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Sunday, December 26, 2010

The Angel of the Lord Came upon Them

Anfang Dezember waren wir auf dem furchtbar kalten Weihnachtsmarkt in Birmingham, der ganz säkular als „Winter Market“ deklariert war. Wie auch immer. Jedenfalls waren da erwartungsgemäß viele Landsleute zugange, und ich schnappte den Bruchteil einer Konversation zwischen zwei deutschsprachigen Besucherinnen auf – offenbar waren beide froh, sich wieder einmal in der Muttersprache unterhalten zu können: „Man verlernt sein Deutsch immer mehr“, klagte die eine, „und das Englisch wird derweil nicht besser.“ Was die andere dazu meinte, habe ich nicht mehr mitbekommen, aber mir fällt dieser Ausspruch immer wieder ein.

Sprachkenntnisse sind eine leicht verderbliche Ware, und das schließt die Muttersprache mit ein. Für mich war schon immer klar, dass die fließende Beherrschung von Fremdsprachen zwar hübsch und nützlich ist, aber nicht auf Kosten meiner Erstsprache gehen darf. Deutsch ist mein Kapital, und das möchte ich nicht nur pflegen, sondern nach wie vor vermehren. Wer das nicht tut, riskiert, dass er irgendwann in keiner Sprache mehr zuhause ist: Die Muttersprache ist dann korrumpiert vom Vokabular und von der Syntax der Zweitsprache, die man aber auch nicht perfekt beherrscht. Expat-Eltern kann ich nur empfehlen, dass sie die Deutsch-Kenntnisse ihrer Kinder fördern. Englisch lernen die Sprösslinge sowieso – die Zweisprachigkeit kommt aber nur zustande, wenn man die Muttersprache stützt. Und wenn man sie schätzt.

Erstaunlich finde ich, wenn das Deutsche auch noch von der Enkelgeneration der Einwanderer in Ehren gehalten und sogar gesprochen wird, wie das bei meiner Freundin Christina der Fall ist. „Wir schauen gerade Aschenputtel auf Deutsch an“, sagte sie, als wir an Heiligabend bei ihr eintrafen. Das deutsche Programm kam über einen kanadischen Sender ins Haus, allerdings zeitversetzt. Viel einfacher geht das heute indessen übers Internet; erst kürzlich lernte ich zu meinem Erstaunen, dass sogar der „Tatort“ als Livestream zu haben ist. Das ist typisch: Es gibt so viele deutsche Medienangebote online, dass man schon gar nicht mehr weiß, was man am besten nutzen sollte.

Via Kanada kam an Heiligabend auch die ZDF-Weihnachtsfeier des deutschen Bundespräsidenten ins US-amerikanische Wohnzimmer, inklusive Berliner Symphoniker. Angelika Milster sang, Jan Josef Liefers las eine Weihnachtsgeschichte von Astrid Lindgren, und Christian Wulff las das Weihnachtsevangelium nach Lukas. „Den kann man wirklich nehmen“, sagte mein Mann, und er meinte den Bundespräsidenten. Und mir fiel wieder einmal auf, wie schön dieses Lutherdeutsch ist, wenn es sachgemäß vorgetragen wird. „Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie, und sie fürchteten sich sehr“, las Wulff. „Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“

Später hörten wir die Weihnachtsgeschichte auch noch auf Englisch. In der King-James-Bibel lautet Lukas 2, Vers 8 und 9 folgendermaßen: „And, lo, the angel of the Lord came upon them, and the glory of the Lord shone round about them: and they were sore afraid. And the angel said unto them, Fear not: for, behold, I bring you tidings of great joy, which shall be to all people.“

Sorry – kein Vergleich.

