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Wednesday, August 14, 2013

Studentenstadt mit wechselnder Besetzung

„Dohoggeddiadiaemmerdohogged.“

Gesehen kürzlich, bei einem Heimatbesuch: Das Wortungetüm, ein klassisch schwäbischer Spruch, beschildert eine rustikale Bank in der Tübinger Altstadt. Die Bank befindet sich vor dem Restaurant „Mauganestle“ an der Burgsteige, die wir erklimmen, um mal wieder die Aussicht vom Schloss Hohentübingen zu genießen. Auf die Stadt und die Stätte meiner Bildung am Neckar. Die Bank selbst ist zu diesem Zeitpunkt übrigens verwaist – wer setzt sich schon am helllichten Tag vor ein Lokal. Aber vor dem benachbarten Wohnhaus sind sämliche Sitzgelegenheiten vergeben.

Ein paar junge Männer, offenbar Mitglieder einer Studenten-WG, hängen herum, blinzeln in den leicht bedeckten Himmel, rauchen und haben nichts zu tun. Als wir wieder herunterkommen, bietet sich das gleiche Bild gepflegten studentischen Müßiggangs, nur mit neuen Darstellern. Übrigens ist die ganze Stadt voll mit jungen Leuten, die keinerlei Eile zu haben scheinen, und in den Straßencafés ist kaum ein Tisch mehr frei. In der Tat: Da hocken die, die immer da hocken. Nur eben mit wechselnder Besetzung. Generationen von Studenten kommen und gehen, aber es sieht immer noch aus wie vor dreißig Jahren. Und falls das Studieren tatsächlich stressiger sein sollte als damals, lassen sich die heutigen Protagonisten davon nichts anmerken.

Warum sollten sie auch. Alles geht seinen gewohnten Gang; das Pflaster in den mittelalterlichen Gassen ist holprig, aber die Stocherkähne gleiten leicht über den Neckar. Alles beim Alten und doch immer wieder jung und gerade erst eingetroffen. Nur die arbeitende Bevölkerung, die das Ganze am Laufen hält, wird ernsthaft älter. Ich werfe einen Blick in die italienische Café-Bar am Affenfelsen, wie der Volksmund das Stück Mauer nennt, wo auch die hocken die da immer undsoweiter, und da steht tatsächlich Michele, der hinter seiner Espressomaschine grau geworden ist. Ansonsten hat er sich nicht verändert, und er bietet nach wie vor einen erfreulichen Anblick. Soll heißen, in der Rückenansicht. Ein echter Barista legt großen Wert auf den tadellosen Sitz seiner Hosen. Davon könnten die Jungen noch was lernen.

Ein Stück weiter auf dem Marktplatz steht der Crêpes-Mann in seinem Stand, gießt Pfannkuchenteig auf die heiße Platte und zieht ihn dann wieder ab, so dass nur eine hauchdünne Schicht zurückbleibt. Seit Jahrzehnten macht er das. Er ist irgendwie hängen geblieben in der Unistadt. Manch einer ist da verhockt. Goethe kam 1797; er blieb nur kurz. Im Gegensatz zu Hölderlin. Der zog 1807 in den Turm, der später nach ihm benannt wurde, und wohnte 36 Jahre lang dort. Bis zu seinem Tode. Das Gebäude an der Neckarfront ist postkartengerecht restauriert. Schräg gegenüber am anderen Ufer befindet sich mein altes Gymnasium, nur ein paar Schritte entfernt von der Hauptredaktion meiner Heimatzeitung. Ich bin nie sitzen geblieben.

Wenn man längere Zeit in den USA gelebt hat, kommt einem Europa älter vor. Sowieso. Was der spanischen Kolonisierung in Nordamerika voranging, ist im allgemeinen Bewusstsein wenig präsent. Die „Schätze der Menschheit“, die das Tübinger Schlossmuseum zeigt, sind vergleichsweise berühmt und auch Gegenstand des Lokalstolzes, wie das Elfenbeinpferdchen aus der Vogelherdhöhle, 35.000 Jahre alt. Wir treffen nachmittags kurz vor Torschluss ein und haben daher keine Gelegenheit zum Museumsbesuch, aber ich habe es schon früher mehrfach gesehen. Das kleine Kunstwerk relativiert manches.

