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Wednesday, May 4, 2016

Fotos von meiner Festplatte – Ein Insta-Trillium

Trillium (Trillium grandiflorum) in Michigan © Cornelia Schaible
Vor etwas mehr vier Jahren postete ich mein erstes Instagram-Foto, ein Trillium. Das fiel mir gestern wieder ein, als ich bei einem Spaziergang das erste voll erblühte Exemplar in Wohnungsnähe fand. Offenbar war die Frühjahrsblüte damals etwas zeitiger dran, denn das obenstehende Originalfoto knipste ich am 27. April 2012 mit meinem Fon. Ich hatte von Instagram gehört und fand die Idee verlockend, so ein Foto ohne viel Federlesens unter die Leute zu bringen. Und zwar nach Herzenlust gefiltert und womöglich mit Rähmchen versehen, was bei Stockfotos natürlich streng verboten ist. Die quadratischen Bildchen sind für mich inzwischen mehr als eine Spielerei; ich sehe es als eine Art persönliche Herausforderung an, mit beschränkten Möglichkeiten zu arbeiten und trotzdem ab und zu ein interessantes Ergebnis zu erzielen. Ich veröffentliche nicht sehr viel, aber es ist mir eigentlich nie langweilig geworden. Und bereits am vergangenen Wochenende habe ich – im wärmeren Grand Rapids – wieder einmal die ikonische dreizählige Blüte ins Bild gesetzt.

Thursday, November 21, 2013

Das Auto, in dem JFK erschossen wurde

Immer, wenn ich mit Studenten über die deutsche Nachkriegszeit rede, über den Mauerbau und die geteilte Stadt Berlin, kommen wir irgendwann zwangsläufig auch auf John F. Kennedy zu sprechen. Die Rede des US-Präsidenten vor dem Rathaus Schöneberg. Und dann der Satz, der Geschichte machte: „Ich bin ein Berliner!“ (Natürlich kommt auch regelmäßig irgendein Student mit der ollen Kamelle daher, John F. Kennedy habe sich versehentlich als das Gebäck bezeichnet, das die Berliner in Wirklichkeit „Pfannkuchen“ nennen – eine urbane Legende, die als „Jelly doughnut misconception” in die Fachliteratur eingegangen ist. Er hätte ja schlecht sagen können „Ich bin Berliner“, schließlich war er keiner. Insofern stärkte diese Solidaritätsbekundung nicht nur die Moral, sondern war auch grammatikalisch einwandfrei.)

Das war am 26. Juni 1963.

Weniger als fünf Monate später wurde der charismatische Präsident von zwei Schüssen tödlich getroffen. Das Attentat am 22. November 1963 ist als traumatisches Ereignis im kollektiven Gedächtnis der Amerikaner verankert, und wer damals wenigstens im Schulalter war, weiß noch genau, wo er sich gerade befand, als ihn die Nachricht ereilte.

Weil sich das Attentat bald zum 50. Mal jährt, liest man derzeit darüber viel. Mich hat es schon früher immer wieder beschäftigt – erstens, weil 1963 mein Geburtsjahr ist, und zweitens, weil Kennedys Präsidentenlimousine im Henry-Ford-Museum in Dearborn steht.

Mehr zum Thema auf Pagewizz: Das Auto, in dem John F. Kennedy erschossen wurde

Tuesday, August 14, 2012

Fotos von meiner Festplatte – In Ruhe Zeitung lesen

Newspaper Reader © Cornelia Schaible
Der Alte mit dem Hütchen, der so schelmisch hinter seiner Zeitung hervorgrinst, fiel mir im vergangenen Jahr bei der Woodward Dream Cruise auf. Er saß unter den Zuschauern am Straßenrand, und während die anderen nach interessanten Autos Ausschau hielten, hatte er nichts Besseres zu tun, als das Blatt über die Cruise vom Vortag zu lesen. Die Szene fiel mir merkwürdigerweise ein paar Mal wieder ein – vor allem dann, wenn ich lesen musste, dass wieder einmal eine Zeitung ihr Erscheinen eingestellt hatte. Was immer dazu führte, dass ich mich selbst ein bisschen schuldig fühlte: Schließlich las ich die Meldung online. Da nun am Wochenende wieder eine Dream Cruise ansteht (meine zehnte), beschloss ich, das Foto endlich zu veröffentlichen. Ich denke, dass man es kaum schöner illustrieren kann, was das heißt: in Ruhe Zeitung lesen. Während das Leben in Wirklichkeit weiterhin an einem vorbeibraust, gibt einem dieses Medium die schöne Illusion, dass die Ereignisse wenigstens vorübergehend zum Stillstand gekommen sind. Das Wichtigste steht in der Zeitung. Die Lektüre des druckfrischen Blattes gibt den Geschehnissen Raum und Zeit, sich zu entfalten. Sicher – auch die jungfräulichste Zeitung sieht schnell alt und zerlesen aus, und am nächsten Tag wickelt man Kohlköpfe darin ein. Aber es ist doch ein ganz anderer Umgang mit Information, als ständig den Refresh-Button der Online-Nachrichten zu klicken.

Wednesday, March 9, 2011

Die Sache mit dem Niedergang von Detroit

Hallo Herr D.,

ich muss gestehen: Zunächst wollte ich mich darauf beschränken, Ihnen viel Glück bei Ihrer Reportage über den „Niedergang der Autoindustrie in Detroit“ (oder wie immer der Arbeitstitel lautete) zu wünschen und Ihnen dann noch den Tipp zu geben, doch auf alle Fälle die leer stehende Packard-Fabrik zu filmen – die wird bei diesem Thema immer bemüht, wie etwa kürzlich im „SPON“. Sie verstehen die Pointe nicht? Nun: Die Packard Plant ist schon seit über einem halben Jahrhundert dicht; das heißt, Sie sind genau genommen ein bisschen spät dran mit Ihrem Thema.

Aber nun sind Sie ja „unglaublich interessiert“ an dieser Reportage, und das ist löblich. Also, zum besseren Verständnis noch einmal von vorne: Die Autoindustrie in Detroit ist seit Jahrzehnten im Rückgang begriffen, mit dem Ergebnis, dass es nur noch eine verschwindend geringe Anzahl von Autofabriken in der City selbst gibt. Hauptsächlich Chrysler produziert noch in Detroit, und dann gibt es noch den riesigen Komplex von Detroit Diesel, aber der gehört heute zur Daimler Truck Division. Von den „Großen Drei“, von denen gerade zwei eine Nahtod-Erfahrung hatten, hat nur GM wirklich etwas mit Detroit zu tun.

Häh, werden Sie jetzt denken, was erzählt die da? Detroit ist doch immer noch die US-Autostadt – das heißt es jedenfalls immer. Yes Sir, aber es gibt da ein kleines Missverständnis: Es kommt immer darauf an, was Sie genau unter Detroit verstehen. Natürlich ist es immer noch und – jetzt erst recht wieder – Motown. Hier spielt die Musik (oder eben nicht, denn das Motown-Label ist schon lange nach LA gezogen, aber Sie können Hitsville noch im Museum sehen). Ich war vor einem Monat auf der Autoshow, und ich kann Ihnen versichern, das war wieder ein mächtig große Sause, und alle waren sie da – sogar Porsche.

Deswegen möchte ich jetzt noch etwas weiter ausholen. Jedes Mal, wenn ein deutscher Journalist den Auftrag bekommt, über Detroit zu berichten, passiert folgendes: Der- oder diejenige klickt auf Wikipedia, und da steht zum Thema Detroit und unter dem Stichwort „Bevölkerung“ Folgendes: „Durch den Beginn der Massen-Automobilproduktion ab 1909 wuchs die Einwohnerzahl der Stadt bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auf rund 1,85 Mio. stark an. Seit den 1950ern hat Detroit allerdings mehr als die Hälfte seiner Einwohner verloren. 2009 waren es noch etwa 910.000 Einwohner. Dies hat eine Ursache in der allgemeinen Wirtschafts-, Immobilien- und Automobilkrise in den USA“ und so fort. Da haben wir’s ja, denkt sich der Journalist, und dann fällt ihm wieder ein, dass Detroit zu den schrumpfenden US-Städten gehört. Und dann schreibt er etwas von Massenentlassungen, die es jüngst bei GM, Ford und Chrysler gegeben hat.

Schon falsch. Denn Ford und Chrysler haben ihr Headquarter überhaupt nicht in Detroit, jedenfalls nicht in der City of Detroit: Ford ist in Dearborn, Chrysler in Auburn Hills. Das sind Städte in der Detroit Metropolitan Area, kurz Metro Detroit. Will heißen: Detroit ist eine Metropole. Metro Detroit hat indessen nicht 900.000 Einwohner, sondern viereinhalb Millionen. Die ganze Agglomeration besteht aus drei Countys (Wayne, Oakland und Macomb) und Dutzenden von Citys. Natürlich gibt’s zwischendrin auch ein paar Autofabriken, aber die sind ansonsten überall im Mittleren Westen und darüber hinaus verstreut (übrigens auch in Kanada – Detroit ist eine wichtige Grenzstadt).

Nun ist das an und für sich nichts Besonderes: Metropolen besitzen immer einen Kranz von Vorstädten, die selbstständig geblieben sind. Auch Chicago – Greater Chicago hat um einiges mehr Einwohner als die City of Chicago. In Detroit ist das Verhältnis zwischen Stadt und Umland allerdings extrem. Aus Gründen der Segregation hat man es unterlassen, selbst kleinere Kommunen direkt bei Detroit einzugemeinden (überhaupt bräuchten die USA dringend eine Gemeindereform, auch sonstwo). Jenseits von 8 Mile (Sie werden den Film kennen) heißt alles anders, ist aber faktisch immer noch Detroit. Ein Teil der Infrastruktur funktioniert aber durchaus wie in einer ganz normalen Großstadt, so ist etwa die Strom- und Wasserversorgung zentralisiert.

