon Herbst
Gestern waren wir in der Mall, und ich suchte den „Fossil“-Laden auf, weil ich den ganzen Sommer an eine weiße Tasche zum Umhängen gedacht und irgendwie nie Ernst damit gemacht hatte, eine zu kaufen. Die Taschen im Laden waren braun, grün oder orange. Weiß: Fehlanzeige. Ich wandte mich mit meinem Wunsch an einen Verkäufer. Der junge Mann sah mich an, als käme ich vom Mond. Oder wenigstens von der südlichen Hemisphäre. „It’s fall now“, sagte er dann pikiert.
Draußen war es schwül, und es sah nach Gewitter aus. Nichts Besonderes am letzten Julitag, mehrere Wochen vor dem offiziellen Herbstanfang. Auch das ist ein Grund dafür, warum eine Mall klimatisiert sein muss: Sonst würde im Juli und August keiner die neuen Herbstklamotten kaufen.
Allerdings muss ich sagen, dass ich auch im September noch keine Lust auf den saisonalen Garderobenwechsel habe – genausowenig wie mein Mann, der sich noch nie an die – mehr oder weniger offizielle – Regel gehalten hat, dass man nach Labor Day keine kurzärmeligen Hemden mehr trägt.
Im frühen Frühjahr sieht das alles etwas anders aus. Ich hatte noch nie etwas dagegen, leichte Sommerkleidung anzuprobieren, auch wenn draußen noch Schnee liegt. Nur Bikinis im Februar anprobieren, das geht gar nicht. Denn wer will schon im Spiegel der Umkleide sehen, wie eine Made im Bikini wirkt?
Draußen war es schwül, und es sah nach Gewitter aus. Nichts Besonderes am letzten Julitag, mehrere Wochen vor dem offiziellen Herbstanfang. Auch das ist ein Grund dafür, warum eine Mall klimatisiert sein muss: Sonst würde im Juli und August keiner die neuen Herbstklamotten kaufen.
Allerdings muss ich sagen, dass ich auch im September noch keine Lust auf den saisonalen Garderobenwechsel habe – genausowenig wie mein Mann, der sich noch nie an die – mehr oder weniger offizielle – Regel gehalten hat, dass man nach Labor Day keine kurzärmeligen Hemden mehr trägt.
Im frühen Frühjahr sieht das alles etwas anders aus. Ich hatte noch nie etwas dagegen, leichte Sommerkleidung anzuprobieren, auch wenn draußen noch Schnee liegt. Nur Bikinis im Februar anprobieren, das geht gar nicht. Denn wer will schon im Spiegel der Umkleide sehen, wie eine Made im Bikini wirkt?
Saturday, April 24, 2010
Wo sogar Männer Fußball spielen
In einem Referat meines Anfängerkurses zum Thema „Sport in Deutschland“ fand sich folgender interessanter Satz: „Fußball ist der beliebteste Sport in Deutschland. Nicht nur Frauen, sondern auch Männer spielen ihn.“
Alles klar?
So sieht man das eben in den USA. Entgegen landläufiger Überzeugung ist Fußball nämlich ein durchaus verbreiteter und beliebter Sport in Amerika – vor allem bei kleinen Mädchen. Mannschaftssport an Schulen bedeutet oft Soccer, jedenfalls für die Girls: Dafür braucht man nämlich keine teure Ausrüstung, und dieser Sport ist auch nicht so gefährlich wie, sagen wir einmal, Football. Das bleibt meistens den Jungs vorbehalten. Richtige Männer spielen auch Baseball, den uramerikanischen Sport, oder wahlweise Basketball.
Eishockey, ein wichtiger Sport in Detroit, gilt anderswo hingegen schon als exotisch. Ist mehr was für die Kanadier, eh.
Und die Deutschen – nun, die spielen Fußball. Sogar die Männer.
Alles klar?
So sieht man das eben in den USA. Entgegen landläufiger Überzeugung ist Fußball nämlich ein durchaus verbreiteter und beliebter Sport in Amerika – vor allem bei kleinen Mädchen. Mannschaftssport an Schulen bedeutet oft Soccer, jedenfalls für die Girls: Dafür braucht man nämlich keine teure Ausrüstung, und dieser Sport ist auch nicht so gefährlich wie, sagen wir einmal, Football. Das bleibt meistens den Jungs vorbehalten. Richtige Männer spielen auch Baseball, den uramerikanischen Sport, oder wahlweise Basketball.
Eishockey, ein wichtiger Sport in Detroit, gilt anderswo hingegen schon als exotisch. Ist mehr was für die Kanadier, eh.
Und die Deutschen – nun, die spielen Fußball. Sogar die Männer.
Wednesday, March 10, 2010
Frühlings-Vorfreude in Flip-Flops
In der vergangenen Woche herrschte tagelang frühlingshafter Sonnenschein, und es taute mächtig. Überall auf dem Uni-Gelände bildete das Schmelzwasser kleine Seen zwischen den Eisresten. Als ich an eines Nachmittags aus dem Unterricht kam, sah ich eine Studentin in einer der eisigen Pfützen auf dem Gehweg stehen. Sie sah nicht wirklich glücklich aus. Das war kein Wunder, denn zu ihren Jeans trug sie Flip-Flops, und ihre Zehen waren blau gefroren. Das Mädchen machte ein Gesicht wie die Gänse, die in dieser Jahreszeit auf den immer noch zugefrorenen Teichen stehen und empört dreinschauen. Frechheit! Es ist doch fast schon Frühling – warum geht das alles nicht schneller?
Ach was, nix Frühling – Sommer befohlen! „It’s Summer!“, rief ein Mann am Samstag im Park begeistert. Er trug kurze Hosen. Nun, es waren über 10 Grad Celsius und die Sonne schien, und da trägt Bermuda-Shorts, was ein richtiger Mann sein will. Jedenfalls in Michigan. Im Südwesten ist das anders: Wenn es in Arizona ausnahmsweise ein bisschen abkühlt, holen die Leute sofort die dicksten Jacken aus dem Schrank, erzählte uns der männliche Teil des Ehepaares, mit dem wir am Samstag essen waren. Er selbst trug ein T-Shirt. An einem Abend Anfang März, an dem die Temperatur am späten Abend wieder in Richtung Gefrierpunkt ging.