Auf dem Rückweg die Burgsteige abwärts, kurz nach der Bank und den müßiggängerischen Studenten, fällt meinem Mann eine Jahreszahl auf: „1491“ steht da auf einem Schlussstein in einem Türbogen. 1491! Damals mussten bereits Studenten in diesen Gassen unterwegs gewesen sein – die Universität wurde 1477 gegründet.

Kolumbus war im Jahr 1491 gerade in Spanien und suchte nach einem Sponsor für seine Expedition. Erst nach dem Fall von Granada im folgenden Jahr hatte der Genueser Erfolg mit seinem Fundraiser.

Monday, July 8, 2013

Ein leeres Nest

Neben dem Bett, das mir beim Besuch meiner Schwiegerfamilie als Schlafstatt dient, sitzt ein ziemlich großer Teddybär. Das leicht ramponierte Plüschtier hat Schlappohren und entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Schaf, was aber nichts daran ändert, dass es ziemlich verwaist aussieht. Obwohl es grinst. Die Nichte meines Mannes, der dieses Zimmer gehört, ist zum Studieren in eine andere Stadt gezogen, und Schmusetiere dürfen da nicht mit.

Fort. Ausgeflogen. Das ist der Lauf der Welt, sagt meine Schwägerin und hat natürlich recht – schließlich will keiner, dass der Nachwuchs den Absprung nicht schafft und für ewig im Kinderzimmer hocken bleibt. Die Nestwärme besitzt ein Verfallsdatum. Trotzdem: Dieses Jungmädchenzimmer, dessen Wände und Schranktüren mit Fotos tapeziert sind, stimmt mich schon ein wenig melancholisch.

Interessanterweise handelt es sich fast ausschließlich um persönliche Fotos, nicht etwa um Posters von Stars oder Sternchen. Bilder aus Kinderzeiten, mit Bruder und Schwester in Wanderkleidung vor Dolomitenspitzen. Ein Jugendbild der Mutter. Ein Bild des Großvaters mütterlicherseits, der vor ein paar Jahren verstarb – es muss ein schmerzlicher Verlust gewesen sein, denn die entsprechende Todesanzeige steht gerahmt auf dem Nachttisch. Gleich neben dem Wecker.

Die meisten Fotos zeugen von eher fröhlichen Zeiten: Das Hochzeitsfoto der Schwester, die ein paar Jahre älter ist, aber immer noch sehr jugendlich aussieht. Es ist eine wirklich schöne Braut. Schnappschüsse von Partys, auf denen sich junge Menschen die größte Mühe geben, cool auszusehen. Blödelbilder mit Freundinnen, die ein bunter Rahmen adelt. Der Bruder mit einem jungen Mann, der auch auf anderen Fotos zu sehen ist. Das muss der Freund sein.

Über dem Kopfende des Bettes hängen ein paar einzelne Fotos, mit Tesafilm an die Tapete geklebt. An einem davon steckt ein Papierfetzen, auf dem gekritzelt steht: „Schlaf schön mein Schatz.“ Ohne Komma. Ich schaue mir das Foto näher an und erkenne den als Freund identifizierten jungen Mann, der in einem Bett zwischen roten Kissen liegt und schläft. Und im Arm hält er, aber hallo, das plüschige Schaf. Genau das, das am anderen Ende des Bettes sitzt und dümmlich grinst.

Vielleicht behält sie wenigstens den Freund, und er darf ins Erwachsenenleben mitkommen.

