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Wednesday, July 20, 2011

Java Joe's Café, St. Ignace MI

Der Übernachtungspreis der meisten Hotels in St. Ignace schließt zwar ein continental breakfast mit ein – aber es ist stets von der Sorte, bei der mein Mann immer fragt, wo dieser Kontinent wohl liegt. Egal. Denn in fußläufiger Entfernung der Hotels mit dem besten Mackinac-Island-Blick steht „Java Joe’s Café“. Obwohl das Graffito mit dem kaffeetrinkenden Joe auf der Rückseite des Gebäudes angebracht ist, kann man es auch dann nicht verfehlen, wenn man auf der Hauptstraße daran vorbeifährt: Ein bunt bemalter Hippie-Campingvan parkt dauerhaft vor dem Café, das nicht viel mehr als ein Schuppen mit Veranda unterm Plastikplanendach ist.

Insgesamt sticht die ungewöhnliche Farbgebung des Lokals ins Auge, weil man damit eher die Karibik als den Norden Michigans assoziiert. „[…] reminded me of a place you’d find in FL”, schrieb ein Gast auf tripadvisor.com. Das Essen entspricht dem üblichen Frühstücksprogramm eines Diners, außerdem gibt es Pizza, Suppen und Salate sowie gigantische Eisbecher. Wenn man den größten bestellt, wird man offenbar fotografiert, denn überall hängen Bilder von Menschen, die eine Art Vereinspokal vor sich stehen haben und tapfer Unmengen von Eis und Sahne löffeln. In meiner Kindheit hätte man mit einer solchen Eisportion eine Familienfeier gestaltet. Vormittags bleibt man von einem solchen Anblick aber zum Glück verschont. Und der Bagel, den ich esse, kommt in handelsüblicher Größe.

Nun, wegen eines Bagels müsste man selbstverständlich nicht zu „Java Joe’s“ gehen. Es ist mehr die Atmosphäre, die zählt. Tatsächlich begrüßt einen der Besitzer, der einen kleinen Pferdeschwanz trägt und genauso aussieht, wie sein Hippievan vermuten lässt, mit dem herzhaftesten und aufmunterndsten „Good morning!“, das mir je zu Ohren gekommen. Es ist ein „Good morning“, das ausdrückt, dass auf der Welt vielleicht nicht immer alles zum Besten bestellt ist, aber dass trotzdem nichts dagegen spricht, den Tag guten Mutes zu beginnen und – Kaffee zu trinken. Bevor man noch richtig sitzt, steht schon ein dampfender Kaffeebecher vor einem. Es ist genau die Sorte Kaffee, die man im Urlaub dringend braucht, aber viel zu selten kriegt. Und dann bewundert man die verrückten Kaffeekannen, die in langen Reihen auf Regalen stehen, und fühlt sich wohl. Die Kannen sind nicht nur bloße Zierde; man kann sie auch käuflich erwerben. Allerdings glaube ich nicht, dass das oft passiert. Die Leute halten sich doch mehr an Pfannkuchen und Omeletts.

Das Menü, das im Anzeigenblattformat daherkommt und zum Mitnehmen gedacht ist, hat erstaunlich viel zu bieten. Man fragt sich, wie das eigentlich gehen kann, denn die Küche ist offensichtlich winzig. Nun, manchmal geht es eben nicht, und das erklärt wohl, warum die Freizeit-Gastrokritiker das Lokal auf einschlägigen Websites so unterschiedlich bewerten. Die meisten Gäste sind hellauf begeistert, aber ein paar sind sich auch ganz sicher, dass sie nie mehr hingehen wollen. Denn vor allem bei größeren Veranstaltung in St. Ignace, wenn das Lokal überlaufen ist, kommt die Küche nicht mehr nach, und der Service bricht zusammen.

Trotzdem finde ich, dass man das Risiko eingehen sollte – alles wird frisch gemacht, und das kann eben auch schiefgehen. Bei unserem letzten Besuch kam auf einmal eine Frau händeringend aus der Küche gelaufen und wollte wissen, wer die Cinnamon Sticks bestellt hatte, die seien nämlich leider angebrannt. Enttäuschte Gesichter am Nebentisch. Die Familie wartete wohl schon etwas länger. Joe’s bessere Hälfte, die Sandy heißt, versprach aber, umgehend neue Portion Zimtstreifen zu backen. Was allerdings eine Weile dauerte.