Heute war es dann tatsächlich richtig warm, und einige Mädels trugen superkurze Short. Was ziehen die dann im Sommer an?
Ach was, nix Frühling – Sommer befohlen! „It’s Summer!“, rief ein Mann am Samstag im Park begeistert. Er trug kurze Hosen. Nun, es waren über 10 Grad Celsius und die Sonne schien, und da trägt Bermuda-Shorts, was ein richtiger Mann sein will. Jedenfalls in Michigan. Im Südwesten ist das anders: Wenn es in Arizona ausnahmsweise ein bisschen abkühlt, holen die Leute sofort die dicksten Jacken aus dem Schrank, erzählte uns der männliche Teil des Ehepaares, mit dem wir am Samstag essen waren. Er selbst trug ein T-Shirt. An einem Abend Anfang März, an dem die Temperatur am späten Abend wieder in Richtung Gefrierpunkt ging.
Heute war es dann tatsächlich richtig warm, und einige Mädels trugen superkurze Short. Was ziehen die dann im Sommer an?
Thursday, December 17, 2009
Leise rieseln die Nadeln vom Baum
Kürzlich erzählte mir eine Freundin am Telefon: „Wir haben jetzt endlich auch einen Christbaum!“ Das war am 10. Dezember, wenn ich mich recht erinnere. Hoffentlich hält
die Tanne durch. Im vergangenen Jahr nadelte der Baum nämlich schon ein bisschen, als die Geschenke darunter lagen.
Aber so ist es eben mit Weihnachten in den USA: Wochenlang kann man es kaum erwarten, und ehe man sich’s versieht, ist das Fest auch schon vorbei. Zum Glück fällt in diesem Jahr der 26. Dezember auf einen Samstag – das gibt einem die Illusion eines zweiten Weihnachtstages.
Bis dahin sollte man die Zeit einfach genießen und rote Rudy-Nasen im Straßenverkehr zählen. Ein paar deutsche Lebkuchen haben wir auch schon gehortet. Fruit Cake kommt mir keiner mehr ins Haus. Was wir an Weihnachten essen? Nun, den Rest vom Schützenfest – ich meine natürlich, von Thanksgiving. Die Putenbrust liegt fertig zum Aufwärmen im Gefrierfach, ein Rest Soße ist auch noch da, und dazu gibt’s dann voraussichtlich Rotkohl und Spätzle. Merry Christmas!
Mehr zum Thema auf suite101: Amerikanische Weihnachten in der Familie
die Tanne durch. Im vergangenen Jahr nadelte der Baum nämlich schon ein bisschen, als die Geschenke darunter lagen.Aber so ist es eben mit Weihnachten in den USA: Wochenlang kann man es kaum erwarten, und ehe man sich’s versieht, ist das Fest auch schon vorbei. Zum Glück fällt in diesem Jahr der 26. Dezember auf einen Samstag – das gibt einem die Illusion eines zweiten Weihnachtstages.
Bis dahin sollte man die Zeit einfach genießen und rote Rudy-Nasen im Straßenverkehr zählen. Ein paar deutsche Lebkuchen haben wir auch schon gehortet. Fruit Cake kommt mir keiner mehr ins Haus. Was wir an Weihnachten essen? Nun, den Rest vom Schützenfest – ich meine natürlich, von Thanksgiving. Die Putenbrust liegt fertig zum Aufwärmen im Gefrierfach, ein Rest Soße ist auch noch da, und dazu gibt’s dann voraussichtlich Rotkohl und Spätzle. Merry Christmas!
Mehr zum Thema auf suite101: Amerikanische Weihnachten in der Familie
Saturday, October 31, 2009
Herbstvergnügen in den USA
Schon in meinem ersten Jahr in den USA ist mir aufgefallen, in welchem Maße Amerikaner den
Herbst zelebrieren – ganz im Gegensatz zum Frühling. Gerade in Michigan kommt das Frühjahr immer spät, in den Gärten ist noch nichts zu sehen, und auch Ostern spielt keine große Rolle. Der Herbst indessen ist eine klar umrissene Jahreszeit mit kalendarischen Eckpunkten, die in Thanksgiving kulminiert. Natürlich gibt es auch den Rummel um Halloween, aber der spielt in den Prospekten der Supermärkte eine weitaus wichtigere Rolle als im wirklichen Leben. Wobei gerade Pumpkins mehr als nur Material für Kürbisgeister sind: Wenn die Maskengesichter längst auf dem Kompost gelandet sind, bäckt man immer noch Pumpkin Pies.
Mehr zum Thema auf suite101: Wie Amerikaner den Herbst zelebrieren
Herbst zelebrieren – ganz im Gegensatz zum Frühling. Gerade in Michigan kommt das Frühjahr immer spät, in den Gärten ist noch nichts zu sehen, und auch Ostern spielt keine große Rolle. Der Herbst indessen ist eine klar umrissene Jahreszeit mit kalendarischen Eckpunkten, die in Thanksgiving kulminiert. Natürlich gibt es auch den Rummel um Halloween, aber der spielt in den Prospekten der Supermärkte eine weitaus wichtigere Rolle als im wirklichen Leben. Wobei gerade Pumpkins mehr als nur Material für Kürbisgeister sind: Wenn die Maskengesichter längst auf dem Kompost gelandet sind, bäckt man immer noch Pumpkin Pies. Mehr zum Thema auf suite101: Wie Amerikaner den Herbst zelebrieren
Friday, August 21, 2009
Keine Party ohne Piñata
Als ich zum ersten Mal in den USA bei einer Gartenparty eingeladen war, bekam ich unvermutet Gelegenheit, meine Kenntnis amerikanischer Brauchformen zu erweitern.