Wednesday, October 31, 2007

Unheimlicher Spaß

Als ich ein Kind war, schnitzte ich in dieser Jahreszeit Rübengeister. Meine etwas jüngere Kusine war mit Eifer dabei. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wer uns das beigebracht hatte, aber irgendwie muss sich ein bisschen geisterhaftes Treiben auch im Schwabenland gehalten haben – eine vage vorchristliche Erinnerung an den Vorabend des Tages, aus dem die Kirche Allerheiligen machte.

Unsere Rübenfratzen hatten allerdings keinen Bezug zu organisiertem Brauchtum; wir freuten uns einfach an den von Kerzen erleuchteten Maskengesichtern. Und meine Kusine verspeiste einmal voll Genuss ein Stück Rübe, das über der Flamme geröstet war. Das Wort Halloween kannten wir damals noch nicht. Und wir forderten keine Süßigkeiten, auch nicht beim Laternenlaufen, das sich eher sporadisch ergab.

Wie ich auf Wikipedia erfahre, hat sich im deutschsprachigen Raum aber gelegentlich ein Heischebrauch um die Rübengeister erhalten, der mancherorts im Martinssingen am 11. November aufgegangen ist: Die Kinder ziehen mit ihren Lichtern von Haus zu Haus und bitten um Süßigkeiten. Genau wie bei den Iren, die verwandtes Brauchtum einst nach Nordamerika exportierten. Dass es nun in Deutschland in veränderter Form wieder eingeführt wird, freut nicht alle – Halloween scheint derzeit der am meisten verhasste US-Import zu sein. Selbst Santa Claus im roten Kunstfaserkostüm hat mehr Fans.

„Süßes oder Saures" – für die evangelische Kirche ist das keine Frage. Am 31. Oktober ist Reformationstag, und sonst gar nichts. Hielt sie im vergangenen Jahr für Kinder noch Lutherbonbons bereit, heißt es heuer für Halloween-Anhänger: „Gib ihnen Saures!" Bislang war mir ein Rätsel, wie sich Halloween überhaupt so schnell ausbreiten konnte. Noch im Jahr 2003 veröffentlichte ich einen Hintergrundsartikel in der „Südwestpresse" über den seltsamen Feiertag, der auch in den USA immer mehr an Bedeutung zulegt. Zitat: „Gemessen am Konsumverhalten darf Halloween inzwischen zu den höchsten amerikanischen Feiertagen gerechnet werden. Zu keiner anderen Zeit werden mehr Süßigkeiten genascht. Das traute Heim wird nur noch zu Weihnachten üppiger dekoriert als für den 31. Oktober."

Heute las ich auf Zeit-Online, dass kurioserweise der Golf-Krieg zur Ausbreitung der fremden Halloween-Bräuche beitrug – als Präsident Bush senior erstmals gegen den Irak ins Feld zog, wurde vielerorts der Karneval aus Pietätsgründen abgesagt. Stattdessen wurden die Faschingskostüme dann an Halloween getragen. So sieht erfolgreiches Marketing aus.

Aber auch die Amerikaner treiben es jedes Jahr bunter, wenn es wieder auf Ende Oktober zugeht. Neuerdings ist Halloween sogar auf den Hund gekommen – Herrchen kann aus einer Vielzahl von Verkleidungen wählen. Sehr hübsch sind alle möglichen tierischen Kostüme, von Marienkäfer bis Stinktier.

Mein Vorschlag, wie Hundchen auf jeder Halloween-Party garantiert gut ankommt: als Hot Dog.

Thursday, April 5, 2007

Alles wird Knut

Was in Deutschland passiert, halten die US-Medien nur selten für berichtenswert. Neuerdings schicken sie aber so viele Journalisten nach Berlin wie seit den Tagen des Mauerfalls nicht mehr. Nein, die gehen nicht ins Regierungsviertel – die machen einen Besuch im Zoo. Das EU-Jubiläum? Zum Gähnen. Mit Cuddly Knut ist das schon etwas anderes: Seit Tierschützer dem Berliner Eisbärenbaby am liebsten das Fell über die Ohren gezogen hätten, weil es nicht artgerecht gehalten wird, hat Germany einen neuen Sympathieträger. Und das ist Knut so!

