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Thursday, December 22, 2011

Warum Michael Moore zum Studienabbrecher wurde

Lecture ist das englische Wort für Vortrag oder Referat, und im universitären Sprachgebrauch ist es einfach eine Vorlesung. Aber auch wenn das Event als lecture angekündigt und der Veranstaltungsort eine Uni ist, muss der Vortragende noch lange nicht aussehen wie einMichael Moore © Cornelia Schaible Professor. Der Mensch, der da in Sweatpants und Kapuzenshirt auf die Bühne schlappte, sah einfach aus wie Michael Moore. Wobei „Bühne“ hier durchaus wörtlich gemeint ist: Das Ganze war im Meadow Brook Theatre, und das Rednerpult befand sich vor einer Kulisse, die einen großen Ohrensessel in einem altertümlich eingerichteten Zimmer zeigte. Michael Moore wunderte sich nur kurz, bis ihn das Publikum darüber aufklärte, was da gespielt wurde: „A Christmas Carol“ von Charles Dickens. „Wie passend für diese Zeiten“, spottete Moore und imitierte Ebenezer Scrooge, der die Bitte um eine Spende für die Armen mit den Worten quittiert: „Are there no prisons?“

Damit war Michael Moore eigentlich schon bei seinem Lieblingsthema angelangt: dem Rundumschlag gegen Kapital und Politik. Aber er befand sich nun einmal auf Buchtour, und auch wenn es bei der Veranstaltung am 30. November an der Oakland University nie zu einer Lesung aus seinem jüngsten autobiografischen Werk „Here Comes Trouble“ kam, fühlte er sich doch dazu bemüßigt, erst einmal ein paar Schwänke aus seiner Jugend zum Besten zu geben. Präziser gesagt, aus seiner Studienzeit – zu diesem Zweck trug er wohl die grüne Michigan-State-Baseballkappe. Michigan State University (MSU) befindet sich in East Lansing, unweit von Moores Heimatort Flint.

Michigan State ins Spiel zu bringen ist an der Oakland University immer eine gute Idee – die 1957 gegründete OU war in den ersten Jahren ein Ableger der MSU, und beim College Football sind die meisten OU-Studenten heute immer noch Fans der Spartans von der Mutteruniversität; nur wenige jubeln für die Wolverines der University of Michigan in Ann Arbor. Bei der Wahl seiner Kopfbedeckung richtet sich Moore wahrscheinlich nach seinem Publikum; man sah ihn auch schon mit dem gelben „M“ der Konkurrenz-Uni auf der Mütze.

Ach, diese nervige Baseballkappe. Sie rutschte ihm immer wieder tief in die Stirn, und dann schob er sie wieder zurück. Bestimmt hundert Mal. Und der Schatten der Krempe machte es auch fast unmöglich, ihn zu fotografieren. Aber ich schweife ab.

Moore erzählte den Studenten im Meadow Brook Theatre, warum er im zweiten Semester zum Studienabbrecher wurde: „Ich konnte einfach keinen Parkplatz finden!“ Großes Gelächter – die Parkplatznot am ersten Tag nach den Semesterferien ist auch an der OU notorisch. Und nach einer Stunde Herumkurven, so Moore weiter, habe er sich gesagt: „F--- it, I am dropping out.“ Das Fazit des Schriftstellers und Filmemachers: „My life changed, because I couldn’t find a parking space.“ Der Saal johlte.

Ob auch David Hasselhoff keinen Parkplatz fand, ist nicht bekannt – er war vorübergehend einmal Student an Oakland University, wie ich von Moore erfuhr. Warum er ihn überhaupt erwähnte, blieb unklar. Wahrscheinlich war es ein wohlfeiles Name-Dropping. Hasselhoff, so habe ich inzwischen nachgeschlagen, schloss sein Schauspiel-Studium übrigens später in Kalifornien ab.