Das runde, lampionartige Teil mit der Micky-Maus-Figur darauf hatte ich einfach für Dekoration gehalten. Bis zu dem Moment, als die Kinder auf Geheiß anfingen, sich vor Micky Maus aufzustellen. Das erste Kind in der Reihe bekam einen Plastikknüppel in die Hand und fing an, auf den armen Micky einzudreschen. Dann schlug das nächste zu, und so fort. Bis der Hohlkörper aus Karton platzte – und die lieben Kleinen alle auf dem Boden lagen und sich um Schokolade und Bonbons balgten. Die Figur war randvoll mit Süßigkeiten gefüllt.
Dass sich dieser Partyspaß Piñata nennt, erfuhr ich erst beim nächsten Fest. Und seither habe ich schon viele platzen sehen, denn Piñatas sind heutzutage auch in den USA sehr populär. Woher sie stammen, ist dank des „N“ mit Tilde darüber leicht zu erkennen – es handelt sich um einen kulturellen Import aus Mexiko.
Nach einiger Online-Recherche fand ich auch heraus, dass der Brauch einen europäischen Ursprung hat und zu Fastnacht und Karneval gehört. Allerdings war der Behälter früher aus Ton – in Italien nannte man das eine pignatta.
Das Wort existiert offensichtlich heute noch, allerdings war für mich nicht klar, welche Bedeutung es genau hat. Und so wandte ich mich per E-Mail an den suite101-Kollegen Klaus Schwehn, der im Gebiet der Oberitalienischen Seen lebt.
Er antwortete dankenswerterweise sehr schnell (denn ich wollte meinen Artikel bald veröffentlichen): „Da musste ich erst mal in unserem Tante-Emma-Laden, der Maria Carla heißt, nachfragen. Denn sie weiß ALLES. Also im hiesigen Dialekt (am südlichen Alpenrand, Provinz Como) ist es ein ganz normaler Kochtopf, beispielsweise aus Aluminium, der im Hochitalienischen pentola heißt. Ein Brötchen kaufender Feriengast hat mir indessen versichert, der Begriff sei umgangssprachlich in ganz Italien verbreitet, ein ebenfalls anwesender Sizilianer hat es bestätigt. Mein gedruckter, etwas älterer Pons sagt auch, umgangssprachlich (Koch-)topf, der neue online-Pons kennt das Wort nicht. Es ist hier schon lustig: Wenn man eine Frage hat, gibt das halbe Dorf Auskunft.“
Eine pignatta entspricht also dem schwäbischen „Hafen“ (wie in „Stockhafen“ oder „Kochhafen“) – der war ursprünglich auch aus irdenem Material. Ich forschte noch ein wenig weiter und siehe da: Es gibt in Italien tatsächlich noch lokales Brauchtum rund um aufgehängte Tontöpfe, die mit Stöcken zerschlagen werden - etwa bei der "Festa de San Piero de Casteo" (in meinem Text habe ich das auf Hochitalienisch geschrieben) gibt es "Gioco delle Pignatte".
Das ist übrigens einer Amerikanerin aufgefallen, die darin natürlich sofort die Ähnlichkeit zum mexikanischen Brauch erkannt hat. Sie staunte vor allem darüber, dass kleine Kinder mit Stöcken auf schwere Tontöpfe einschlagen – aber offenbar lässt man sie dabei vorsichtshalber Helme tragen.
Mehr zum Thema auf suite101: Die Piñata – ein Partyspaß mit Tradition
Das runde, lampionartige Teil mit der Micky-Maus-Figur darauf hatte ich einfach für Dekoration gehalten. Bis zu dem Moment, als die Kinder auf Geheiß anfingen, sich vor Micky Maus aufzustellen. Das erste Kind in der Reihe bekam einen Plastikknüppel in die Hand und fing an, auf den armen Micky einzudreschen. Dann schlug das nächste zu, und so fort. Bis der Hohlkörper aus Karton platzte – und die lieben Kleinen alle auf dem Boden lagen und sich um Schokolade und Bonbons balgten. Die Figur war randvoll mit Süßigkeiten gefüllt.
Dass sich dieser Partyspaß Piñata nennt, erfuhr ich erst beim nächsten Fest. Und seither habe ich schon viele platzen sehen, denn Piñatas sind heutzutage auch in den USA sehr populär. Woher sie stammen, ist dank des „N“ mit Tilde darüber leicht zu erkennen – es handelt sich um einen kulturellen Import aus Mexiko.
Nach einiger Online-Recherche fand ich auch heraus, dass der Brauch einen europäischen Ursprung hat und zu Fastnacht und Karneval gehört. Allerdings war der Behälter früher aus Ton – in Italien nannte man das eine pignatta.
Das Wort existiert offensichtlich heute noch, allerdings war für mich nicht klar, welche Bedeutung es genau hat. Und so wandte ich mich per E-Mail an den suite101-Kollegen Klaus Schwehn, der im Gebiet der Oberitalienischen Seen lebt.
Er antwortete dankenswerterweise sehr schnell (denn ich wollte meinen Artikel bald veröffentlichen): „Da musste ich erst mal in unserem Tante-Emma-Laden, der Maria Carla heißt, nachfragen. Denn sie weiß ALLES. Also im hiesigen Dialekt (am südlichen Alpenrand, Provinz Como) ist es ein ganz normaler Kochtopf, beispielsweise aus Aluminium, der im Hochitalienischen pentola heißt. Ein Brötchen kaufender Feriengast hat mir indessen versichert, der Begriff sei umgangssprachlich in ganz Italien verbreitet, ein ebenfalls anwesender Sizilianer hat es bestätigt. Mein gedruckter, etwas älterer Pons sagt auch, umgangssprachlich (Koch-)topf, der neue online-Pons kennt das Wort nicht. Es ist hier schon lustig: Wenn man eine Frage hat, gibt das halbe Dorf Auskunft.“
Eine pignatta entspricht also dem schwäbischen „Hafen“ (wie in „Stockhafen“ oder „Kochhafen“) – der war ursprünglich auch aus irdenem Material. Ich forschte noch ein wenig weiter und siehe da: Es gibt in Italien tatsächlich noch lokales Brauchtum rund um aufgehängte Tontöpfe, die mit Stöcken zerschlagen werden - etwa bei der "Festa de San Piero de Casteo" (in meinem Text habe ich das auf Hochitalienisch geschrieben) gibt es "Gioco delle Pignatte".