Wie sich herausstellte, kam die Familie aus Phoenix, Arizona – und die Michigander am Nebentisch stellten die dumme Frage, warum sie nicht einfach in ihrem Heimatstaat Urlaub machten. Die Antwort war einleuchtend: „It’s too hot!“ Es war ein heißes Wochenende in Michigan, aber für die Bewohner des Wüstenstaates war das immer noch sehr erfrischend. Und irgendwann kamen auch noch die Cinnamon Sticks.

Java Joe's Café, St. Ignace © Cornelia Schaible


Java Joe's Café
959 North State Street
St. Ignace, MI 49781

Open 7 am - 10 pm daily

www.javajoescafe.com

Friday, June 27, 2008

The Jarrett House, Dillsboro NC

Kulinarische Reisen in den USA? Aber ja doch. Wir finden zunehmend Geschmack daran. Nicht erst, seit wir Austern in Apalachicola gegessen haben. Seafood ist hier ohnehin das Beste, was man sich vorstellen kann, an beiden Küsten. So richtig solide Küche, das Slow Food der guten alten Zeit, haben wir in den Südstaaten gefunden. Das war im vergangenen Jahr, als wir zur Zeit der Rhododendronblüte in den Smoky Mountains waren. Wir bereisten vor allem den südlichen Teil, der zu North Carolina gehört.

Nun gibt es in North Carolina eine ganze Menge einfacher Lokale, die geräucherte Rippchen und Pulled Pork servieren – zu erkennen sind sie am Smoking Pit, der irgendwo im Hinterhof steht. Und wenn es dort appetitlich riecht, sind die Barbeque Ribs meistens auch gut. Idealerweise sind sie so zart, dass das Fleisch vom Knochen fällt und man eigentlich überhaupt kein Messer braucht. Aber meine Kapazität für Schweinerippchen ist begrenzt. Zum Glück wird in North Carolina aber auch noch richtig gekocht. Wie im „Jarrett House“ in Dillsboro.

Dillsboro ist ein kleiner Ort am Südrand der Smokies, der an der alten Eisenbahnstrecke nach Asheville liegt. „The Jarret House“, erbaut im Jahr 1884, ist eine historische Herberge mit Restaurationsbetrieb aus der Zeit, als der Sommerurlaub in den Bergen Mode wurde. Die Leute, die einst mit der Bahn in die Sommerfrische nach Asheville fuhren, machten Halt in Dillsboro zum Mittagessen. Der im Ofen gegarte Schinken der Inn, die damals noch einen anderen Namen hatte, muss weitherum berühmt gewesen sein.

Der Schinken steht heute noch auf der Karte, aber – wie schon gesagt – so viel Schwein muss nicht sein. Wir entschieden uns für Southern Fried Chicken und Pot Roast. Bevor das Hauptgericht auf den Tisch kam, servierte die überaus freundliche Bedienung sauer Eingelegtes und Cole Slaw, dazu die im Süden obligatorischen Biscuits. Es waren die luftigsten und feinsten Biscuits, die ich je gegessen habe, einfach perfekt. Das Huhn war frittiert, aber überhaupt nicht fettig, wunderbar zart unter der würzigen Hülle. Und der Pot Roast hatte offenbar viele Stunden lang geschmort. Das Beste aber waren eigentlich die Beilagen: grüne Bohnen, Salzkartoffeln und schön altmodisches Apfelkompott. Die Bohnen waren nicht halb roh und geschmacklos, wie heute meistens üblich. Es gab stattdessen richtige Stangenbohnen in Stücken, die so ähnlich schmeckten wie damals bei meiner Oma. Vom Gemüse gab’s sogar Nachschlag, und wir ließen nicht viel übrig.

Zum Nachtisch aßen wir Pfirsich-Cobbler mit Vanilleeis. Und das Ganze kostete zusammen nicht einmal 40 Dollar.