Was Michael Moore vor OU-Publikum ebenfalls nicht unerwähnt lassen konnte, war die Debatte der republikanischen Präsidentschaftsbewerber, die kürzlich an der Uni in der Detroiter Vorstadt Rochester abgehalten wurde. Übrigens unter weitgehendem Ausschluss der Studentschaft; das Publikum bestand aus handverlesenen lokalen Republikanern. Was nicht verhinderte, dass sich der Texaner Rick Perry unsterblich blamierte, als ihm partout nicht mehr einfallen wollte, welche Ministerien er genau abschaffen wollte. Nummer eins und Nummer zwei konnte er schon noch aufzählen, aber was war gleich das dritte? „Oops.“ Nun, der Videoclip war immerhin sehr unterhaltsam. Das fand auch Michael Moore: „Thank you for hosting one of the best comedy shows of the year!“

Nach einigen Seitenhieben auf die Republikaner kam Michael Moore sehr bald auch auf das Thema zu sprechen, bei dem er nicht mehr sarkastisch wirkte, sondern nur noch sehr, sehr bitter: Barack Obama. Bei dessen Wahl zum Präsidenten er ein Tränchen verdrückte hatte, wie er gestand. Moore gehört zu den ziemlich lauten Kritikern des demokratischen Lagers, die Obama nie verziehen haben, dass er eben doch nicht auf Wasser gehen konnte. Dass er nach Schlägen von seinen politischen Gegnern auch noch die andere Backe hinhielt, nahmen sie ihm noch viel mehr übel. „Er glaubt wirklich daran, dass man seine Feinde lieben sollte!“, sage Moore kopfschüttelnd. Statt mit heiligem Zorn einmal richtig durchzugreifen. Nun, auch die Linke pflegt ihre totalitären Fantasien.

Heutzutage setzt Moore seine ganze Hoffnung auf die Occupy-Bewegung. Der erfolgreiche Filmemacher sieht sich dabei durchaus auf der Seite der Habenichtse, trotz seines Millionen-Anwesens im nördlichen Michigan, und eine entsprechende Anfrage aus dem Publikum wehrte er nonchalant ab: In der Presse werde das immer gewaltig übertrieben, sagte er schnell, so viel sei die Immobilie gar nicht wert. Aber immerhin rund zwei Millionen Dollar, laut öffentlicher Steuerregister. Will heißen: Aus Michael Moore ist schon noch etwas geworden, obwohl er im zweiten Semester keinen Parkplatz finden konnte.

Wednesday, December 19, 2007

Wally Bronner

In Heinrich Bölls Erzählung „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ gibt es eine Tante Milla, die darauf besteht, dass ihre Familie ganzjährig einen festlich geschmückten Baum bereithält und jeden Abend „Stille Nacht“ intoniert. Tante Milla ist nämlich nie darüber hinweggekommen, dass es während der Kriegsjahre keinen Baum zum Schmücken gab, und muss nun mittels Tannenbaumtherapie und Dauerweihnachten ruhig gestellt werden. Nun ist (jedenfalls mir) nicht bekannt, was die lebenslange Weihnachtseuphorie bei Wally Bronner auslöste. Aber eines ist sicher: Tante Milla kann einpacken. In „Bronner’s Christmas Wonderland“ stehen Hunderte vonWally Bronner © Cornelia Schaible Tannenbäumen (aus Plastik, das hätte Tante Millas Familie auch praktisch gefunden). Und in der Stille-Nacht-Kapelle, die der Geschäftsmann aus dem kleinen Ort Frankenmuth in Michigan errichten ließ, ertönt das in alle möglichen Sprachen übersetzte Weihnachtslied in einer Endlos-Schleife.

Kein Zweifel: Der Mann kann von Weihnachten einfach nicht genug kriegen. Bereits seit dem Jahr 1945 ist der heute 80-jährige Bronner im Geschäft. 1954 eröffnete er seinen ersten Laden mit allerlei Dekorationsmaterial zum Christfest, der sich schließlich zum Weihnachts-Supermarkt auswuchs. Seine roten Sakkos trägt er so selbstverständlich wie Santa Claus die Zipfelmütze (bei Empfängen erscheint Bronner aber schon einmal in Dunkelgrau, siehe Bild). Und am kommenden Samstag und Sonntag wird er wieder mit Kunden Weihnachtslieder singen, am Harmonium begleitet von seiner Frau Irene.

Bevor ich Wally Bronner persönlich kennenlernte, konnte ich mir das einfach nicht vorstellen. Weihnachten, lebenslang – wie hält einer das aus? Aber Bronner scheint damit keine Mühe zu haben, ganz im Gegenteil: Neben seiner Geschäftstüchtigkeit ist eine heitere Gemütslage unverkennbar. Wenn er die Leute an einem warmen Septembertag mit einem herzhaften „Merry Christmas“ begrüßt, lachen sie. Und die Weihnachtslieder singt der deutschstämmige Unternehmer sogar in der Sprache seiner Vorfahren. Selbst die Familie macht mit – anders als bei Tante Milla. Neben dem Seniorchef und seiner Gattin sind sechs weitere Familienmitglieder im ganzjährigen Weihnachtsgeschäft tätig.

