Bei den US-Kongresswahlen vor einer Woche konnten die Republikaner den Demokraten genügend Senatorenposten abjagen, um die Mehrheit auch in der oberen Kammer zu übernehmen. Der Sitz aus Michigan war jedoch nicht darunter. Dabei hatten sich die Republikaner im Bundesstaat zunächst große Hoffnungen gemacht, als der demokratische Senator Carl Levin Anfang 2013 seinen Rückzug aus der Politik angekündigt hatte.
Der Kongressveteran Levin, seit 1979 im US-Senat, war nicht nur in seinem Heimatstaat populär. Mit dem sorgfältig übergekämmten Resthaar und der tiefsitzenden Lesebrille war er außerdem eine der markantesten Politfiguren Washingtons. Im jovialen Mittfünfziger Gary Peters, bisher schon Mitglied des Repräsentantenhauses, scheint die Partei indessen einen adäquaten Nachfolger gefunden zu haben: Mit 55 Prozent der Stimmen gewann der Demokrat den Sitz ohne große Mühe. Immerhin war die republikanische Gegenkandidatin Terri Lynn Land jahrelang Staatssekretärin in Michigan und ebenfalls sehr bekannt. Aber Gary Peters gab sich eben nicht als Republican light wie andere demokratische Bewerber für den Senat, die dann trotzdem verloren. Es ist schon auffällig, dass gerade die Kandidaten, die ihren Päsidenten und seine Politik nicht verleugnet hatten, fast alle gewählt oder wiedergewählt wurden. In Ann Arbor konnte Peters sogar über 67 Prozent der Stimmen für sich verbuchen.
Die Kandidaten mit einem „D“ hinterm Namen haben in A2 durchweg wieder besonders gut abgeschnitten – ginge es nach Tübingens Partnerstadt, hieße der Gouverneur jetzt anders. Dabei müsste der Republikaner Rick Snyder eigentlich einen Heimvorteil haben: Der Geschäftsmann aus der IT-Branche, der vor vier Jahren als „taffer Streber“ ins Amt einzog, wohnt in Superior Township, einer überwiegend ländlichen Gemeinde in der Umgebung von Ann Arbor. Snyder lässt sich bis heute vom privaten Heim zum Regieren chauffieren – Lansing, die Hauptstadt des Bundesstaates, ist nur eine gute Fahrtstunde entfernt.
Snyder gibt familiäre Gründe dafür an, warum er nicht in die Gouverneurs-Residenz nach Lansing gezogen ist, sondern in der Nähe der deutlich attraktiveren Demokraten-Hochburg blieb. Im Landkreis Washtenaw, zu dem Ann Arbor gehört, erhielt er trotzdem nur knapp 42 Prozent der Stimmen; sein demokratischer Herausforderer Mark Schauer, ein Berufspolitiker aus der Cornflakes-Stadt Battle Creek, kam auf über 56 Prozent. Im Bundesstaat insgesamt siegte Snyder mit 51 Prozent; Schauer erreichte nur 47 Prozent. Snyder hatte am Anfang seiner Amtszeit zwar viel Schelte bezogen, als er einen Einheitssteuersatz für Unternehmen eingeführt und dafür Pensionen besteuert hatte; in jüngster Zeit bekam er aber gute Noten für wirtschaftliche Initiativen sowie seine Führungsrolle bei der Bewältigung der Finanzkrise von Detroit.
Gänzlich ohne Überraschungen ging die Wahl des neuen Bürgermeisters in Ann Arbor aus. Der bisherige Mayor John Hieftje hatte sich nach 14 Jahren im Amt zurückgezogen, und der demokratische Stadtrat Christopher Taylor kandidierte über längere Zeit konkurrenzlos. Er erhielt 84 Prozent der Stimmen. Der einzige Gegenkandidat, ein jugendlicher Autor und Musiker namens Bryan Kelly, war nach eigenem Bekunden ins Rennen eingestiegen, damit der Wähler eine Wahl hatte. Auf seiner Facebook-Seite verabschiedete er sich mit „Peace“.
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Tuesday, November 11, 2014
Monday, November 3, 2014
In Ann Arbor geht die Ära Hieftje zu Ende
Im Online-Vorlesungsverzeichnis der University of Michigan findet sich ein Kurs über Kommunalverwaltung und Bürgerbeteiligung. Kursbeginn: Anfang Januar. Der Name des Dozenten? John Hieftje, „derzeit der Bürgermeister von Ann Arbor“, wie es in der Kurzbiografie heißt. Die Universität muss die Webseite bald aktualisieren, denn bereits am 10. November wird es offiziell einen neuen Mayor geben. Der 63-jährige Hieftje will sich dann auf die Lehrtätigkeit, schon vorher sein zweites berufliches Standbein, konzentrieren. Vorerst jedenfalls.
Die Abschiedsparty für John Hieftje ist schon geplant: Sechs Mal wurde er im Amt bestätigt, aber ein siebtes Mal wird es nicht geben – sein Nachfolger wird morgen gewählt. Und was kommt dann? Dass er als Bürgermeister aufhöre, bedeute nicht, dass er sich aus dem Berufsleben zurückziehe, betonte Hieftje bei einem Telefongespräch. Er habe einige Eisen im Feuer; Näheres will er dazu nicht sagen. Kein Ruhestand also, aber wie ernst ist es ihm mit dem Rückzug aus der Politik? Will er seine Karriere vielleicht auf anderer Ebene fortsetzen? Nein, er habe nicht vor, noch einmal für ein politisches Amt zu kandidieren, sagt der Demokrat, der in „A2“ 14 Jahre lang eine solide grüne Kommunalpolitik machte. „Ich nehme Abstand von der Politik“, sagt Hieftje in jenem gelassen-heiteren Ton, der für ihn typisch ist.
John Hieftje ist eher ein Mann der leisen Töne – „soft-spoken“ heißt das auf Englisch, und genau mit diesem Ausdruck wird er in der lokalen Presse oft beschrieben. Das heißt aber nicht, dass es ihm an Selbstsicherheit mangelt. Hieftje gab schon vor Jahr und Tag bekannt, dass er kein weiteres Mal kandidieren würde, und wenn man ihn dann fragt, warum er die Entscheidung in der laufenden Amtsperiode getroffen und damit nicht noch etwas gewartet habe, gibt er die einfache Antwort: „Alles, was ich mir vorgenommen habe, ist getan.“
Das mag nun etwas überraschen, denn Hieftje hat sicher vieles auf den Weg gebracht, aber bei etlichen Projekten ist das Ziel in weiter Ferne. Auf die schnellere Zugverbindung nach Chicago etwa wartet Ann Arbor noch; sie soll erst im Jahr 2016 oder später kommen. „Das sind Bundesgelder“, so Hieftje, da habe man wenig Einfluss darauf. Er sei dem Gouverneur von Florida – einem Republikaner – jedenfalls unendlich dankbar, dass dieser Regierungsinvestitionen in den Bahnausbau ablehnte, „denn deswegen bekommen wir 200 Millionen Dollar extra“. Er ist daher zuversichtlich, das Ann Arbor irgendwann einen neuen Bahnhof bekommt, und dass es mit dem Ausbau des Schienennahverkehrs bald vorangeht.