Sogar auf die Titelseite der „New York Times“ hat es der kleine Eisbär geschafft. CNN zeigte mehrfach zu bester Sendezeit, wie Knut vergnügt durchs Gehege purzelt. Das sei aber auch das süßeste Eisbärjunge, das man sich vorstellen können, schwärmte eine Sprecherin. Noch viel niedlicher als die in freier Wildbahn, die sie auf dem „Discovery Channel“ gesehen habe. Nun, die Eisbären am Nordpol haben auf alle Fälle weniger Spielzeug. Und so freut sich die ganze Welt, wenn Knut seinen Fußball zerbeißt, eine Klobürste apportiert oder sich in seiner Schmusedecke verheddert.

Knut ist immer bestens gelaunt. Knut darf aber auch alles. Die Kinder auf der anderen Seite des Zaunes, die gewiss nicht alle artgerecht gehalten werden, gucken da immer ganz neidisch: Knut kann sein weißes Plüschfell nach Herzenslust im Sand eindrecken. Ja, so lieben wir die wilden Tiere: Knuddelig, waschbar und mit Milchzähnen. Knutchen scheint rundum glücklich in seiner kleinen Welt, die er mit großer Neugierde erkundet. Wahrscheinlich wären wir auch gerne wie Knut. Denn Knut ist gut.

Dummerweise werden kleine Eisbären ziemlich schnell groß. So ist zu befürchten, dass sich sogar so ein tapsiger Wonneproppen wie Knut irgendwann zum Problembären auswächst. Aber schließlich heißt er nicht Bruno. Er lebt auch nicht in Bayern, sondern in Berlin. Und Berlin ist, wie wir alle wissen, zwar arm, aber… bärig. Im Übrigen sollte man nicht so pessimistisch sein. Alles wird Knut.

Saturday, December 2, 2006

Pelzmärte und Co.

In meiner Kindheit gab es um die Weihnachtszeit mehrere Gabenbringer, die allerdings nicht alle gleich beliebt waren. Eher von der netten Sorte war der Nikolaus: Er kam in der Nacht zum 6. Dezember und steckte Nüsse und Schokolade in meine dicken Winterstiefel. Falls er eine Rute dabei hatte, brauchte mich das nicht zu stören – ich schlief um diese Zeit. Für die Geschenke an Weihnachten war bei uns daheim das liebe Christkind zuständig, von dem man ebenfalls nichts zu befürchten hatte. Allerdings war am Christfest noch eine andere Bescherfigur unterwegs, die weitaus weniger Begeisterung bei den Kindern hervorrief: der Pelzmärte. Mit dem drohten uns die Erwachsenen, wenn wir nicht brav waren.

Der Pelzmärte war eine wilde Gestalt mit äußerst zwiespältigem Charakter. Erst drohte er mit Rutenhieben, aber dann ließ er sich doch erweichen, folgsame Kinder mit guten Gaben aus seinem groben Rupfensack zu bescheren. Ich erinnere mich allerdings nicht, ob ich ihm jemals begegnet bin, solange ich noch an ihn glaubte. An Weihnachten gab es übrigens auch Schokoladen-Nikoläuse. Der Begriff „Weihnachtsmann“ kam in meiner Kinderwelt hingegen nicht vor. Und erst viele Jahre später machte ich mir überhaupt Gedanken über die seltsamen gabenbringenden Figuren aus meiner Heimat am Rande der Schwäbischen Alb.

