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Saturday, January 21, 2017

#unpresidented

Und damit haben die Amerikaner, einfach so, eine Oligarchie installiert. Einen Familienclan, der gar keinen Hehl daraus macht, dass er die Übernahme der Regierungsgeschäfte als eine Art von Diversifizierung betrachtet – was, wenn man es genauer besieht, nicht einmal ein besonders originelles Businessmodell ist. Wo sich der Präsident von Putins Gnaden das abgeguckt hat, ist unschwer zu erraten. Um davon abzulenken, verbreitet er in seiner Antrittsrede Angst und Schrecken, und dazu reckt er die Fäuste gen Himmel. Der verfinstert sich prompt, und es fängt zu regnen. Düsternis macht sich breit, und Unbehagen kriecht bis in die tiefsten Ritzen des Seins. Nachts schreckt man hoch. Die Aussicht, diesen aufgeplusterten alten Sack mit roter Krawatte und Goldfasanenfrisur vier Jahre lang ertragen zu müssen, wirkt unerträglich. Fast lässt man alle Hoffnung fahren.

Doch das war gestern.

Freunde, wir leben in interessanten Zeiten. Man hätte es zuweilen gerne etwas langweiliger. Schon wieder war es ein Tag für die Geschichtsbücher, aber dieser brachte zum Glück das Licht und die Farbe zurück. Nach dem Weibermarsch auf Washington sieht die Welt wieder viel freundlicher aus: Ein Meer von pinkfarbenen Mützen! Madonna! Pussy Power, oder wie immer man das nennen möchte. Entschlossenheit, Energie. Globale Solidarität. Und erst die Slogans. So viel Kreativität! Mein Favorit ist allerdings: „Please vote in the midterms!“ Zur Wahl gehen, und zwar nicht bloß wenn es um den Präsidenten geht, wäre auch eine gute Idee.

Wednesday, August 27, 2014

Eiskalt erwischt

Nachdem mein Mann heute nach Hause gekommen war, verzog er sich alsbald an den Schreibtisch, um Nachrichten am Computer zu lesen. Kurz darauf ertönte schallendes Gelächter aus dem Arbeitszimmer. Er musste so heftig lachen, dass ich sofort nachsehen ging, was los war. Man will ja schließlich mitlachen können. Wie sich herausstellte, war es Cem Özdemirs Beitrag zur „Ice Bucket Challenge“, was ihn so erheiterte.

Prominenz verpflichtet, und so hatte sich der Grünen-Chef zwar tapfer einen Kübel Wasser über den Kopf geschüttet, aber dabei die Kulisse für diese Aktion im Dienste einer guten Sache etwas ungeschickt gewählt. Auf dem Berliner Dachgarten, wo die seltsame Performance gefilmt wurde, sieht man nämlich nicht nur Solarzellen im Hintergrund, sondern auch etwas Grünzeug im Vordergrund. Und was da direkt neben Özdemir steht, ist gewiss keine typische Balkonpflanze: Die gefiederten Blättchen in dem unscharfen Youtube-Filmchen sehen doch sehr nach Hanf aus. Baut Cem etwa für den Hausgebrauch Cannabis an? Wahrscheinlich nicht – sonst hätte er sich wohl nicht daneben gestellt.

Vielleicht gibt es auch auf Berliner Dachterrassen neuerdings Kleingärtenanlagen. Wer weiß. Aber noch etwas anderes fällt beim Ansehen des Videos auf: Irgendwie ist die Idee von der Ice-Bucket-Dusche in Deutschland etwas verwässert angekommen, um im Bild zu bleiben. Wohlgemerkt, ich finde diese Aktion im Schneeballsystem ausgesprochen wirkungsvoll, um auf das Nervenleiden ALS aufmerksam zu machen. Lost in translation ist allerdings, dass dabei eigentlich ein Kübel mit Eiswürfeln zum Einsatz kommt. Aber in Deutschland gibt es bekanntlich keine Eiswürfel, jedenfalls nicht so viele. Oder Cem Özdemir wusste auch darüber nicht Bescheid. „So ein Warmduscher“, sagt mein Mann.

Tuesday, July 8, 2014

#Siebenzueins

Während unserer Genfer Zeit wohnten wir in einem großen Mietshaus, wo neben Gastspielern aus aller Herren Länder sowie den ortsüblichen Französischsprachigen auch etliche Deutschschweizer ihr Domizil hatten. Public Viewing war damals noch nicht en vogue. Aber bei Fußballspielen zur Sommerzeit, wenn die Fenster offen standen, kam es doch zu einem gemeinschaftlichen Sporterlebnis. Und dazu musste man nicht einmal den Fernseher anschalten. „Büt, büüt“, schrien die Welschen, wenn ein Tor fiel. „Gool, goool“, tönte es gleichzeitig aus den Wohnungen der Deutschschweizer. In der Tat, wenn es um le football geht, klingt das französische Wort „le but“ tatsächlich wie „butte“. Und die Deutschschweizer sprechen bis heute von einem Goal, weil sie den Fußballsport im 19. Jahrhundert direkt aus dem Vereinigten Königreich importierten. Der FC St. Gallen, der älteste Schweizer Fußballclub, wurde im Jahr 1879 von Briten mitbegründet. Das habe ich mir, räusper, soeben angelesen. Endlich verstehe ich auch, wie es zu anglofonen Vereinsnamen wie dem Grasshopper Club Zürich kam. Danke, Wikipedia! Man lernt doch nie aus.

Der polyglotte Fußballsommer, an den ich mich so lebhaft erinnern kann, war wohl die Weltmeisterschaft im Jahr 1994. Wer da jeweils für wen jubelte, ließ sich schon damals nicht immer genau sagen, aber es spielte auch keine Rolle: Im Schweizer Sport kennt man den Begriff „ehrenvolle Niederlage“. Am nächsten Tag stand’s dann im Boulevardblatt „Blick“, und das Leben ging ganz normal weiter.