Thursday, December 24, 2009

Christmas Cookie nach deutschem Rezept

Viele Einwanderer kamen mit leeren Taschen nach Amerika – sie brachten vor allem ihre Arbeitskraft mit, um im Land der vielen Versprechungen ihr Glück zu machen. Was sie auch dabei hatten, waren Rezepte. In vielen deutschen, italienischen oder polnischen Restaurants wird bis heute nach alten Familienrezepten gekocht. Manche Immigranten hatten handgeschriebene Kochbücher – oder eher Rezeptsammlungen – dabei, oder sie hatten die Rezepte im Kopf undChristmas Cookie nach deutschem Rezept © Cornelia Schaible gaben sie mündlich weiter. Viele wurden dann später aufgeschrieben: Man findet solche Rezepte oft in privat herausgegebenen, einfachen Kochbüchlein, wie sie viele Kirchengemeinden als Fundraiser zusammenstellen.

Bekanntlich haben sich europäische – und speziell deutsche – Einwanderer in den USA immer schnell assimiliert, und das betrifft nicht zuletzt das Essen. Allenfalls bei den Mennoniten und Amischen wird noch gekocht wie anno dazumal. Manchmal werden die Gerichte nach alten Familienrezepten als Beilagen zum Thanksgiving-Truthahn aufgetischt – eine meiner früheren Studentinnen erzählte mir einmal, dass ihre italienische Großmutter vor dem Festtag immer eine Ladung Ravioli zubereite.

Was sich in der neuen Heimat grundsätzlich besser gehalten hat, sind Backrezepte – Kuchen und Kleingebäck sind oft Teil der Familientradition, vor allem zu Feiertag. Viele Christmas Cookies in den USA sehen deutschen Weihnachtsplätzchen verblüffend ähnlich. Manchmal ist allerdings die Dekoration etwas amerikanisch geraten wie beim Plätzchen auf dem Foto. Es handelt sich um ein saisonales Gebäck aus Linzerteig, das eine Studentin für ihr Abschlussprojekt im Herbstsemester backte. Sie buchstabierte es im Übrigen „Linserteig“, was nicht die übliche Schreibweise zu sein scheint; im Internet findet sich die eher plausible Schreibweise mit „z“.

Linzerteig ist ein Buttermürbeteig mit Mandeln, und es scheint sich um ein donauschwäbisches Plätzchenrezept zu handeln. Was nichts anderes heißt, als dass dieses Rezept schon öfters mit ausgewandert ist.

Wednesday, March 7, 2007

Winter-Blues

In meinem ersten Sommer in Michigan wunderte ich mich noch über die vielen Landschaftsgärtner und fragte mich, was die wohl alle im Winter machen. Als es dann zum ersten Mal schneite, kam ich schnell darauf: Die schippen einfach Schnee. Irgendwer muss ja die riesigen Parkplätze räumen. Die Pickup-Trucks der Gartenbaufirmen, die sonst Rasenmäher transportieren, haben dann eine Schneeschaufel vorne dran. Die Fahrer dieser improvisierten Schneepflüge sind wahrscheinlich auch die einzigen, die sich über Neuschnee im März freuen. Denn das bedeutet, es gibt wieder einmal Arbeit - und Lohn.

Ich hingegen fand es heute Morgen nicht besonders lustig, von der Schneefräse geweckt zu werden. Immerhin war es mit minus 10 Grad Celsius schon etwas wärmer als gestern. Das kann auch nicht schaden, denn am Wochenende wird auf Sommerzeit umgestellt. Und ein weiterer Hinweis darauf, dass der Winter möglicherweise in paar Wochen zu Ende ist: Die Wanderdrossel (Turdus migratorius) ist wieder da. Einige Red Robins, wie die rotkehligen Vögel hier heißen, pickten vor meinem Fenster eifrig im Schnee herum.

Fehlen nur noch die Gänse.

Monday, February 5, 2007

0 Grad Fahrenheit

Schnee, der bei großer Kälte fällt, hat eine ganz eigene Konsistenz: Er knarzt unter den Stiefeln. Ich hatte vergessen, wie sich das anhört. Weil ich außerdem verdrängt hatte, wie sich 0 GradDetroit von Belle Isle, bei 0 Grad Fahrenheit © Cornelia Schaible Fahrenheit anfühlen, waren wir gestern kurz draußen, obwohl am Superbowl-Sonntag dafür eigentlich keine Notwendigkeit bestand. Aber ich wollte einfach mal wieder üben.