The Jarrett House, Dillsboro © Cornelia Schaible


The Jarrett House
100 Haywood Road
Dillsboro, NC 28725

www.jarretthouse.com





Mehr zum Thema auf suite101: Frühsommer in den Smoky Mountains

Monday, May 19, 2008

Morchelfest

Es hängt alles vom richtigen Baum ab. Deshalb sollte, wer auf der Jagd nach Pilzen ist, erst einmal einen Blick nach oben riskieren, bevor er unten sucht. Allerdings war ich bei Morcheln auch mit dieser Strategie nie so richtig erfolgreich, muss ich zugeben. "Die sind wirklich schwierig",White Morel (Morchella deliciosa) © Franz Gingl sagte mein Mann, nachdem ich auf mehrere Exemplare um uns herum gezeigt hatte, die ihm einfach nicht aufgefallen waren – Morcheln tarnen sich sehr erfolgreich. Am Ende hatten wir immerhin sieben Stück, die ganze Hutparade rechts auf dem Bild. Und wo das war? In einem Zitterpappel-Wäldchen im Gebiet der Sleeping Bear Dunes. Mehr verrate ich nicht.

Wir aßen die Morcheln dann schlicht in Butter gebraten – und am Ende wischten wir noch die Pfanne mit einem Stück Weißbrot aus. Damit nichts vom herrlichen Morchelaroma verloren ginge. Dazu tranken wir einen frühlingshaft duftenden Weißwein von Mr. Ciccone. Der hat nicht zufällig den gleichen Nachnamen wie Madonna: Es handelt sich um ihren Vater. Seitdem Tony Ciccone im Ruhestand ist, macht er Wein in Leelanau. An seinem Pinot Noir muss er allerdings noch ein bisschen arbeiten. Aber vielleicht eignen sich die sandigen Böden Up North einfach nicht für Pinot Noir.

Dafür wächst auf besagten Sandböden ein ganz hervorragender Spargel. Auch dieses grünes Gemüse hatten wir von unserem Wochenendtrip an den Sleeping Bear mitgebracht, und zwar ebenfalls in der freien Natur eingesammelt, an der Böschung einer wenig befahrenen Straße. Ich wollte einen blühenden Kirschenhain fotografieren, und dabei war mir ein dürrer Strauch ganz entschieden im Weg. Ich rupfte ihn aus und bemerkte, das ein Spargel daneben stand. Der Strauch war die Spargelpflanze vom Vorjahr. Es war nicht die einzige; wir ernteten fast ein Pfund. Was für eine liebliche Landschaft, wo Morchelhüte aus dem Laub spitzen und Spargelstangen am Weg stehen!

Monday, December 31, 2007

Chitterlings

Vor den Feiertagen entdeckte ich in den Supermarktprospekten, die uns allwöchentlich ins Haus flattern, den Namen einer mir unbekannten Spezialität: Pork Chitterlings. Dass es sich dabei um ein saisonal typisches Gericht handelt, schloss ich aus der Platzierung zwischen den landesüblichen Festtagsbraten, nämlich Truthahn und glasiertem Schinken. Allerdings war das Produkt selbst nicht abgebildet, sondern nur der Behälter. Preisfrage: Welche delikate Speise wird im 10-Pfund-Eimer verkauft, für nicht einmal 5 Dollar?

Mit der Vermutung, das müssten irgendwelche Eingeweide sein, lag ich richtig. Chitterlings, in einer mehr phonetischen Schreibweise auch als Chitlins bezeichnet, sind die Gedärme vom Schwein. Gekocht und geschmort, gelten sie vor allem im Süden der USA als Delikatesse – oder bei Liebhabern von Southern Food. Im Angebot haben sie vor allem Supermärkte, die auf eine afroamerikanische Kundschaft zielen, was natürlich kein Zufall ist.