Das ist übrigens einer Amerikanerin aufgefallen, die darin natürlich sofort die Ähnlichkeit zum mexikanischen Brauch erkannt hat. Sie staunte vor allem darüber, dass kleine Kinder mit Stöcken auf schwere Tontöpfe einschlagen – aber offenbar lässt man sie dabei vorsichtshalber Helme tragen.
Mehr zum Thema auf suite101: Die Piñata – ein Partyspaß mit Tradition
Sunday, May 31, 2009
Sammlerglück
Kürzlich trafen wir bei einem Waldspaziergang einen Kollegen meines Mannes und dessen Verlobte. Beide waren über diese Begegnung nicht ganz glücklich, das war ihnen deutlich anzusehen. Mir war auch sofort klar, warum: Aus der Anoraktasche der jungen Frau hing ein blaues Einkaufsnetz. Hier zu Lande benutzt man das eher nicht zum Einkaufen. „Irgendwelche Morcheln gefunden?“, fragte mein Mann unschuldig. Da lachten die beiden nur. „Maybe! Maybe!“ Wie kann man auch nur so dumm fragen.
Wir verlangsamten dann unseren Schritt, wie sich das gehört – Pilzsammlern, die man kennt, spioniert man nicht hinterher. Sie kamen bald schon wieder zurück, mit leeren Händen. Aber er kenne noch andere Stellen, sagte der Pilzfreund zuversichtlich. Und tatsächlich: Zwei Tage später brachte mein Mann ein Tütchen mit Morcheln nach Hause. Der Kollege war fündig geworden und hatte auch an uns gedacht. Es schmeckte köstlich.
Am Wochenende darauf drehten wir unsere übliche 10-Kilometer-Runde im Stony Creek Metro Park. Der Weg für Fußgänger und Radfahrer führt dort durch Wiesen und kleine Waldstücke, und die Parkstraße ist meistens in Sichtweite. Als wir ungefähr die Hälfte geschafft hatten, hielt nicht weit von uns am Straßenrand ein Auto, um jemand aussteigen zu lassen. Es handelte sich um einen Mann mit Strohhut, der einen mit Löchern versehenen Plastikeimer in der Hand trug und zielstrebig in Richtung Wald marschierte. „Nichts wie hinterher!“, sagte ich.
Wir betraten das Wäldchen in einiger Entfernung von der Stelle, wo der konspirative Sammler im Unterholz verschwunden war. Das war gut so, denn nachdem ich das Dickicht am Waldrand hinter mir gelassen hatte und ein paar Schritte im modrigen Laubwald gegangen war, stand ich schon vor der ersten Morchel. Sie fand sich unter einem alten Apfelbaum – wo heute Buche und Ahorn wachsen, war früher einmal Farmland. Einen besseren Standort gibt es nicht. Es war auch nicht die einzige; der Pilzfund reichte immerhin für ein Abendessen.
Man müsste wirklich noch mehr Pilzstellen haben.
Wir verlangsamten dann unseren Schritt, wie sich das gehört – Pilzsammlern, die man kennt, spioniert man nicht hinterher. Sie kamen bald schon wieder zurück, mit leeren Händen. Aber er kenne noch andere Stellen, sagte der Pilzfreund zuversichtlich. Und tatsächlich: Zwei Tage später brachte mein Mann ein Tütchen mit Morcheln nach Hause. Der Kollege war fündig geworden und hatte auch an uns gedacht. Es schmeckte köstlich.
Am Wochenende darauf drehten wir unsere übliche 10-Kilometer-Runde im Stony Creek Metro Park. Der Weg für Fußgänger und Radfahrer führt dort durch Wiesen und kleine Waldstücke, und die Parkstraße ist meistens in Sichtweite. Als wir ungefähr die Hälfte geschafft hatten, hielt nicht weit von uns am Straßenrand ein Auto, um jemand aussteigen zu lassen. Es handelte sich um einen Mann mit Strohhut, der einen mit Löchern versehenen Plastikeimer in der Hand trug und zielstrebig in Richtung Wald marschierte. „Nichts wie hinterher!“, sagte ich.
Wir betraten das Wäldchen in einiger Entfernung von der Stelle, wo der konspirative Sammler im Unterholz verschwunden war. Das war gut so, denn nachdem ich das Dickicht am Waldrand hinter mir gelassen hatte und ein paar Schritte im modrigen Laubwald gegangen war, stand ich schon vor der ersten Morchel. Sie fand sich unter einem alten Apfelbaum – wo heute Buche und Ahorn wachsen, war früher einmal Farmland. Einen besseren Standort gibt es nicht. Es war auch nicht die einzige; der Pilzfund reichte immerhin für ein Abendessen.
Man müsste wirklich noch mehr Pilzstellen haben.
Saturday, March 7, 2009
Chicago in Zeiten der Rezession
Und wo, bitte, geht’s hier zur Rezession?
Einer Großstadt wie Chicago sieht man es auf den ersten Blick nicht an, dass es der Wirtschaft schon einmal besser ging. Die City wirkt geschäftig wie eh und je. Der Trump-Tower ist zwar immer noch nicht fertig, und die Pläne für den wahnwitzigen Chicago Spire liegen wohl ganz auf Eis. Aber sonst fielen uns am vergangenen Wochenende einige neue Wolkenkratzer in der Skyline der „Windy City“ auf, die bei unserem letzten Besuch garantiert noch nicht da waren. Ist auch schon eine Weile her.