Wer aus Deutschland kommt, hat üblicherweise ein unterentwickeltes Verhältnis zur Kälte – wahrscheinlich liegt es daran, dass dort in Grad Celsius gemessen wird. Da gelten Temperaturen um den Gefrierpunkt schon als kalt. Aber hier in Michigan, im winter wonderland, da fängt der Spaß erst bei subzero an. Das bedeutet: Die Temperaturen fallen unter minus 17,8 Grad Celsius oder so. Dann stellen die Leute lustige kleine Häuschen auf die zugefrorenen Seen und widmen sich dem Eisfischen. Dazu bohren sie ein Loch ins Eis. Ich für mein Teil begnüge mich damit, ein Loch in die Eisschicht auf meiner Windschutzscheibe zu kratzen.

Heute morgen zeigte das Thermometer deutlich subzero, was offenbar die Schulbusse nicht mochten. Jedenfalls gab es in den meisten Schulbezirken der Region schulfrei. Mein Jeep hustete nur kurz, sprang dann aber tadellos an. Die Heizung tat sich allerdings schwer. Trotz dicker Handschuhe hatte ich zunächst das Gefühl, am Lenkrad Frostbeulen zu bekommen. Und daran möchte ich mich lieber nicht gewöhnen.

Thursday, February 1, 2007

Groundhog Day

Morgen ist Murmeltiertag. Das ist kein nationaler Feiertag in den USA, alle müssen arbeiten. Trotzdem hat der Groundhog Day einen festen Platz im amerikanischen Jahreslauf: Am 2. Februar, so will es die Tradition, erwacht das Murmeltier aus dem Winterschlaf und streckt seinen Kopf aus dem Bau. Sieht das Tier seinen Schatten, geht der Winter noch sechs Wochen lang. Sieht es ihn nicht, weil’s regnet oder schneit, ist auch der Frühling nicht mehr weit.

Das erinnert an die gute alte Bauernregel für den heutigen Tag: „Ist’s zu Lichtmess klar und hell, kommt der Frühling nicht so schnell.“ Tatsächlich geht der Groundhog Day auf deutsche Einwanderer zurück, die das Fest Mariä Lichtmess auch in ihrer neuen Heimat feierten. Und statt wie ursprünglich Dachs oder Igel zu beobachten, die nach dem Winterschlaf ins Freie krochen, übertrugen sie das Brauchtum auf den Groundhog (Marmota monax). Bei dem handelt es sich zwar nur um einen nahen Verwandten des europäischen Murmeltiers (Marmota marmota), das dem Wanderer in den Alpen nachpfeift. Aber die Viecher sehen sich ziemlich ähnlich.

Nun wäre der Murmeltiertag höchstens ein Thema für Kindergärten und Grundschulen, gäbe es im Bundesstaat Pennsylvania nicht das Städtchen mit dem unaussprechlichen Namen Punxsutawney. In der selbst ernannten „Welthauptstadt des Wetters“ wird der Murmeltiertag alljährlich mit Pomp und unter Anteilnahme der großen Fernsehstationen begangen – Held des Tages ist Phil, ein wohl genährter Nager mit graubraunem Pelz.

Morgen am Groundhog Day pilgern die Einwohner von Punxsutawney wieder auf einen nahe gelegenen Hügel, den Gobbler’s Knob. Angeblich geht das seit 1887 so, nur sind heutzutage noch ein paar tausend Touristen dabei. Um genau 7.25 Uhr Ostküstenzeit wird das Murmeltier, das sonst in einem Gehege bei der örtlichen Bücherei lebt, der Menge präsentiert. Schatten oder nicht, ist dann die Frage – und damit hat Phil seinen Job getan. Bis zum nächsten Jahr. Die Szene ist im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ aus dem Jahr 1993 festgehalten. Ein TV-Wettermacher, verkörpert von Bill Murray, gerät ausgerechnet am Murmeltiertag in eine persönliche Zeitschleife.

Phil, das Murmeltier, war allerdings schon vor der Verfilmung ein Star – 1986 folgte der Nager einer Einladung des damaligen Präsidenten Ronald Reagan ins Weiße Haus. Inzwischen hat der tierische Wetterprophet einige Konkurrenz bekommen, auch hier in der Detroiter Gegend. Im Howell Nature Center sagt Woody das Wetter voraus. Six more weeks of winter? You bet.