Nun hat Wally Bronner außer einem unübersehbaren Hang zu Weihnachten noch eine zweite Leidenschaft – wahrscheinlich ist diese überhaupt der Grund für das ganze Spektakel, das sich dem Besucher am Ortseingang von Frankenmuth bietet. Aber das erschließt sich nicht sofort, man muss dafür einige Male dort gewesen sein. „Wie viele Schilder siehst du?“, fragte mein Mann plötzlich, als wir auf dem riesigen Parkplatz des „Christmas Wonderland“ standen und (wieder einmal) kopfschüttelnd die seltsame Szenerie betrachteten, inklusive all der Santas und Schneemänner und Krippenfiguren aus Plastik. Schilder? Schilder!

Es gibt zwar ein paar Bäume rings um den Weihnachts-Supermarkt, aber was da vor allem wächst, ist ein riesiger Schilderwald: Wegweiser. Verkehrsschilder. Warnhinweise. Unzählige Beschriftungen und Erklärungen. Über der überlebensgroßen Krippenszene vor dem Eingang verkündet eine Inschrift: „Enjoy CHRISTmas, it’s HIS Birthday; Enjoy Life, It’s HIS Way“ – das Firmenmotto. Daneben steckt ein Schild mit einem länglichen Text unter Überschrift „2000th Anniversary of Christ’s Birth“. Auf den zahlreichen Papierkörben steht vorne „LITTER“ und auf der Seite die Übersetzung in 14 Sprachen. Und vor einem Santa im Rentierschlitten warnt das Verkehrsschild „DEER XING“.

Tatsächlich heißt es in der offiziellen Firmenchronik, dass der junge Wallace Bronner schon als 16-Jähriger seine ersten Schilder malte – nach der Schule, im Keller der Eltern. Er bemalte auch Tafeln für Schaufensterdekorationen. So kam er wie von selbst zum Weihnachtsgeschäft – eine ideale Verbindung. Und heutzutage erglänzen 100.000 Lichtlein entlang der Christmas Lane zum Weihnachtswunderland. Jeden Abend.

Mehr über Wally Bronner: Ein Weihnachtsgeschäft fürs ganze Jahr

Monday, September 17, 2007

Helga Janz-Wagner

„Gerade komme ich wieder von einem Restaurant, wo ich meinen Wein vorgestellt habe“, sagte mir Helga Janz-Wagner kürzlich am Telefon. Und es klang so, als könnte sie es immer noch nicht fassen, dass ihr Wein hier im Raum Detroit so viel Resonanz erfährt. Winzerwein aus Rheinhessen!

Helga Janz-Wagner, Jahrgang 1958, wuchs auf einem Weingut in der Nähe von Mainz auf. Schon früh unterstützte sie ihre Familie im Betrieb – alles, was mit Wein zu tun hatte, war für sie Alltag.Helga Janz-Wagner importiert Wein aus Rheinhessen © Cornelia Schaible Verständlich, dass sie als Heranwachsende davon eher Abstand gewinnen wollte. Und als sie Betriebswirtschaft studierte und selbst eine Familie gründete, schlug sie zunächst einmal einen anderen Weg ein.

Eine ausgedehnte Radtour durch Frankreich öffnete ihr schließlich die Augen für die Schönheit der verschiedenen Weinlandschaften: „Wir fuhren mit unseren bepackten Fahrrädern quer durchs Elsass, durch das Weinanbaugebiet in Burgund bis in die Auvergne im Massif Central“, erinnert sie sich. Das Interesse am Wein war wieder geweckt.

Aber erst in den USA kam Helga Janz-Wagner auf die Idee, den Wein aus der Heimat zu vermarkten. Als mitreisende Ehefrau eines Ingenieurs, der für die Firma nach Michigan gegangen war, hatte sie zunächst noch keine Ahnung, was sie selbst in der neuen Umgebung anstellen sollte. Aber sie besaß einen kleinen Vorrat an Wein. Ihr Vater hatte ihr vorsorglich neun Kisten des heimischen Erzeugnisses mitgegeben. Und der Wein kam bei Freunden und Bekannten so gut an, dass Janz-Wagner beschloss, für Nachschub zu sorgen – und eine Importlizenz zu beantragen.