Bei Neiman Marcus in der Magnificent Mile war es dann aber wirklich sehr ruhig. Und die Verkäufer, deren Gesichtsausdruck am besten mit „tapfer“ zu beschreiben wäre, standen sich die Beine in den Bauch. Ein Ständer mit Pelzmänteln, an dem ich achtlos vorbeigegangen war, weckte die Aufmerksamkeit meines Mannes. „Das musst du dir wirklich einmal ansehen“, rief er, und ich ging wieder zurück. Er deutete auf ein Preisschild: Der Pelz war von – schluck – 66.000 Dollar auf 33.000 Dollar heruntergesetzt. So gesehen, ein richtiges Schnäppchen!
Abends warteten wir dann über eine halbe Stunde auf einen Platz im Restaurant von Mike Ditka, dem früheren Football-Spieler. Für 40-Dollar-Steak-Cuts, so schien es, hatten die Chicagoer noch genug Geld. Wir aßen Fisch. Den können sie dort auch ganz gut.
Am nächsten Morgen packten wir unsere Sachen, und dann klopfte auch schon das Zimmermädchen. „One Moment, please!“ Ach so, Trinkgeld. Dann war das ebenfalls erledigt, und wir warteten auf den Aufzug. Wir befanden uns im 21. Stock des Traditionshotels „Allerton“, und wussten bereits: Das konnte dauern. Wahrscheinlich ist der Fahrstuhl auch historisch. In unserem Zimmer wurde derweil bereits aufgeräumt. Plötzlich kam die Housekeeping Lady zur Tür herausgeschossen: „Thank you! Thank you!“ Es war eine kleine, schon etwas ältere Frau mit dunklen Haaren und spanischem Akzent. Sie verharrte einen Moment unschlüssig im Flur, und bevor sie wieder zurück an die Arbeit ging, rief sie uns noch zu: „God bless you!“
Offenbar hatten die 10 Dollar Trinkgeld ihren Sonntag gerettet.
Einer Großstadt wie Chicago sieht man es auf den ersten Blick nicht an, dass es der Wirtschaft schon einmal besser ging. Die City wirkt geschäftig wie eh und je. Der Trump-Tower ist zwar immer noch nicht fertig, und die Pläne für den wahnwitzigen Chicago Spire liegen wohl ganz auf Eis. Aber sonst fielen uns am vergangenen Wochenende einige neue Wolkenkratzer in der Skyline der „Windy City“ auf, die bei unserem letzten Besuch garantiert noch nicht da waren. Ist auch schon eine Weile her.
Bei Neiman Marcus in der Magnificent Mile war es dann aber wirklich sehr ruhig. Und die Verkäufer, deren Gesichtsausdruck am besten mit „tapfer“ zu beschreiben wäre, standen sich die Beine in den Bauch. Ein Ständer mit Pelzmänteln, an dem ich achtlos vorbeigegangen war, weckte die Aufmerksamkeit meines Mannes. „Das musst du dir wirklich einmal ansehen“, rief er, und ich ging wieder zurück. Er deutete auf ein Preisschild: Der Pelz war von – schluck – 66.000 Dollar auf 33.000 Dollar heruntergesetzt. So gesehen, ein richtiges Schnäppchen!
Abends warteten wir dann über eine halbe Stunde auf einen Platz im Restaurant von Mike Ditka, dem früheren Football-Spieler. Für 40-Dollar-Steak-Cuts, so schien es, hatten die Chicagoer noch genug Geld. Wir aßen Fisch. Den können sie dort auch ganz gut.
Am nächsten Morgen packten wir unsere Sachen, und dann klopfte auch schon das Zimmermädchen. „One Moment, please!“ Ach so, Trinkgeld. Dann war das ebenfalls erledigt, und wir warteten auf den Aufzug. Wir befanden uns im 21. Stock des Traditionshotels „Allerton“, und wussten bereits: Das konnte dauern. Wahrscheinlich ist der Fahrstuhl auch historisch. In unserem Zimmer wurde derweil bereits aufgeräumt. Plötzlich kam die Housekeeping Lady zur Tür herausgeschossen: „Thank you! Thank you!“ Es war eine kleine, schon etwas ältere Frau mit dunklen Haaren und spanischem Akzent. Sie verharrte einen Moment unschlüssig im Flur, und bevor sie wieder zurück an die Arbeit ging, rief sie uns noch zu: „God bless you!“
Offenbar hatten die 10 Dollar Trinkgeld ihren Sonntag gerettet.
Sunday, February 22, 2009
Winterfreuden
Als ich in Marseille lebte, hörte ich von älteren Damen, die bei Regen grundsätzlich nicht auf die Straße gingen. Das südfranzösische Klima erlaubt solche Extravaganzen. In England würde das niemandem einfallen – nicht einmal der Königin. Sie trägt bei hoher Luftfeuchtigkeit einfach ein flottes Kopftuch über der Krone.
Dafür steht dann in London alles still, wenn – wie kürzlich geschehen – einmal ein paar Zentimeter Schnee fallen. Wäre man im Nordosten der USA ähnlich empfindlich, würde das öffentliche Leben in den Bundesstaaten von Minnesota bis Maine an sechs Monaten im Jahr zum Erliegen kommen. Aber in diesen Breiten kann man mit Schnee umgehen – nur bei einem ganz schlimmen Blizzard bleiben die Leute zu Hause. Das gilt auch für Detroit. Ein durchschnittlicher Schneesturm, wie etwa am Tag der Autoshow-Eröffnung fürs allgemeine Publikum, lässt die Leute einfach kalt. Ich hatte an jenem Januartag gehofft, wir hätten die Cobo Hall weitgehend für uns. Pustekuchen.