Als ich in Rottenburg am Neckar bei der Lokalzeitung arbeitete, zeigte sich nicht zuletzt, dass ich in Sachen Brauchtum einiges aufzuarbeiten hatte. Aufgewachsen bin ich in der Nähe von Tübingen, das zu Altwürttemberg gehörte und wo die Reformation mit vielen volkstümlichen Bräuchen gründlich aufgeräumt hatte. Im nahen Rottenburg, das unter vorderösterreichischer HerrschaftNikolaus oder Santa Claus? © Cornelia Schaible katholisch geblieben war, hatten die alten Traditionen überlebt. Und in der Bischofsstadt wusste man auch genau, wie der Nikolaus auszusehen hatte – der trug nicht etwa ein rotes Kostüm mit weißem Pelzbesatz, wenn er über den Weihnachtsmarkt schritt, sondern das Gewand eines Bischofs mit Stab und Mitra. Wie es sich für den heiligen Nikolaus geziemt, denn der war im 4. Jahrhundert Bischof von Myra in Kleinasien. Der Heilige wurde unter anderem als Wohltäter der Kinder verehrt, und so machte er im volksfrommen Brauchtum als Bescherfigur Karriere.

In den evangelischen Flecken im angrenzenden Württemberg wurde der Nikolaus mit der Reformation allerdings in Rente geschickt – jegliche Form der Heiligenverehrung galt als suspekt. Wie mir meine Mutter erst kürzlich bestätigte, kam in ihrer eigenen Kindheit kein Nikolaus vor. Sankt Martin, als barmherziger Mantelteiler für die Rolle des Gabenbringers ähnlich qualifiziert, konnte sich jedoch auch auf evangelischem Gebiet über die Jahrhunderte mogeln. Wie dies möglich war, erfuhr ich bei einem Rottenburger Vortrag des Volkskundlers Werner Mezger.

Prof. Werner Mezger ist allen Fasnetsfans im Südwesten Deutschlands von Umzugs-Übertragungen im Fernsehen ein Begriff. Der Freiburger Brauchtumsforscher ist aber nicht nur ein renommierter Fastnachts-Experte – er hat sich auch intensiv mit Martinsbräuchen befasst. Das gehört enger zusammen, als man zunächst denkt. Zu den Erscheinungen der Brauchlandschaft in evangelischen Gebieten, so der Volkskundler, gehören vermummte Gestalten wie der Pelzmärte, eine ziemlich unheimliche Bescherfigur mit Anklängen an die Brauchgestalt des Nikolaus. Aber wieso dann Märte, also Martin? Ganz einfach: Der heilige Martinus wurde als Namenspatron von Martin Luther in den reformierten Gebieten eher toleriert als Nikolaus.

Wie austauschbar die beiden Brauchgestalten mancherorts sind, zeigt sich an ihren dienstbaren Geistern: Knecht Ruprecht, ursprünglich ein Begleiter des heiligen Nikolaus, ist im Fränkischen mit dem „Pelzmärtl“ unterwegs, wie mir eine Freundin berichtete. Die eindeutig negativ besetzten Gestalt des Ruprecht – als Brauchtumsfigur ein Kapitel für sich – hat ihren Ursprung in einem mittelalterlichen Kinderschreck. Häufig sind aber der Heilige und sein wilder Knecht zu einer einzigen Figur verschmolzen, was deren seltsam unberechenbares Wesen erklärt. So erinnert bei Pelzmärte und Konsorten nur noch der Name an einen frommen Mann. Abgesehen davon ist den „eigentümlichen Zwitterscheinungen zwischen den Brauchgestalten Martinus und Nikolaus“ (Mezger) ein entschieden unheiliges Auftreten gemeinsam.