Zwanzig Jahre ist das her. Kaum zu glauben. Die WM 2014 wird einem mit Sicherheit ebenfalls unvergesslich bleiben: Auf den Riesenbildschirmen von amerikanischen Pubs gab's plötzlich Soccer! Aber an einem Dienstagnachmittag sitzt man nicht in der Kneipe, und so hätte ich mir zu #WorldCup #GERBRA beinahe wieder Kabelfernsehen gewünscht. Das ist noch nicht oft vorgekommen. Als die Umstellung auf Digital-TV erfolgte, haben wir das Gerät samt Kabel-Abo abgeschafft – und eigentlich nie vermisst. Das Schützenfest heute Nachmittag ließ sich auf SPON und Twitter allerdings nur mühsam verfolgen. In dem Tempo, wie die Tore fielen, konnte man gar nicht aktualisieren. Und die Blitzkrieg-Witze im Netz waren auch nicht sehr originell.

Und jetzt all die Bilder von den heulenden Brasilianern. Der kleine Junge, der in seine Cola schnieft – das kann ich ja noch nachvollziehen. Aber dass ein ganzes Land in Trauer versinkt, das schon weniger. Es wird mit Krawallen gerechnet. Was ist das für ein Sportsgeist? Wer nicht verlieren kann, soll auch nicht spielen. Genau das ist das Faszinierende am „Sommermärchen“ von 2006, als der Gastgeber Deutschland zwar nur den dritten Platz belegte, aber die Fans trotzdem bis zum Finale weiter feierten. Alles nur ein Spiel. Das sollte man auch dem Bundestrainer einmal sagen. Bitte lächeln, Herr Löw!

Nachtrag vom 13. Juli: Jetzt strahlt sogar Jogi Löw. Wer zuletzt lacht, wird Weltmeister.

Tuesday, April 2, 2013

Das halbe Jahrhundert

Kaum hat man sich ein bisschen eingelebt, ist man schon fünfzig.

Monday, June 4, 2012

Zur Sache, Wortschätzchen

Die Orthografie des Englischen ist nicht phonetisch begründet, sondern etymologisch. Was im Klartext bedeutet, dass viele Wörter im heutigen Englisch immer noch so geschrieben werden wie sie im Mittelalter ausgesprochen wurden. Für Laien – und seien sie englische Muttersprachler – ist die Beziehung zwischen geschriebenem und gesprochenem Wort oft nur schwer erkennbar. Leider wird über diesen Sachverhalt in Schulen nur ungenügend aufgeklärt; ich bin sogar fest davon überzeugt, die abenteuerliche Diskrepanz zwischen Aussprache und Schreibweise im Englischen wird bewusst vertuscht, um kleine Kinder nicht zu erschrecken. Ich habe schon erwachsene Amerikaner große Augen machen sehen, wenn ich die Wörter noose und nose auf eine Tafel schrieb und darunter dann loose und (to) lose. Noch Fragen?

Die Rechtschreibung im Englischen ist Glückssache, wie sich etwa bei meinen Studenten laufend zeigt – die schreiben bespielsweise das Wort für „mittelalterlich“ ganz unbekümmert phonetisch. Statt medieval kommt dann etwas heraus, was man als das „mittlere Übel“ übersetzen könnte. So ein Pech aber auch. Man könnte nun darüber philosphieren, wie man medieval wohl im Mittelalter ausgesprochen hätte... Kleiner Scherz.

Anyway. Wer daraus nun schlussfolgert, die Rechtschreibung stünde bei den Amerikanern generell in geringem Ansehen, liegt falsch. Das Gegenteil ist der Fall: Jährlich werden in den USA unzählige Buchstabierwettbewerbe für Kinder ausgetragen, von der lokalen bis zur nationalen Ebene. Und über die Gewinner eines sogenannten spelling bee wird in der Presse ausführlich berichtet. In diesem Jahr machte eine Sechsjährige namens Lori Anne Madison von sich reden, die jüngste Teilnehmerin am nationalen Wettbewerb aller Zeiten. Ihr Lieblingswort? Das deutsche Fremdwort sprachgefuhl, das sie nach Zeitungsberichten vorwärts wie rückwärts buchstabieren kann.

Das gab mir zu denken. Eines meiner persönlichen Lieblingswörter im Deutschen ist zwar „Wortschatz“, aber „Sprachgefühl“ ist auch etwas Wunderbares. Dank diverser Rechtschreibreformen – ich meine das ganz ohne Ironie! – ist die deutsche Orthografie wenigstens halbwegs phonetisch, oder vielmehr phonemisch. In Deutschland gelten Diktate deswegen auch nicht als Nationalsport, wie etwa bei den Franzosen. Aus gutem Grund: „The French pronounce hardly any letter“, sagte meine Kollegin Dikka Berven kürzlich bei einer Preisvergabe, um die Leistung ihrer Studenten beim französischen Diktat herauszustreichen. Mein Tipp: Wer ein anderes Hobby bevorzugt, sollte einfach das Fach wechseln. „Wir sprechen alles aus!“, erkläre ich meinem Anfängerkurs in der allerersten Stunde und gratuliere den Studenten zu ihrer Entscheidung. Statt sich mit einer spitzfindigen Orthografie herumzuplagen, können sie sich weitaus Interessanterem widmen, etwa den Finessen der deutschen Satzkonstruktion. Und dafür braucht man – voilà – vor allem eines: Sprachgefühl.

Aber so ein Sprachgefühl muss sich erst einmal entwickeln, und das ist ein selbstverständlich ein längerer Prozess. Wenn die Studenten motiviert werden können, dem Klang der Sprache zu lauschen und sich gleichzeitig Wortbilder einzuprägen, kommt dieser Prozess aber wie von selbst in Gang. Die Wahl eines deutschen Lieblingswortes hilft dabei ungemein. Ich mache das gerne mit den Studenten im zweiten Jahr: Im vergangenen Wintersemester konnten sie nicht nur ihre Wortschätzchen einreichen – es gab auch einen Buchpreis zu gewinnen. Und dann wurde gewählt. Wichtig ist, dass die Studenten nicht für ihren eigenen Vorschlag stimmen dürfen, denn sonst kommt kein vernünftiges Ergebnis zustande. Und das waren die Top Ten aus rund 30 Vorschlägen:
  1. der Schöpflöffel
  2. der Dudelsack
  3. das Edelweiß
  4. die Geschwindigkeitsbegrenzung
  5. das Drachenfliegen
  6. die Schadenfreude
  7. das Eichhörnchen
  8. der Einkaufswagen
  9. das Larifari
  10. die (Zahl) Neunhundertneunundneunzig
Die Studentin, die das Siegerwort „Schöpflöffel“ eingereicht hatte, begründete ihre Entscheidung folgendermaßen: „This one just sounds kind of funny to my ears. Both in how it’s pronounced and what it means. It’s fun to say.” Dem gibt es nichts hinzuzufügen.