Um es noch einmal zusammenzufassen: Die City of Detroit ist also die Inner City von dem, was gewöhnlich Detroit genannt wird und offiziell Metro Detroit heißt. Aber das Ganze ist in Wirklichkeit ein großer Kuchen, der sich streckenweise über 50 Kilometer in die Landschaft frisst. Und schrumpfen tut da gar nichts – die Leute haben sich nicht in Luft aufgelöst, und sie sind auch nicht in den Süden gezogen (jedenfalls nicht alle): Viele Ex-Detroiter wohnen jetzt einfach irgendwo in einem McMansion in einer Vorstadt. Deutsche wohnen übrigens gerne in einem Haus am See (Oakland County ist eine Seenplatte, die auf die letzte Eiszeit zurückgeht).

Und apropos Kuchen: Metro Detroit ist natürlich das typische Beispiel einer Doughnut-City – will heißen, die von den üblichen Problemen geplagte Inner City ist umgeben von einem Speckgürtel aus Vorstädten. Nirgendwo anders passiert es allerdings, dass die Inner City dauernd mit dem Ganzen verwechselt wird. Vor allem im Hinblick auf die Kriminalität. Das wäre aber so, als würde man die Bronx plus ein Stück von Manhattan als repräsentativ für New York City bezeichnen. Die Verbrechensraten sähen dann auch nicht gerade schön aus. Einige Städte in Oakland County gehören indessen zu den sichersten in den ganzen USA. Auch das ist Detroit.

Nun aber zurück zur City of Detroit, die ebenfalls besser ist als ihr Ruf. Für viele Metro Detroiter hat Downtown heute die Funktion einer Ausgehmeile: Dort befinden sich sich die Sportstadien, Museen, Kasinos und viele Restaurants. Und manchmal, wenn man einen Parkplatz sucht, wünscht man sich, die Stadt wäre so einsam und verlassen wie in den Artikeln der ausländischen Berichterstatter. Ein weiterer großer Vorteil: Nachdem die Deindustrialisierung von Detroit – wie bereits erwähnt – schon so lange andauert, hat man streckenweise schon ganz ordentlich aufgeräumt. Die Riverfront mit Blick aufs kanadische Windsor etwa ist schon richtig hübsch. Interessantes Detail: Nirgendwo sonst in den USA kann man in südlicher Richtung nach Kanada ausreisen.

Ein relativ neuer Bürgermeister namens Dave Bing, ein Ex-Basketballer und Geschäftsmann, will nun die Stadt wieder verdichten, leerstehende Häuserzeilen abreißen und Leerflächen begrünen. Urban Gardening ist ein ganz großes Thema; die wollen richtige Farmen in die Stadt bringen. „Time“ Magazine hat über das alles in jüngster Zeit sehr ausführlich berichtet; ein ganzes Jahr lang war dazu ein Korrespondent in der Stadt. Meiner Meinung hat die Stadt Detroit sowieso noch eine große Zukunft, denn sie besitzt im Überfluss, was in diesen ganzen Boom-Städten im Süden der USA Mangelware ist: Wasser. Die Großen Seen halten das größte Süßwasserreservoir der Erde. Und nun ein Quiz: Wie heißt das Gewässer, an dem Detroit liegt (was man auf meiner Website sieht)?

Bei alledem sollte man nicht vergessen: Das geschrumpfte Detroit hat immer noch mehr Einwohner als San Francisco. Und selbstverständlich gibt’s auch mehr als genug Ruinen und leerstehende Fabrikgebäude von der Sorte, die Filmemacher immer so cool finden. Im lokalen Jargon existiert übrigens ein schönes Wort für eine solche Dokumentation, die nur auf den Zerfall fixiert ist und die Aufbauarbeit außen herum geflissentlich übersieht: Ruinenporno. Ich kann Ihnen aber versichern, es gibt schon jede Menge Detroiter Ruinenpornos – Sie brauchen nicht noch einen zu drehen.

Mit besten Grüßen aus Detroit,

Cornelia Schaible

Monday, September 7, 2009

Die rasant alternde Schildkröte

Meistens liegt die Riesenschildkröte in einer Ecke und döst – wahrscheinlich hat sie schon genugUralte Landschildkröte vom Michigan State Fair in Detroit © Cornelia Schaible
vom Elend dieser Welt gesehen. Das uralte Wesen ist eine der Attraktionen auf dem Detroiter State Fair, und ich versäume nie, ihr einen Besuch abzustatten. Wann habe ich es sonst mit einer Kreatur zu tun, die 141 Jahre auf dem Buckel hat und 300 Jahre alt werden kann? So steht es jedenfalls auf einem Holzschild an ihrem Käfig.

Nun, es kann gut sein, dass wir das noch erleben – so rasant, wie diese Schildkröte altert. Ich habe sie nämlich im vergangenen Jahr schon fotografiert, siehe Bild, und da war sie – surprise! – erst 139 Jahre alt. Zählen Schildkrötenjahre neuerdings doppelt?

Es mag allerdings sein, dass wir den bemerkenswerten Alterungsprozess dieser Schildkröte nicht mehr weiter verfolgen können. Denn der Michigan State Fair in Detroit, der heute zu Ende geht, war wahrscheinlich der letzte. Die Regierung in Lansing hat beschlossen, dass es für den ältesten State Fair im Lande kein Geld mehr geben soll – nach 160 Jahren ist Schluss. Kein Wiedersehen mit der Schildkröte? Schade. Jammerschade. Ich hätte zu gerne gewusst, ob sie auch im nächsten Jahr wieder einen Altersschub hat.

Mehr zum Thema auf suite101: Die State Fairs in den USA

Thursday, July 30, 2009

Ann Arbor News wird Dotcom

„Farewell, Ann Arbor“, stand auf dem Titel der letzten Ausgabe. Die Tübinger US-Partnerstadt hat keine lokale Tageszeitung mehr – am Donnerstag vergangener Woche endete eine 174-jährige Tradition. Die „Ann Arbor News“ erscheint jetzt unter neuem Namen im Netz, dazu gibt’s zweimal wöchentlich eine gedruckte Ausgabe. Das Ende der „Ann Arbor News“ bedeutet einen erheblichen Verlust an Arbeitsplätzen: 274 Leute waren nach Angaben von Herausgeberin Laurel Champion zuletzt beim Lokalblatt in der Tübinger US-Partnerstadt beschäftigt – alle wurden entlassen.

Nun, immerhin hat Laurel Champion jetzt einen neuen Job: Sie ist Vizepräsidentin von „AnnArbor.com“, das ist die Nachfolgepublikation des soeben beerdigten Lokalblattes, das zuletzt eine Auflage von 45.000 Exemplaren hatte. 25 ehemalige Mitarbeiter der „Ann Arbor News“ haben ebenfalls eine Anstellung beim neuen Online-Nachrichtenorgan gefunden – im Impressum findet man vor allem beim Sport bekannte Namen. Andere arbeiten jetzt als freie Mitarbeiter für die Internetzeitung, von der es nur noch donnerstags und sonntags eine gedruckte Version gibt. Ganz ohne Printausgabe geht es nicht, denn die braucht man fürs Anzeigengeschäft: Die Wochenendausgaben amerikanischer Zeitungen enthalten dicke Werbebeilagen, die aus Prospekten und vor allem Rabatt-Coupons bestehen. Und die sind seit Beginn der Wirtschaftskrise begehrt wie schon lange nicht mehr: Amerikaner schnippeln eifrig Coupons.

Das Onlineangebot von AnnArbor.com ist kostenlos. Die Druckausgabe muss man kaufen, es gibt sie aber auch im Abonnement, und die bisherigen Abonnenten der „Ann Arbor News“ bekommen das neue Printmedium ins Haus geliefert. Die redaktionelle Schrumpfkur ging an der Zeitung nicht spurlos vorüber, wie Grace Shackman feststellen musste: „Sie war deutlich dünner als früher.“ Aber sonst habe das Blatt – einmal abgesehen vom neuen Namen – ganz ähnlich ausgesehen, berichtete die Historikerin dem TAGBLATT. Shackmann, die selbst publizistisch tätig ist und überDas Gebäude der Ann Arbor News von 1936, ein Entwurf von Albert Kahn, soll verkauft werden © Cornelia Schaible die Stadtgeschichte von Ann Arbor schreibt, bedauert das Ende des Lokalblattes: „Die Zeitung wird uns allen fehlen.“ Und das, so fügte sie hinzu, „obwohl sie nicht so gut war wie sie hätte sein können“.

Dass die journalistische Qualität des Lokalblattes nachgelassen habe, konnte man in Ann Arbor häufig hören – immer mehr langjährige Leser kündigten ihr Abonnement, auch in Grace Shackmans Freundeskreis war das so. In der Universitätsstadt, in der die Mehrheit demokratisch wählt, kam es außerdem nicht gut an, dass die „Ann Arbor News“ bei den Präsidentenwahlen zwei Mal den Republikaner George W. Bush unterstützte. Nach welchen Kriterien die Lokalberichterstattung funktionierte, verstand sowieso niemand. Nur als Beispiel: Als im vergangenen Jahr eine Delegation aus Tübingen in der US-Partnerstadt war, stand in der Zeitung von Ann Arbor darüber kein Wort.