Hieftje sagt aber auch oft, dass er das Glück hatte, auf die Arbeit fähiger Bürgermeister und Stadträte vor ihm aufzubauen – die hohe Lebensqualität in Ann Arbor sei nicht über Nacht entstanden und auch nicht in den letzten 14 Jahren. Gerade in jüngster Zeit konnte die Stadt im Südwesten der Autometropole Detroit eine Reihe von Auszeichnungen einheimsen, die belegen, dass einiges richtig gelaufen sein muss: So wurde Ann Arbor erst kürzlich vom Wirtschaftsmagazin „Forbes“ zur gebildetsten Stadt Amerikas ernannt; von anderer Seite gab es hohe Platzierungen für Fußgängerfreundlichkeit sowie das Radwegenetz. Und das Onlinemagazin „The Daily Beast“ erklärte Ann Arbor schon 2012 zur fünftglücklichsten Stadt Amerikas, nicht zuletzt wegen der im regionalen und nationalen Vergleich niedrigen Arbeitslosenquote, die inzwischen deutlich unter fünf Prozent liegt.
Das war aber nicht immer so. Als Hieftje ins Amt kam, befand sich Michigan bereits in einer Dauerrezession, und in Zusammenarbeit mit dem damaligen City Administrator, dem Stadtverwalter, begann Hieftje, die Verwaltung zu verschlanken. Das war ein Prozess, der eigentlich nie ganz aufhörte, und im Jahr 2007 noch einmal drastisch beschleunigt werden musste: Noch vor der Finanzkrise beschloss der Pharmakonzern Pfizer, seinen Standort in Ann Arbor aufzugeben, wodurch 2500 Arbeitsplatz verloren gingen und im Finanzhaushalt der Stadt plötzlich ein riesiges Loch klaffte. „Und dann ging alles den Bach runter“, erinnert sich Hieftje. Allerdings war die Stadt, die Übung im Sparen hatte, besser für die Krise gerüstet als andere Kommunen in Michigan und erholte sich früher wieder von der Großen Rezession. Das sei auch der Grund, warum er sich nicht schon 2012 verabschiedet habe: Er wollte sicher gehen, dass alles wieder im Lot sei, und außerdem musste sich damals gerade ein neuer City Administrator einarbeiten.
Kontinuität ist wichtig für Hieftje, und die erhofft er sich auch von seinem Nachfolger im Amt. Neuer Bürgermeister wird aller Wahrscheinlichkeit nach der Rechtsanwalt und jetzige Stadtrat Christopher Taylor, der sich bei den Vorwahlen im August gegen seine Konkurrenten von der demokratischen Partei durchsetzte. Die Republikaner haben keinen Kandidaten aufgestellt; Taylors einziger Gegenkandidat ist der unabhängige Bryan Kelly, Blogautor und Musiker, dessen Kampagne auf Facebook aber eher als Spaß-Event daherkommt.
Christopher Taylor hat bereits öffentlich bestätigt, dass er die vom bisherigen Bürgermeister und der Stadtverwaltung angestrebten Ziel weiter verfolgen wird. Dazu gehören die ökologischen Projekte genauso wie die Bemühungen, Ann Arbor als Standort für Hightech-Firmen noch attraktiver zu machen, was auch in Zusammenarbeit mit der Uni geschehen soll. Taylor wird sicher auch weiterführen, was für Hieftje Herzensanliegen, Steckenpferd und Markenzeichen in einem war: die mit Grundsteuer finanzierte Bekämpfung von Flächenfraß und Zersiedelung durch einen „grünen Gürtel“ im Norden der Stadt, der neben naturnahen Gebieten auch landwirtschaftliche Nutzfläche konserviert.
Auch wenn er nicht mehr Bürgermeister ist, will Hieftje der Stadt Ann Arbor treu bleiben. Er hofft aber, dass er in Zukunft öfters „in den Norden fahren“ kann, was bei Naturliebhabern in Michigan allgemein populär ist: Die Familie besitzt ein Wochenendhaus am Lake Superior, also am nördlichsten der Großen Seen, und zwar auf der kanadischen Seite. Und wie sieht es mit Reisen nach Deutschland aus, sprich: Tübingen? Ann Arbor ist die Partnerstadt der schwäbischen Universitätsstadt am Neckar. Seine Frau Kathryn habe fest vor, zum 50er-Jubiläum der Städtpartnerschaft in die Sister City zu fahren, sagt Hieftje. Er selbst muss noch sehen, wie es in seinen Terminkalender passt.
Aus dem Archiv: Umweltfreundlich made in USA
Die Abschiedsparty für John Hieftje ist schon geplant: Sechs Mal wurde er im Amt bestätigt, aber ein siebtes Mal wird es nicht geben – sein Nachfolger wird morgen gewählt. Und was kommt dann? Dass er als Bürgermeister aufhöre, bedeute nicht, dass er sich aus dem Berufsleben zurückziehe, betonte Hieftje bei einem Telefongespräch. Er habe einige Eisen im Feuer; Näheres will er dazu nicht sagen. Kein Ruhestand also, aber wie ernst ist es ihm mit dem Rückzug aus der Politik? Will er seine Karriere vielleicht auf anderer Ebene fortsetzen? Nein, er habe nicht vor, noch einmal für ein politisches Amt zu kandidieren, sagt der Demokrat, der in „A2“ 14 Jahre lang eine solide grüne Kommunalpolitik machte. „Ich nehme Abstand von der Politik“, sagt Hieftje in jenem gelassen-heiteren Ton, der für ihn typisch ist.
John Hieftje ist eher ein Mann der leisen Töne – „soft-spoken“ heißt das auf Englisch, und genau mit diesem Ausdruck wird er in der lokalen Presse oft beschrieben. Das heißt aber nicht, dass es ihm an Selbstsicherheit mangelt. Hieftje gab schon vor Jahr und Tag bekannt, dass er kein weiteres Mal kandidieren würde, und wenn man ihn dann fragt, warum er die Entscheidung in der laufenden Amtsperiode getroffen und damit nicht noch etwas gewartet habe, gibt er die einfache Antwort: „Alles, was ich mir vorgenommen habe, ist getan.“
Das mag nun etwas überraschen, denn Hieftje hat sicher vieles auf den Weg gebracht, aber bei etlichen Projekten ist das Ziel in weiter Ferne. Auf die schnellere Zugverbindung nach Chicago etwa wartet Ann Arbor noch; sie soll erst im Jahr 2016 oder später kommen. „Das sind Bundesgelder“, so Hieftje, da habe man wenig Einfluss darauf. Er sei dem Gouverneur von Florida – einem Republikaner – jedenfalls unendlich dankbar, dass dieser Regierungsinvestitionen in den Bahnausbau ablehnte, „denn deswegen bekommen wir 200 Millionen Dollar extra“. Er ist daher zuversichtlich, das Ann Arbor irgendwann einen neuen Bahnhof bekommt, und dass es mit dem Ausbau des Schienennahverkehrs bald vorangeht.