Dafür hat sie sicher einen ausgesprochen günstigen Zeitpunkt erwischt. Amerikaner trinken so viel Wein wie nie zuvor. Gleichzeitig steigt das Interesse an deutschen Weinen, vor allem Riesling – die USA sind der zweitgrößte Absatzmarkt für edle Tropfen aus Good Old Germany. „Überalls gibt’s Weinbars, und viele Restaurants bieten regelmäßig Weinproben an“, wunderte sich Janz-Wagner noch vor einiger Zeit. Jetzt organisiert sie sowas selbst – in nächster Zeit hat sie gleich zwei Weinproben geplant.

Mehr über Helga Janz-Wagner: Weißherbst für heiße Sommerabende

www.weinnet.eu

Wednesday, May 30, 2007

Corinne Walker

Für die Firma ein paar Jahre ins Ausland gehen, und die Familie kommt mit – das klingt aufregend. Die vielen Formalitäten können die Vorfreude allerdings schnell trüben. Gerade in den USA müssen sich Neuankömmlinge mit einer beachtlichen Menge Papierkram herumschlagen.Die Relocaterin Corinne Walker © Cornelia Schaible Damit der Alltag am neuen Wohnort schnell wieder in geordneten Bahnen verläuft, nehmen Auslandsentsandte immer häufiger die Dienste einer Relocationfirma in Anspruch. Und dafür gibt es gute Gründe.

„Beim Umzug in ein fremdes Land ist es beruhigend zu wissen, dass es eine kompetent organisierte Starthilfe gibt“, sagt Corinne Walker. Mit ihrer 1998 gegründeten Firma COWA, kurz für Consulting Organization & Worldwide Assistance, unterstützt sie die Angestellten beim Auslandseinsatz dabei, am neuen Wohnort schnell Fuß zu fassen: „Bei den hohen Anforderungen, die Unternehmen an ihre entsendeten Mitarbeiter stellen, ist ein reibungsloser Ablauf der Umsiedlung die wichtigste Voraussetzung.“

Corinne Walker ist mit den Sorgen und Nöten der Expatriates bestens vertraut: Vor zwölf Jahren ist sie selbst mit ihrer Familie von Süddeutschland nach Michigan gezogen. Mit jeweils einem Büro in Stuttgart und in Detroit, Michigan, sowie an weiteren US-Standorten könne sie einen persönlichen Service anbieten, bei dem die Bedürfnisse des entsendeten Mitarbeiters und seiner Familie im Mittelpunkt stehen. „Und davon profitieren in ganz besonderen Maße auch die Unternehmen“, betont die studierte Betriebswirtin.

„Die Leute kommen in die USA oder nach Stuttgart, um einen wichtigen Job zu machen – sonst wären sie nämlich nicht ins Ausland geschickt worden“, erklärt Corinne Walker. „Wenn sie ihre Energie in den ersten vier Wochen dazu verwenden, den täglichen Kleinkrieg zu meistern, kommt das die Firma teuer zu stehen.“ Informationen aus erster Hand über die Besonderheiten der neuen Umgebung schon vor der Abreise zu bekommen, sei für die Mitarbeiter beim Auslandseinsatz daher ganz entscheidend. Nicht zuletzt auch für die Familienangehörigen: „Es kann nicht sein, dass eine Ehefrau umzieht und nicht weiß, was sie erwartet und wohin sie umzieht.“

Ihre Kunden besucht Walker daher, solange sie noch in Deutschland sind, und bespricht mit ihnen in aller Ruhe, welche Sorgen und Erwartungen sie haben. Sechs bis acht Wochen vor der endgültigen Abreise ist dann der so genannte Look-and-see-Trip. Geschulte Betreuerinnen, welche die Bedürfnisse des Entsendeten und seiner Familie aus eigener Erfahrung kennen, helfen schließlich bei der Eingewöhnung. Und für alle Kunden, die lieber in der leeren Wohnung auf den Übersee-Container warten als im Hotelzimmer, stellt COWA sogar ein Survival-Kit bereit. Inklusive Camping-Matratze und Bettzeug.