In den USA ist die „Ann Arbor News“ das jüngste Opfer einer Zeitungskrise, die auch Großstädte nicht ausspart: So hat Seattle an der Westküste der Vereinigten Staaten schon seit dem Frühjahr keine gedruckte Tageszeitung mehr – publiziert wird seither ausschließlich übers Internet. Die Online-Ausgabe des „Seattle Post-Intelligencer“ enspricht allerdings mehr dem üblichen Bild einer Internetzeitung als „AnnArbor.com“. Auch die Internetangebote der „Detroit News“ und der „Detroit Free Press“ in der benachbarten Autometropole, die zwar noch täglich drucken, ihren Abonnenten aber nur an zwei beziehungsweise drei Tagen in der Woche das Blatt ins Haus liefern, kommt deutlich attraktiver daher.

Seit zehn Jahren ging das Anzeigengeschäft bei der „Ann Arbor News“ immer weiter zurück, während die Kosten gleichzeitig stiegen – am Ende stand der Entschluss des Verlegers, die „Ann Arbor News“ dicht zu machen und etwas ganz Neues anzufangen. Das Gebäude in der Innenstadt von Ann Arbor, in dem die Zeitung seit 1936 zu Hause war, soll verkauft werden – jetzt genügt ein kleines Redaktionsbüro, das bereits angemietet wurde. Auf diese Weise müsse man nicht weiterhin „den Niedergang“ verwalten, sagte Matt Kraner, der neue Präsident von AnnArbor.com. „Die einzige Chance, den journalistischen Auftrag weiterzuführen, bestand darin, das Modell zu wechseln“, erklärte Steven Newhouse von der Eigentümerfamilie in einem Interview, das in der „Ann Arbor News“ erschien.

Nun ist die Newhouse-Gruppe nicht irgendein Verlagshaus in den USA – tatsächlich handelt es sich um den größten amerikanischen Medienkonzern in Privatbesitz; der offizielle Name ist „Advance Publications“. Zum weit verzweigten Verlagsimperium gehören neben 30 weiteren Tageszeitungen in allen Teilen der USA auch eine lange Reihe von Hochglanztiteln, die alle erdenklichen Themen von Mode übers Reisen bis zum Golfspielen abdecken – das Fashionmagazin „Vogue“ ist ebenso ein Newhouse-Produkt wie die Intellektuellengazette „The New Yorker“. Auch einige Internetportale gehören dazu – und ganz offensichtlich verschiebt sich gerade das Gewicht in Richtung Online-Publikationen. Denn weitere Newhouse-Zeitungen aus Michigan, die bisher ihr Online-Angebot mit der „Ann Arbor News“ teilten, dürften schon bald ebenfalls ausschließlich auf dem Internet zu finden sein – Steven Newhouse hat das bereits angedeutet.

Die Frage ist nur, ob sich die bisherigen Leser so einfach umstellen. Bei Grace Shackman und ihrem Mann, die vor dem Abendessen immer gern Zeitung lasen, ist es noch nicht soweit: „Das ist schon eigenartig“, bemerkte Grace Shackman, „da ist jetzt so eine Leere.“

Monday, June 29, 2009

Little Michael Jackson: In Detroit fing alles an

Ich war nie ein Fan von Michael Jackson. Die Glitzeranzüge und der ganze Popzirkus waren nicht mein Ding. In den Achtzigern hörte ich die Rockmusik, für die ich in den Siebzigern zu jung war.Letzte Grüße der Fans an Michael Jackson vor dem Motown-Museum © Cornelia Schaible Auf den Punkt gebracht heißt das: „The Dark Side of the Moon“ interessierte mich unendlich mehr als der Moonwalk.

Mit Michael Jackson habe ich mich erst beschäftigt, seit ich mit Motown in Berührung kam: In „Hitsville U.S.A.“ begann die Karriere der Jackson 5. Ende 1968 nahm Berry Gordy die Jackson-Brüder fürs Motown-Label unter Vertrag. Und zwar nur wegen „Little Michael“. Im Museum am West Grand Boulevard in Detroit stand ich vor alten Schwarzweißfotos, die einen unglaublich hübschen Jungen mit wachen Augen zeigen. Er hat sich selbst nie so gesehen, das verhinderte ein prügelnder Vater, der seinen Selbsthass auf die Söhne projizierte. Michael Jackson ist der erste Mensch, dessen Wachsfigur schon zu seinen Lebzeiten besser aussah als das Original.

Das Banner, das seit vergangenem Wochenende am Motown-Museum hängt, zeigt konsequenterweise den Kinderstar. Es muss eine sehr frühe Aufnahme sein, denn er trägt noch keinen Afro.

Was aus einem kleinen Jungen alles werden kann.

Mehr zum Thema auf suite101: Motown trauert um Michael Jackson

Sunday, August 24, 2008

Wo Michael Phelps trainierte - und sich durchfutterte

In „Benny’s Family Dining“ gibt’s große Portionen zu günstigen Preisen, und auf der Speisekarte findet sich auch ein herzhaftes „Arbeiterfrühstück“ – für einen hart trainierenden Schwimmer genau das Richtige. Zwei Eier sind die übliche Portion, Michael Phelps aß immer drei. In Form von umgedrehten Spiegeleiern, dazu Bratkartoffeln, Würstchen und Toast, je nach Appetit durften es noch ein paar Streifen Speck sein. Das einfache Restaurant unweit der universitären Sportanlagen in Ann Arbor öffnet um 6 Uhr früh, und meist so gegen 7 kam Phelps zur Tür herein. Nach dem Morgentraining hatte er einen Mordshunger, und bis das Essen kam, so erzählt Restaurantbesitzer Benny Shehaj, verdrückte er erst einmal eine Schale Reispudding. Irgendwo müssen die 10.000 Kalorien, die Phelps nach Medienberichten täglich verbraucht, schließlich herkommen.

Vier Jahre lang trainierte Michael Phelps (23) in der Tübinger Partnerstadt. Nach sechs Mal Gold und zwei Mal Bronze bei den Spielen im Jahr 2004 in Athen zog er nach Ann Arbor – sein persönlicher Coach Bob Bowman hatte als Cheftrainer bei der Schwimm-Mannschaft der University of Michigan angeheuert. Und so blieb Phelps nichts anderes übrig, als seine Heimatstadt Baltimore im Bundesstaat Maryland zu verlassen und ebenfalls nach Michigan umzusiedeln. Bowman, gleichzeitig Mentor und Vaterersatz für Phelps, dessen Eltern sich scheiden ließen, als er neun war, hatte ihn schon als hyperaktiven Elfjährigen unter die Fittiche genommen.

Mit 19 Jahren kam Phelps dann nach Ann Arbor. Er sollte dort studieren und mit den Elite-Schwimmern der U-M beim „Club Wolverine“ trainieren. Aber zunächst lief alles nicht ganz so wie geplant. Der Winter kam, und es wurde kalt. Viel kälter als in der Ostküstenstadt Baltimore. Phelps war verletzt, konnte nicht trainieren – und hatte heftiges Heimweh.

Aber nach den anfänglichen Schwierigkeiten gelang es ihm doch, sich einzuleben. Er kaufte sich eine Eigentumswohnung in der Main Street und lernte, selbstständig zu werden. Auch im Haushalt. Kleinere Pannen ließen sich dabei nicht immer vermeiden. Laut US-Presse erzählte Phelps gerne die Anekdote, wie er einmal gewöhnliches Geschirrspülmittel in die SpülmaschineEingang zum Canham Natatorium der U-M, wo Michael Phelps vier Jahre lang trainierte © Cornelia Schaible gab. Der Spülschaum muss anschließend kniehoch in der Wohnung gestanden haben.

Irgendwann schmiss Phelps sein Studium und konzentrierte sich ganz aufs Training im „Canham Natatorium“, also in der Schwimmhalle der U-M. Dabei lenkte ihn nur wenig ab – dass der Gold-Olympionike von Athen in Ann Arbor trainierte, blieb der breiten Öffentlichkeit verborgen. Schwimmen ist kein Zuschauersport, und selbst ein Medaillengewinner wie Phelps genoss damals nur mäßige Popularität. Für die Uni konnte er als Profi nicht an Wettkämpfen teilnehmen, und so schwamm er sozusagen unter dem Radar. Zumindest war das so, bevor der US-Fernsehsender NBC ihn zum „Gesicht der Spiele“ machte.

Wenn er nicht trainierte, saß Michael Phelps gern mit seiner Bulldogge, die auf den schönen Namen Herman hört, auf dem Sofa und faulenzte. Das ergibt sich jedenfalls aus einem Fernsehspot, der den jungen Mann auf besagtem Sofa beim Müsli-Essen zeigt. Denn Phelps mag zwar irgendwann gelernt haben, wie man eine Spülmaschine bedient, aber zum Kochen brachte er es nicht. Weil niemand ständig Müsli essen kann, lernten ihn vor allem die Restaurantbesitzer von Ann Arbor kennen und lieben: Der Appetit des Schwimmers war legendär. Dass der Restaurantinhaber Shehaj eine besondere Sympathie für Phelps pflegt, lag allerdings nicht nur daran: Er sei selbst ein Schwimmer, sagt Shehaj, der vor 16 Jahren aus Albanien in die USA kam. Wie er ihn beschreiben würde? Er zuckt mit den Schultern. „Ganz normal. Nett.“

Seine Wohnung in Ann Arbor hat der Schwimmstar schon im Frühjahr verkauft, und auch nach den Spielen in Peking wird er allenfalls nur kurz in Michigan vorbeischauen. Denn sein Coach übernimmt künftig den Club in Baltimore, der ihn groß machte, und Phelps wird ihm wieder folgen. „Ich gehe zurück nach Hause“, sagte der Schwimmer bei einem Empfang in Detroit Anfang August, „aber Michigan ist der Platz, wo ich erwachsen wurde.“

Weil der Goldjunge Phelps inzwischen doch enorm populär ist, hat man in „Casey’s Tavern“ in Ann Arbor, wo er gerne einen Hamburger aß, sein Bild mit Autogramm vorsorglich abgenommen – offenbar wurde befürchtet, es könnte Beine bekommen. Aber es werde auf jeden Fall an seinen Platz zurückkehren, hieß es in der rustikalen Bierkneipe. Dass die Leute nach den Olympischen Spielen wieder vergessen, wie Michael Phelps aussieht, ist diesmal ohnehin nicht zu befürchten: Dafür werden all die Werbeverträgen, die er nach dem Rekorderfolg in Peking einsammelte, schon sorgen. Unter anderem wird Phelps auf den Schachteln von Kellogs-Frühstücksflocken zu sehen sein.