Hieftje sagt aber auch oft, dass er das Glück hatte, auf die Arbeit fähiger Bürgermeister und Stadträte vor ihm aufzubauen – die hohe Lebensqualität in Ann Arbor sei nicht über Nacht entstanden und auch nicht in den letzten 14 Jahren. Gerade in jüngster Zeit konnte die Stadt im Südwesten der Autometropole Detroit eine Reihe von Auszeichnungen einheimsen, die belegen, dass einiges richtig gelaufen sein muss: So wurde Ann Arbor erst kürzlich vom Wirtschaftsmagazin „Forbes“ zur gebildetsten Stadt Amerikas ernannt; von anderer Seite gab es hohe Platzierungen für Fußgängerfreundlichkeit sowie das Radwegenetz. Und das Onlinemagazin „The Daily Beast“ erklärte Ann Arbor schon 2012 zur fünftglücklichsten Stadt Amerikas, nicht zuletzt wegen der im regionalen und nationalen Vergleich niedrigen Arbeitslosenquote, die inzwischen deutlich unter fünf Prozent liegt.
Das war aber nicht immer so. Als Hieftje ins Amt kam, befand sich Michigan bereits in einer Dauerrezession, und in Zusammenarbeit mit dem damaligen City Administrator, dem Stadtverwalter, begann Hieftje, die Verwaltung zu verschlanken. Das war ein Prozess, der eigentlich nie ganz aufhörte, und im Jahr 2007 noch einmal drastisch beschleunigt werden musste: Noch vor der Finanzkrise beschloss der Pharmakonzern Pfizer, seinen Standort in Ann Arbor aufzugeben, wodurch 2500 Arbeitsplatz verloren gingen und im Finanzhaushalt der Stadt plötzlich ein riesiges Loch klaffte. „Und dann ging alles den Bach runter“, erinnert sich Hieftje. Allerdings war die Stadt, die Übung im Sparen hatte, besser für die Krise gerüstet als andere Kommunen in Michigan und erholte sich früher wieder von der Großen Rezession. Das sei auch der Grund, warum er sich nicht schon 2012 verabschiedet habe: Er wollte sicher gehen, dass alles wieder im Lot sei, und außerdem musste sich damals gerade ein neuer City Administrator einarbeiten.
Kontinuität ist wichtig für Hieftje, und die erhofft er sich auch von seinem Nachfolger im Amt. Neuer Bürgermeister wird aller Wahrscheinlichkeit nach der Rechtsanwalt und jetzige Stadtrat Christopher Taylor, der sich bei den Vorwahlen im August gegen seine Konkurrenten von der demokratischen Partei durchsetzte. Die Republikaner haben keinen Kandidaten aufgestellt; Taylors einziger Gegenkandidat ist der unabhängige Bryan Kelly, Blogautor und Musiker, dessen Kampagne auf Facebook aber eher als Spaß-Event daherkommt.
Christopher Taylor hat bereits öffentlich bestätigt, dass er die vom bisherigen Bürgermeister und der Stadtverwaltung angestrebten Ziel weiter verfolgen wird. Dazu gehören die ökologischen Projekte genauso wie die Bemühungen, Ann Arbor als Standort für Hightech-Firmen noch attraktiver zu machen, was auch in Zusammenarbeit mit der Uni geschehen soll. Taylor wird sicher auch weiterführen, was für Hieftje Herzensanliegen, Steckenpferd und Markenzeichen in einem war: die mit Grundsteuer finanzierte Bekämpfung von Flächenfraß und Zersiedelung durch einen „grünen Gürtel“ im Norden der Stadt, der neben naturnahen Gebieten auch landwirtschaftliche Nutzfläche konserviert.
Auch wenn er nicht mehr Bürgermeister ist, will Hieftje der Stadt Ann Arbor treu bleiben. Er hofft aber, dass er in Zukunft öfters „in den Norden fahren“ kann, was bei Naturliebhabern in Michigan allgemein populär ist: Die Familie besitzt ein Wochenendhaus am Lake Superior, also am nördlichsten der Großen Seen, und zwar auf der kanadischen Seite. Und wie sieht es mit Reisen nach Deutschland aus, sprich: Tübingen? Ann Arbor ist die Partnerstadt der schwäbischen Universitätsstadt am Neckar. Seine Frau Kathryn habe fest vor, zum 50er-Jubiläum der Städtpartnerschaft in die Sister City zu fahren, sagt Hieftje. Er selbst muss noch sehen, wie es in seinen Terminkalender passt.
Aus dem Archiv: Umweltfreundlich made in USA
Tuesday, February 25, 2014
John Dingell, ein politisches Urgestein aus Michigan
Vor gut zehn Jahren, Anfang Februar 2004, war ich bei einer Wahlkampfveranstaltung von John Kerry in der Detroiter Vorstadt Warren. Das war noch während der Vorwahlen, ein paar Tage nachdem Howard Dean seinen markerschütternden Schrei ausgestoßen und sich damit als demokratischer Präsidentschaftskandidat unmöglich gemacht hatte. Kerry erschien damals schon als der Frontrunner, war aber noch überraschend zugänglich. Jedenfalls konnte ich auch ohne offizielle Pressezulassung mühelos Nahaufnahmen von ihm machen. Im Hinblick auf die Einstiegs-Digitalkamera, die ich damals besaß, eine gute Sache. Die Sicherheitsmaßnahmen waren eindeutig weniger streng als bei Wahlen in der jüngeren Vergangenheit. Ich traf bei der Gelegenheit auch die damalige Gouverneurin Jennifer Granholm sowie Carl Levin, den Senior Senator von Michigan. Als ich nach der Veranstaltung die Halle wieder verließ, begegnete mir ein weiterer Politiker, dessen beinahe kahlköpfige Erscheinung mir aus der Zeitung wohlvertraut war. Das war der Kongressabgeordnete John Dingell. Er grüßte mich mit einem jovialen „Good morning, young woman!“, was mich sehr erheiterte.
Aus der Sicht eines John Dingell war die Anrede „junge Frau“ natürlich berechtigt. In dem Jahr, als ich geboren wurde, konnte der gute Mann bereits sein siebtes Dienstjubiläum feiern. Mit über 58 Amtsjahren ist Dingell, Jahrgang 1926, nicht nur das dienstälteste Mitglied des US-Repräsentantenhauses, der Demokrat hält auch noch weitere Rekorde: Niemand gehörte länger ununterbrochen dem Kongress an, niemand war länger Dean of the House und so fort.