Mehr dazu auf www.groundhog.org.

Nachtrag:
Murmeltier Phil hat seinen Schatten nicht gesehen, meldeten die Nachrichtensender. Aber an einem Tag, an dem in Florida 20 Menschen bei einer Tornadoserie umkommen, wirkt derartige Wetterfolklore ohnehin ziemlich unzeitgemäß.

Thursday, October 19, 2006

Standortbestimmung

Als ich mich einst anschickte, in die USA auszuwandern, reagierten Freunde und Bekannte recht unterschiedlich auf diesen Schritt. Einige bedauerten mich. Andere konnten die Entscheidung nachvollziehen – immerhin arbeitete mein Mann schon in Detroit. Und eine Kollegin gestand mir eines Tages rundheraus, sie beneide mich: „Alles hinter sich lassen und irgendwo noch einmal ganz neu anfangen – das wäre mein Traum!“

Der Umzug in ein anderes Land als Neuanfang: Darauf haben schon viele gehofft. Äußerlich ist zunächst tatsächlich vieles neu: die Wohnung, die Umgebung, die Nachbarn, die Schule der Kinder. Gerade die Frauen, die ihren Ehemann beim Auslandsaufenthalt begleiten, haben alle Hände voll zu tun: Ein kompletter Haushalt muss – bei völlig neuer Versuchsanordnung – wieder zum Laufen gebracht werden. Und der Mann? Der geht einfach in ein anderes Büro. Seine Frau unternimmt derweil lustige Experimente mit amerikanischen Küchengeräten oder lernt, was ein Transformator ist. Zum Glück besitzen die Relocaterinnen ganze Ordner voll mit nützlichen Anleitungen, inklusive einer Umrechnungstabelle für Backofentemperaturen. Meist haben sie auch Hinweise parat, was man wo kriegt. Damit nicht jede Einkaufsfahrt zur Expedition wird. Denn die Familienmitglieder wollen satt werden, nicht Testesser spielen.

Dass Relocationfirmen neben praktischer Alltagshilfe oft noch interkulturelles Training für mitreisende Ehefrauen anbieten, halte ich für ausgesprochen sinnvoll. Das mildert den Kulturschock, erspart so manche frustrierende Erfahrung und hält den Kopf frei für Wichtigeres: Im Idealfall schafft es den nötigen Freiraum, damit die Frauen auch ganz persönlich vom neuen Umfeld profitieren können. Und nicht unversehens wieder in den alten Trott fallen, im schmucken neuen Heim. Denn wir wissen es längst: Ein Umzug über Ländergrenzen bedeutet keinesfalls, dass im Leben alles automatisch anders und besser wird. Und das liegt nicht zuletzt an uns selbst. Egal, wohin wir gehen, unsere persönlichen Eigenschaften und Erfahrungen haben wir immer im Gepäck.

Wenn ich mit deutschen Expat-Frauen hier in Metro Detroit rede, bin ich immer wieder überrascht, wie viel Berufserfahrung und Spezialwissen, wie viel Lebensklugheit und Talent hier versammelt ist. Gleichzeitig bin ich schockiert: Nur ganz selten sind sich diese Frauen nämlich ihrer Fähigkeiten, ihres persönlichen und beruflichen Potenzials bewusst. „Aber das ist doch nichts Besonderes“, höre ich immer wieder. Tiefstapelei – eine typisch weibliche Eigenschaft. Das erinnert mich an meine Zeit als Lokaljournalistin. Ich habe oft über ehrenamtliche Tätigkeiten geschrieben, und nicht selten musste ich meinen Gesprächspartnerinnen aus Kirchengemeinden und Vereinen erst gut zureden, wenn ich am nächsten Tag eine Geschichte in der Zeitung haben wollte.