Monday, September 3, 2007

Belle Isle, die Schöne

Zur Zeit der ersten Siedler war die Insel voller Klapperschlangen. Deswegen hielten die Franzosen dort Schweine, die mit den rattlers offenbar kurzen Prozess machten. Als es dann später auf der "Isle aux Cochons" keine Schweine und keine Klapperschlangen mehr gab, nicht einmal mehr Franzosen, fand die Detroiter Bevölkerung den Namen unpassend. Wie unromantisch! Seit 1845 trägt die kleine Insel im Detroit River den Namen Belle Isle, benannt nach einer gewissen Miss Isabella Cass, die man wahrscheinlich nicht kennen muss.

Im Jahr 1879 kaufte die Stadt Detroit Belle Isle. Zahlreiche Bauprojekte sorgten im Anschluss daran, dass die "Schöne Insel" ihrem Namen bald alle Ehre machte. Sogar der prominente Landschaftsgärtner Frederick Law Olmsted, der unter anderem den Central Park in New York plante, lieferte Entwürfe. Das Anna Scripps Whitcomb Conservatory, ein Gewächshaus aus dem Jahr 1904, sowie das Aquarium aus dem gleichen Jahr sind Werke des Detroiter Architekten Albert Kahn. Das Casino wird allerdings nur selten genutzt und ist baulich nicht im allerbesten Zustand. Und das öffentliche Aquarium, das älteste in den Vereinigten Staaten, wurde 2005 geschlossen. Auch andere historische Gebäude sind verlassen und vom Verfall bedroht.

Insgesamt spiegelt Belle Isle den Niedergang der Stadt Detroit wider - ganz offensichtlich ist kein Geld da, um die Einrichtungen zu unterhalten und die Grünanlagen zu pflegen. Nur der Brunnen aus weißem Marmor, ein architektonisches Meisterwerk von 1925 mit dem Namen "James Scott Fountain", ist in hervorragendem Zustand. Als ich beim Weihnachtsmarkt in der Carpathia im vergangenen Jahr Postkarten vom Belle-Isle-Brunnen mit Detroit im Hintergrund anbot, erinnerte sich eine ältere Frau: "Da war ich bei einem Schulausflug!" Das mag wohl ein paar Jahrzehnte her sein. Seither hat sie es nicht mehr dorthin geschafft.

Ein Ausflugsort der Detroiter ist die Insel aber immer geblieben. Samstagsabends geht man dorthin zum Cruisen, sonntags zum Picknick. Außerdem gibt's auf Belle Isle den einzigen Strand der City of Detroit. Der Unternehmer und Rennstallbesitzer Roger Penske brachte auch Vorstädter wieder auf die Insel: Am gestrigen Labor Day wurde dort der Detroit Indy Grand Prix gefahren - das erste Autorennen seit 2001. Wir hatten gestern immerhin das Vergnügen, das Ganze vom Flugzeug aus zu sehen, als wir aus Deutschland zurückkamen. Bei strahlendem Sommerwetter. Es sah richtig niedlich aus.

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob ein Autorennen das richtige Mittel ist, um der schönen Insel städteplanerisch endlich wieder gerecht zu werden. Belle Isle ist unzweifelhaft ein äußerst beschauliches Fleckchen Erde, das eine Postkartenaussicht auf Detroit, die Ambassador Bridge und Windsor bietet. Ein Stadtpark mit einer internationalen Grenze in Reichweite! Gelegentlich kann man sogar Frachter vorbeifahren sehen. "In other cities, a place like this would get more attention", zitierte die Free Press eine Detroiterin. Das kann man wohl sagen.

Friday, June 22, 2007

Salut à Détroit

Erstaunlich, was die Leute so alles auf meine Seite bringt - ich meine die Suchbegriffe, die sie eintippen. Auch das wäre einmal einen Beitrag wert, vor allem die Spitzenreiter. Stichwort: belegte Seele. Hätte ich bekanntlich auch gern eine. Und das war ein Tübinger! Warum ging der nicht einfach zum Bäcker um die Ecke?

Heute beehrte schon jemand MOTOWN BLUES, der sich offenbar zum Thema "Detroit - Aussprache" so seine Gedanken machte. Das lobe ich mir. Denn immer wieder begegnen mir Deutsche, die auch nach Jahren in Michigan noch nicht wissen, wie man Detroit richtig ausspricht. Es heißt nämlich nicht DEEEtroit, jedenfalls normalerweise nicht, höchstens beim Basketball, wenn die Pistons drüben im Palace spielen, aber die haben jetzt ohnehin Sommerpause. Außerhalb des Basketball-Stadions liegt die Betonung auf der zweiten Silbe: DeTROIT. Ich hatte nie Mühe, mir das einzuprägen, schließlich brüllte es Eminem oft genug von der Bühne - D-TROIT! Das war beim Konzert im Ford Field, am 13. Juli 2003. Damals war ich erst seit ein paar Tagen in Motown. Wie die Zeit vergeht.

Am liebsten unterhalte ich mich mit meiner französischen Freundin Brigitte über die Stadt - Détroit [de'trwa], das hört sich doch gleich ganz anders an. Nie würde ein Franzose oder eine Französin dieses klangvolle Wort à l'anglaise aussprechen. "Aber wieso - das war doch keine französische Stadt", meinte eine Bekannte, der ich davon erzählte. Nun, so kann man sich täuschen.

Knapp 306 Jahre ist es jetzt her: Am 22. Juli 1701 erreichten die Kanus von Antoine de la Mothe Cadillac, von Montreal kommend, den Beginn der Gewässerenge zwischen Lake Huron und Erie, le détroit genannt. Am nächsten Tag ruderte Cadillac mit seinen Mannen den Lake St. Clair hinunter, dann an Belle Isle vorbei und an der Stelle, wo heute die Ambassador Bridge USA und Kanada verbindet. Erst am Tag darauf entdeckten sie, wieder stromaufwärts paddelnd, das nette Plätzchen an der Biegung des Flusses, wo die Detroiter heutzutage Feste feiern. "Voilà Détroit!" rief Cadillac, hoch erfreut. Und dabei blieb es.

Leider konnten die Engländer und Amerikaner, die irgendwann ins Spiel kamen, den Namen der Stadt nicht richtig aussprechen. Bois Blanc, eine der Inseln im Detroit River, verballhornen die Einheimischen gar zu "Boblo", wie ich erst kürzlich lernte. Aber immerhin haben sie den Anreisetag von Cadillac nicht vergessen: In einem Monat, am 22. Juli, wird wieder gefeiert. Auch das lange vernachlässigte Ufer, an dem die ganze Geschichte begann, kommt wieder zu Ehren: Heute beginnen die Detroit International River Days, eine sechstägige Sause. Salut!

Tuesday, June 5, 2007

Deutsch an Detroiter Schulen: ein Trauerspiel

Wer Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, hat in Metro Detroit genug zu tun – jedenfalls im Bereich der Erwachsenenbildung. Viele Unternehmen vermitteln ihren Ingenieuren und Managern Deutschkurse im Betrieb, das spart Zeit und setzt die Mitarbeiter ein Stück weit unter Erfolgszwang. Mehr als 300 deutsche Unternehmen haben ein Werk oder eine Niederlassung in Südostmichigan, und so gehören Deutschkenntnisse einfach zum guten Ton. Und zum Geschäft.

Der Bedarf an Deutschkursen für Erwachsene im Raum Detroit wird künftig sicher noch wachsen: An den High Schools der Metropole wird nämlich immer seltener Deutsch angeboten. An der King High School in Detroit etwa ließ man den Deutschunterricht auslaufen, in der Vorstadt West Bloomfield können Schüler demnächst kein Deutsch mehr lernen, und an der Seaholm High School in Birmingham ging die Deutschlehrerin weg und wurde nicht dauerhaft ersetzt. Von den drei High Schools in Farmington wird demnächst nur noch eine Schule die Sprache anbieten: die Farmington High School, wo Janet Harris Deutsch unterrichtet.

Obwohl ihre eigene Stelle zumindest im Moment nicht bedroht sei, fühle sie sich trotzdem von den Kürzungen betroffen, sagt Janet Harris: „Ich habe fast neun Jahre lang im Bezirk Deutsch unterrichtet, und ich habe so fleißig gearbeitet, um das Programm aufzubauen.“ Die Schülerzahl sei mit der Zeit stetig gewachsen, obwohl Deutsch immer mit Französisch und Spanisch konkurrieren musste – und diese beiden Sprachen werden in Farmington im Gegensatz zu Deutsch bereits in der Middle School angeboten. Deswegen sei es nun eine große Enttäuschung für sie, dass die Deutsch-Lehrkraft der beiden anderen High Schools eingespart werde – wer dort trotzdem Deutsch lernen möchte, soll künftig pendeln. Eine wenig attraktive Alternative.