Im Dezember 1955 hatte Dingell zunächst bei einer Sonderwahl den Sitz seines verstorbenen Vaters gewonnen, und 1956 wurde er dann für eine volle Amtszeit wieder gewählt. Weil Amerika seine Kongressabgeordneten alle zwei Jahre zur Wahl antreten lässt, wurde er somit 29 Mal im Amt bestätigt. Eine 30. Wiederwahl wird es allerdings nicht geben: Wie John Dingell gestern bekannt gab, will er sich zum Ende der Legislaturperiode in den Ruhestand zurückziehen. Mit 87 Jahren darf man da schon einmal daran denken – in zwei Jahren kann allerhand passieren. Planungssicherheit gibt‘s in dem Alter nicht mehr. „I’ve reached the age when people don’t buy green bananas,” scherzte Dingell laut Zeitungsberichten.
Allerdings ist nicht auszuschließen, dass der Sitz weiterhin in der Familie bleibt. Es heißt, dass sich John Dingells Frau Debbie als Kandidatin aufstellen lassen will – Debbie Dingell ist Jahrgang 1954. Falls sie tatsächlich für die Demokraten anträte, was sich aber erst bei den Vorwahlen entscheidet, und wenn sie dann im November gewinnen würde, wäre sie die erste Kongressabgeordnete, die dem Gatten noch zu dessen Lebzeiten im Amt nachfolgt. Falls er bis dahin noch lebt.
Aus der Sicht eines John Dingell war die Anrede „junge Frau“ natürlich berechtigt. In dem Jahr, als ich geboren wurde, konnte der gute Mann bereits sein siebtes Dienstjubiläum feiern. Mit über 58 Amtsjahren ist Dingell, Jahrgang 1926, nicht nur das dienstälteste Mitglied des US-Repräsentantenhauses, der Demokrat hält auch noch weitere Rekorde: Niemand gehörte länger ununterbrochen dem Kongress an, niemand war länger Dean of the House und so fort.
Im Dezember 1955 hatte Dingell zunächst bei einer Sonderwahl den Sitz seines verstorbenen Vaters gewonnen, und 1956 wurde er dann für eine volle Amtszeit wieder gewählt. Weil Amerika seine Kongressabgeordneten alle zwei Jahre zur Wahl antreten lässt, wurde er somit 29 Mal im Amt bestätigt. Eine 30. Wiederwahl wird es allerdings nicht geben: Wie John Dingell gestern bekannt gab, will er sich zum Ende der Legislaturperiode in den Ruhestand zurückziehen. Mit 87 Jahren darf man da schon einmal daran denken – in zwei Jahren kann allerhand passieren. Planungssicherheit gibt‘s in dem Alter nicht mehr. „I’ve reached the age when people don’t buy green bananas,” scherzte Dingell laut Zeitungsberichten.
Allerdings ist nicht auszuschließen, dass der Sitz weiterhin in der Familie bleibt. Es heißt, dass sich John Dingells Frau Debbie als Kandidatin aufstellen lassen will – Debbie Dingell ist Jahrgang 1954. Falls sie tatsächlich für die Demokraten anträte, was sich aber erst bei den Vorwahlen entscheidet, und wenn sie dann im November gewinnen würde, wäre sie die erste Kongressabgeordnete, die dem Gatten noch zu dessen Lebzeiten im Amt nachfolgt. Falls er bis dahin noch lebt.
Saturday, November 10, 2012
Ein furchtbar langes Wahljahr
Vor Jahr und Tag hat alles angefangen – genauer gesagt, vor einem Jahr und einem Tag. Am 9. November 2011 war die Vorwahldebatte der Republikaner an der Oakland University. Damals waren noch acht Teilnehmer im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur, auf die aber Mitt Romney schon immer ein Naturrecht hatte. Da waren zum Beispiel Newt Gingrich und Hermann Cain und – ähm – wie hieß er noch gleich? Upps! Rick Perry war das. Und dann waren’s nur noch sieben.
Der Abend, der eine gefühlte Ewigkeit her ist, war zumindest für mich der offizielle Auftakt für den Wahlkampf. Es dauerte dann noch eine ganze Weile, bis Mitt Romney seine Kandidatur endlich schriftlich hatte. Es wurde Sommer, es wurde heiß; man schwitzte und war unleidig. Alles zog sich. So richtig in die Gänge kam der Wahlkampf erst im September. Das Video mit der Wählerbeschimpfung durch Mitt Romney tauchte auf: Darin schmähte er die „47 Prozent der Menschen“, die keine Einkommenssteuer zahlen und sowieso Barack Obama wählen würden. Abzocker! Und dann waren da noch die beiden Parteitage, wobei von der Kappensitzung der Republikaner nur der Auftritt von Clint Eastwood im Gedächtnis hängen blieb: Da stand ein alter Mann auf der Bühne und versuchte, mit einem leeren Stuhl Streit anzufangen. Erstaunlich. Das lustig-bunte Völkchen bei der Konkurrenzveranstaltung der Demokraten war da schon in besserer Stimmung.
Bis zur Debatte Nummer eins. Ojeh. Bestürzung im Demokratenlager. Triumphgeheul auf der anderen Seite. Mediengefeixe. Aber dann kam Hurrikan Sandy. Als das Wasser wieder abgelaufen und die katastrophale Verwüstung sichtbar geworden war, sahen sich ein dicker und dünner Mann gemeinsam die Bescherung an. Arm in Arm am Jersey Shore. Der Dicke war Chris Christie, Governeur des hart getroffenen Bundesstaates New Jersey, und der andere war der Präsident. Der Beginn einer wunderbaren Bromance, die bis heute hohe Wellen schlägt.
Es war ein langes Jahr, und am Wahlabend ging dann irgendwie doch alles ganz schnell. Heute wurde noch bekannt, dass Obama auch Florida knapp gewonnen hat. Hut ab vor denen, die stundenlang vor den Wahllokalen Schlange gestanden hatten, um ihre Stimme abzugeben. Das waren die 47 Prozent, und dann noch ein paar mehr.
Der Abend, der eine gefühlte Ewigkeit her ist, war zumindest für mich der offizielle Auftakt für den Wahlkampf. Es dauerte dann noch eine ganze Weile, bis Mitt Romney seine Kandidatur endlich schriftlich hatte. Es wurde Sommer, es wurde heiß; man schwitzte und war unleidig. Alles zog sich. So richtig in die Gänge kam der Wahlkampf erst im September. Das Video mit der Wählerbeschimpfung durch Mitt Romney tauchte auf: Darin schmähte er die „47 Prozent der Menschen“, die keine Einkommenssteuer zahlen und sowieso Barack Obama wählen würden. Abzocker! Und dann waren da noch die beiden Parteitage, wobei von der Kappensitzung der Republikaner nur der Auftritt von Clint Eastwood im Gedächtnis hängen blieb: Da stand ein alter Mann auf der Bühne und versuchte, mit einem leeren Stuhl Streit anzufangen. Erstaunlich. Das lustig-bunte Völkchen bei der Konkurrenzveranstaltung der Demokraten war da schon in besserer Stimmung.