Die Schweine wurden einst vor Weihnachten geschlachtet, und die Plantagenbesitzer der Südstaaten überließen ihren Sklaven dann die weniger begehrten Teile. Nun, es kommt darauf an, was man daraus macht: Heute gelten die Chitterlings als regionale Spezialität – in South Carolina wird sogar ein Festival rund um die schweinernen Innereien gefeiert. Wie bei anderen einstigen Arme-Leute-Essen ist die Zubereitung äußerst langwierig.

Wer jetzt die Nase rümpft und laut Pfui ruft, sollte bedenken: Auch die Franzosen lieben ihre Andouillette, eine Gekrösewurst. Und selbst – schon einmal an einer Weißwurst gezuzelt? Ja? Na also. Auch die Münchner Spezialität, die gerade jetzt an Neujahr wieder massenhaft verzehrt wird, kommt im Naturdarm. Vom Schwein. Genau wie die schwäbischen Leber- und Blutwürste, die ich im Sauerkraut mitkochen ließ, bis sie platzten… Aber das ist ein Thema, das ich mir für ein andermal reserviere.

Thursday, August 2, 2007

Eiskalt serviert

"Das überfordert mich", sagte mein Mann, nachdem er eine Weile das Angebot einer Eisbude studiert hatte. Da gab es Frozen Custard oder Frozen Yogurt in diversen Geschmacksrichtungen, ein gutes Dutzend Sundaes, außerdem Slushes, Snow Cones und - irgendwie passend zur Jahreszeit - eine Eisspezialität namens "Hurricane" in vielen Varianten. Ein ganz normales Angebot für eine Dairy Bar, die im Wesentlichen Softeis serviert. Aber auch klassische Eisdielen, die Ice Cream im eigentlichen Sinne verkaufen, haben in Amerika ein schier unübersichtliches Angebot. Dieser Herausforderung wollte ich mich stellen.

Im Winter sind die meisten Ice Cream Shops in Metro Detroit geschlossen. Bereits an den ersten warmen Maitagen bilden sich Schlangen vor den Buden, und an heißen Sommertagen ist ein Eis praktisch überlebensnotwendig. Erfrischend ist indessen nicht nur das Angebot dieser Läden, sondern auch ihr Erscheinungsbild - mit ihrer liebenswert altmodischen Aufmachung erscheinen sie wie eine eine Oase in der Hektik der Citys. Und ein lohnendes Rechercheobjekt sind sie allemal. Über das Ergebnis meiner großräumig angelegten Recherche, nämlich wo das schmackhafteste Eis zu finden ist, werde ich auf sceneDetroit berichten. Am Ende läuft alles auf die entscheidende Frage hinaus, ob man das Eis mit Rainbow oder Chocolate Sprinkles nimmt. Oder gar mit Patriotic Sprinkles.

Mein Mann entschied sich übrigens für Vanille-Custard mit Regenbogenstreuseln.

Und hier kann man sich in die Schlange stellen: Eis-Zeit - die Serie

Friday, May 18, 2007

Dakota Inn Rathskeller, Detroit MI

Deutsche kämen heutzutage nur selten ins Lokal, sagt Karl Kurz. Warum das ist so ist? Der Inhaber des „Dakota Inn Rathskeller“ in Detroit zuckt mit den Schultern. „Vielleicht kochen sie selbst noch Hausmannskost.“ Wie sie es einst bei ihrer Großmutter in Germany gelernt hätten.

Das glaube ich nun eher nicht, und das sage ich ihm auch. Was ich für mich behalte: Wahrscheinlich finden die meisten Deutschen die Kombination von Bier, Sauerkraut und zünftiger Musik eher abschreckend. Und übersehen dabei: „The Dakota“ ist nicht einfach ein amerikanisches Restaurant, das deutsches Essen serviert. Es handelt sich vielmehr um eine Traditionswirtschaft, in der noch gekocht wird wie anno dazumal. Genauer gesagt, wie in Deutschland vor fast 100 Jahren. Also wie zu der Zeit, als die Großeltern von Karl Kurz nach Amerika auswanderten.