Mehr zum Thema in einem Interview mit Corinne Walker: Alles in der richtigen Reihenfolge

www.cowa-inc.com

Wednesday, March 14, 2007

Joschka erklärt Europa

Das Foto auf der Vortragsankündigung stammte eindeutig aus sportlicheren Zeiten – Joschka Fischer sieht einfach nicht mehr so hager aus wie damals, als er noch Marathon lief. Dafür verkörpert er jetzt sehr schön den elder statesman; seine Gastprofessur in Princeton verleiht ihm zusätzliche Statur. Heute unternahm Fischer einen Abstecher von der Ostküste nach Ann Arbor, um am European Union Center der U of M einen Vortrag zu halten. Der Titel: „Redefining the European Union: Why it matters to the US.“

Das hört sich spannend an, und nicht zuletzt deswegen kamen auch erstaunlich viele Deutsche in den Michigan League Ballroom, um zu hören, wie Joschka Fischer die EU neu definiert. Nun, sieJoschka Fischer beim Votrag in Ann Arbor, Michigan League Ballroom © Cornelia Schaible
sahen sich enttäuscht. Da wurde nichts umdefiniert. Aber immerhin hörten sie eine erstklassige Vorlesung über die Geschichte der EU mit besonderer Berücksichtigung der Rolle, welche die USA bei der Entstehung spielten. Joschka erklärt Europa. Vorher gab’s aber noch eine Grußadresse an die deutschen Grünen – und an Tübingen, die Partnerstadt von Ann Arbor. Dort sei ein junger Grüner zum Bürgermeister gewählt worden, verkündete der frühere Außenminister stolz, ohne den Namen Boris Palmer zu nennen. „Things are moving in the right direction with the greens“, sagte Fischer. Und, klar: „Tübingen is a wonderful place.“

Im Folgenden ließ der Grüne Fischer die Parteizugehörigkeit aber außen vor, seine Nationalität ebenfalls, und er gab sehr überzeugend den Europäer. „We Europeans“ begannen etliche seiner Sätze. Aber was ist das, ein Europäer? Der Neokonservative Robert Kagan habe einmal gesagt, so Fischer, die Europäer seien von der Venus und die Amerikaner vom Mars. Dabei war der europäische Kontinent lange der Kontinent des Krieges! Was Kagan nicht verstanden habe: „Die Europäer haben Mars überlebt.“ Allen voran natürlich die Deutschen – Fischer sagte nie „wir Deutschen“ –, die sich nach dem „Prozess der Selbstzerstörung und der Zerstörung ihrer Nachbarn“ heute dem europäischen Gedanken verpflichtet sehen. Franzosen und Deutsche leben in Frieden, nachdem sie 300 Jahre gegeneinander Krieg geführt hatten. Fischer: „Meine Generation ist die erste, die nicht in den Krieg zog“ gegen die französischen Nachbarn.

Die „Vereinten Staaten von Europa“ kämpfen laut Fischer nun nicht mehr um ein „Gleichgewicht der Mächte“ und führen Kriege, sondern verfolgen gemeinsame Interessen. Die Gründung der EU bedeutete „das Ende der Ära des Nationalismus“. Und andere Staaten auf europäischem Boden, die das mit der Demokratie und dem friedlichen Miteinander auch vorher schon ganz gut hingekriegt hatten, wie die Skandinavier und die Briten, schlossen sich aus pragmatischen Gründen an. Für arme Länder wie Irland oder Portugal, einst Exporteure von Arbeitskräften, führte die Mitgliedschaft in der EU zu beachtlichem wirtschaftlichem Aufschwung. Frieden, Stabilität und Wohlstand: eine Erfolgsgeschichte. „Und die osteuropäischen Mitglieder werden diese Erfahrung teilen“, sagte Fischer, der beim Reden lässig die linke Hand in die Hosentasche steckte, falls er nicht gerade beidhändig gestikulierte.

Und was die USA damit zu tun haben? Nun, „die Mehrheit der gefallenen amerikanischen Soldaten liegt in Europa begraben“, so Fischer. Dass die amerikanischen Truppen nach dem Krieg in Europa stationiert blieben, sei eine Voraussetzung für die Gründung der EU trotz stalinistischer Bedrohung gewesen. Und als in Jugoslawien die alten nationalistischen Dämonen wieder erwachten, brauchte es die USA, um die Grundlage für das europäische Engagement im Kosovo zu schaffen. Er bereue nur, dass sich Europa in den Konflikt nicht früher eingemischt habe, sagte Fischer, der 1999 als Außenminister maßgeblich die deutsche Beteiligung am Kosovo-Krieg unterstützte.

Dass die EU bei all dem aber keine Supermacht-Ambitionen hege, betonte Fischer mehrfach. An die Adresse der Weltmacht USA gerichtet, sagte er: „If you don’t lead, we will be in a vacuum. Europe cannot fill that vacuum.“ Europa könne aber mit den USA gemeinsam handeln, so Fischer – immerhin seien die Europäer erwiesenermaßen Experten darin, Diktaturen zukunftsfähig ("sustainable") zu überwinden.