Monday, June 20, 2011

Forever young – aber wie alt genau?

In den USA gibt es eine Modekette namens „Forever 21“. Das brachte mich vor einiger Zeit schwer ins Grübeln: Warum genau dieses Alter und nicht etwa, sagen wir einmal, 19 oder 22? Vielleicht hätte es auch seine Reize, immerzu 20 zu sein. Obwohl das eigentlich schon zu alt ist für die Klamotten im Schaufenster, die ganz klar auf eine jüngere weibliche Käuferschicht zielen, mehr so auf sweet sixteen. Und hat Chris Roberts etwa gesungen: „Du kannst nicht immer 21 sein...“? Aber für den deutschen Schlager gelten eben andere Regeln, und 17 ist für ewige Jugend womöglich ein bisschen zu jung.

Natürlich gibt es einen guten Grund dafür, dass in Amerika die Vollendung des 21. Lebensjahres mit einer rauschenden Party begangen wird – und nicht etwa die Volljährigkeit mit 18, wie man erwarten würde. In Deutschland ist das auch gleichzeitig der Geburtstag, an dem man ohne die amtlich eingetragene Begleitperson ans Steuer darf – ein Tag, der sicher von allen Beteiligten der einjährigen Zwangs-Fahrgemeinschaft heftig herbeigesehnt wird. Wenn das kein Grund zum Feiern ist. Cheers!

Als ich darüber im Unterricht mit meinen Studenten sprach, dämmerte mir auch endlich, warum das magische Alter in den USA 21 ist: In Deutschland darf man in jugendlichem Alter zwar Bier trinken, aber noch nicht allein Auto fahren. Die Amerikaner lassen schon Teenies ans Steuer – in Michigan kann man sich mit 14 Jahren und 9 Monaten zum Führerschein anmelden! – aber bis die jungen Leute legal Alkohol trinken dürfen, dauert es noch ein paar Jährchen: Das legal drinking age, das sich in allen US-Bundesstaaten auf den Erwerb, vielerorts aber auch schon auf den Genuss von alkoholischen Getränken bezieht, ist heute 21. Nach Erreichen der Volljährigkeit muss man also noch einmal eine Ewigkeit warten, was recht erstaunlich ist. Das heißt aber auch, dass junge Amerikaner erst noch lernen müssen, mit Alkohol umzugehen, wenn sie schon längst Autofahrer sind.

Außerdem beantwortet das die Frage, warum hiesige Jugendliche ihren 19. Geburtstag gerne auf der anderen Seite des Detroit River, nämlich in Kanada, feiern: In Ontario erreicht man mit 19 das legal drinking age. „Nineteen forever“, sang Joe Jackson. Aber das muss andere Gründe haben – der Musiker kommt aus England. Und dort muss man nicht solange warten, bis man in einen Pub darf.

Tuesday, March 22, 2011

Die laufen mit Strom

Die Windkraftanlage bei Melchingen auf der Schwäbischen Alb kann man für eine Verschandelung der Natur halten oder für einen reizvollen Akzent im Landschaftsbild. Sicher ist, dass sie fürs dort ansässige Theater Lindenhof schon lange Teil der landschaftlichen Kulisse ist. Bei „Ritter, Tod und Teufel“ zog einst Don Quichotte in einer Ritterrüstung auf dem Moped gegen ein Windrad zu Felde. Auch die drei schwäbischen Grazien vom „Dohlengässle“ konnten über die Windturbinen nicht genug staunen – und sie tun es wahrscheinlich heute noch. „Laufet dia mit Strom?“

Die unschuldige Frage, die stets für viel Heiterkeit sorgte, fiel mir kürzlich aus gegebenem Anlass wieder ein. Wer hätte sich je darüber Gedanken gemacht, dass Atomkraftwerke – oder vielmehr deren Kühlsysteme – auf ununterbrochene Stromzufuhr angewiesen sind? Jawohl, die laufen mit Strom. Die jüngste Meldung „Fukushima wieder am Stromnetz“ wäre zum Lachen, wenn das Ganze nicht so unendlich traurig wäre.

Was anlässlich dieser Katastrophe auch bekannt wurde: Fermi 2, der von uns aus nächstgelegene Atommeiler in Monroe südlich von Detroit, ist baugleich mit den Reaktoren 1 und 3 des nach Erdbeben und Tsunami havarierten AKW Daiichi in Fukushima. Der Hersteller ist General Electric. Beim großen nordamerikanischen Stromausfall von 2003 war Fermi 2 sechs Stunden lang abgeschaltet, schrieb Laura Bermann kürzlich in der „Detroit Free Press“. Und es habe damals Komplikationen mit dem Backup-Generator gegeben. Wie schön, wenn man so etwas erst erfährt, nachdem alles glimpflich ausgegangen ist.

Vor fast 45 Jahren lief ein Störfall im gleichen AKW allerdings gründlich aus dem Ruder: Bei einer Fehlfunktion im Kühlsystem des Reaktors Fermi 1, Prototyp eines Schnellen Brüters, kam es zu einer partiellen Kernschmelze, bei der nach Angaben des Betreibers keine Strahlung nach außen freigesetzt wurde. „We almost lost Detroit“ lautet indessen der Titel eines Buches über diesen Vorfall, und es gibt auch einen Song darüber. Aber die Amerikaner vergessen schnell. Und sie sind nicht die einzigen.

Tuesday, February 15, 2011

Gedanken zu Punkten und Strichen

Dirk Westphal, Chefredakteur von „suite101.de“, outete sich gestern als „Gedankenstrichfetischist“ in einem Blogbeitrag über „über die Marotten von Autoren“.

Und ich hab’ mich schon gewundert, warum bei suite101 niemand an meinen überall großzügig versprenkelten Gedankenstrichen Anstoß nimmt. Ganz im Gegenteil: Gelegentlich haben Redakteure noch – zusätzlich! – welche eingefügt. Wie der Herr, so’s Gescherr, nehme ich an...