Bis zur Debatte Nummer eins. Ojeh. Bestürzung im Demokratenlager. Triumphgeheul auf der anderen Seite. Mediengefeixe. Aber dann kam Hurrikan Sandy. Als das Wasser wieder abgelaufen und die katastrophale Verwüstung sichtbar geworden war, sahen sich ein dicker und dünner Mann gemeinsam die Bescherung an. Arm in Arm am Jersey Shore. Der Dicke war Chris Christie, Governeur des hart getroffenen Bundesstaates New Jersey, und der andere war der Präsident. Der Beginn einer wunderbaren Bromance, die bis heute hohe Wellen schlägt.
Es war ein langes Jahr, und am Wahlabend ging dann irgendwie doch alles ganz schnell. Heute wurde noch bekannt, dass Obama auch Florida knapp gewonnen hat. Hut ab vor denen, die stundenlang vor den Wahllokalen Schlange gestanden hatten, um ihre Stimme abzugeben. Das waren die 47 Prozent, und dann noch ein paar mehr.
Friday, November 9, 2012
Jubel auf dem Campus
Am späten Dienstagabend, kurz nach 23 Uhr Ostküstenzeit, ertönte ein Jubelschrei über den Campus, berichtet „The Michigan Daily“, die Unizeitung aus Ann Arbor. Das war der Moment, in dem die Nachrichtensender den Wahlsieg von Präsident Obama verkündeten. In der Tübinger US-Partnerstadt hatten viele Studenten am Wahlabend grüppchenweise die Auszählung im Fernsehen verfolgt. Als der Wahlausgang feststand, habe sich Erleichtung breit gemacht, schreibt das Uniblatt weiter. Hunderte von Studenten versammelten sich daraufhin spontan auf dem „Diag“, dem zentralen Platz auf dem Unigelände, um Obamas Wiederwahl zu feiern. 2008 war das schon ähnlich gewesen.
Wie in Ann Arbor zeigte sich landesweit, dass es der Obama-Kampagne tatsächlich gelungen war, eine neue Generation von Jungwählern zu mobilisieren – ein entscheidender Faktor bei der Wahl, die dem Demokraten Obama eine zweite vierjährige Amtszeit beschert. Dass er in Ann Arbor punkten kann, war allerdings nie die Frage: In der traditionell demokratischen Tübinger Partnerstadt erhielt der Präsident 67 Prozent der Stimmen. Spannender war, wie die Wahl im Michigan insgesamt ausgehen würde – dem Bundesstaat fiel als „Swing State“ eine wahlentscheidende Rolle zu. Nun, Barack Obama gewann ihn mit 51 Prozent und schnitt somit noch einen halben Prozentpunkt höher ab als im Landesdurchschnitt.
Das Ergebnis mag auf den ersten Blick überraschen, denn der unterlegene republikanische Kandidat Mitt Romney kommt ursprünglich aus Michigan, und sein Vater war sogar Gouverneur im Bundesstaat. Aber Michigan ist auch die Heimat der US-Automobilindustrie, die im Krisenjahr 2009 vor dem Bankrott stand und nur durch eine vorübergehende Verstaatlichung gerettet werden konnte – eine der ersten Amtsaktionen von Präsident Obama, die rund eine Million direkt und indirekt von der Autoindustrie abhängiger Arbeitsplätze sicherte. Sein Herausforderer Romney hatte diese staatliche Intervention aber stets abgelehnt und bis zuletzt im Wahlkampf schlecht geredet. Bei der Bevölkerung war das wohl nicht so gut angekommen, übrigens genau wie im benachbarten Ohio, einem weiteren Schlüsselstaat mit viel Industrie, der an Obama ging.
Wie in Ann Arbor zeigte sich landesweit, dass es der Obama-Kampagne tatsächlich gelungen war, eine neue Generation von Jungwählern zu mobilisieren – ein entscheidender Faktor bei der Wahl, die dem Demokraten Obama eine zweite vierjährige Amtszeit beschert. Dass er in Ann Arbor punkten kann, war allerdings nie die Frage: In der traditionell demokratischen Tübinger Partnerstadt erhielt der Präsident 67 Prozent der Stimmen. Spannender war, wie die Wahl im Michigan insgesamt ausgehen würde – dem Bundesstaat fiel als „Swing State“ eine wahlentscheidende Rolle zu. Nun, Barack Obama gewann ihn mit 51 Prozent und schnitt somit noch einen halben Prozentpunkt höher ab als im Landesdurchschnitt.
Das Ergebnis mag auf den ersten Blick überraschen, denn der unterlegene republikanische Kandidat Mitt Romney kommt ursprünglich aus Michigan, und sein Vater war sogar Gouverneur im Bundesstaat. Aber Michigan ist auch die Heimat der US-Automobilindustrie, die im Krisenjahr 2009 vor dem Bankrott stand und nur durch eine vorübergehende Verstaatlichung gerettet werden konnte – eine der ersten Amtsaktionen von Präsident Obama, die rund eine Million direkt und indirekt von der Autoindustrie abhängiger Arbeitsplätze sicherte. Sein Herausforderer Romney hatte diese staatliche Intervention aber stets abgelehnt und bis zuletzt im Wahlkampf schlecht geredet. Bei der Bevölkerung war das wohl nicht so gut angekommen, übrigens genau wie im benachbarten Ohio, einem weiteren Schlüsselstaat mit viel Industrie, der an Obama ging.
Saturday, November 3, 2012
US-Wahlen: Klinken putzen für Obama
Der Mann mit dem Obama-T-Shirt erkennt mich sofort wieder. „Natürlich – wir haben vor vier Jahren miteinander gesprochen!“, sagt Adrian Cleypool, und er weiß auch, dass er damals in einem Artikel vorkam, sogar mit Bild. Klar hat das mitgekriegt: Der 67-jährige politische Aktivist wohnt in Chelsea in der Nähe von Ann Arbor, Tübingens US-Partnerstadt, und auf die privaten Nachrichtenkanäle zwischen den Sister Cities war noch immer Verlass. Wie vor der vergangenen Wahl hat Cleypool auch diesmal einen Stand auf dem Wochenmarkt, wo er Obama-Artikel aus Eigenproduktion feilbietet: Neben bedruckten Leibchen gibt’s Anstecker und vor allem Autoaufkleber aus Vinyl – „die gehen leicht wieder ab“, versichert er einem Kunden.
Wahlherbst in Ann Arbor. Auf dem Markt dominieren dicke orangefarbene Kürbisse für Halloween-Dekorationen, ein scharfer Wind fegt Laub durch die Straßen, und auf den Bürgersteigen drängen sich fröhliche junge Menschen in seltsam uniformer Kleidung. Fast alle tragen blaue Sachen mit einem gelben „M“ auf Brust oder Rücken. Das ist nun allerdings keine politische Botschaft, sondern eine sportliche – Studenten der lokalen University of Michigan tun so ihre Unterstützung fürs universitäre Football-Team kund. Sogar an einem Samstag, an dem „Michigan“ auswärts spielt. Politik haben sie eher nicht im Kopf. Und genau deswegen macht sich Yonah Lieberman ein bisschen Sorgen.