Kein Wunder, dass der Nikolaus in einer modernen bürgerlichen Ausgabe plötzlich überall salonfähig wurde: Meine Geschwister und ich hatten von einer weitgehend säkularisierten Neuauflage der Tradition profitiert. Und dieser Neuzeit-Nikolaus verdrängte die konkurrierende Brauchgestalt dann ziemlich schnell – als meine Großeltern nicht mehr lebten, war auch der Pelzmärte aus dem familiären Sprachgebrauch verschwunden. Gleichzeitig feierte der heilige Martinus ein Comeback in seiner ursprünglichen Gestalt – der Volkskundler sieht das als „Braucherneuerung“. Nicht nur im Bistum Rottenburg-Stuttgart, wo der Heilige als Diözesan-Patron verehrt wird, begeht man den 11. November vielerorts mit Martinsritt und Mantelteilung. Oft wird das Martinsfest ökumenisch gefeiert. Deutsche im Ausland begreifen es sogar als wesentlichen Bestandteil ihrer Herkunftskultur: Eine deutsch-amerikanische Kindergruppe hier in Metro Detroit hat nun schon zum zweiten Mal einen Laternenlauf mit Martinsspiel organisiert.

Aber auch die Erscheinung von wilden Kläusen und anderen rauen Gesellen hat sich in einigen deutschsprachigen Brauchlandschaften bis heute gehalten; im Elsass etwa wird das Christkind von einer Schreckfigur namens Hans Trapp begleitet. Krampus heißt der Kerl im bairischen Sprachraum. Das Auftreten dieser Figuren ist dabei nicht unbedingt an Weihnachten gebunden – in einigen Schweizer Gegenden sind Silvesterkläuse unterwegs. Gelegentlich tragen sie Schellenstränge wie die Fastnachtsnarren. Da haben wohl einfach die wilden Gestalten, die seit germanischen Zeiten in den Nächten um den Jahreswechsel ihr Unwesen treiben, einen christlichen Namen angenommen. Und für alle gilt: "Von drauß' vom Walde komm ich her..."

Selbst der amerikanische Santa Claus, den die Niederländer als „Sinterklaas“ in die Vereinigten Staaten brachten, hat die wilden Sitten seiner europäischen Verwandten noch nicht ganz abgelegt: Immerhin steigt er durch den Kamin in die Häuser. Was eigentlich gar nicht zu seinem schönen roten Gewand passt. Und am Nordpol, wo Santa bekanntlich mit Mrs. Claus wohnt, unterstützt ihn ein ganzes Heer von Elfen bei den Weihnachtsvorbereitungen. Abgesehen davon tritt Santa, genau wie der deutsche Weihnachtsmann, heutzutage meist in einer gänzlich säkularisierten Form auf – von allen guten Geistern verlassen.

Wednesday, May 17, 2006

Lauch ohne Hauch

Reist jemand in nächster Zeit nach Deutschland? Ja? Nur zu, das lässt sich jetzt wieder gefahrlos tun. Die Bärlauch-Saison dürfte inzwischen vorüber sein. Mitte April, als mein Mann und ich auf Heimatbesuch waren, hatte das berüchtigte Kraut hingegen Hochkonjunktur. „Sie reisen zu früh ab“, rief der Wirt des Gasthofs „Adler“ in Blaubeuren aus der Küche, als wir unsere Koffer an der Rezeption vorbeirollten. „Am Samstag machen wir Maultaschen mit Bärlauch!“

Na, das hätte gerade noch gefehlt. Bekanntlich scheiden sich schon die Geister bei der Frage, ob Spinat in die Maultaschenfüllung gehört – meine Mutter beispielsweise würde darauf mit einem entschiedenen „Nein!“ antworten. Der Blaubeurener „Adler“-Wirt wiederum hält Maultaschen ohne Spinat nicht einmal für diskussionswürdig, wie er mir mit Nachdruck versicherte. Das ist in Ordnung, der Mann versteht sein Handwerk. Seine Schwaben-Ravioli schmeckten ausgezeichnet. Aber was bitte hat der Bärlauch darin verloren? Maultaschen mit Knoblauchgeschmack – Mahlzeit.