Die „trailing spouses“ oder „mitausreisenden Ehefrauen“ befinden sich nun allerdings in einer Situation, die das Selbstbewusstsein nicht gerade stärkt: Für den Mann bedeutet die Auslandsentsendung üblicherweise eine Verbesserung in der Position, er steigt also im Status – bei der Frau ist es das genaue Gegenteil, denn sie musste dafür nicht selten ihren Arbeitsplatz kündigen. Kein Wunder, wenn sie sich in der neuen Umgebung nur noch über den berufstätigen Partner definiert. Denn Anerkennung für die eigene Leistung bleibt aus. Außerdem fördert der Auslandsaufenthalt die traditionelle Rollenverteilung: Er geht arbeiten, sie besorgt den Haushalt und kutschiert die Kinder zum Fußball. „Ich bin nur als Anhängsel hier“ – wie oft habe ich das schon gehört!

Aber trotzdem – oder gerade deswegen – bedeutet der Ortswechsel eine einmalige Chance. Da fallen mir immer meine Klamotten ein, die ich vor der Abreise in Koffer und Kisten packte. Als der Container endlich in Detroit ankam und meine geliebten Tweedjäckchen wieder ordentlich im Schrank hingen, wurde ich sehr vergnügt: Klar, das waren immer noch die alten Sachen – aber niemand kannte sie hier! Ich hatte praktisch einen Schrank voll mit neuen Outfits. Ähnlich verhält es sich mit den Bildungsabschlüssen und beruflichen Qualifikationen, die Frauen mitbringen: Im Lichte der neuen Lebensumstände gesehen wirken sie wie neu. Wer weiß, was sich jetzt oder später daraus machen lässt? Man muss nur einmal anfangen, das alles in Ruhe zu sortieren.

Der Auslandsaufenthalt gibt den nötigen Abstand dazu.

Sunday, October 8, 2006

Deutsches in Detroit

Deutsche, die nach Detroit ziehen, staunen oft darüber, wie viele Landsleute sie in der neuen Umgebung treffen. Meistens knüpfen die Neuankömmlinge Kontakte zu Expats, die sich in einer ähnlichen Situation befinden – und so bleiben Mitarbeiter deutscher Firmen auf Auslandseinsatz sowie ihre Familienangehörigen meistens unter sich. Dass es im Großraum Detroit zahlreiche Vereine und Clubs alteingesessener Deutschamerikaner gibt, ist vielen schlichtweg nicht bekannt. Auch die Vielfalt von Geschäften, die ihr Lebensmittelangebot auf den Geschmack deutscher Kunden abgestimmt haben, dürfte nicht allen geläufig sein. Jawohl, man kann in Detroit richtigen Quark kaufen! Und wer deutsche Essiggurken oder eine ganz bestimmte Sorte Gummibärchen zum Überleben braucht, für den ist ebenfalls gesorgt.

Aber wie kommen nun die Spätzle zum Exil-Schwaben? Und wie findet der Gemischte Chor neue Sänger und Sängerinnen? Christina Griesser, die rührige Präsidentin der German Professional Women’s Organisation (GPWA), hatte eine Idee: „Wir müssen die verschiedenen Gruppen einfach einmal zusammenbringen“, schlug sie bei einem Delegiertentreffen des German American Cultural Center (GACC) vor. Der GACC ist der Dachverband von insgesamt 14 in Metro Detroit ansässigen Clubs und Vereinen mit deutschem, österreichischem oder Schweizer Hintergrund.

Zugegeben, es dauerte ein bisschen, bis Christina Griesser für ihr Anliegen genügend begeisterte Mitstreiter fand. Eine German American Networking Fair in der Carpathia-Halle, dem deutsch-amerikanischen Zentrum in Sterling Heights, das gab es schließlich noch nie. Und bei den Hütern deutscher Tradition in Amerika sind so neumodische Aktionen naturgemäß schwer durchzusetzen. Aber die GPWA-Präsidentin schaffte es. Über 50 Anbieter und Clubs kamen heute Nachmittag in die Carpathia – und trotz des schönen Herbstwetters war die Messe ordentlich besucht. Der Carpathia-Club hatte die Halle kostenlos zur Verfügung gestellt, und der Eintritt war frei. GACC-Präsident Frank Sinz bedauerte nur, dass deswegen keiner die genaue Besucherzahl feststellen konnte: „Nächstes Mal müssen wir unbedingt Tickets ausgeben!“