Bei einem meiner ersten Besuche im „Dakota Inn Rathskeller“ stand ich vor einem der Wandbilder, das ganz offensichtlich den Marktplatz eines altdeutschen Städtchens zeigt, und dachte bei mir: „Sieht aus wie Weikersheim.“ Es war Weikersheim. Das alte hohenlohische Residenzstädtchen liegt in Tauberfranken und gehört zum Main-Tauber-Kreis. Auf der Website des „Dakota Inn“ steht geschrieben, dass Karl Kurz, der Großvater des heutigen Besitzers, den „Rathskeller“ einst nach den Vorbildern in der alten Heimat ausbaute – „just like the ones he remembered from his native Wiekersheim, Germany.“ Da sind nur im Ortsnamen die ersten beiden Vokale verrutscht.

Es ist die klassische Auswanderergeschichte. In seinem großen Detroit-Roman „Middlesex“ erzählt Jeffrey Eugenides vom Schicksal eines griechischen Einwandererclans mit exakt denselben Stationen: Lefty, der Großvater der Erzählfigur, arbeitet erst bei Ford am Fließband und richtet dann eine illegale Kellerbar ein. Nach der Ende der Prohibition eröffnet er eine Bar mit Grill. Keine Ahnung, ob der im Detroiter Vorort Grosse Pointe aufgewachsene Eugenides jemals im „Dakota Inn“ war – als ich ihn vor ein paar Jahren in Tübingen traf, war ich selbst noch nie dort gewesen. Sonst hätte ich ihn danach gefragt.

Es gab jedenfalls nicht nur Griechen, die Restaurantbesitzer in Detroit wurden. Auch das Leben des deutschen Einwanderers Karl Kurz wäre gewiss Stoff für einen Lokal-Roman. Kurz, der 1912 nach Amerika kam, arbeitete zunächst für längere Zeit in der Autofabrik von Mr. Ford in Highland Park. Erst mehr als 20 Jahre später konnte er sich den Traum vom eigenen Business erfüllen – als die Prohibition vorbei und der Bierausschank wieder legal war. Kurz kaufte eine ehemalige chinesische Wäscherei an John R, ganz in der Nähe der Kreuzung mit Dakota, und baute sie nachts und an Wochenenden zu einem Bierlokal um. Und das trotz Weltwirtschaftskrise.

Am 1. August 1933 – kaum ein halbes Jahr nach Aufhebung der Prohibition – eröffnete Karl Kurz den „Rathskeller“, der angeblich anfangs nur drei Barstühle hatte. Das restliche Mobiliar kam nach und nach dazu – erneuert wurde seither allenfalls die technische Einrichtung. Tische und Stühle in der holzgetäfelten Gaststube sind noch original. Die Wandbilder kamen allerdings erst 1946 dazu, erzählt Edward Kurz, der Vater des heutigen „Rathskeller“-Wirtes. Neben Weikersheim zeigen sie noch andere romantisierende deutsche Landschafts- und Städtebilder sowie die humorvoll illustrierten Verse einer Schnitzelbank, also eines Bänkelliedes. Der Maler Albert Stoye schöpfte bei seinem Werk aus eigener Anschauung: Er war ebenfalls deutschstämmig.

Detroit hatte damals einen großen deutschsprachigen Bevölkerungsanteil, und der „Rathskeller“ konnte auf seine Stammkundschaft zählen. Bestimmt schätzten die deutschen Gäste auch die deftige Kost, die bis heute auf dem Menü steht. Das Kasseler Rippchen mit warmem Kartoffelsalat und Rotkraut, zu dem nach alter Tradition Apfelmus gereicht wird, schmeckt garantiert wie damals. Einen solchen Kartoffelsalat, mit Essig angemacht und von sehr musiger Konsistenz, gab es einst auch bei meiner Oma, die von der Schwäbischen Alb war. Kein Wunder: „Tübingen – liegt das zufällig in der Nähe von Balingen?“, fragt Edward Kurz, als ich ihm erzähle, wo ich aufgewachsen bin. Seine Mutter stamme nämlich aus dem Dorf Weilheim, heute Waldstetten, bei Balingen. Sie sei bereits 1909 ausgewandert, sagt Kurz. „Meine Eltern haben sich erst in Detroit kennengelernt.“