„Es heißt, es bestehe nicht genug Interesse“, erklärt Janet Harris. „Aber das stimmt nicht: Die Nachfrage für Deutsch ist sogar gestiegen!“ Woher kommt dann diese ablehnende Haltung gegen Deutsch-Programme an High Schools, obwohl das Erlernen mindestens einer Fremdsprache in Michigan für jede/n Schüler/in in vier Jahren Pflicht sein soll? Laut Harris überwiegt immer noch die Vorstellung, dass Deutsch unmäßig schwer sei. „Doch das ist einfach absurd“, sagt die Deutschlehrerin, die ursprünglich aus England stammt und in Bath sowie in Freiburg studiert hat. Sie wisse auch gar nicht, woher dieses Missverständnis komme – wahrscheinlich von schlecht beratenen Entscheidungsträgern, die selbst keine Fremdsprache sprechen.

Sicher gebe es einige grammatische Schwierigkeiten im Deutschen, sagt die Lehrerin, in der die Sprache von Goethe und Schiller eine starke Fürsprecherin gefunden hat. „Aber jede Sprache ist auf ihre Weise schwierig.“ Und für die Anfängerstufe spiele die Grammatik ohnehin keine große Rolle – die Aussprache des Deutschen ist bekanntlich schnell und einfach zu lernen. „Außerdem steht das Englische dem Deutschen sehr viel näher als dem Französischen oder Spanischen“, wirbt Harris. Obwohl Spanisch heute in den USA sehr wichtig ist, gibt es für sie trotzdem einen wichtigen Grund, eher Deutsch zu lernen: „Wenn eine Firma jemanden einstellen möchte, der Spanisch kann, sucht man nach einem native speaker.“

Nicht nur in Michigan, wo Deutschland der wichtigste ausländische Investor ist, gibt es gute Gründe, dem Wirtschaftspartner auch sprachlich entgegenzukommen. US-Niederlassungen deutscher Firmen beschäftigen gut eine Million Amerikaner. Umgekehrt sind 2000 US-Unternehmen in deutschsprachigen Ländern geschäftlich tätig. Und so wird vielen Amerikaner erst bewusst, dass sie Deutsch können sollten, wenn sie ins Berufsleben eintreten. Was Johnny nicht lernt, lernt John immer mehr.

Wednesday, May 23, 2007

Deutsche Unternehmen in Michigan

Deutschland ist der wichtigste ausländische Investor in Michigan. Insofern kann es nicht schaden, wenn die Gouverneurin die Vertreter deutscher Unternehmen ein wenig bauchpinselt. Und so eilte Jennifer Granholm gestern trotz Staatshaushaltskrise von Lansing nach Bloomfield Hills, um beim Frühjahrsempfang der deutschamerikanischen Handelskammer (GACC Michigan) das Grußwort zu sprechen.

6 Milliarden Dollar hätten europäische Unternehmen in jüngster Zeit in Michigan investiert, sagte die Gouverneurin; der überwiegende Anteil davon kam aus Deutschland. In welchem Zeitraum genau? In viereinhalb Jahren, erklärten mir Vertreter der Handelskammer nach der Rede, als Granholm bereits wieder auf der Fahrt zurück in die Kapitale war. Also in der Amtszeit der Gouverneurin. Insgesamt beschäftigen deutsche Firmen in Michigan 170.000 Menschen, lobte Granholm. Nach Angaben der Staatsregierung gibt es mehr als 300 Niederlassungen deutscher Unternehmen in Michigan.

Wenn erst einmal die Trennung von Daimler und Chrysler vollzogen ist, werden die Zahlen gewiss anders aussehen. Aber diese massive Änderung in der Unternehmenslandschaft von Michigan erwähnte die Gouverneurin mit keinem Wort, ebensowenig wie die Massenentlassungen der einheimischen Autoindustrie. In gewohnt optimistischer Manier begrüßte sie stattdessen den Strukturwandel, der die Wirtschaft des Bundesstaates derzeit gewaltig beutelt: „This is Michigan’s moment to build something new." Dass es sich dabei um eine ziemliche Herausforderung handelt, gab sie immerhin zu. Für einige Heiterkeit im Publikum sorgte schließlich das Eingeständnis: „Greatness is a terrible thing to waste."

Die Zeit der rauchenden Schlote sei eben vorbei, so Granholm weiter; nun müsse man sich ganz auf Forschung und Entwicklung konzentrieren: In Südost-Michigan gibt es ihren Angaben zufolge bereits 330 R&D facilities. Das dürften aber gerne noch mehr werden, und so appellierte Granholm an die deutschen Firmenvertreter: „You are our spokespeople. You are Michiganians by choice!"

Wahrscheinlich erzählt sie das bei Gelegenheit auch den hiesigen Japanern. Das neue Toyota Tech Center bei Ann Arbor schafft 400 Arbeitsplätze.

Offizielle Website der Handelskammer: German American Chamber of Commerce of Michigan

Tuesday, May 1, 2007

Die reformierte Rechtschreibreform

In der kommenden Woche, am 8. und 10. Mai, werde ich in Zusammenarbeit mit der Deutschen Schule Metro Detroit zwei Seminare zur Rechtschreibreform anbieten. Genauer gesagt: Es geht dabei um die Reform der deutschen Rechtschreibung aus dem Jahr 1996. Dazu ein paar Erläuterungen für alle, an denen diese Reform irgendwie vorbeigegangen ist (kann im Ausland schließlich leicht passieren).

Besagte Rechtschreibreform wurde im Prinzip bereits am 1. August 1998 eingeführt – ich kann mich noch gut daran erinnern, denn das war ein Samstag, und ich hatte Wochenenddienst in der Redaktion. Die Montagsausgabe der Zeitung erschien dann in der neuen Schreibweise. Und ein paar Tage später hatte sich mein rechter kleiner Finger schon daran gewöhnt, nicht mehr so oft nach der Eszett-Taste zu fischen. Von einigen überflüssigen Änderungen einmal abgesehen (die Gämse lässt grüßen!) erschien mir die neue Regelung insgesamt nützlich und sinnvoll.

So dachten allerdings nicht alle. Die breite Öffentlichkeit hatte von der Reform nämlich erst erfahren, als sie schon fast unter Dach und Fach war. Kein Wunder: In dem Arbeitskreis, der das neue Regelwerk entworfen hatte, befanden sich zwar eine Menge gelehrter Germanisten, aber offenbar niemand, der etwas von Marketing verstand. Die Kommission hatte weitgehend hinter verschlossenen Türen getagt. Aufklärung der Allgemeinheit: Fehlanzeige.

Dabei sollte die Rechtschreibung ursprünglich reformiert werden, um der Bevölkerung das Schreiben zu erleichtern – aber niemand hatte die Leute gefragt, was sie einst beim Diktat am meisten ins Schwitzen brachte. Und so brach alsbald ein Sturm der Entrüstung los. Zahlreiche Schriftsteller (die sowieso schreiben können, wie sie wollen, sobald sie erst einmal richtig berühmt sind) setzten sich für einen Stopp der Reform ein. Der Untergang des zivilisierten Abendlandes schien nahe. Kurzum: Es war ein Albtraum (jawohl!).

Eine Reform der Reform war also unumgänglich. Ende 2004 nahm der „Rat für Deutsche Rechtschreibung" unter der Ägide des Bayern Hans Zehetmair seine Arbeit auf und beseitigte den gröbsten Unfug im Regelwerk – niemand sollte mehr „Spagetti" schreiben müssen (laut Duden ist es allerdings nach wie vor erlaubt). Die Kultusministerkonferenz stimmte den Vorschlägen des Rates zu, und am 1. August 2006 trat die Rechtschreibreform in Kraft.

Selbst die FAZ, die im Jahr 2000 unter viel Getöse zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt war, publiziert seit Anfang dieses Jahres nach den neuen Regeln – wie die überwiegende Mehrheit der großen Verlage. Das heißt, jetzt gibt es keine Ausrede mehr: Wer sich nicht nach den Regeln der neuen Rechtschreibung richtet, schreibt antiquiert. Dazu muss man allerdings bemerken, dass die Öffentlichkeitsarbeit auch bei der Rechtschreibreform-Reform nicht gerade vorbildlich war. Es wäre eine nette Geste gewesen, die neuen Regeln etwa per Hauswurfsendung unters Volk zu bringen. Dies geschah nicht. Aber schließlich müssen ja auch Volkshochschulen noch etwas zu tun haben. Oder Sprachklempner wie ich.

Ich persönlich halte Rechtschreibung nämlich für ein äußerst reizvolles Thema. Für viele andere ist es eher ein Reizthema, wie ich in Gesprächen immer wieder feststelle. „Iiich schreibe bestimmt nicht nach der neuen Rechtschreibung!" – wie oft habe ich das schon gehört. Merkwürdigerweise nicht selten von Leuten, die alle naslang ihr Blackberry konsultieren, regelmäßig ihren Browser updaten und bestimmt das neueste Windows-Betriebssystem schon installiert haben. Hey, wir leben im Informationszeitalter!

Das grundlegende Kommunikationsmedium, nämlich die Sprache, pflegen meiner Erfahrung nach nur wenige. Und das ist eindeutig ein Fehler – zumal in einer Gesellschaft, die lebenslanges Lernen als selbstverständlich voraussetzt. In meinem Seminar werde ich daher nicht nur die wichtigsten Regeln der neuen Schreibweise behandeln; ich möchte auch mehr BewusstseinRechtschreibreform im Wörterbuch © Cornelia Schaible schaffen für das Material Sprache, mit dem wir tagtäglich arbeiten. Auch wenn – oder gerade weil – wir eher E-Mails schreiben als Romane.