Saturday, October 28, 2006

Alles wegen RaDau

Die Stadt Daun in der Vulkaneifel, so erfahre ich bei Wikipedia, ist berühmt für ihre Maare und ihre Mineralquellen. Außerdem befindet sich dort ein Vulkanmuseum sowie eine Lokalredaktion des „Trierischen Volksfreundes“ – jawohl, so kann eine Zeitung heute noch heißen. Was man im Wikipedia-Artikel (noch) nicht erfährt: Die Stadt hat es sogar in ein amerikanisches Schulbuch geschafft, genauer gesagt in ein Deutschbuch. Das verdankt sich allerdings nicht den oben genannten Sehenswürdigkeiten, sondern einem Dauner Schülerradio mit dem schönen Namen RaDau. Und weil die Deutschlehrerin Janet Harris darüber mehr wissen wollte, konnte ihre Klasse an der Farmington High School in Metro Detroit schließlich sogar einen leibhaftigen Dauner begrüßen: Der Anglistikstudent Tobias Reiche, 25, absolvierte vor kurzem ein Praktikum in Farmington.

Ich gebe zu, an diesem Punkt wird die Geschichte ein bisschen kompliziert. Aber Tobias Reiche hat mir den Hergang geduldig erklärt, und vielleicht schaffe ich es sogar, seinen stundenlangen Bericht einigermaßen kurz wiederzugeben. Reiche war nämlich keinesfalls beim Schülerradio mit von der Partie – aber er besuchte das Gymnasium, an dem RaDau gemacht wird: das Thomas-Morus-Gymnasium. In einem mediengeschichtlich frühen Zeitalter, nämlich vor über 18 Jahren, richtete dort eine „Truppe unerschrockener Radiomacher“ ein rudimentäres Tonstudio mit Eierkarton-Schalldämmung ein. So steht es jedenfalls auf der RaDau-Website. Die karge technische Grundausstattung, bestehend aus alten Tonbandgeräten und Kassettenrekordern, konnte „dank Spenden der heimischen Wirtschaft“ offenbar rasch modernisiert werden.

Wie man ebenfalls auf der Website erfährt, standen bald nicht nur Pausensendungen auf dem Programm: „Seit 1994 ist RaDau Mitausrichter der internationalen Jugendmedienwoche.“ In jenem Jahr brachte das Magazin „Juma“ für junge Deutschlernende, das bis vor kurzem auch in Detroiter Deutsch-Klassenzimmern herumlag, einen Bericht über RaDau. Und dieser Artikel diente dann als Grundlage für den Text im US-Lehrbuch „Deutsch aktuell“. Die Zeitschrift „Juma“ wurde übrigens Anfang dieses Jahres eingestellt – RaDau existiert augenscheinlich immer noch. Die Website des Schülerradios wurde allerdings schon lange nicht mehr aktualisiert. Eine der letzten Eintragungen im Gästebuch ist die von Janet Harris am 2. März 2003: „Wissen Sie, dass Radio Daun in einem amerikanischen Lehrbuch für Deutsch als Fremdsprache vorkommt? (…) Meine Schüler würden sich freuen, wenn Sie von sich hören lassen.“

Das Dauner Thomas-Morus-Gymnasium ließ tatsächlich von sich hören, dann kam wieder Post aus Farmington, und im Juli 2004 berichtete sogar der „Trierische Volksfreund“ über „RaDau im US-Lehrbuch“. Es lebe die Medienvielfalt! Den Artikel im Lokalblatt las – nein, nicht Tobias Reiche, der studierte nämlich seit 2002 Anglistik und Politikwissenschaft in Koblenz. Auf Lehramt. Seine Mutter habe den Artikel gefunden, erzählt Reiche, und sie habe auch die Idee gehabt, er könne mit Janet Harris im fernen Farmington Kontakt aufnehmen. Sogar Lokalzeitungen können mitunter eine globale Wirkung entfalten.

Harris lud den Anglistikstudenten schließlich ein, ein Praktikum an ihrer High School zu machen, was Reiche nicht ungelegen kam – er wollte schon lange mal die Verwandtschaft in Amerika besuchen. Das Visum erhielt er allerdings buchstäblich in letzter Minute: an einem Freitagnachmittag kurz vor Dienstschluss des US-Konsulats, 24 Stunden vor dem Abflug. Tobias Reiche zeigt auf einer Deutschlandkarte, wo er herkommt © Cornelia SchaibleVorausgegangen war eine hektische Fahrt im Smart nach Frankfurt, die Tobias Reiche sehr mitreißend schildern kann. Dass der junge Deutsche ein so kleines Auto fährt – und das auf der German autobahn! – darüber konnten sich die Schüler aus Farmington übrigens nicht genug wundern.