Besonders hart im Nehmen sind die Bewohner von Chicago, der mit Sicherheit zugigsten Stadt auf diesem Planeten – kein Wunder, dass Barack Obama meistens im Jacket herumläuft, seit er im milderen Washington residiert. Es soll sogar Bewohner der Region der Großen Seen geben, die den Winter regelrecht herbeisehnen: Dann kann man endlich wieder zum Eisfischen gehen!
Sobald die Seen zufrieren, stehen dort diese kleinen Hüttchen. Und drinnen sitzt dann einer auf dem Stühlchen und versucht, durch ein kleines Loch im Eis einen möglichst großen Fisch zu fangen. Die im Angler-Fachhandel erhältlichen Eisbohrer gehören zweifellos zu den seltsamsten Werkzeugen, die ich je gesehen habe.
Der Trick ist dann allerdings, bei Tauwetter alles schnell wieder abzubauen und rechtzeitig Land zu gewinnen. Das klappt nicht immer so gut, wie man vor zwei Wochen sehen konnte, als eine größere Eisscholle im Eriesee abbrach und zügig davonschwamm. Dass sich allerdings mehr als hundert erwachsene Menschen auf dieser Scholle befanden, mag den Rest der Welt etwas überrascht haben. Aber hier zu Lande haben die Leute eben Spaß am Winter. Jedenfalls manche.
Dafür steht dann in London alles still, wenn – wie kürzlich geschehen – einmal ein paar Zentimeter Schnee fallen. Wäre man im Nordosten der USA ähnlich empfindlich, würde das öffentliche Leben in den Bundesstaaten von Minnesota bis Maine an sechs Monaten im Jahr zum Erliegen kommen. Aber in diesen Breiten kann man mit Schnee umgehen – nur bei einem ganz schlimmen Blizzard bleiben die Leute zu Hause. Das gilt auch für Detroit. Ein durchschnittlicher Schneesturm, wie etwa am Tag der Autoshow-Eröffnung fürs allgemeine Publikum, lässt die Leute einfach kalt. Ich hatte an jenem Januartag gehofft, wir hätten die Cobo Hall weitgehend für uns. Pustekuchen.
Besonders hart im Nehmen sind die Bewohner von Chicago, der mit Sicherheit zugigsten Stadt auf diesem Planeten – kein Wunder, dass Barack Obama meistens im Jacket herumläuft, seit er im milderen Washington residiert. Es soll sogar Bewohner der Region der Großen Seen geben, die den Winter regelrecht herbeisehnen: Dann kann man endlich wieder zum Eisfischen gehen!
Sobald die Seen zufrieren, stehen dort diese kleinen Hüttchen. Und drinnen sitzt dann einer auf dem Stühlchen und versucht, durch ein kleines Loch im Eis einen möglichst großen Fisch zu fangen. Die im Angler-Fachhandel erhältlichen Eisbohrer gehören zweifellos zu den seltsamsten Werkzeugen, die ich je gesehen habe.Der Trick ist dann allerdings, bei Tauwetter alles schnell wieder abzubauen und rechtzeitig Land zu gewinnen. Das klappt nicht immer so gut, wie man vor zwei Wochen sehen konnte, als eine größere Eisscholle im Eriesee abbrach und zügig davonschwamm. Dass sich allerdings mehr als hundert erwachsene Menschen auf dieser Scholle befanden, mag den Rest der Welt etwas überrascht haben. Aber hier zu Lande haben die Leute eben Spaß am Winter. Jedenfalls manche.
Thursday, December 25, 2008
Palmen, Goldsterne und Kokosnüsse
Zugegeben, die Weihnachtsdekoration wirkte etwas fehl am Platz. Goldsterne unter Palmen! Aber die Temperaturen in Miami kurz vor dem Fest waren genau richtig, um dem Winter in Michigan kurzzeitig zu entfliehen – meistens über zwanzig Grad Celsius.
In den Palmen selbst hingen allerdings keine Christbaumkugeln, sondern Kokosnüsse. Manche lagen auch auf den Boden – wer im Palmenwäldchen am South Beach wandelt, lebt gefährlich.
Mein Mann hob eine Nuss auf und wanderte eine Weile mit ihr herum wie das Hörnchen in „Ice Age“. Später warf er sie weg, bereute es dann aber. „Ich wäre gerne einmal mit einer Kokosnuss gereist“, sagte er.
Das Schöne an Kokosnüssen ist, dass sie kostenlos als Snack zur Verfügung stehen. Falls man weiß, wie man sie öffnet. Als wir vom MacArthur Causeway, der Miami Beach und Miami verbindet, in den Watson Park abbogen, war ein Mann am Straßenrand gerade bei der Ernte. Er lebte offenbar unter der Brücke; wir sahen dort seinen Einkaufswagen mit den wenigen Habseligkeiten geparkt. Wir stellten dann das Auto ab und schauten hinüber zum Port of Miami, wo die Kreuzfahrtschiffe der Carnival-Linie vor Anker liegen. Fünf Schiffe waren gerade da, jedes so groß wie ein Hochhaus. Dann fuhren wir zurück auf den Causeway in Richtung Miami.
Der Mann mit der Kokosnuss saß am Straßenrand. Er hatte die Nuss inzwischen geöffnet. Frühstück!
Als wir wieder in Detroit waren, lagen zwanzig Zentimeter Schnee. Das Auto mussten wir allerdings nicht auf dem Parkplatz ausgraben. Das hatte der eisige Wind schon erledigt.
Vielleicht hätten wir die Kokosnuss doch mitnehmen sollen.
In den Palmen selbst hingen allerdings keine Christbaumkugeln, sondern Kokosnüsse. Manche lagen auch auf den Boden – wer im Palmenwäldchen am South Beach wandelt, lebt gefährlich.