Yonah Lieberman ist 20 Jahre alt, kommt aus Washington D.C. und studiert in Ann Arbor Geschichte im Hauptfach. Ich treffe ihn im Obama-Wahlbüro unweit des Marktes im
Stadtviertel Kerrytown, wo ein liebevoll handgemaltes Schild mit dem Wahlkampf-Logo des Amtsverteidigers den Weg weist: „Volunteer Here“, steht da, „Hier freiwillig melden“. Das Büro der demokratischen Partei koordiniert die ehrenamtlichen Wahlhelfer, die dann entweder zum Telefon greifen oder sich selbst auf den Weg machen. Yonah Lieberman bevorzugt den persönlichen Kontakt: „Ich habe heute an 56 Türen geklopft“, erklärt er stolz.
Der junge Mann wirkt ähnlich aufgekratzt wie die Gleichaltrigen im Straßenbild der Unistadt, denen die Begeisterung übers coole Studentenleben auch nach acht Wochen Herbstsemester noch ins Gesicht geschrieben steht. Bei Lieberman hat der Enthusiasmus aber andere Gründe: „Ich kann zum ersten Mal wählen – ich meine, den Präsidenten!“, sagt er freudestrahlend. Bei den Kongresswahlen 2010 habe er zwar auch schon abgestimmt; in den USA ist man mit Vollendung des 18 Lebensjahres wahlberechtigt. Aber jetzt könne er endlich Obama wählen. Was ihn am derzeitigen US-Präsidenten so beeindruckt? „Obama steht für Chancengleichheit“, sagt er und wirkt auf einmal ernst. Wäre Romney Präsident, würde er alles unterminieren, was Obama erreicht hat.
„Alles“ – damit meint Yonah Lieberman vor allem Obamas Gesundheitsreform. Obwohl wesentliche Teile des Gesetzes, etwa die allgemeine Krankenversicherungspflicht, erst in den kommenden Jahren in Kraft treten, profitieren gerade Studenten bereits jetzt davon: Sie können bis zum Alter von 26 Jahren bei ihren Eltern mitversichert sein. Früher hatten viele Studenten entweder keine Krankenversicherung oder einen so hohen Eigenanteil, dass sie den Arztbesuch scheuten.
Ungeachtet der Tatsache, dass Romney während seiner Amtszeit als Gouverneur von Massachusetts von 2002 bis 2006 eine allgemeine Krankenversicherung einführte, die später als Blaupause für Obamas Gesundheitsreform diente, gehört es zu seinen Wahlversprechungen, „Obamacare“ sofort nach Amtsantritt abzuschaffen. Wissen das die jungen Leute nicht? Während Obama vor vier Jahren die Jungwähler noch in Massen mobilisieren konnte, scheint in diesem Jahr das Interesse gering. Auf die Frage, warum das so ist, hat Lieberman eine überraschende Antwort parat: „Die denken, er gewinnt sowieso!“
Nun, in Ann Arbor könnte man schon den Eindruck bekommen, dass Herausforderer Mitt Romney gegen den Titelverteidiger keine Chance hat – die Tübinger Partnerstadt ist eine Demokraten-Hochburg, und vor vier Jahren holte Obama 83 Prozent der Stimmen. Ein Heimspiel also? Aber nur wenn die Leute
tatsächlich wählen gehen, sagt Yonah Lieberman, und um sie dazu zu bringen, gehe er von Tür zu Tür. Den Wahlausgang sieht er „vorsichtig optimistisch“.
Je mehr Leute am 6. November wählen gehen, desto besser ist das Wahlergebnis für die Demokraten, glaubt auch Pat Honton. Sie ist bei der demokratischen Partei in Washtenaw County, dem Landkreis von Ann Arbor, für die Sichtbarkeit der Kampagne zuständig – was im Klartext bedeutet, dass sie das offizielle Werbematerial für Obama unters Volk bringt. Dazu gehören etwa Schildchen, die man in den Rasen im Vorgarten stecken kann, oder die obligatorischen Aufkleber. Auf einem steht: „Bin Laden is dead and General Motors is alive – Osama bin Laden ist tot und General Motors lebt.“
Der Spruch, der angeblich von Vizepräsident Joe Biden stammt, ist eine Kurzfassung von Obamas Amtszeit. Vor allem die zweite Hälfte müsste dem Präsidenten im Autostaat Michigan eine satte Mehrheit garantieren, so könnte man jedenfalls denken: Denn Romney lehnte die staatliche Rettung der US-Automobilindustrie, die noch von Obamas Vorgänger George W. Bush angeschoben wurde, kategorisch ab. „Lasst Detroit bankrott gehen“, schrieb Romney in einem Meinungsartikel am 18. November 2008 in der „New York Times“ – das war zwei Monate vor der Amtsübernahme von Barack Obama. Der neue Präsident ignorierte solche Ratschläge und schleuste General Motors und Chrysler durch ein beschleunigtes Insolvenzverfahren, außerdem segnete er den Zusammenschluss von Chrysler mit Fiat ab. Mit Erfolg: GM hat ein erstaunliches Comeback erlebt und ist dank des Wachstumsmarktes in China wieder weltgrößter Autohersteller. Bei Chrysler läuft es ebenfalls rund, und an verschiedenen US-Standorten werden zusätzlich Leute eingestellt.
Viele Wähler haben indessen ein kurzes Gedächtnis: „The Detroit News“, eine der beiden Tageszeitungen der nordöstlich von Ann Arbor gelegenen Autometropole, sprach eine Wahlempfehlung für Mitt Romney aus. Kann er so schaffen, was seinem Vater George Romney, dem einstigen Gouverneur von Michigan, nicht gelungen war, nämlich Präsident der Vereinigten Staaten zu werden? Das ist zu bezweifeln. Den Umfragen zufolge liegt immer noch Obama knapp vorn – nicht nur in Michigan, auch in anderen wahlentscheidenden Bundesstaaten.
Sicher ist allerdings, dass Präsident Obama viel von der Strahlkraft des Kandidaten Obama eingebüßt hat – er ist in den vergangenen vier Jahren ergraut. Und oft sieht er müde aus, und zwar nicht nur, wenn er mit Naturkatastrophen zu tun hat wie jüngst mit dem zerstörerischen Hurrikan „Sandy“. Ein gewisser Verschleiß sei eben unvermeidbar, sagt Adrian Cleypool, und er deutet auf seine ziemlich abgenutzte Baseballkappe mit dem Obama-Logo, die er am Tag der Inauguration bekommen hat. Mit dem Präsidentenamt verhalte es sich ähnlich. Aber er sei trotzdem zuversichtlich, dass es Obama noch einmal schaffen werde.