Womit ich mein Soll an Ausrufezeichen und Pünktchenpünktchen in diesem Text auch schon erfüllt hätte. Als ich einst Redakteurin war, genehmigte ich bei meinen freien Mitarbeitern nie mehr als ein Ausrufezeichen pro Text; fürs ausufernde Pünktchen musste man schon einen Antrag schreiben. Oder so ähnlich. Neuerdings gibt es aber noch eine Interpunktionsmarotte, die ich für weitaus bedenklicher halte als den, Zitat Westphal, „marktschreierischen Doppelpunkt“ – das sind die Sätze von der Sorte: Jetzt. Kommt. Aber. Etwas. Total. Wichtiges. Nun, und was das Semikolon angeht, vielleicht sollte man dafür ein Preisausschreiben ausloben, mit einem Augenzwinkern. Wahrscheinlich gilt es vielen als elitär, wie im US-Englischen.

Als bei den New Yorker Verkehrsbetrieben einmal jemand auf die Idee kam, in aller Öffentlichkeit ein Semikolon zu benutzen, wurde darüber in der „New York Times“ berichtet. I’m not kidding. Die Überschrift des Artikels lautete: „Celebrating the semicolon in a most unlikely location.“

Thursday, January 7, 2010

Ein bombiges Jahrzehnt

Im Jahr 2000 wollte al-Quaida eine Bombe auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt zünden. Rechtzeitige Festnahmen verhinderten den Anschlag; Einzelheiten erfuhr man allerdings erst viel später. Ich war im Advent 2000 in Straßburg und habe mir das daher gemerkt. Viele andere Anschläge wurden ebenfalls vereitelt, und die Öffentlichkeit hat sie längst vergessen. Bei einigen waren offenbar terroristische Anfänger am Werk – wie etwa der verhinderte Unterhosenbomber im Flieger nach Detroit. Insofern endete das Jahrzehnt, wie es begonnen hatte. Das waren also die Nullerjahre.

Andererseits: Nicht alles, was schiefgehen konnte, ging auch wirklich schief. Und ich bin der festen Überzeugung, dass al-Quaidas Fixierung auf Flugzeuge ein günstiger Umstand ist. Die vielen Vorschriften und Kontrollen sind eben nicht nur eine Schikane für Flugreisende, sondern machen auch die Bastelanleitungen für Bomben verdammt kompliziert. Dann geht so ein Attentat schnell in die Hose. In jedem Fall.

Oder wie es Jon Stewart in seiner „Daily Show“ vom 4. Januar formulierte: „Selbst wenn die Bombe funktioniert, wird es 72 sehr enttäuschte Jungfrauen geben.“

Thursday, December 3, 2009

Vampir vs. Werwolf

Gestern waren wir im Kino (in „Planet 51“). An einer Säule in der Eingangslobby lehnte ein junger Mann, der offenbar sehr bemüht war, wie Robert Pattinson auszusehen. Wahrscheinlich wollte er in „New Moon“ gehen und wartete nur noch auf sein Date. Es ist aber kaum anzunehmen, dass er den Film wirklich goutiert hat: RobPatz, der in der „Twilight“-Saga den Vampir verkörpert, hat Konkurrenz bekommen: Jacob Lautner heißt der neue Star – er ist der Werwolf im Streifen. Der Sixpack-Wolfie lässt den blassen Blutsauger ziemlich alt aussehen.

Abgesehen davon, dass es sich dabei um eine merkwürdige Alternative für einen Schulmädchenschwarm handelt – die „Twilight“-Geschichte ist ein Phänomen. Noch nie zuvor habe ich ein Kino voller kreischender Mädels gesehen. Der Saal tobt aber nur, wenn Lautner auf der Leinwand erscheint und seinen Waschbrettbauch präsentiert. Das war ziemlich amüsant. Welche Folgen der Film für die Psyche junger Amerikaner hat, wird sich weisen.

Der blässliche Vampir-Look dürfte auf jeden Fall out sein.

Mehr zum Thema auf suite101: Im Kino: "New Moon – Biss zur Mittagsstunde"

Friday, November 6, 2009

Herbstliche Blasinstrumente

Sie kamen im Morgengrauen und waren sehr, sehr laut. Und sie machten mehr Lärm, als man das beim Frühstück gerne hätte. „Es ist ein Bläserquartett“, sagte mein Mann, nachdem er einen Blick aus dem Fenster geworfen hatte. Die Blasinstrumente waren von der Sorte, mit der man welkem Herbstlaub den Marsch bläst. Das große Halali für Laubbläser.

Laubbläser! Ich hasse Laubbläser. Ich habe auch noch nie begriffen, wozu sie gut sein sollen. Kaum haben die Männer mit ihren heulenden Maschinen ein paar Blätter auf einen Haufen geblasen, kommt schon ein Windstoß, der das Laub wieder in alle Himmelsrichtungen verteilt.

Sisyphos hätte heutzutage bestimmt einen Laubbläser.

Tuesday, October 13, 2009

Nobel genug

Da gibt es also diesen (relativ) neuen Kolumnisten bei der „New York Times“, ein Milchgesicht mit wasserblauen Augen namens Ross Douthat, der sich für konservativ hält und daher meint, mit großkotzigen Bemerkungen über den Präsidenten etwas werden zu können. „Heckuva Job, Barack“, titelte er gestern. Gemeint war, dass Barack Obama eine historische Chance vertan hat: nämlich die, mit einem Schlag seine Präsidentschaft von der unerträglichen Last der hohen Erwartungen zu befreien – indem er den Friedensnobelpreis einfach ablehnt. Damit hätte er sich dann endgültig als amerikanischer Präsident etabliert. Schluss mit dem „europäischen Humbug“!

Nun hat Obama andere Sorgen, und die Auszeichnung war wahrscheinlich so willkommen wie Zahnweh. Ein paar demütige Worte und dann zur Tagesordnung übergehen, das war mit Sicherheit das Beste, was ihm dazu einfallen konnte.

Dass sich Republikaner ständig darüber aufregen, dass Europäer eine Menge für den amerikanischen Präsidenten übrig haben, ist auch eine merkwürdige Fußnote der Geschichte. Und eine solche Auszeichnung mit denselben Worten zu kommentieren, die Bush einst für den unfähigen Katastrophen-Einsatzleiter in New Orleans übrig hatte, ist schlicht peinlich.