Dafür staunt Tobias Reiche, der am 1. August in den USA ankam, immer noch darüber, „wie groß hier alles ist“ – nicht nur die Autos. Vom Fußballfeld der Farmington High School, die 1400 Schüler hat, werden seine Freunde zu Hause sicher noch viel hören. „Das wäre der Traum eines jeden Regionalligisten!“ Was ihm sonst noch aufgefallen ist: „Der total offene Umgang miteinander.“ An der Farmington High School gehe es deutlich unverkrampfter zu als seiner alten Schule, sagt Reiche, der im Moment noch auf Verwandtenbesuch ist und am letzten Oktobertag wieder nach Deutschland zurückfliegt. „Das freundliche und entspannte Miteinander in den Klassen, auch zwischen Schülern und Lehrern, hat mich sehr beeindruckt.“

Wednesday, October 4, 2006

Sophia Holley Ellis

„Vielleicht ist es ein Weltrekord“, sagt Sophia Ellis. Im Bundesstaat Michigan sei sie jedenfalls bestimmt die dienstälteste Lehrkraft. Die Detroiter Deutschlehrerin, die im Juni in den Ruhestand ging, kann in der Tat auf eine stattliche Anzahl von Dienstjahren zurückblicken: Seit 1950 stand sie im Dienst der Detroit Public Schools, zuletzt an der Martin Luther King High School.

Ganz am Anfang ihrer Laufbahn hatte Sophia Ellis naturwissenschaftliche Fächer unterrichtet, später aber vor allem Deutsch – dieser Sprache galt schon immer ihre ganze Leidenschaft, auch außerhalb des Klassenzimmers. Für ihre Verdienste wurde Ellis gestern bei einem Empfang der deutsch-amerikanischen Handelskammer anlässlich des Tages der Deutschen Einheit vom deutschen Honorarkonsul Fred Hoffmann geehrt.

„In Deutschland haben mich die Leute manchmal gefragt, warum ich so viel Deutsch gelernt habe“, erzählte Sophia Ellis den Gästen beim Empfang im Historischen Museum Detroit. „Und ich sagte dann, ich wollte eine berühmte Wissenschaftlerin werden!“ Darauf habe sie ihr Pate gebracht, hatte sie mir schon früher einmal erklärt: „Er sagte, dass alle großen Wissenschaftler aus Deutschland kommen.“ Wie der Mediziner Robert Koch. Und sie träumte davon: „Ich würde werden wie er.“

Zu diesem Zweck las sie eifrig die Detroiter Abendpost und hörte deutsches Radio. Deutsche Einwanderer waren bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die dominierende ethnische Gruppe inSophia Ellis, Barbara Weidendorf und eine Schwarzwälder Kirschtorte © Cornelia Schaible Detroit, und so lernte Ellis die Sprache schon als junges Mädchen. Auch an der High School belegte sie Deutsch als erste Fremdsprache. Und sie setzte sich in den Kopf, auf jeden Fall zu studieren.

Ihren Bachelor-Abschluss machte Ellis 1949. Dann wurde sie Lehrerin für Biologie – „ich musste einfach Geld verdienen“. Ihre Deutsch-Studien betrieb sie nebenher weiter. 1964 absolvierte sie in Ann Arbor an der University of Michigan noch ihren Master in deutscher Sprache und Literatur, als einzige schwarze US-Amerikanerin in jenem Jahr. Ihren Traum, einmal nach Deutschland zu reisen, hatte sie sich schon Jahre vorher erfüllt: Im Sommer 1955 arbeitete Ellis erstmals bei einem Freiwilligen-Projekt mit und half dabei, einen Bunker in einen Kirchenraum umzubauen. Die Bunkerkirche St. Sakrament in Düsseldorf-Heerdt ist heute ein Baudenkmal. Zur deutschen Gastfamilie von damals hält Sophia Ellis bis heute Kontakt.

Für ihre Bemühungen um die deutsch-amerikanischen Beziehungen erhielt Ellis 1995 das Bundesverdienstkreuz. Und erst jüngst wurde sie in Washington vom National Council for International Visitors mit dem „Educator of the Year Award“ ausgezeichnet. „Insgesamt hat sie in diesem Jahr schon acht Auszeichnungen bekommen“, staunte Honorkonsul Hoffman beim Handelskammer-Empfang. Verabschiedungs-Partys gab es noch ein paar mehr: Besonders zünftig feierte der Deutschlehrer-Stammtisch im „Rathskeller Dakota Inn“ – mit einer prächtigen Schwarzwälder Kirschtorte zum Dessert (siehe Bild oben).