Wohlgemerkt: Ich mag das Knoblauchdüftlein, das einem Anfang April im süddeutschen Buchenwald in die Nase steigt. Riecht nach Frühling, auf eine ganz besondere Art. Es muss nicht immer Veilchen sein. Für mich ist das Liliengewächs Bärlauch (Allium ursinum) ein Natur-Erlebnis fürs Riechorgan. Unbestritten ist auch sein Platz in der Pflanzenheilkunde. Aber essen möchte ich das grüne Kraut nicht. Es erinnert mich an – nein, nicht wirklich an Knoblauch. Eher an Gras mit Knoblauchgeschmack. Mit dieser Meinung scheine ich indessen plötzlich alleine dazustehen. Deutschland isst Bärlauch. Und kein Gericht ist davor sicher. „Weißt du, jetzt werden schon ganze Menüs damit angeboten“, sagte mein Bruder, ein Feinschmecker und begnadeter Hobbykoch. „Von der Vorspeise bis zum Dessert – alles mit Bärlauch.“

Bärlauch, die grüne Pest auf dem Teller, besetzt in der Regional-Küche neuerdings die gastronomische Nische der Rucola. Ein echtes Zeitgeist-Kraut, das übrigens schon die jungsteinzeitlichen Siedler am Bodensee schätzten. Handelt es sich also in Wirklichkeit um einen Rückfall in die Jäger-und-Sammler-Phase in wirtschaftlich schwieriger Zeit? Im Gegensatz zu den Amerikanern, die mit dem Jagen nie ganz aufhörten, besinnen sich die Deutschen jetzt wieder aufs Sammeln. Und das trotz Fuchsbandwurm und Verwechslungsgefahr. Denn leider kommt es immer wieder vor, dass Kräuterunkundige die – ganz und gar nicht nach Knoblauch riechenden – Maiglöckchenblätter für Bärlauch halten und sich vergiften. Auch die Verwechslung mit Herbstzeitlosenblättern führte schon zu Todesfällen.

Wie sich bei unserer Deutschlandreise zeigte, vermag das niemanden abzuschrecken: Bärlauch scheint neuerdings in aller Munde. Selbst in einer sehr ländlichen Gemeinde auf der Schwäbischen Alb, ich glaube es war in Zwiefaltendorf, wo der Storch hoch droben fröhlich auf dem Nest klapperte, hatte das Dorfgasthaus „Bärlauch-Spezialitäten“ angeschrieben. Sogar Filialbäckereien haben neuerdings Brot und Brötchen im Programm, die gehäckselten Bärlauch enthalten. „Lauch ohne Hauch“, warb eine Bäckerei, in der wir frühstückten. Allerdings verzehrten wir Gebäck, das ohne die grünliche Zutat auskam. Hatte ich schon erwähnt, dass ich das Zeug nicht mag? Bärlauch mag vielleicht keine Knoblauchfahne nach sich ziehen, schmeckt dafür aber auch längst nicht so gut und rund und ausgewogen wie Knoblauch: Schmalspur-Knoblauch eben.

Nun, wie oben bereits besprochen, inzwischen kann man wieder unbesorgt nach Deutschland reisen. Die Maiglöckchen blühen, die Bärlauch-Pflanzen auch, und selbst der botanische Laie sollte die beiden jetzt auseinanderhalten können. Und wer Bärlauchpesto im Reformhaus kauft, kann sowieso davon ausgehen, dass die Pflanze vom Biobauern stammt. Nicht aus dem Buchenwald. Im Übrigen – was soll diese übertriebene Fixierung auf den Bärlauch. Der schmeckt jetzt ohnehin bitter. Leute, esst mehr Brennnesseln! Löwenzahn ist auch sehr lecker.