Wahlherbst in Ann Arbor. Auf dem Markt dominieren dicke orangefarbene Kürbisse für Halloween-Dekorationen, ein scharfer Wind fegt Laub durch die Straßen, und auf den Bürgersteigen drängen sich fröhliche junge Menschen in seltsam uniformer Kleidung. Fast alle tragen blaue Sachen mit einem gelben „M“ auf Brust oder Rücken. Das ist nun allerdings keine politische Botschaft, sondern eine sportliche – Studenten der lokalen University of Michigan tun so ihre Unterstützung fürs universitäre Football-Team kund. Sogar an einem Samstag, an dem „Michigan“ auswärts spielt. Politik haben sie eher nicht im Kopf. Und genau deswegen macht sich Yonah Lieberman ein bisschen Sorgen.
Yonah Lieberman ist 20 Jahre alt, kommt aus Washington D.C. und studiert in Ann Arbor Geschichte im Hauptfach. Ich treffe ihn im Obama-Wahlbüro unweit des Marktes im
Stadtviertel Kerrytown, wo ein liebevoll handgemaltes Schild mit dem Wahlkampf-Logo des Amtsverteidigers den Weg weist: „Volunteer Here“, steht da, „Hier freiwillig melden“. Das Büro der demokratischen Partei koordiniert die ehrenamtlichen Wahlhelfer, die dann entweder zum Telefon greifen oder sich selbst auf den Weg machen. Yonah Lieberman bevorzugt den persönlichen Kontakt: „Ich habe heute an 56 Türen geklopft“, erklärt er stolz.Der junge Mann wirkt ähnlich aufgekratzt wie die Gleichaltrigen im Straßenbild der Unistadt, denen die Begeisterung übers coole Studentenleben auch nach acht Wochen Herbstsemester noch ins Gesicht geschrieben steht. Bei Lieberman hat der Enthusiasmus aber andere Gründe: „Ich kann zum ersten Mal wählen – ich meine, den Präsidenten!“, sagt er freudestrahlend. Bei den Kongresswahlen 2010 habe er zwar auch schon abgestimmt; in den USA ist man mit Vollendung des 18 Lebensjahres wahlberechtigt. Aber jetzt könne er endlich Obama wählen. Was ihn am derzeitigen US-Präsidenten so beeindruckt? „Obama steht für Chancengleichheit“, sagt er und wirkt auf einmal ernst. Wäre Romney Präsident, würde er alles unterminieren, was Obama erreicht hat.
„Alles“ – damit meint Yonah Lieberman vor allem Obamas Gesundheitsreform. Obwohl wesentliche Teile des Gesetzes, etwa die allgemeine Krankenversicherungspflicht, erst in den kommenden Jahren in Kraft treten, profitieren gerade Studenten bereits jetzt davon: Sie können bis zum Alter von 26 Jahren bei ihren Eltern mitversichert sein. Früher hatten viele Studenten entweder keine Krankenversicherung oder einen so hohen Eigenanteil, dass sie den Arztbesuch scheuten.
Ungeachtet der Tatsache, dass Romney während seiner Amtszeit als Gouverneur von Massachusetts von 2002 bis 2006 eine allgemeine Krankenversicherung einführte, die später als Blaupause für Obamas Gesundheitsreform diente, gehört es zu seinen Wahlversprechungen, „Obamacare“ sofort nach Amtsantritt abzuschaffen. Wissen das die jungen Leute nicht? Während Obama vor vier Jahren die Jungwähler noch in Massen mobilisieren konnte, scheint in diesem Jahr das Interesse gering. Auf die Frage, warum das so ist, hat Lieberman eine überraschende Antwort parat: „Die denken, er gewinnt sowieso!“
Nun, in Ann Arbor könnte man schon den Eindruck bekommen, dass Herausforderer Mitt Romney gegen den Titelverteidiger keine Chance hat – die Tübinger Partnerstadt ist eine Demokraten-Hochburg, und vor vier Jahren holte Obama 83 Prozent der Stimmen. Ein Heimspiel also? Aber nur wenn die Leute
tatsächlich wählen gehen, sagt Yonah Lieberman, und um sie dazu zu bringen, gehe er von Tür zu Tür. Den Wahlausgang sieht er „vorsichtig optimistisch“.Je mehr Leute am 6. November wählen gehen, desto besser ist das Wahlergebnis für die Demokraten, glaubt auch Pat Honton. Sie ist bei der demokratischen Partei in Washtenaw County, dem Landkreis von Ann Arbor, für die Sichtbarkeit der Kampagne zuständig – was im Klartext bedeutet, dass sie das offizielle Werbematerial für Obama unters Volk bringt. Dazu gehören etwa Schildchen, die man in den Rasen im Vorgarten stecken kann, oder die obligatorischen Aufkleber. Auf einem steht: „Bin Laden is dead and General Motors is alive – Osama bin Laden ist tot und General Motors lebt.“
Der Spruch, der angeblich von Vizepräsident Joe Biden stammt, ist eine Kurzfassung von Obamas Amtszeit. Vor allem die zweite Hälfte müsste dem Präsidenten im Autostaat Michigan eine satte Mehrheit garantieren, so könnte man jedenfalls denken: Denn Romney lehnte die staatliche Rettung der US-Automobilindustrie, die noch von Obamas Vorgänger George W. Bush angeschoben wurde, kategorisch ab. „Lasst Detroit bankrott gehen“, schrieb Romney in einem Meinungsartikel am 18. November 2008 in der „New York Times“ – das war zwei Monate vor der Amtsübernahme von Barack Obama. Der neue Präsident ignorierte solche Ratschläge und schleuste General Motors und Chrysler durch ein beschleunigtes Insolvenzverfahren, außerdem segnete er den Zusammenschluss von Chrysler mit Fiat ab. Mit Erfolg: GM hat ein erstaunliches Comeback erlebt und ist dank des Wachstumsmarktes in China wieder weltgrößter Autohersteller. Bei Chrysler läuft es ebenfalls rund, und an verschiedenen US-Standorten werden zusätzlich Leute eingestellt.
Viele Wähler haben indessen ein kurzes Gedächtnis: „The Detroit News“, eine der beiden Tageszeitungen der nordöstlich von Ann Arbor gelegenen Autometropole, sprach eine Wahlempfehlung für Mitt Romney aus. Kann er so schaffen, was seinem Vater George Romney, dem einstigen Gouverneur von Michigan, nicht gelungen war, nämlich Präsident der Vereinigten Staaten zu werden? Das ist zu bezweifeln. Den Umfragen zufolge liegt immer noch Obama knapp vorn – nicht nur in Michigan, auch in anderen wahlentscheidenden Bundesstaaten.