Auch der deutsche Honorarkonsul Fred Hoffman drehte eine Runde durch die Halle. Jim Stokes, der die Regierung des Bundesstaates im Südosten Michigans vertritt, übermittelte Grüße von Gouverneurin Jennifer Granholm. „2,7 Millionen Menschen mit deutscher Abstammung leben in Michigan“, sagte Stokes. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung also. Das erklärt die große Zahl deutscher Vereine in Detroit, von denen erstaunlich viele bis heute überlebt haben: Zum GACC gehören unter anderem der Detroit Schwaben Unterstützungs-Verein, der GBU/Saxonia Rheingold Gemischter Chor und der Sport Club 1924. Bereits aus den Namen geht hervor, dass es sich um altehrwürdige Institutionen handelt. Und die Mitglieder sind oft nicht mehr die Jüngsten – manche Clubs, etwa die Austrian Society, haben zwar den Nachwuchs integriert, möchten aber auf jeden Fall auch Neuankömmlinge ansprechen.

„Wir haben sonst kaum Gelegenheit, mit den neu zugewanderten Deutschen zu reden“, erklärte Marianne Krenzer, GACC-Vorstandsmitglied und nach eigener Auskunft „seit 49,5 Jahren in den USA“. Nicht nur, dass sich selten Berührungsmöglichkeiten ergeben: „Ich hatte auch das Gefühl, dass wir nicht offen genug sind – und das wollen wir nun ändern.“ Insofern war die Messe sicher ein Erfolg: Viele Leute hätten ihm erzählt, sie seien zum ersten Mal in der Carpathia, freute sich George Schemmel jr. vom GACC, der Christina Griesser bei der Organisation der Networking Fair unterstützt hatte. Und etliche Besucher hatten keine Ahnung, dass es in Detroit eine deutschsprachige Zeitung gibt, berichtete Verleger Knuth Beth. Die „Nordamerikanische Wochenpost“ konnte im vergangenen Jahr 150-jähriges Bestehen feiern.

„Die Leute waren erstaunt, wie viele Angebote es gibt, die auf ein deutschsprachiges Publikum zielen“, sagte Martina Dorn von „The Newcomers Network“. Neben Relocationfirmen gibt es vor allem Immobilienmakler oder Finanzexperten, die sich auf deutsche Kunden spezialisiert haben. Die lieben Kleinen sind bei den German American Kids (GA Kids) gut aufgehoben. Wahrscheinlich naschen sie dort deutsche Schokolade – auch in der Carpathia-Halle war Candy made in Germany heiß begehrt. Neben all den deutschen Lebensmitteln durfte deutscher Wein nicht fehlen. Und das füllt nun wirklich eine Lücke im Angebot, was ebenso US-Kunden interessieren könnte: „Wein ist auch in Amerika ein Kulturgut geworden“, sagte Helga Janz-Wagner, die Erzeugnisse vom Weingut ihrer Eltern anbot und fleißig Proben ausschenkte. Den Zwiebelkuchen dazu hatte sie selbst gebacken. Und welcher Tropfen mundete den Deutschen am besten? „Der Dornfelder“, antwortete ihr Mann.

Unter den Ausstellern waren auch zwei deutschsprachige Kirchengemeinden: „Viele Besucher hatten keine Ahnung, dass es hier sowas gibt", sagte Pfarrer Haiko Behrens von der Gemeinde St. Peter’s in Warren. „Sie waren sehr angetan – vor allem im Hinblick auf Weihnachten.“

Monday, September 25, 2006

Wir Migranten oder: abgemeldet

Vor ein paar Jahren ging ich ins Rathaus in Rottenburg am Neckar, um eine Lohnsteuerkarte zu beantragen. Nach einer längeren Phase freier journalistischer Tätigkeit war ich im Begriff, eine feste Stelle in der Lokalredaktion meiner Heimatzeitung anzutreten – und wurde somit wieder lohnsteuerpflichtig. Fragte sich nur, in welcher Steuerklasse. Im Bürgerbüro des süddeutschen Städtchens waltete damals eine resolute Persönlichkeit, die auch mit schwierigen Antragstellern schnell fertig wurde. Ich schilderte ihr meine Situation: dass mein Mann seit einiger Zeit im Ausland wohne und arbeite, dass wir aber keinesfalls getrennt lebten. Da runzelte sie die Stirn und beschied: „Das gibt’s nicht!“