Wednesday, April 19, 2006

Randersackerer Ewig Leben

Wer eine Zeit lang in Amerika gelebt hat, sieht historisches Gemäuer in Good Old Europe plötzlich mit anderen Augen. Nicht, dass ich vorher keinen Gefallen daran gefunden hätte - ganz im Gegenteil. Aber wo mittelalterliches Mauerwerk Standard ist und das Landesdenkmalamt regelmäßig in Aktion treten muss, sobald jemand ein größeres Loch in den Boden buddelt, tritt eine gewisse Gewöhnung ein. Da braucht es schon ein römisches Klo wie in Rottenburg am Neckar, dem antiken Sumelocenna, um im Reiseführer überhaupt erwähnt zu werden. Zum Vergleich: Im 1701 gegründeten Detroit ist man schon froh, wenn ein Gebäude aus den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stammt; die ältesten erhaltenen Häuser in Corktown wurden zwischen 1830 und 1840 gebaut.

Und dann komme ich nach Würzburg und lese im "Stadtplan für Gäste" über die Festung Marienberg, dass es dort schon zur Hallstattzeit eine Fliehburg gab - rund 1000 Jahre vor Christus. Was heute hoch über der Stadt zu sehen ist, stammt zumindest teilweise noch aus dem Mittelalter. Ein Streifzug durch Jahrhunderte von Baugeschichte macht hungrig und durstig, und so kehren wir im Wirtshaus "Zum Stachel" ein: Das Gebäude wurde bereits im Jahr 1413 urkundlich erwähnt. Der nach dem stacheligen Morgenstern benannte Gasthof war ein wichtiger Schauplatz im Bauernkrieg. 1525 trafen sich dort die aufständischen Bauern, die sich mit den Würzburgern verbündet hatten. Bürgermeister Tilman Riemenschneider dürfte auch dabei gewesen sein.

Eine große Vergangenheit ist jedoch nicht alles. Offenbar pflegen die Würzburger auch im Hinblick auf alles Zukünftige eine großzügige Zeitrechnung: Wir trinken einen 2004er Randersackerer Ewig Leben. Prost.

Tuesday, April 11, 2006

Plastikgeld? Nein danke

Bei der Internet-Recherche nach einer Unterkunft im baden-württembergischen Blaubeuren stieß ich auf den "Adler". Zum Hotel gehört ein Restaurant. Erwartungsfroh klickte ich die Speisekarte an - selbst schwäbische Wirtschaften haben jetzt eine Website, wie praktisch. Das Angebot klang jedenfalls verlockend: "Hausgemachte Maultaschen, geröstet mit Ei und Salat Euro 7,50" - da lässt sich's wohl sein, dachte ich und schrieb sofort eine E-Mail zwecks Zimmerreservierung. Ich bot auch an, meine Kreditkartennummer mitzuteilen, falls gewünscht.

Nach wenigen Minuten hatte ich bereits eine Antwort in der Mailbox. Endlich mal ein ländliches Gasthaus, das auf der Höhe der Zeit ist! Die Freude währte nur kurz: "Sollten Sie dieses Zimmer buchen wollen, reicht es, wenn Sie mir diese Email bestätigen, denn wir akzeptieren leider keine Kreditkarten."

Seit dem vorigen Heimatbesuch hat sich offenbar nicht viel geändert. Damals lud ich meine Lieben in das renommierte Restaurant "Achalm" hoch über Reutlingen ein. Das Hirschgulasch mit Preiselbeerbirne war vorzüglich, die Schweinelendchen mit Spätzle tadellos, und das passende Viertele ließ Behaglichkeit aufkommen. Die Zeche kostete 120 Euro: angemessen. Ich zückte die Kreditkarte, und der Kellner erbleichte. "Nehmen wir leider nicht!" Irgendwie kriegten wir die Rechnung dann ohne Plastikgeld bezahlt, aber ich fand das doch etwas merkwürdig. Muss ich wirklich immer noch mit einem Bündel von Teuronen anrücken, wenn ich in einem deutschen Restaurant speisen möchte?

Nun, ich werde auch diesmal wieder ein paar Euro einstecken, damit es auf jeden Fall fürs Maultaschenessen reicht. "Wir werden eine extra große Portion für Sie herrichten", hat mir der Adler-Wirt in seiner E-Mail versprochen.