Wäre es nicht geradezu ein Zeichen von unerhörter Überheblichkeit, eine solche Auszeichnung abzulehnen? Das hatten Kollegen mit etwas mehr Durchblick schon am Freitag gemeint. Bei anderen Leute persönliche Größe einzufordern, sollte man sich als Zeitungsjournalist jedenfalls gut überlegen: „Mr. Douthat, President Obama (not Barack“ to you) has every right to accept the Nobel award“, meinte ein Leser in der Kommentarspalte der Online-Version des Artikels. Und ein anderer schrieb: „You could have turned down the NY Times offer as a regular columnist. You could have admitted you were too young, too inexperienced and ultimately unworthy yet of carrying on in William Safire's old role as a dedicated right wing voice in the left leaning Grey Lady. But low and behold you took the role Douthat, so you could subject us to your predictable, short sighted, right wing talking points […].“

Monday, July 13, 2009

Das Märchen vom Fischer und seiner Frau

Es waren einmal ein Fischer und seine Frau, die wohnten zusammen in einer kleinen Hütte dicht bei der See, und der Fischer fuhr alle Tage in seinem Motorboot hinaus, um Lachse zu fangen. Dabei freute er sich immer über das herrlich klare Wasser in jener nördlichen Gegend, die Alaska genannt wird.

Eines Tages zog der Fischer, der übrigens den schönen Namen Todd trägt, einen großen Lachs aus dem Wasser. Es war ein Königslachs. Da öffnete der Fisch plötzlich sein Maul und fing an zu sprechen. „Hör mal, Todd“, sagte er, „ich bin in Wirklichkeit gar kein Alaska-Lachs, sondern ein verwunschener König. Was bringt es dir, wenn du Fischfilets aus mir machst? Ich schmecke nämlich überhaupt nicht. Setz mich einfach wieder ins Wasser und lass mich schwimmen. „Kein Problem“, sagte Todd, „einen Lachs, der sprechen kann, hätte ich sowieso freigelassen. Das fällt bei uns unter das catch-and-release law.“ Und so brachte er den Lachs zurück in die See.

Aber als der Lachs im klaren Wasser davonschwamm, zog er einen langen Streifen von Blut nach sich.

Als der Fischer nach Hause kam und seiner Frau von dem ungewöhnlichen Fang erzählte, war diese gar nicht zufrieden. „Was bist du nur für ein Dummkopf“, sagte die Frau, die Sarah Louise heißt. Sie schüttelte ihren Kopf, sodass beinahe ihr Dutt in Unordnung geriet. „Warum hast du dir denn nichts gewünscht? Wer einen verwunschenen Lachskönig fängt, darf sich etwas wünschen. Du hättest dir ein richtiges Haus wünschen können, an einem Inlandsee, mit Bergen im Hintergrund. Ich habe es satt, in dieser Hütte zu wohnen. Das ist nicht mein American Dream!“ Da schaute Todd betreten drein und wusste nicht, was er entgegnen sollte. Seine Frau musste deutlicher werden. „Geh noch einmal hin“, befahl sie, „und sage dem Lachs, dass wir gerne ein schöneres Haus hätten. Am besten eine Villa am See in Wasilla.“

Todd, der seiner Frau noch nie einen Wunsch ausgeschlagen hatte, ging also zurück an die Küste, wo er immer zu fischen pflegte. Die See war auf einmal gar nicht mehr klar; das Wasser war mit grünlichen Algen bedeckt und roch nicht besonders gut. Er stellte sich an den Strand und rief:

„Salmon, Salmon in the Sea,
komm doch bitte schnell wie nie!
Meine Frau Sarah Louise
will was – oder sonst gibt’s Krise.“

„Was willse denn“, fragte der Lachs, der seinen Kopf aus dem grünlichen Schlick streckte. „Ein H-haus in W-wasilla“, stotterte Todd, dem ganz unheimlich zumute war. „Geh einfach mal gucken“, sagte der Lachs. „Sie hat es schon.“

Tatsächlich wohnte Sarah Louise jetzt in einem großen Haus, und zu Todds großer Verblüffung war sie auch noch Bürgermeisterin geworden. Das gefiel ihr zunächst sehr, und sie lebte mit ihrem Mann und ihren Kindern ein paar Jahre lang im großen Haus am kleinen See in Wasilla. Sarah Louise war sehr beschäftigt, weil sie viele Gebäude errichten ließ, darunter ein riesiges Sportstadion, in dem halb Alaska Platz hatte. Todd ging nur noch zum Lachsfischen, wenn das Wetter günstig war.

Aber irgendwann hatte Sarah Louise den Spaß an ihrem Job verloren. Eines Sonntags – die Familie hatte gerade Karibugulasch gegessen, denn im Hause des Fischers mag man bekanntlich keinen Fisch – sagte sie in scherzhaftem Ton zu ihrem Mann: „Todd, Sweetheart, hast du wieder einmal etwas vom verwunschenen Lachs gehört? Ich glaube, ein kleiner Tapetenwechsel täte uns allen gut.“

Als der Sonntagnachmittag um war, hatte sie Todd weichgekriegt, und er versprach, zum Lachs zu gehen und erneut um einen Gefallen zu bitten. Gleich am Montagmorgen ging er zur Küste, die jetzt von einem violett schillernden schwarzen Morast überzogen war, und er rief:

„Salmon, Salmon in the Sea,
komm doch bitte schnell wie nie!
Meine Frau Sarah Louise
will was – oder sonst gibt’s Krise.“

Was willse denn“, fragte der Lachs, der seinen Kopf aus der übelriechenden dunklen Soße streckte. „S-sie w-will Gouv-v-verneurin werden“, brachte er mit Mühe heraus. „Geh einfach mal gucken“, sagte der Lachs. „Sie ist es schon.“

Tatsächlich war Sarah Louise jetzt Gouverneurin von Alaska, was ihr recht zu behagen schien. Was ihr nicht so gut gefiel, war der Gouverneurspalast in der etwas abgelegenen Hauptstadt Juneau – das Gebäude sah fast aus wie ein normales Haus. Deshalb blieb Sarah Louise in Wasilla wohnen und ging nur ab und zu nach Juneau. Aber sie amüsierte sich ganz gut und baute auch wieder alles Mögliche, zum Beispiel eine Brücke nach Nirgendwo. Todd ging nur noch fischen, wenn er Lust hatte; sonst sah er seiner Frau beim Regieren zu oder passte auf die Kinder auf.