Im Prinzip hatte die gute Frau Recht. Dass jemand die Heimat verlässt, um in der Fremde Arbeit zu finden, und der Ehepartner aus praktischen Gründen zurückbleibt – vor noch nicht allzu langer Zeit war das gewiss kein deutscher Lebensentwurf. So etwas machten allenfalls die Gastarbeiter, wie man sie früher nannte, die aus Italien, dem ehemaligen Jugoslawien oder der Türkei kamen, um in Deutschland ihr Brot zu verdienen. Heute spricht man vornehm von „Menschen mit Migrationshintergrund“. Migranten, das waren jedenfalls immer die anderen. Das galt solange, bis in Deutschland die Akademikerschwemme Schlagzeilen machte.

Mein Mann ist promovierter Chemiker. In Deutschland qualifiziert das für alles mögliche, allerdings nur selten für eine Anstellung in der Industrie. „Ich kenne auch einen Chemiker. Er hat einen Copyshop“ – so oder ähnlich lautet die Reaktion, wenn ich deutschen Bekannten vom Beruf meines Mannes erzähle. Ich selbst weiß von einem Chemiker mit Doktortitel, der die Spedition seiner Eltern leitet. Zur Eröffnung eines Copyshops fühlte sich mein Mann jedoch nicht berufen, und eine Spedition hatte er auch nicht geerbt. So entschloss er sich zu einem Schritt, den viele Naturwissenschaftler wagen, die in Deutschland keine Zukunft mehr sehen: Er ging in die USA.

Es war allerdings eine Auswanderung auf Umwegen, denn nach einem Postdoc-Aufenthalt in Texas forschte er erst noch zweieinhalb Jahre lang in Japan. Dann bekam er eine Stelle in Michigan. Die Einwanderungsbehörde der Vereinigten Staaten honorierte seine wissen-schaftliche Qualifikation letztlich mit einer Green Card: In den USA gilt mein Mann als „outstanding scientist“. So subventioniert der deutsche Staat den amerikanischen Wissenschaftsbetrieb.

Übrigens gelang es der städtischen Angestellten im Rottenburger Rathaus einst doch noch, meine Lohnsteuerklasse herauszufinden: Steuerklasse 1, wie für ledige Beschäftigte. Ein im Ausland arbeitender Ehemann zählt fürs Finanzamt nicht. „Zahlt Ihr Mann denn auch Steuern in Amerika?“ fragte die Angestellte streng. Ich bejahte. „Dann kann er hier aber keinen Wohnsitz mehr haben!“ Ein paar Wochen später erhielt mein völlig perplexer Ehemann ein Schreiben vom Einwohnermeldeamt: Er war abgemeldet.

Ich arbeitete noch eine Weile als Redakteurin. Als die Zeitung meine Stelle strich, verzichtete ich darauf, mich dem Heer arbeitsloser Journalisten anzuschließen. Schreiben kann man überall, dachte ich, und so zog ich vor gut drei Jahren zu meinem Mann nach Detroit. Auswandern liegt im Trend: Allein im vergangenen Jahr verließen dem Statistischen Bundesamt zufolge 145.000 Deutsche ihre Heimat. Nicht alle geben der Behörde Bescheid – ich selbst habe mich ordentlich abgemeldet. „Bei Wegzug ins Ausland: Staat angeben“, stand auf dem Formular.