Die Beschäftigung mit der Orthografie sollte man gewiss nicht allein Deutschlehrern und Journalisten überlassen. Dr. Matthias Wermke, der Leiter der Dudenredaktion, schreibt auf einem Beilageblatt der neuesten Ausgabe des Wörterbuches: „Ein sorgfältiger Umgang mit Rechtschreibung und Interpunktion zeichnet nicht nur die Schreiberin oder den Schreiber selbst aus, sondern ist immer auch ein persönlicher Beitrag zu einer aktiven Sprachpflege." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Infoblatt zum Seminar

Sunday, April 1, 2007

Detroit ist eine Metropole

Detroit schrumpft, das weiß jedes Kind. Tippt man die Stichworte „Schrumpfende Städte“ oder „shrinking cities“ bei Google ein, findet die Suchmaschine zuallerst eine Ausstellung mit genau diesem Namen – und da steht Detroit als Untersuchungsobjekt gleich an erster Stelle. Detroit: seit Jahrzehnten schon eine Metapher für urbane Ruinenlandschaften, postindustrielle Verelendung und Stadtflucht. Außer ein paar Journalisten, die ihre Vorurteile bestätigt sehen wollen, geht da freiwillig keiner hin. Oder?

Die Deutschen, die es aus beruflichen Gründen nach Detroit verschlägt, rechnen oft mit dem Schlimmsten. Ich kenne eine junge Frau, die sich am ersten Tag nicht aus dem Hotel traute – während ihr Mann seine neue Arbeitsstelle antrat, wäre sie nach eigenem Bekunden beinahe verhungert. Sie erzählt das immer mal wieder gerne und lacht dann herzlich darüber. Das Hotel befand sich nämlich in Birmingham, also in einer der schicksten Vorstädte Detroits, wo die Leute oft sogar zu Fuß in die teuren Restaurants gehen. Auch für mittelmäßige Immobilien verlangen die Makler dort Mondpreise. Birmingham wiederum grenzt an Troy, wo es vor allem Banken und ein Edel-Einkaufszentrum gibt. Troy ist übrigens eine sichersten Citys in ganz Amerika. Auch das ist Detroit – Metro Detroit, um genau zu sein.

Wer am Detroiter Flughafen im südwestlich gelegenen Romulus landet, staunt meist nicht schlecht. Alles so groß hier! Und der Flughafen ganz weit draußen, genau wie in den anderen großen Städten Amerikas. Endlose Vorstädte mit Namen, die alle in England ausgeliehen scheinen. Eigentlich ziemlich grün, das Ganze. Die Ausfallstraßen mit den Schnellrestaurants sehen allerdings so hässlich aus wie überall. Wie – in eine der nördlichen Suburbs zu fahren, kann über eine Stunde dauern? Ist aber richtig nett hier, viele Leute wohnen an kleinen Seen, gibt eine ganze Menge davon. Und wo genau ist jetzt Detroit?

Wenn von Detroit die Rede ist, kann zweierlei gemeint sein: die Stadt oder die Region. Außerhalb von Detroit ist es fast immer die Region. Wenn ein Einwohner von Birmingham, Michigan, nach Kalifornien fährt, wird er dort nicht erzählen, er sei aus Birmingham – keiner weiß, wo das ist. Außerdem droht Verwechslungsgefahr. Er wird stattdessen sagen: „Ich komme aus Detroit.“ Und dieses Detroit ist groß: Die US-Zensusbehörde fasst sechs Landkreise – Lapeer, Livingston, Macomb, Oakland, St. Clair und Wayne – zur "Detroit-Warren-Livonia Metropolitan Statistical Area" (MSA) zusammen, mit einer Population von knapp 4,5 Millionen Menschen. Und dabei sind die Einwohner von Windsor auf der kanadischen Seite des Detroit River noch nicht einmal mitgezählt.

Detroit ist eine Metropole. Die Ausstellung „Shrinking Cities“, die bis heute in zwei Detroit Museen Station machte, stellt das auch klar: „Detroit is not a shrinking City. It is a growing region marked by uneven development and uneven distribution of wealth and opportunity“, heißt es in einem Video der Show. Insofern ist die Situation anders als in den übrigen Städten, die in der Ausstellung vorkommen: Halle und Leipzig, Manchester und Liverpool sowie das russische Ivanovo verödeten im Zuge des postindustriellen Strukturwandels. Natürlich spielte dieser auch in Detroit eine Rolle, aber die City blutete vor allem nach den Rassenunruhen Ende der 60er-Jahre aus. Die Weißen zogen in die Suburbs, und die überwiegend von Schwarzen bewohnte Downtown wurde von der Politik systematisch vernachlässigt. Bis heute ist Detroit die am stärksten segregierte Großstadt Amerikas. Dass aus rassistischen Gründen das kulturelle Zentrum einer ganzen Region vor die Hunde ging, fiel offenbar lange niemandem auf.

Der Trend zur neuen Urbanität macht sich aber auch in Detroit bemerkbar. Neuerdings, so entnehme ich der lokalen Presse, kaufen sich wohlhabende Vorstädter Eigentumswohnungen in Downtown. Und irgendwann merken es sogar die meisten Deutschen, die nach Metro Detroit ziehen: Wenn sie ins Museum, ins Konzert oder zu einer Sportveranstaltung wollen, müssen sie schon nach Downtown fahren. In den Vorstädten – mit Ausnahme von Birmingham und zwei, drei anderen Citys – werden abends die Bürgersteige hochgeklappt. Falls es überhaupt welche gibt.

Friday, January 19, 2007

Stadt, Land, Fluss

Wie das Bild oben sehr schön zeigt, liegt die Motor City an einem Gewässer. Die Frage ist nur, an welchem. Alle Jahre wieder rätseln die Autoredakteure deutscher Zeitungen, was da wohl an Detroit vorbeifließt. Oder liegt Motown etwa an einem See? Klar, das ist die Region der Großen Seen, das haben die Journalisten auf dem Videoschirm im Flieger gesehen. Also müssen sie sich nur noch einen aussuchen. Denken sie. Und werfen einen Blick auf die Nordamerika-Karte, auf der Detroit nur ein kleines Pünktchen ist. Ganz in der Nähe des Erie-Sees.

So verfuhr wohl Stefan Grundhoff, der vor ein paar Tagen in der "Süddeutschen Zeitung" schrieb: "Die Autoshow am Erie-See ist auch ein Fegefeuer der Eitelkeiten." Über verunglückte sprachliche Bilder wollen wir hier nicht reden - ins Fegefeuer gehört allenfalls ein Autor, der so einen Satz von sich gibt. Abgesehen davon weiß ich zwar nicht, ob es auch irgendwo am Lake Erie eine Fahrzeugmesse gibt, aber die hat der Schreiber wohl kaum gemeint. Vielleicht musste er einst im Deutschunterricht die Ballade "John Maynard" von Theodor Fontane lesen. Fontane nahm es mit der Geografie indessen nicht so genau, wahrscheinlich fällt das unter dichterische Freiheit:
Die "Schwalbe" fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;
Von Detroit fliegt sie nach Buffalo -
Die Herzen aber sind frei und froh (...).

Der Erie-See war im eingangs zitierten Artikel zudem falsch geschrieben, aber Schwamm drüber.

Gut. Welche Seen bieten sich noch an? Irgendwas hat Detroit mit Michigan zu tun, denkt sich der Journalist, und schreibt freudig über die "Motor-Show am Lake Michigan". Ein Zitat übrigens aus "Spiegel Online". Das alliteriert zwar sehr schön, ist aber trotzdem falsch. Nicht einmal der deutsche Messe-Ausstatter ict weiß, wo er alljährlich seine Riesen-Bildschirme aufbaut - auf der Website steht etwas von der "Autometropole am Lake Michigan". Oder war es am Ende der Lake Huron? Mindestens ein Fotograf bei der Agentur istockphoto hat seine Detroit-Skylines mit dem Schlüsselwort "Huron" versehen. Das ist der große See nördlich von Detroit. Liegt nahe, ist aber ebenfalls daneben.

Leider ist in diesem Fall auch der Detroit-Eintrag auf Wikipedia keine große Hilfe: Demnach ist die Stadt "zwischen dem Lake St. Clair und dem Eriesee gelegen". Das stimmt zwar, bringt uns hier aber nicht weiter. Wenigstens gibt es eine Erklärung dafür, woher sie ihren Namen hat: "Detroit wurde von dem französischen Kapitän Antoine de la Mothe Cadillac am 24. Juli 1701 am Ausfluss des Lake Erie als ,Ville d'Etroit‘ (Stadt an der Meerenge) gegründet." An der Meerenge? Nun, die Great Lakes wurden einst als "Süßwassermeere" bezeichnet, und bei Sturm wirkt der schöne blaue Michigan sogar wie ein Ozean. Aber mit "détroit", auf Englisch strait, wird ganz allgemein eine Engstelle zwischen zwei Gewässern bezeichnet. Und das kann im Prinzip auch ein Fluss sein.

Also: Detroit gehört zum Bundesstaat Michigan - und liegt am Detroit River.

Monday, August 28, 2006

Michigan State Fair

Schon einmal gesehen, wie eine Kuh kalbt? Oder wie 15 rosige Ferkel die Zitzen einer Muttersau traktieren? Wenn Detroiter Landluft schnuppern wollen, brauchen sie derzeit nur auf der Woodward Avenue bis zur Stadtgrenze zu fahren – bis zum Fairground an der Ecke von Eight Mile Road. Dort hat noch bis zum 4. September der Michigan State Fair seine Tore geöffnet. Und der Besucher erhält die Gelegenheit, einmal mitten in der Stadt zu besichtigen, woran er sonst nur auf der Country Road vorbeifährt.