Eines Tages legte ein großes Kreuzfahrtschiff im Hafen von Alaska an. An Bord waren Gesandte der konservativen Partei Amerikas, und sie wollten mit Sarah Louise reden, von der sie schon viel gehört hatten. Sarah Louise setzte ihr strahlendstes Lächeln auf und kochte Karibugulasch. Die Gesandten waren begeistert. Ein paar Monate später ernannte der konservative Präsidentschaftskandidat die Gouverneurin von Alaska zu seiner Vertreterin. Sarah Louise freute sich sehr, dass sie Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika werden sollte. Sie reiste durchs Land, und viele Leute jubelten ihr zu. Sie kaufte auch viele schöne Kleider für sich und ihre Familie – Todd bekam seidene Unterhosen.

Leider hatte Sarah Louise niemand gesagt, dass man nur Vizepräsidentin werden kann, wenn man vom Volk gewählt wird. Als der konservative Kandidat die Wahl verlor, musste Sarah Louise wieder nach Alaska zurück, was sie als entsetzliche Schmach empfand. Irgendwann hatte sie das Regieren dort so satt, dass sie das Fernsehen nach Wasilla bestellte und ihren Rücktritt verkündete. „Nur tote Lachse schwimmen mit dem Strom“, sagte sie. Das verstand niemand – außer dem Lachs.

Der bekam auch bald schon wieder Besuch. Sarah Louise hatte nämlich kapiert, dass letztlich nur der Lachs Wünsche erfüllen konnte; konservative Gesandte, die auf Kreuzfahrtschiffen kamen, waren in Wirklichkeit machtlos. So stand Todd eines Tages vor einer schwarzen, gefährlich blubbernden Masse am Strand und rief den Lachs:

„Salmon, Salmon in the Sea, …“

Der Fisch ließ sich nicht lange bitten, streckte seine Kopf aus dem widerlich stinkenden schwarzen Zeug und wollte wissen, was die Gattin nun wünsche. „Jetzt will sie – sie will Präsidentin werden“, sagte Todd ganz leise und zögerlich. Immerhin schaffte er es, nicht zu stottern. „Geh einfach mal nach Washington gucken“, sagte der Lachs. „Sie sitzt schon im Weißen Haus.“

Tatsächlich fand Todd seine Frau im Oval Office, wo sie bereits mit Regieren beschäftigt war – sie hatte die Lobbyisten der Ölindustrie zum Gespräch eingeladen. „Drill, Baby, drill!“, rief sie ihrem Mann zu. Todd zuckte zusammen und schlich in den Gemüsegarten, den die Frau eines früheren Präsidenten angelegt hatte. Aber Sarah Louise und er mochten überhaupt keinen Spinat. Und Karibugulasch gab’s nicht in Washington.

Auch sonst war es nicht so ganz das Rechte in Washington. Ein so großes Land zu regieren war ungeheuer viel Arbeit, wie sich herausstellte, und keiner jubelte mehr. Als First Dude konnte Todd überhaupt nicht mehr fischen gehen, denn der Secret Service hatte es ihm verboten. Außerdem fürchtete er sich vor den Wünschen seiner Frau.

Und eines Tages war es wieder so weit. Kurz vor dem Zubettgehen, als sie ihr Haar schon gelöst hatte, wandte sich die Präsidentin an ihren Mann. „Todd“, sagte Sarah Louise, „ich muss mit dir reden.“ Und dann sagte sie die Worte, vor denen er sich schon lange gefürchtet hatte. Schließlich hatte seine Frau schon früher ihre E-Mails gelegentlich mit „Himmlischer Vater“ unterschrieben.

Eines Morgens fand sich Todd in aller Frühe in einer kleinen Bucht an Marylands Küste wieder. Er war allein. Irgendwie hatte er es geschafft, die Sicherheitsbeamten abzuhängen. Über der Chesapeake Bay zog ein Gewitter auf. Es donnerte und blitzte, und das Wasser war tiefschwarz und gurgelte und roch wie die Pest. Unheimliche gepanzerte Krabben stiegen ans Land. Er war sich nicht sicher, ob man den Lachskönig auch an der östlichen Küste rufen konnte, aber er wollte es wenigstens versuchen. „Salmon, Salmon…”

„Was willse denn“, fragte eine vertraute Stimme. Der Lachs! Todd konnte ihn in der schwarzen Höllensuppe kaum erkennen. Todd schluckte. „Sie will Gott werden!“, schrie er verzweifelt.

„Geh einfach mal gucken, sie sitzt schon wieder in eurer alten Fischerhütte.“

Da sitzen sie immer noch. Und sonntags essen sie Karibugulasch.

Thursday, April 16, 2009

Tax Day mit Teebeuteln

Am gestrigen 15. April war Tax Day, was bedeutet, dass man seine Steuererklärung vor Schalterschluss abgeschickt haben musste. Es hat sich noch nicht ganz herumgesprochen, dass man das auch früher machen kann – wir haben unsere Steuererstattung längst bekommen.

Nun sind Amerikaner dafür bekannt, dass sie besonders ungern Steuern zahlen (obwohl sie besonders schnell nach dem Staat rufen, sobald es irgendwo klemmt). Deshalb haben sich gestern in vielen Städten unzufriedene Steuerzahler auf (mit Steuergeldern finanzierten) öffentlichen Plätzen und Straßen versammelt, um mal wieder eine richtig zünftige Tea Party zu feiern. Mit dem guten alten Motto des historischen Vorbildes von anno 1773 in Boston: „No Taxation without Representation!” Logisch – das sind alles Leute, die sich von der neuen, demokratisch gewählten Regierung nicht repräsentiert fühlen. Schließlich haben sie die Wahl verloren.

Tatsächlich richteten sich die gestrigen Tea Parties weniger gegen die Steuern als gegen den Präsidenten: Es waren ganz unverhohlene Anti-Obama-Demonstrationen. Nun garantiert die freedom of speech in diesem großartigen Land, dass man auch gegen einen frisch gewählten Präsidenten auf die Straße gehen darf. Und man kann ihn auf Protestplakaten ohne weiteres beschimpfen – sogar mit Wörtern, die allesamt auf -ist enden: SOZIALIST, FASCHIST, TERRORIST. Und ANTICHRIST. Das geht sogar in Radio- und Fernsehsendungen. Aber es ist schon unappetitlich, was sich da in Amerika so zusammenbraut. Eine ziemlich braune Brühe.