Saturday, February 25, 2006

A German Mardi Gras

Zu den Merkwürdigkeiten des Auswandererdaseins gehört, dass sich organisierter deutscher Frohsinn weniger vermeiden lässt als einst daheim. Und so finde ich mich in der Karnevalszeit in einer Luftballon-geschmückten Festhalle wieder, an einem Tisch mit anderen Heimatlosen und Versprengten, und werde zwangsgeschunkelt. "Wie ist es am Rhein so schön", spielt die Musikkapelle. "Und wo kommen Sie her?" fragt meine Tischnachbarin. Sie selbst stamme aus Lindau am Bodensee. Dann fängt sie an, vom Allgäu zu schwärmen. Im vergangenen Jahr habe sie sieben Wochen lang Urlaub in der Heimat gemacht. "Es ist so schön dort", sagt sie. "Als man jung war, wusste man das gar nicht zu schätzen." Seit 50 Jahren lebt sie schon in den Staaten.

Der Ansager vom Festkomitee ist wahrscheinlich ähnlich lange in Amiland, kann aber immer noch kein T-Eitsch. "Sank you", ruft er über den Beifall hinweg, nachdem der Elferrat eingezogen ist, "enjoy our German Mardi Gras!" Sogar ein Prinzenpaar haben die hier aufgeboten – was sich auf dem Ankündigungsplakat anhörte wie eine exilbedingte Fusion aus Karneval und Fasching, deckt sich in Wirklichkeit doch mehr mit der rheinischen Variante. "Alaaf und Helau!" rufen seine Tollität Prinz Josef I und ihre Lieblichkeit Prinzessin Marlina. Die glitzernden Perlenketten, die bei der Ehrenparade durch die Luft fliegen, gehören aber eher zum Mardi Gras in New Orleans. Neben mir verfängt sich eine Kette in der Tischdekoration, und ein Weinglas geht zu Bruch. Sie hätten vielleicht doch lieber Konfetti werfen sollen.

"Karneval has a religious background and is celebrated in the period before Lent as a time of frolic, fun and gaiety", steht auf einem Merkblatt, das am Halleneingang ausliegt, "with everyone indulging in food and drink." Nach altem Brauch, der eine Wurst als Fastnachtsspeise vorsieht, werden Hot dogs serviert. Ich verzichte und esse lieber einen Apfelstrudel, während ich mir den Rest des eng gedruckten Karneval-Merkblattes zu Gemüte führe: "People sway and sing songs, which are especially composed for the Karneval season, and some of the melodies gain such a popularity that they are remembered and sung for years to come." Wahrscheinlich ist damit so unvergängliches Liedgut wie der "Anton aus Tirol" gemeint, der gerade erklingt.

Was mir auffällt an diesen Faschings-Hits: In Deutschland trällert man Schlager, die das Fernweh zelebrieren, und in der Fremde wird die Heimat-Melodie gepflegt. "In der Heimat, in der Heimat, da gibt's ein Wiedersehn..." Selbst "Griechischer Wein" hört sich in diesem Kontext ganz anders an – ich kriege eine Gänsehaut. Bei "Es gibt kein Bier auf Hawaii" werde ich endgültig nostalgisch und begebe mich an die Bar. Dort wird Warsteiner ausgeschenkt. Hurra!

In Detroit gab's immer Bier, außer in der Prohibition – deswegen hat sich ein Ehepaar auch in lokaler Anspielung als Bierdose verkleidet, ich meine: als zwei Bierdosen. Auf dem etwas sperrigen Kostüm, offenbar mit Hilfe von Hoolahoop-Reifen konstruiert, steht "Stroh Beer" – das wurde mal in Downtown gebraut. Ansonsten gibt es Engelchen, Teufelchen, Haremsdamen, Herzensbrecher und alle möglichen anderen Peinlichkeiten und Anzüglichkeiten. Als typisch amerikanische Verkleidung wäre das auch an Halloween beliebte Kissing-Booth-Kostüm zu nennen – "Kisses 1 Dollar". Man sieht allerdings verhältnismäßig wenige Cowboys. Und keine Indianer.

Dafür gibt es eine Funkengarde, "Blau-Weiß Sarnia", aus Kanada importiert. Die Mädels sind wirklich sehr gelenkig, wahrscheinlich trainieren sie ganzjährig. Oder sie praktizieren den Rest des Jahres als Cheerleader. Der Ansager ist ganz aus dem Häuschen: "And now a Prosit der Gemütlichkeit for the girls!"