Ein ausgedehnter Aufenthalt in Deutschland – am besten ein ganzes Jahr – gehört zu Ellis‘ Plänen für den Ruhestand. Außerdem will sie ihre endlich ihre Doktorarbeit in Angriff nehmen. Sophia Ellis: „Hoffentlich werde ich fertig, bevor ich 98 bin.“

Mehr über Sophia Ellis: Fremdsprache als Freiraum

Friday, May 19, 2006

Der Schokoladenflieger

Gail Halvorsen hat Humor. Sonst wäre er einst wohl kaum auf die Idee gekommen, aus Taschentüchern und Bindfäden Fallschirmchen zu fabrizieren und daran Schokoladetafeln aufzuhängen. Es brauchte mehr als Mut, um diese süße Fracht dann bei der Berliner Luftbrücke über der von Russen eingeschlossenen Stadt abzuwerfen - eine ordentliche Portion jugendlicher Übermut und Leichtsinn gehörte zweifellos auch dazu. So wurde aus dem Piloten der US-Luftwaffe der "Candy Bomber" und eine Figur der Zeitgeschichte.

Das breite Lachen, das auf den Schwarzweißfotos von damals auffällt, hat sich Colonel Halvorsen bis heute bewahrt. Auch das Fliegen hat der 85-Jährige nicht aufgegeben. Einer der Rosinenbomber, eine C-54, wird heutezutage als Museumsflugzeug bestaunt. Der Schokoladenflieger selbst wirkt ganz und gar nicht antiquiert. Man kann mit ihm sogar über E-MailGail Halvorsen, der Candy Bomber © Cornelia Schaible
korrespondieren - ich habe weitaus jüngere Bekannte, die sich nicht mehr mit dem Internet anfreunden wollen. Als ich Halvorsen beim Deutschlehrer-Stammtisch in der Detroiter "Dakota Inn" kennenlernte, scherzte er über sein Alter: "Meine Frau und ich sind zusammen 167 Jahre alt", sagt er, "und ich bin derjenige, der über 100 ist."

Das ist natürlich charmant, vor allem wenn man bedenkt, dass er mit seiner Jugendliebe verheiratet ist. Lorraine Pace Mitchell war seine feste Freundin zu Schulzeiten - "his Bear River High School steady of 1939", steht in Halvorsens offizieller Kurz-Biografie. "Sie war ein Cowgirl", erklärte der Colonel beim Stammtisch, "und das gefiel mir." Aber dann kamen Hitler und der Krieg dazwischen. "Then she met someone with more hair", sagt Halvorsen und lacht.

Halvorsen heiratete erst, als er in Deutschland schon eine Berühmtheit war - im April 1949 gab der Schokoladepilot Alta Jolley aus Zion National Park das Ja-Wort. Den Heiratsantrag hatte er ihr mit einem Fallschirmchen gemacht - der Ring war daran aufgehängt. Aber flugtüchtig war das Verlobungsgeschenk offenbar nicht, denn er musste es von Hand übergeben. Davon existiert ein Foto: Beide scheinen sich dabei köstlich zu amüsieren. "Alta is responsible for most of the good things that ever happened to him", steht in seiner Biografie. Sie starb kurz vor dem 50-jährigen Ehejubiläum.

Und Lorraine? Sie war schon seit Jahren verwitwet, als sie ihren alten Schwarm im Fernsehen wiedersah. Darauf nahm sie Kontakt zu ihm auf - "and we started dating again", erzählte Halvorsen. Vor sechs Jahren heirateten die beiden. Im Sommer leben sie auf einer Farm in Utah, und die Wintermonate verbringen sie im sonnigen Arizona. "Wir wandern viel", sagt Gail Halvorsen, den die Freunde "Hal" nennen. Auch die Leidenschaft für Pferde verbindet Gail und Lorraine - auf der Visitenkarte des Candy Bombers ist nicht etwa eine C-54 abgebildet, sondern ein stilisierter Reiter. "Wenn Gott wollte, dass wir überall hin zu Fuß gehen", so Halvorsen mit einem Augenzwinkern, "warum hätte er uns dann Pferde gegeben?"

Mehr über den Candy Bomber gibt's auf "Wirtschaftswetter": Der süße Geschmack der Freiheit