Ein State Fair – gleiches gilt für den County Fair, die regionale Variante – ist eine Mischung aus Jahrmarkt, Rummel, Gewerbeschau und Landwirtschaftsausstellung. Es ist die Kirmes der Amerikaner, Karussell und Zuckerwatte inklusive. Das bunte Jahrmarktstreiben hat Tradition: DerImbissbuden auf dem Michigan State Fair in Detroit © Cornelia Schaible Michigan State Fair, der älteste seiner Art im Lande, hatte 1849 Premiere; seit 1905 ist er immer am selben Standort in Detroit. Das Grundstück hatte die Michigan Agricultural Society damals angeblich für einen Dollar erworben.

Heute kostet schon der Eintritt 9 Dollar für Erwachsene, was indessen nicht übertrieben viel erscheint: Dafür wird schließlich allerhand geboten. Und gerade der aus Europa stammende Besucher erhält ein Stück weit Einblick in ein ländliches und volkstümliches Amerika, das er sonst kaum je zu Gesicht bekäme – jedenfalls nicht in den Suburbs. Wo sonst hat man Gelegenheit, einem Ziegenmelkwettbewerb der Landjugend beizuwohnen? Der landwirtschaftliche Teil des State Fairs ist überhaupt der spannendste – die Dreh- und Fahrgeschäfte sind weniger der Hit. Ein Riesenrad steht in jedem Vergnügungspark, und für rasantere Rüttel- und Schüttelmaschinen fährt man besser nach Cedar Point. Auch die Verkäufer von Super-Schrubbern oder Wunder-Töpfen, in denen Gemüse ganz ohne Wasser gar wird und trotzdem nicht anbrennt, sehen ihren Kollegen anderswo zum Verwechseln ähnlich.

Was den Besuch des Michigan State Fairs wirklich lohnt, ist „The Miracle of Life Exhibit“. Sowas gibt’s nur in Amerika: staunende Kinder, die zusehen, wie eine Kuh in die Wehen kommt. Die Geburt wird sogar per Video aufgezeichnet. Und das Kalb, das ziemlich lange braucht, bis es endlich auf eigenen Beinen stehen kann, wird von einer vielstimmigen Besucherschar angefeuert: „Come on, Baby!“ Kalbende Kühe, ferkelnde Säue – zumindest die Frage: „Wo kommen denn die kleinen Kühe her?“ ist damit ein für alle Mal beantwortet. Aufklärung auf die tierische Art. Ach ja, es gibt auch schlüpfende Hühner und Truthähne. Und winzige Wachtelküken.

Das ist aber noch nicht alles. Die Haustiere, die der Durchschnittsamerikaner sonst allenfalls in Stücken und unter Plastikfolie im Supermarkt zu sehen bekommt, sind bei der landwirtschaftlichen Ausstellung des „Michigan State Fair“ leibhaftig zu bewundern: Schafe im Frisierumhang, die noch auf den Schönheitswettbewerb warten. Grunzende Ringelschwanzträger, die es offensichtlich mögen, wenn man ihnen den Schweinenacken krault. Und dann gibt's noch die Tiere, die nicht auf dem Speisezettel der Amerikaner stehen und gerade deswegen in ihrer Existenz gefährdet sind – all die schönen Pferde! Erstaunlicherweise besteht in den USA trotzdem ein großes Reservoir an Kaltblutrassen, die in Europa schon fast untergegangen sind. Wie die ursprünglich aus der Normandie stammenden Percheron, die als Zugpferde eingesetzt werden – ein Percheron-Gespann ist einfach eine Schau. Die Tiere sind riesig: Mit den Vorfahren der Percheron zogen die alten Ritter in den Kampf. In Frankreich werden die massigen Pferde heute hauptsächlich zur Fleischproduktion gezüchtet.

Gleich neben der Halle, in der die schönsten Pferdegespanne gekürt werden, steht der Kuhstall. Dort wird Milch mit Schokogeschmack ausgeschenkt. Hey, wir sind in Amerika! Da sind die Kühe zwar nicht lila, sondern nur langweilig braun oder schwarz-weiß – dafür geben sie offenbar Schokolademilch. Damit sich die State-Fair-Besucher ein wenig stärken können. Von der Verpflegung an einer Imbissbude mit Corndogs oder Elephant Ears ist eher abzuraten – der Gestank von Altöl aus der Fritteuse überzieht den ganzen Platz. Wer für sich und seine Lieben keine gastrische Krisen riskieren möchte, verzichtet besser darauf.

Wednesday, July 12, 2006

Ann Arbor gegoogelt

„Die Leute in Ann Arbor sind ganz aufgeregt", sagte mir John Hieftje heute Morgen am Telefon. Hieftje ist der Bürgermeister der Universitätsstadt im Süden von Metro Detroit, die das größte College-Football-Stadium der Welt ihr eigen nennt. Logo, dass jeder Amerikaner das Emblem der Uni kennt: Ein gelbes "M" auf blauem Grund. Go Blue! Das sagt sich jetzt auch Google - das kalifornische Unternehmen schafft in Ann Arbor 1000 Arbeitsplätze, wie gestern bekannt wurde. Und Mayor Hieftje freut sich: „Das ist genau der Typ von Unternehmen, der hierher passt!"

Nun liegt Ann Arbor im Bundesstaat Michigan, der in jüngster Zeit eher mit seiner krisengeschüttelten Autoindustrie Schlagzeilen machte als mit der Ansiedlung von Hightech-Unternehmen. Im April betrug die Arbeitslosenquote noch 7,2 Prozent und lag damit deutlich über dem US-Durchschnitt. Zwar sank die Quote im Mai um gut einen Prozentpunkt, gleichzeitig hatte aber auch die Zahl der Personen, die dem Arbeitsmarkt in Michigan zur Verfügung stehen, überraschend abgenommen.

Eine mögliche Erklärung: Immer mehr Menschen ziehen in den Süden der USA, wo die japanischen Autofirmen ihre Fabriken bauen. Die Gewerkschaften haben dort praktisch keinen Einfluss. In Michigan, wo die meisten Autoarbeiter gewerkschaftlich organisiert sind, errichten die Japaner allenfalls Forschungszentren – am liebsten in der Nähe der „University of Michigan". Toyota plant gerade ein neues Technologiezentrum in der Nähe von Ann Arbor, und Hyundai forscht ebenfalls in der Unistadt.

Offenbar schätzt auch Google die Nähe zur renommierten Universität. Derzeit beschäftigt das Internet-Unternehmen mit Hauptsitz im kalifornischen Mountain View 5680 Mitarbeiter. Für die 1000 neuen Jobs, die der Suchmaschinenbetreiber innerhalb der nächsten fünf Jahre nach Ann Arbor bringen will, sollen Presseberichten zufolge heimische Fachkräfte angeheuert werden – ein Studium ist Voraussetzung. Die Stellenausschreibung hat bereits begonnen. "Michigan has been Googled!" sagte Gouverneurin Jennifer Granholm gestern bei der Pressekonferenz. Oder viel mehr Ann Arbor.

Aus Ann Arbor kommt künftig die spezielle Internetwerbung, mit der Google Geld verdient: die so genannten AdWords. Das sind die nervigen Textanzeigen, die bei Eingabe eines Suchwortes gleich neben den Ergebnissen in einer Spalte eingeblendet werden. Zur Entscheidung, das Hauptquartier für Werbung in Ann Arbor anzusiedeln, hat sicher auch beigetragen, dass der Google-Mitbegründer und heutige Produktchef Larry Page ein Absolvent der „U of M" ist. Page, 33, stammt ursprünglich aus East Lansing, ebenfalls Sitz einer Universität. An Uni-Absolventen gibt es in Michigan wahrlich keinen Mangel, allerdings wandern die meisten nach dem Examen ab.

In Michigan hofft man nun natürlich, dass Google eine Vorreiterrolle spielt und sich im Bundesstaat weitere Hightech-Unternehmen und Forschungseinrichtungen ansiedeln, als Ersatz für die verlorenen Arbeitsplätze in der Autoindustrie. Washtenaw County, zu dem Ann Arbor gehört, hat den Wechsel schon vollzogen – der Landkreis im Süden der Autometropole Detroit verzeichnet eine Arbeitslosenquote von gerade mal 4 Prozent. Ein neues Silicon Valley ist Ann Arbor damit aber noch nicht: Google ist das erste große Unternehmen aus dem Bereich der Informationstechnologie in Washtenaw County; ein paar kleinere Firmen sind schon länger hier ansässig. Mayor Hieftje hofft aber, dass weitere nachziehen: „Es kann nicht schaden, noch ein paar Jobs mehr zu kriegen!"

Das Lokalblatt „The Ann Arbor News" stellte heute schon die Frage, wo die Beschäftigten bloß alle parken sollen. Vielleicht gibt Google ja den Anstoß, den Nahverkehr weiter auszubauen. Das ist auch so ein Traum des Bürgermeisters.

Tuesday, February 7, 2006

Ein Comeback für Detroit?

Wie sich Detroit in den vergangenen Tagen präsentierte, könnte ein Neubeginn sein. Ein neuer Anfang, keine Renaissance. Weiter auf eine Wiedergeburt zu spekulieren, bringt nichts - das hat schon viele Jahre lang nicht funktioniert. Und da kann GM lange im pompösen Renaissance-Center residieren, die Autofabriken kommen nicht wieder. Ein großes Kaufhaus auch nicht. Und Shopping Malls gibt es schon woanders in der Metropole. Allenfalls könnte Neues entstehen. Auf den Ruinen der alten Motor City. Aber was?