Nun ist der lose Tee aus Revolutionszeiten längst aus der Mode gekommen – heute wird mit Hilfe von Teebeuteln protestiert: „Teabag the Dems before they teabag you!“ Die Leithammel dieser neuen Bewegung haben dabei allerdings übersehen, dass „Teabagging“ auf etwas anspielt, was wenig mit Politik, aber dafür ziemlich viel mit einer bestimmten sexuellen Praxis zu tun hat (man lernt doch nie aus). Das Urban Dictionary hat die zweideutigen Witzchen über die Teabagger aus der rechten Ecke bereits aufgenommen.

Ach ja, und ungefähr 95 Prozent der Steuerpflichtigen müssen dank Obama diesmal weniger zahlen. Aber das haben die Teabagger offenbar übersehen.

Tuesday, March 17, 2009

Barack O'Bama

Am Samstag färbten sie den Chicago River grün. Das geschah in der Vorfreude auf den heutigen St. Patrick’s Day – so feiert man in der „Windy City“ seit über 40 Jahren den irischen Nationalfeiertag. Und plötzlich sind dort alle irisch.

Der Wahl-Chicagoer Barack Obama hielt sich auch im Weißen Haus an diese schöne Tradition: Er trug eine grüne Krawatte. Gattin Michelle wollte ebenfalls brauchtumsmäßig nicht zurückstehen und sorgte dafür, dass das Wasser der White House Fountain heute grün sprudelte. Außerdem gab das Weiße Haus ein Essen zu Ehren des irischen Ministerpräsidenten Brian Cowen, der zu Besuch war. Wahrscheinlich hatte er diesen Reisetermin aus gutem Grund gewählt: Am St. Paddy’s Day ist in den USA nämlich entschieden mehr los als auf der grünen Insel. Die Iren feiern diesen Tag eher still zu Hause.

Nun mag man es ihm nicht unbedingt ansehen, aber der US-Präsident hat tatsächlich irische Wurzeln: Sein Urururgroßvater mütterlicherseits stammte aus dem kleinen Dorf Moneygall; er war in den 1850er-Jahren in die USA ausgewandert.

Jetzt warten sie in Moneygall nur noch darauf, dass Barack O’Bama endlich einmal vorbeikommt.

Tuesday, January 27, 2009

Strumpflos in Detroit

Bei der Detroiter Autoshow im vergangenen Jahr war es mir zum ersten Mal aufgefallen: Strumpfhosen sind offensichtlich aus der Mode gekommen. Kein einziges Model trug welche, und auch Kim Cattrall, die bei der Daimler-Pressekonferenz ein wenig mit Dieter Zetsche scherzte,Zwei Lamborghini, ein Staubwedel und keine Strumpfhose © Cornelia Schaible stand barfuß in ihren goldenen Pumps. Ganz unverfroren, wie es ihre Art ist. Draußen war Winter, aber schließlich ist so eine Messehalle gut geheizt.

Beigefarbene Feinstrümpfe sind für einen Sex-and-the-City-Star wirklich nicht das Richtige, das leuchtet schon ein. Aber wie es sich herausstellte, gehen Frauen neuerdings auch bei hochoffiziellen Auftritten meistens strumpflos: Sarah Palin machte in dunkelroten Stilettos Wahlkampf, Strümpfe hatte sie keine an. Michelle Obama, die ihre Abneigung gegen Pantyhose schon früher bekundet hatte, trug nicht einmal Nylons, als ihr Mann seinen Wahlsieg in Chicago feierte.

Sind Strumpfhosen also endgültig out? Sofern sie hautfarben sind, auf jeden Fall, wie sich auf der jüngsten Autoshow zeigte. Nur die VW-Hostessen trugen so etwas. Bei Lamborghini zeigten sich die Models strumpflos, wie das Foto zeigt. Hoffentlich konnten sie sich nach Feierabend wenigsten umziehen – draußen herrschten Minustemperaturen.

Und was machen all diejenigen Frauen, die schon beim bloßen Anblick nackter Beine frieren? Sie tragen Hosen. Und darunter Wollsocken.

Mehr zum Thema auf suite101: Sind Strumpfhosen modisch am Ende?

Friday, January 23, 2009

Arethas Hut

An den neuen Präsidenten haben sich die Leute schnell gewöhnt, das fiel nicht schwer. Er setzte sich an den Schreibtisch im Oval Office und fing an zu arbeiten. Nach seinem ersten Arbeitstag musste sich Barack Obama angeblich zu den Privatgemächern im White House durchfragen – vielleicht hat’s inzwischen sogar zu einer kleinen Schlossbesichtigung gereicht. Während der Präsident also seinen Job macht, was soweit erfreulich ist, aber wenig glamourös, berauscht sich das Volk weiterhin an der Amtseinführung am Dienstag. Die Menschenmassen! Die feierliche Stimmung! Das Outfit der neuen First Lady! Und vor allem: Arethas Hut!

Die Kopfbedeckung der Queen of Soul, die vor der Präsidentenvereidigung sang, hat seither viel Wind gemacht – kein Wunder bei der Riesenschleife. Vor allem in Detroit, ihrer Heimatstadt, ist der Hut Stadtgespräch. Genau wie der Schöpfer des textilen Ungetüms: Er heißt Luke Song und ist Inhaber des äußerlich ziemlich unscheinbaren Hutgeschäfts „Mr Song Millinery“ an der Woodward Avenue. Mir war der Laden schon vor einiger Zeit aufgefallen, und zwar wegen des altmodischen Namens: „Millinery“ heißt Modewarengeschäft; das findet man nicht mehr so oft. Ausgefallene Hüte sind allerdings auch sonst keine Mangelware in den Staaten, denn eine afroamerikanische Lady geht bis heute nur gut behütet in die Kirche. Davon lebt Mr. Song, der im Übrigen einen Großhandel betreibt. Die Hutparade auf seiner schlichten Website ist beeindruckend. Ich will auch einen!

Dank Aretha Franklin bekommt Mr. Song nun Anfragen aus aller Welt. Alles, was halbwegs nach Arethas Hut aussieht, ist allerdings längst ausverkauft – das Schleifenmodell aus grauem Filz mit einem Besatz aus Straßsteinen war ohnehin eine Sonderanfertigung, meldet die „Free Press“. Allerdings kann man sich wenig andere Gelegenheiten vorstellen, bei denen der Hut zur Geltung käme. Und es braucht immer den richtigen Kopf für einen solchen Deckel. Oder wie eine Leserbriefschreiberin auf der „Detroit News“ meinte: „The hat Aretha wore was great. Aretha is a woman in her 60s and she looked like a woman in her 60s. This ain't Beyoncé!“

Jedenfalls hat der Hut dank Photoshop längst ein Eigenleben im Internet entwickelt – er ziert inzwischen so ziemlich alles, einschließlich der Köpfe am Mount Rushmore.