Mein Mann hob eine Nuss auf und wanderte eine Weile mit ihr herum wie das Hörnchen in „Ice Age“. Später warf er sie weg, bereute es dann aber. „Ich wäre gerne einmal mit einer Kokosnuss gereist“, sagte er.Das Schöne an Kokosnüssen ist, dass sie kostenlos als Snack zur Verfügung stehen. Falls man weiß, wie man sie öffnet. Als wir vom MacArthur Causeway, der Miami Beach und Miami verbindet, in den Watson Park abbogen, war ein Mann am Straßenrand gerade bei der Ernte. Er lebte offenbar unter der Brücke; wir sahen dort seinen Einkaufswagen mit den wenigen Habseligkeiten geparkt. Wir stellten dann das Auto ab und schauten hinüber zum Port of Miami, wo die Kreuzfahrtschiffe der Carnival-Linie vor Anker liegen. Fünf Schiffe waren gerade da, jedes so groß wie ein Hochhaus. Dann fuhren wir zurück auf den Causeway in Richtung Miami.
Der Mann mit der Kokosnuss saß am Straßenrand. Er hatte die Nuss inzwischen geöffnet. Frühstück!
Als wir wieder in Detroit waren, lagen zwanzig Zentimeter Schnee. Das Auto mussten wir allerdings nicht auf dem Parkplatz ausgraben. Das hatte der eisige Wind schon erledigt.
Vielleicht hätten wir die Kokosnuss doch mitnehmen sollen.
Saturday, May 17, 2008
Umweltfreundlich made in USA
Im Vergleich zu den meisten anderen Städten des Mittleren Westens wirkt Ann Arbor richtig putzig. Durch die Parkanlagen rund um die Universität flanieren viele junge Leute, es gibt gemütliche Cafés, etliche Galerien sowie kleine Läden, die originellen Krimskrams aus aller Welt anbieten. Wer jedoch auf die Idee kommen sollte, im Zentrum der Tübinger Partnerstadt nach Dingen des täglichen Bedarfs zu suchen, macht nur ein dummes Gesicht. „Ich wollte Zahncreme kaufen“, berichtete Jack Lohrmann, „aber ich habe nichts in der Art gefunden.“
Der Wahl-Tübinger Jack Lohrmann, der ursprünglich aus New York stammt, war einer von 26 Teilnehmern der jüngsten Bürgerreise in die US-Partnerstadt. Ganz am Anfang der Städtepartnerschaft im Jahr 1965 kam Lohrmann schon einmal nach Ann Arbor. „Damals war Amerika das Paradies“, erinnert er sich. Aber dieses Niveau, so sein Eindruck, ließ sich nicht halten – auch nicht in der Tübinger Sister City. Vieles kommt ihm ein wenig vernachlässigt vor, wie die Häuser in der Innenstadt. Die gut verdienende Mittelschicht zieht es (wie überall in den USA) an den Stadtrand ins Grüne. Die Einkaufszentren liegen ebenfalls außerhalb. Und so fuhr die Gastgeberin von Jack Lohrmann, der wie die meisten Reiseteilnehmer privat untergebracht war, am vergangenen Wochenende viele Meilen zum nächsten Supermarkt, damit er seine Zahnpasta bekam.
Stundenlange Anfahrten gehören zum Alltag der Bevölkerung im Raum Detroit, an dessen südwestlichem Rand Ann Arbor liegt. Und gerade „A2“ zieht überdurchschnittlich viele Pendler an. Eigentlich müsste sich Bürgermeister John Hieftje darüber freuen, liegt die Arbeitslosenquote von Ann Arbor mit 5 Prozent doch deutlich unter der des Bundesstaates Michigan. Die Universität allein beschäftige 70.000 Menschen, sagte Hieftje, der in einem Vortrag städtische Umweltprojekte vorstellte. Die von einem Ring von Autobahnen umgebene 114.000-Einwohner-Stadt kann die Pendlerströme aber kaum verkraften: In der Rushhour nach Ann Arbor zu müssen ist ein Albtraum.
Hieftje träumt davon, das einst ausgedehnte Bahnnetz zumindest teilweise wiederzubeleben. Dass öffentlicher Personennahverkehr in der Autometropole Detroit praktisch nicht existiert, hat einen einfachen Grund: In den Zwanzigerjahren kaufte General Motors (GM) die regionalen Bahnen sukzessive auf, um sie anschließend dicht zu machen. Auf diese Weise hielt die
wachsende Autoindustrie die Kunden in Abhängigkeit. Dass sich das zumindest in Ann Arbor ändert, dafür sorgen die Busse der städtischen Verkehrsbetriebe. Studenten fahren umsonst – sie brauchen nur ihren gelben Ausweis zu zücken. Hieftjes ganzer Stolz sind die neuesten Autos mit Hybridtechnologie, mit denen nach und nach die ganze Flotte ersetzt werden soll.
Die neue Technik hat ihren Preis: Eine halbe Million Dollar kostet so ein Hybridbus, angetrieben von einer Kombination aus einem Elektromotor und einem Dieselaggregat, das Biodiesel schluckt. Dafür gibt es Zuschüsse vom Staat. „Dass GM die Busse baut, ist sicher hilfreich“, sagte Hieftje. „Wir kaufen nur amerikanische Produkte.“ Damit fährt der grüne Bürgermeister von Ann Arbor (offiziell ein Demokrat) eine andere Linie als sein Kollege Boris Palmer, der sich mit seinem ersten Dienstauto aus dem Hause Toyota den Zorn des politischen Establishments zuzog.