Ihre Heimat sahen sie lange nicht wieder. Der „Rathskeller“ lief aber offenbar so gut, dass Karl Kurz im Jahr 1937 mit seiner Familie auf eine zweimonatige Deutschlandreise gehen konnte. „Ich war damals zehn Jahre alt“, erzählt Edward Kurz. Seine Schwester war auch dabei. Sogar das Auto kam mit aufs Schiff – ein 1936er Dodge. Damit tourte die Kurz-Familie durch deutsche Städte und besuchte die Verwandten. Die waren bestimmt schwer beeindruckt. Die deutschen Kinder hätten vor allem übers Autoradio gestaunt, sagt Kurz und lacht. „The radio could talk German!“

Im September wird Edward Kurz wieder nach Deutschland reisen – erstmals nach 70 Jahren. Seine Kusine Rosa will er besuchen, und natürlich auch die Heimat der Eltern wiedersehen. Er wird sich wundern.

The Dakota Inn Rathskeller, Detroit © Cornelia Schaible


The Dakota Inn Rathskeller
17324 John R. Street
Detroit, MI 48203

Lunch Tuesday – Friday
Dinner Thursday – Saturday

www.dakota-inn.com

Sunday, April 29, 2007

Belegte Seele

Wer im Schwabenland lebt, kann einfach in eine Bäckerei gehen und sagen: „Eine Seele, bitte!" Das ist dann kein frommer Wunsch, sondern die Grundlage für ein ordentliches Vesper. Eine Seele ist ein baguetteartiges Gebäck, das meistens mit Salz und Kümmel bestreut wird. Genau genommen handelt es sich um ein Dinkelbrot, außen knusprig und innen feucht, aber auch etwas schwer. Richtig herzhaftes Brot eben.

Aber selbst in Deutschland sind Seelen außerhalb Baden-Württembergs nur schwer aufzutreiben. Deswegen staunte ich nicht schlecht, als einer meiner Schüler kürzlich sein Pausenbrot auswickelte: Es war einigermaßen länglich und hatte eine appetitliche goldbraune Farbe. Eine belegte Seele, ein eher ungewöhnlicher Anblick hier zu Lande. Die habe seine Mutter gebacken, sagte der junge Mann. Ich blickte wohl etwas verwundert, worauf er stolz erklärte: „Das ist eben eine tüchtige schwäbische Hausfrau!"

Um keine bösen Zuschriften zu riskieren: Ich höre immer wieder, dass sich deutsche Expats ihr Brot selber backen – und zwar nicht nur die aus Süddeutschland. Ich selbst bin in dieser Hinsicht eher untüchtig. Das eine oder andere anständige Baguette lässt sich auch in Metro Detroit finden, und damit gebe ich mich für gewöhnlich zufrieden. Mein Seelenheil hängt zum Glück nicht vom regelmäßigen Verzehr von 36-Korn-Brot ab.

Da fällt mir aber ein, dass ich noch eine importierte Brotbackmischung im Vorratsschrank stehen habe, ein Geschenk von Europe's Fine Food. Vielleicht sollte ich mich doch einmal daran versuchen?

Und hier noch eine ältere Geschichte über die Gründerin von Europe's Fine Food: Die Thamms, Schwaben in Detroit

Thursday, March 15, 2007

Zingerman's Deli, Ann Arbor MI

Das alte Haus ist auf so vertrackte Weise schief, dass einem bei näherer Betrachtung ganz schwindlig davon wird. Aber beim historischen Backsteingebäude in der Detroit Street Nummer 422 zählen ohnehin die inneren Werte – hierher pilgern längst nicht mehr nur die Feinschmecker aus Ann Arbor. Zingerman’s Delicatessen gilt als einer der besten Feinkostläden im ganzen Land, und das Magazin „Food and Wine“ verlieh ihm gar das Prädikat „one of the top 25 food markets in the world“. Das scheint mir nun etwas übertrieben – waren die mal im Burgund oder im Piemont? –, aber geschenkt. In Amerika ist ein solcher Laden eine Sensation.