Derzeit wird die Stadt mit so viel Lob überschüttet, dass die Verantwortlichen schon fast in Deckung gehen - das sind sie einfach nicht gewohnt. In Motown saugt man die Minderwertigkeitskomplexe schon mit der Muttermilch ein. Und nun heißt es auf einmal, die Organisation des Superbowls habe alle Erwartungen übertroffen. Detroit-Bashing ist out, für den Moment jedenfalls. Wer hätte das gedacht. Die Kolumnisten mancher Zeitungen kriegen sich fast nicht mehr ein vor Begeisterung. Dan Shaughnessy etwa vom "Boston Globe" würde bis zum Äußersten gehen: "Ich mag Detroit", schrieb er schon in der vergangenen Woche. "In der Tat, ich liebe Detroit. Ich könnte hier leben."

Damit noch mehr Leute so denken, und diesen Wunsch vielleicht sogar in die Tat umsetzen, sollte man allerdings ein paar Dinge beachten:

  • Hunderttausende Menschen beim "Motown Winter Blast" lieferten den Beweis - in Downtown Detroit lässt sich trefflich feiern. Aber ob die Unterhaltungsindustrie auch auf Dauer gesehen eine gute Geschäftsidee ist? Vielleicht. Nicht mal Las Vegas bietet die Möglichkeit, das legale Biertrinkalter von 21 Jahren kurzfristig um zwei Jahre herunterzusetzen - per Grenzübertritt. In Windsor auf der anderen Seite des Flusses ist auch sonst noch allerhand geboten, was in Amerika als ungesetzlich gilt. Oh wie schön ist Kanada.
  • Aber selbst mit drei Kasinos am Ort rollt der Rubel auf Dauer nur, wenn es auch Shopping-Möglichkeiten gibt. Nachdem sich im Moment bestimmt keine größere Kaufhauskette findet, die in Detroit investieren möchte - warum nicht noch ein paar kleinere Läden anlocken, die alle diese Dinge anbieten, die keiner wirklich braucht? Touristen lieben das. Letztendlich wird die Stadt aber nur dann ökonomisch gesunden, wenn sie wirklich mehr Business anzieht. Einige kleinere Hightech-Firmen haben sich im Gefolge von Compuware schon angesiedelt. In jedem Fall dürfte es nützlich sein, dass Cool-City-Image weiter zu kultivieren.
  • Ohne ein funktionierendes öffentliches Verkehrswesen wirkt die Stadt aber weder auf Pendler noch auf Touristen wirklich einladend. Das Shuttle-Chaos am Superbowl-Wochenende, bei dem Besucher stundenlang auf Busse warten mussten, war das einzige große Ärgernis bei der Veranstaltung. Der People Mover dagegen hielt das, was sein Name verspricht: Er transportierte Leute zuverlässig von A nach B. Warum das Bähnchen nicht einfach in die Vorstädte verlängern?
  • Und natürlich wird sowieso nichts passieren, wenn die Region nicht endlich vernünftig zusammenarbeitet. Wenn die Vorstädte und Detroit - gemeinsam mit Windsor! - nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander arbeiten. Bürgermeister Kwame Kilpatrick hat's bei seiner zweiten Amtseinsetzung immerhin hoch und heilig versprochen. Man darf also gespannt sein.


Ein Comeback wird's für die Motor City nicht geben. Sie muss sich stattdessen ganz neu erfinden.

Sunday, February 5, 2006

Lächeln für Detroit

Es ist kaum möglich, ihnen zu entkommen. An allen strategischen Punkten sind die freundlichen Helfer positioniert, um den Superbowl-Besuchern den rechten Weg zu weisen. Am "State Theater" etwa. Und auch wir bekommen einen Stadtplan in die Hand gedrückt, obwohl wir versichern, uns recht gut auszukennen - schließlich kommen wir nicht wirklich von auswärts, nur vom anderen Ende der Woodward Avenue.

Ich frage die Frau im roten Anorak, die zum Heer der ehrenamtlichen Superbowl-Mitarbeiter gehört, wo sie denn wohne. "Oh, ich komme aus Detroit", sagt sie und strahlt. Ihr Name ist Ann, wie ein Anstecker verrät; auch ihr Nachname steht auf dem Schildchen, nur etwas kleiner. Wir unterhalten uns über die Vorbereitung auf den Superbowl. Aber ihr geht es weniger um den Anlass als um den Ort. "Ist es nicht wunderbar, was sich in der Stadt getan hat? Die jungen Leute kaufen jetzt sogar Eigentumswohnungen hier!" Sie wünscht uns noch viel Vernügen. Dann lächelt sie schon die nächsten Passanten an. Sie lächelt für Detroit.

Die Leute in Downtown sind überhaupt auffallend freundlich, obwohl das Wetter kaum garstiger sein könnte. Nachmittags geht der Regen langsam in Schnee über, und es ist windig. Die Superbowl-Organisatoren haben immerhin vorgesorgt - fast alles spielt sich in großen Festzelten ab. Große Teile der Woodward Avenue sind überdacht. In den geheizten Zelten gibt's Essen, Getränke, ein Unterhaltungsprogramm sowie eine Miniautoshow der Großen Drei, die das Ganze sponsern.

Und trotz Schneesturmwarnung kommen immer mehr Leute in die Stadt. Auch die Eislaufbahn auf dem Campus Martius wird nie leer. Dicke Flocken fallen auf die Schlittschuhläufer, die vergnügt ihre Runden ziehen. Am Rande der Bahn stehen Zuschauer und staunen.

Immer wieder sehen wir Metro Detroiter - erkennbar am Pistons-Shirt oder an den blaugelben University-of-Michigan-Farben -, die sich mit dem aufgehübschten Stadtbild im Hintergrund gegenseitig abfotografieren. Cheese!

Tuesday, January 31, 2006

Ein Mini-Las-Vegas für Detroit

Wer hat Angst vor den Medien, die jetzt zum Super Bowl massenweise in die Stadt einfallen?
Niemand mehr, wie es scheint.

"Eure Erwartungen sind so niedrig, dass wir sie auf jeden Fall übertreffen", schrieb Kolumnist Mitch Albom gestern in der "Detroit Free Press". Und sein Kollege Rob Parker von den "Detroit News" stieß ins gleiche Horn: "Superbowl XL wird ein Riesenerfolg."

Warum?

Nun, niemand erwartet Disneyland, wenn er nach Detroit kommt. Und dass es kalt sein kann in Michigan zu dieser Jahreszeit, das hat sich bereits herumgesprochen - allerdings ist es gewöhnlich noch viel eisiger als in diesem Winter. Dafür hat Motor City eine Menge Vorzüge, zumindest für Schlachtenbummler: Die Stadt besitzt ein ausgeprägtes Nachtleben. Wenn die Lichter der Großstadt angehen, sieht man auch nicht mehr, wie heruntergekommen sie ist. Den Football-Fans dürfte das sowieso egal sein. Vor dem Spiel und nach dem Spiel wollen sie nur eines, nämlich Bier. Und das gibt's in Downtown Detroit reichlich, und zwar rund um die Uhr - die Prohibition ist lange her. Heutzutage haben drei Kasinos die ganze Nacht lang geöffnet. "It's a match made in heaven", schreibt Parker. Wenn das nicht für Detroit als Austragungsort des Super Bowls spricht! Dazu die Aussicht auf eine Spritztour ins benachbarte Ausland: Auf der anderen Seite des Flusses liegt Windsor, Kanada. Auch dort gibt's ein Kasino.

Es mag schwierig sein, in Downtown Detroit einen Arbeitsplatz zu finden - ein Platz an der Bartheke findet sich garantiert. Dass sich in den vergangenen Jahren zahlreiche Restaurants neu angesiedelt haben, hebt auch Bürgermeister Kwame Kilpatrick gern hervor. Mit seinen Kneipen und Kasinos verwandelt sich die Motor City immer mehr in eine Vergnügungsmeile - eine Art Mini-Las-Vegas für die Metro Detroiter. Zwei Sportstadien ziehen ordentlich Publikum an. Aber auch das kulturelle Angebot kann sich sehen lassen, und Vorstädter wie Touristen besuchen die Museen, gehen ins Konzert oder zu einer Show im altehrwürdigen "Fox Theatre".

Allerdings fehlen die Shopping-Möglichkeiten, ohne die kein Amerikaner seine Freizeit sinnvoll gestalten kann. Downtown gibt es nur einen Buchladen und ein paar kleinere Geschäfte. Deswegen sind auch die 10.000 freiwilligen Helfer beim Super Bowl so wichtig – sie sollen den Sportfans nicht zuletzt den Weg zu den zahlreichen Einkaufsmeilen in den Vorstädten weisen. Und zu den Hotels, denn in Detroit gibt es längst nicht genügend Übernachtungsmöglichkeiten.

Wichtig ist, dass die Besucher motorisiert sind, denn in der Autostadt gibt es praktisch kein öffentliches Transportwesen: Das ließen die Stadtoberen, auf entsprechenden Druck von der Autoindustrie, schon vor langer Zeit sterben. Eine der prominentesten Ruinen in Detroit ist der alte Zentralbahnhof an der Ambassador Bridge, die hinüber nach Kanada führt. Das „People Mover“ genannte Bähnchen, das in der Innenstadt seine Runden um ein paar Häuserblocks zieht, kann allenfalls den Weg ins Parkhaus verkürzen.

Immerhin sorgt der Bürgermeister nach Kräften dafür, dass genug Parkmöglichkeiten zur Verfügung stehen – Ford Field hat 65.000 Sitzplätze, da wird’s auch an einem ganz normalen Spieltag eng. Wenn in Detroit schon fast keine Autos mehr gebaut werden, sollen sie wenigstens parken können. Gern auch auf Abrissgrundstücken: Nicht einmal das Büro, in dem das berühmte Motown Label von 1968 bis 1972 residierte, blieb verschont – es wurde eben erst abgebrochen. Wieder ein paar Parkplätze mehr. Und die Musik spielt sowieso woanders.

Mehr über Motown und den Superbowl XL: Wie sich Detroit vorbereitet und wandelt