Auch der städtische Fuhrpark soll mit umweltfreundlichen Fahrzeugen ausgerüstet werden – alles Teil der Kampagne „Ann Arbor's Green Energy Challenge“, mit der die Verwaltung ihren Energieverbrauch bis 2010 um 30 Prozent drosseln möchte. Umweltfreundliche Technologien, so seine Überzeugung, lassen sich in Amerika nur durchsetzen, wenn sie Geld sparen. Wie die LED-Straßenlampen, die den Nachtschwärmern von Ann Arbor neuerdings heimleuchten: „Das finanziert sich selbst.“
Einige ökologische Neuerungen, die Hieftje vorstellte, riss die Tübinger Besucher allerdings nicht gerade von den Sitzen – dass Sonnenkollektoren auf Dächern gut aufgehoben sind, wussten sie schon. Für US-amerikanische Verhältnisse ist das, was Hieftje in Ann Arbor macht, jedoch ziemlich revolutionär. Vor allem sein Kampf gegen Zersiedlung, den er sich ebenfalls auf die Fahnen geschrieben hat. Hieftje kann aber nicht einfach Gebiete für landwirtschaftliche Nutzung ausweisen, um sie vor Überbauung zu schützen. Regionale Raumplanung existiert in diesem Teil der Welt nicht. Hieftje: „Es gibt 28 Verwaltungen um uns herum, und sie sind alle wie kleine Nationen.“ Die Stadt leistet sich daher den Luxus, das Land einfach aufzukaufen. So entstand der „Green Belt“, der Grüne Gürtel von Ann Arbor.
Aus dem Archiv: Ann Arbor gegoogelt
Der Wahl-Tübinger Jack Lohrmann, der ursprünglich aus New York stammt, war einer von 26 Teilnehmern der jüngsten Bürgerreise in die US-Partnerstadt. Ganz am Anfang der Städtepartnerschaft im Jahr 1965 kam Lohrmann schon einmal nach Ann Arbor. „Damals war Amerika das Paradies“, erinnert er sich. Aber dieses Niveau, so sein Eindruck, ließ sich nicht halten – auch nicht in der Tübinger Sister City. Vieles kommt ihm ein wenig vernachlässigt vor, wie die Häuser in der Innenstadt. Die gut verdienende Mittelschicht zieht es (wie überall in den USA) an den Stadtrand ins Grüne. Die Einkaufszentren liegen ebenfalls außerhalb. Und so fuhr die Gastgeberin von Jack Lohrmann, der wie die meisten Reiseteilnehmer privat untergebracht war, am vergangenen Wochenende viele Meilen zum nächsten Supermarkt, damit er seine Zahnpasta bekam.
Stundenlange Anfahrten gehören zum Alltag der Bevölkerung im Raum Detroit, an dessen südwestlichem Rand Ann Arbor liegt. Und gerade „A2“ zieht überdurchschnittlich viele Pendler an. Eigentlich müsste sich Bürgermeister John Hieftje darüber freuen, liegt die Arbeitslosenquote von Ann Arbor mit 5 Prozent doch deutlich unter der des Bundesstaates Michigan. Die Universität allein beschäftige 70.000 Menschen, sagte Hieftje, der in einem Vortrag städtische Umweltprojekte vorstellte. Die von einem Ring von Autobahnen umgebene 114.000-Einwohner-Stadt kann die Pendlerströme aber kaum verkraften: In der Rushhour nach Ann Arbor zu müssen ist ein Albtraum.
Hieftje träumt davon, das einst ausgedehnte Bahnnetz zumindest teilweise wiederzubeleben. Dass öffentlicher Personennahverkehr in der Autometropole Detroit praktisch nicht existiert, hat einen einfachen Grund: In den Zwanzigerjahren kaufte General Motors (GM) die regionalen Bahnen sukzessive auf, um sie anschließend dicht zu machen. Auf diese Weise hielt die
wachsende Autoindustrie die Kunden in Abhängigkeit. Dass sich das zumindest in Ann Arbor ändert, dafür sorgen die Busse der städtischen Verkehrsbetriebe. Studenten fahren umsonst – sie brauchen nur ihren gelben Ausweis zu zücken. Hieftjes ganzer Stolz sind die neuesten Autos mit Hybridtechnologie, mit denen nach und nach die ganze Flotte ersetzt werden soll.Die neue Technik hat ihren Preis: Eine halbe Million Dollar kostet so ein Hybridbus, angetrieben von einer Kombination aus einem Elektromotor und einem Dieselaggregat, das Biodiesel schluckt. Dafür gibt es Zuschüsse vom Staat. „Dass GM die Busse baut, ist sicher hilfreich“, sagte Hieftje. „Wir kaufen nur amerikanische Produkte.“ Damit fährt der grüne Bürgermeister von Ann Arbor (offiziell ein Demokrat) eine andere Linie als sein Kollege Boris Palmer, der sich mit seinem ersten Dienstauto aus dem Hause Toyota den Zorn des politischen Establishments zuzog.
Auch der städtische Fuhrpark soll mit umweltfreundlichen Fahrzeugen ausgerüstet werden – alles Teil der Kampagne „Ann Arbor's Green Energy Challenge“, mit der die Verwaltung ihren Energieverbrauch bis 2010 um 30 Prozent drosseln möchte. Umweltfreundliche Technologien, so seine Überzeugung, lassen sich in Amerika nur durchsetzen, wenn sie Geld sparen. Wie die LED-Straßenlampen, die den Nachtschwärmern von Ann Arbor neuerdings heimleuchten: „Das finanziert sich selbst.“
Einige ökologische Neuerungen, die Hieftje vorstellte, riss die Tübinger Besucher allerdings nicht gerade von den Sitzen – dass Sonnenkollektoren auf Dächern gut aufgehoben sind, wussten sie schon. Für US-amerikanische Verhältnisse ist das, was Hieftje in Ann Arbor macht, jedoch ziemlich revolutionär. Vor allem sein Kampf gegen Zersiedlung, den er sich ebenfalls auf die Fahnen geschrieben hat. Hieftje kann aber nicht einfach Gebiete für landwirtschaftliche Nutzung ausweisen, um sie vor Überbauung zu schützen. Regionale Raumplanung existiert in diesem Teil der Welt nicht. Hieftje: „Es gibt 28 Verwaltungen um uns herum, und sie sind alle wie kleine Nationen.“ Die Stadt leistet sich daher den Luxus, das Land einfach aufzukaufen. So entstand der „Green Belt“, der Grüne Gürtel von Ann Arbor.
Aus dem Archiv: Ann Arbor gegoogelt
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