Zur Lunch-Zeit kann es allerdings sein, dass die Schlange hungriger Menschen bis hinaus auf den Gehsteig reicht. Wer es dann endlich ins Ladeninnere geschafft hat (und noch nie vorher bei Zingerman’s war), gerät jetzt wahrscheinlich in Verzückung – so muss es im Schlaraffenland aussehen. Was zuallererst ins Auge fällt: Von der Decke hängen ganze getrocknete Schinken, darunter liegen Chorizo und Trüffelsalami, Pastrami und Kalbsleberwurst. Mir persönlich ist das allerdings wurstegal. Ich gucke mir bei Zingerman’s am liebsten die üppige Käsetheke an. Und die ist nun wirklich sensationell.

Vom klassischen Stilton über französischen Chèvre in sämtlichen Reifestufen bis zum Rohmilch-Cheddar aus Vermont ist bei Zingerman’s sicher jede Käsesorte vertreten, die irgendwie von kulinarischer Bedeutung ist. Dass Ari Weinzweig, einer der beiden Geschäftsgründer, eine Käse-Koryphäe ist, habe ich bei der Lektüre seines Buches „Zingerman's Guide to Good Eating“ begriffen: Darin schwärmt er nämlich vom Bergkäse aus L’Etivaz, einem kleinen Dorf in den Schweizer Alpen unweit des viel berühmteren La Gruyère. Der L’Etivaz ist nun tatsächlich der unbestrittene König im Gruyère-Käsereich, aber weil das nicht einmal alle Schweizer wissen, darf man daraus schließen, dass sich Weinzweig auf diesem Gebiet wirklich auskennt. Sehr gut auskennt.

Vor genau 25 Jahren gründeten Ari Weinzweig und Paul Saginaw die Feinschmecker-Oase in der historischen Kerrytown unweit des Farmer‘s Market. Anfang der 80er-Jahre, das war die Zeit, als sich viele Amerikaner nicht mehr mit Schaumgummi-Brot und TV-Dinners abfinden wollten. Kochen mit erstklassigen Zutaten war damals der neueste Trend; bald machten die ersten foodies von sich reden. Und der Name? „Zingerman’s“, so schreibt Weinzweig in seinem Buch, sei pure Erfindung gewesen: „Es klang jüdisch.“ Und das war Absicht – man sollte dabei an Deli denken und an vor allem an ein richtiges Corned Beef Sandwich, was von Anfang an im Angebot war.

Das Angebot hat sich inzwischen etwas erweitert: Spätesten beim Anblick der Sandwich-Liste über der Ladentheke befällt den Gourmet-Kunden zum zweiten Mal ein Schwindelgefühl. Auch angesichts der Preise: Schon die kleinere Sandwich-Version kostet um die 10 Dollar. Und dann steht da auch schon eine junge Person mit einem Block und zückt den Stift und fragt, was man essen möchte. Mein Vorschlag: Das Luxus-Sandwich auf den nächsten Besuch bei Zingerman’s verschieben (und vorher genau das Angebot auf der Website studieren). Und für diesmal einen kleinen Salat oder eine Suppe ordern, in der Dependance nebenan Platz nehmen und beim Warten auf den Lunch – der Name des Gastes wird von der Bedienung ausgerufen – die Sonderangebote im überall aushängenden Prospekt studieren.

Jetzt im März ist etwa der French Country Loaf im Angebot: 3,50 statt 5 Dollar. Daher sollte man nach den Essen wieder in den Laden gehen, eine Weile träumerisch an der Brottheke verweilen, und einen schönen Laib auswählen. Für Deutsche ist die Auswahl an Brot bestimmt das beste Argument, in diesem Geschäft einzukaufen. Trotz der teilweise wirklich überzogenen Preise bei Olivenöl, Balsamicoessig, Spezialsenf und anderen Delikatessen. Aber Zingerman’s setzt eben Maßstäbe. Auch beim Preis.

Zingerman's Deli, Ann Arbor © Cornelia Schaible


Zingerman's Delicatessen
422 Detroit Street
Ann Arbor, MI 48104

Open 7 am - 10 pm daily

www.zingermansdeli.com



Literatur: Zingerman's Guide to Good Eating