Thursday, November 27, 2008

Protokoll einer Truthahn-Begnadigung

Zu Thanksgiving müssen in den USA rund 45 Millionen Truthähne ihr Leben lassen. Einer davon, ein eher zierliches Exemplar, schmurgelt gerade in unserem Backofen.

Zur Tradition gehört, dass der Präsident alle Jahre wieder einen Turkey begnadigt. Für die lahme Ente Bush war das Puten-Pardon eine willkommene Gelegenheit, sich endlich wieder einmal den Fotografen zu stellen. Damit keiner denkt, er sei schon klammheimlich nach Texas abgereist. Pumpkin heißt der glückliche Puter, der nach seiner Begnadigung übrigens per United Airlines nach LA fliegen durfte, um dort an der Disney-Thanksgiving-Parade teilzunehmen. Mit von der Partie: ein zweiter Puter namens Pecan, dem allerdings kein Fernsehauftritt vergönnt war.

Man muss schon sagen, Bush beherrscht das Zeremoniell inzwischen perfekt. Was man von Sarah Palins Versuch, etwas Ähnliches hinzukriegen, nicht gerade behaupten kann. Ihre Version einer Truthahn-Begnadigung hätte das Prädikat „Peinlichster Auftritt einer Politikerin aller Zeiten“ zu Recht verdient.

Die Gouverneurin von Alaska fand nichts dabei, das Fernsehteam in den Geflügelstall mitzuschleppen, was schon einmal keine gute Idee war. Merke: Wenn du einen Truthahn begnadigst, zeige möglichst nicht seine Leidensgenossen, deren Schicksal keine so glückliche Wendung nimmt. Das hätten die Fernsehzuschauer indessen noch verkraftet. Aber dass die gewesene Vizekandidatin der Republikaner dann munter weiter plauderte, während hinter ihr ein Arbeiter einen Truthahn nach dem anderen in den Entsafter steckte – nun, da schmeckt das Festmahl gleich nochmal so gut. Und man wird den Eindruck nicht los, dass sich diese Frau irgendwann um Kopf und Kragen redet.

Es gibt doch so manches, wofür man heute dankbar sein kann.

Friday, November 14, 2008

Schliemann am Schreibtisch

In der vierten Klasse wollte ich noch Archäologin werden. Das fällt mir jetzt wieder ein, wenn ich meinen Schreibtisch betrachte. Mein persönliches Troja. Da türmt sich Schicht auf Schicht, jede bestehend aus Zeitungsausschnitten, Artikel-Ausdrucken, Notizblöcken, Landkarten und anderem recherchemäßig wichtigen Material. Irgendwo unter den obersten Feinschichten, die sich mit der späten Wahlperiode beschäftigen, muss das Material zu meiner jüngsten Reisereportage liegen. Dazu älterer Stoff zu einem weiteren Artikel. Ich hatte gerade damit angefangen, als die Geschichte über uns hereinbrach. Dann schrieb ich eine Weile nur noch über Battleground States, das Mehrheitswahlrecht und den Bradley-Effekt. Zumindest die oberste Schicht hat einen historischen Kern, dessen bin ich mir ganz sicher.

Es wird mir nun nichts anderes übrigbleiben, als vorsichtig mit Ausgrabungen zu beginnen – mit aller gebotenen wissenschaftlichen Sorgfalt. Jedenfalls hat die Vermutung, ich hätte vor der Wahlzeit an wichtigen Dingen gearbeitet, in den neuesten Grabungsergebnissen eine Stütze gefunden. Unlängst habe ich Spuren journalistischer Tätigkeit entdeckt, die mehr als fünf Jahre zurückreichen. Solange bin ich nun schon in den USA. Mein Mann sieht dem Ganzen übrigens kopfschüttelnd zu – sein Schreibtisch ist fast leer. Aber er ist auch kein Schreiberling, und seine alten Chemiezeitungen türmen sich unter dem Schreibtisch. Eine Art Altpapier-Akropolis im Parterre. Die verschüttete Unterstadt. Einen Troja-Streit werden wir deswegen aber nicht anfangen.

Wie immer bei derartigen Grabungen werden auch Dinge zutage kommen, nach denen niemand gesucht hat. Ich selbst schon bin gespannt auf die publizistischen Schätze, die ich heben werde! Morgen ist Samstag, und möglicherweise kann die Grabungsserie noch an diesem Wochenende beendet werden.

Saturday, August 23, 2008

Albtraum-Autos auf der Dream Cruise

Wenn ich eine Landstraße oder eine Straßenszene in der Stadt fotografiere, versuche ich meistens, Fahrzeuge miteinzubeziehen. Allerdings klappt das selten so, wie ich mir das wünsche – da kommt viel zu lange kein flotter Sportwagen oder nostalgischer Straßenkreuzer insDream Cruise 2008 © Cornelia Schaible Bild, der ein interessanter Hingucker wäre. Meistens muss ich eine ganze Karawane von schwarzen und grauen Minivans und SUVs am Sucher vorbeiziehen lassen, bis endlich ein einigermaßen fotogenes Vehikel auftaucht. Manchmal klappt das auch einfach nicht. Und ein SUV versaut bekanntlich jedes Bild.

Nun geht man ja als Fotograf/in gerade deswegen auf die Woodward Dream Cruise, damit man endlich mal wieder ein paar richtige Amischlitten vor die Linse bekommt. Schön wär’s. Neuerdings meint jeder Chevy-Suburban-Besitzer, er könne sich einfach unauffällig bei der Dream Cruise einreihen. So war das wenigstens bei der jüngsten Cruise vor einer Woche. Wenn man tatsächlich fotografieren möchte, sollte man besser schon an den Tagen zuvor anrücken. Denn ein eintägiges Ereignis ist die Dream Cruise schon lange nicht mehr.

Die Autos von heutzutage kann man dann in 50 Jahren bei einer Nightmare Cruise bewundern.

Mehr zum Thema auf Pagewizz: Die Woodward Dream Cruise in Detroit