Sicher ist allerdings, dass Präsident Obama viel von der Strahlkraft des Kandidaten Obama eingebüßt hat – er ist in den vergangenen vier Jahren ergraut. Und oft sieht er müde aus, und zwar nicht nur, wenn er mit Naturkatastrophen zu tun hat wie jüngst mit dem zerstörerischen Hurrikan „Sandy“. Ein gewisser Verschleiß sei eben unvermeidbar, sagt Adrian Cleypool, und er deutet auf seine ziemlich abgenutzte Baseballkappe mit dem Obama-Logo, die er am Tag der Inauguration bekommen hat. Mit dem Präsidentenamt verhalte es sich ähnlich. Aber er sei trotzdem zuversichtlich, dass es Obama noch einmal schaffen werde.
Friday, October 12, 2012
Rock & Republicans
Die Band der gastgebenden Oakland University spielte „We Will Rock You“. Das fand ich lustig, jedenfalls als Auftakt einer Wahlveranstaltung der Republikaner. Die allermeisten Besucher des Events am Montag, das auf dem Ticket als „Victory Rally with Paul Ryan & the GOP Team, MI“ angekündigt war, sahen jedenfalls nicht aus, als ob sie Fans von Queen und Freddie Mercury wären. Aber man kann sich täuschen – die Vorliebe für eine bestimmte Musikrichtung prägt nicht automatisch ein Weltbild, das man gemeinhin damit verbindet.
Nehmen wir zum Beispiel einmal Paul Ryan. Der Vize von Präsidentschaftskandidat Mitt Romney hat sich als Kongressabgeordneter vor allem dadurch hervorgetan, dass er einen Etatentwurf mit drastischen Kürzungen bei Sozialleistungen für arme und alte Menschen vorlegte; Reiche sollen dafür massive Steuergeschenke erhalten. Die klassische Umverteilung von unten nach oben. Aber was sollte man von einem Fan von Ayn Rand, der selbst seinen Mitarbeitern die Lektüre der Egoistenbibel „Atlas Shrugged“ ans Herz legte, auch anderes erwarten. Als ihn Romney ins Rampenlicht holte, wurden auch Ryans musikalische Präferenzen publik: Ryan outete sich unter anderem als Fan der Rockband Rage against the Machine. Dass er damit bei der Band auf wenig Gegenliebe stieß, wurde spätestens klar, als Rage-Gitarrist Tom Morello im „Rolling Stone“ einen beißenden Artikel über die Ahnungslosigkeit des neuen Politstars verfasste. Zitat: „He is the embodiment of the machine that our music has been raging against!”
Die GOP tut sich traditionell schwer mit der Beschallung ihrer Wahlveranstaltungen – so untersagten etwa die Foo Fighters, John Mellencamp und Boston vor vier Jahren dem Kandidaten John McCain, ihre Musik zu benutzen. Ein paar Musiker gibt es indessen, die freiwillig die Konservativen
rocken. Der Präsident mag den „Boss“ verpflichtet haben (Bruce Springsteen schrieb für Barack Obama einen Wahlkampfsong), aber der bevorzugte Polit-Rocker der Republikaner hat ebenfalls geeignetes Liedgut auf Lager. Und durch die O’Rena, die Sporthalle der Oakland University, röhrt schon bald: „Born Free.“
Na ja, Kid Rock verkörpert die „Family Values“ der Republikaner vielleicht nicht ganz perfekt, aber die GOP war in dieser Hinsicht stets flexibel. Immerhin erschien der Rocker aus Detroit höchstpersönlich, um Paul Ryan anzukündigen. Dass er (wohl als Entschuldigung an Fans mit anderer politischer Ausrichtung gedacht) etwas Nettes über Obama sagte, war jedoch sicher nicht mit den Veranstaltern abgesprochen: Er sei stolz darauf, dass Amerika seinen ersten schwarzen Präsidenten gewählt habe, sagte der Musiker. „I’m sorry he didn’t do a better job.“
Den Amtsinhaber herunterzumachen, das besorgte dann schon Paul Ryan selbst. Gemessen an dem ganzen Hype um seine Person fand ich ihn jedoch ziemlich blass und insgesamt underwhelming. Der Tea-Party-Liebling ist einfach ein rechter Apparatschik, der die Axt an den Sozialstaat legen möchte. Er verkörpert allerdings wunderbar das bekannte republikanische Paradox, das sich in der Frage zusammenfassen lässt: Wenn jemand so vehement den Staat und alle seine Einrichtungen bekämpft, warum strebt er dann überhaupt ein Regierungsamt an?
Zum Schluss intonierte die Uni-Band noch einmal „We Will Rock You“. Wenigstens war es nicht „We Are the Champions“.
Nehmen wir zum Beispiel einmal Paul Ryan. Der Vize von Präsidentschaftskandidat Mitt Romney hat sich als Kongressabgeordneter vor allem dadurch hervorgetan, dass er einen Etatentwurf mit drastischen Kürzungen bei Sozialleistungen für arme und alte Menschen vorlegte; Reiche sollen dafür massive Steuergeschenke erhalten. Die klassische Umverteilung von unten nach oben. Aber was sollte man von einem Fan von Ayn Rand, der selbst seinen Mitarbeitern die Lektüre der Egoistenbibel „Atlas Shrugged“ ans Herz legte, auch anderes erwarten. Als ihn Romney ins Rampenlicht holte, wurden auch Ryans musikalische Präferenzen publik: Ryan outete sich unter anderem als Fan der Rockband Rage against the Machine. Dass er damit bei der Band auf wenig Gegenliebe stieß, wurde spätestens klar, als Rage-Gitarrist Tom Morello im „Rolling Stone“ einen beißenden Artikel über die Ahnungslosigkeit des neuen Politstars verfasste. Zitat: „He is the embodiment of the machine that our music has been raging against!”
Die GOP tut sich traditionell schwer mit der Beschallung ihrer Wahlveranstaltungen – so untersagten etwa die Foo Fighters, John Mellencamp und Boston vor vier Jahren dem Kandidaten John McCain, ihre Musik zu benutzen. Ein paar Musiker gibt es indessen, die freiwillig die Konservativen
rocken. Der Präsident mag den „Boss“ verpflichtet haben (Bruce Springsteen schrieb für Barack Obama einen Wahlkampfsong), aber der bevorzugte Polit-Rocker der Republikaner hat ebenfalls geeignetes Liedgut auf Lager. Und durch die O’Rena, die Sporthalle der Oakland University, röhrt schon bald: „Born Free.“Na ja, Kid Rock verkörpert die „Family Values“ der Republikaner vielleicht nicht ganz perfekt, aber die GOP war in dieser Hinsicht stets flexibel. Immerhin erschien der Rocker aus Detroit höchstpersönlich, um Paul Ryan anzukündigen. Dass er (wohl als Entschuldigung an Fans mit anderer politischer Ausrichtung gedacht) etwas Nettes über Obama sagte, war jedoch sicher nicht mit den Veranstaltern abgesprochen: Er sei stolz darauf, dass Amerika seinen ersten schwarzen Präsidenten gewählt habe, sagte der Musiker. „I’m sorry he didn’t do a better job.“
Den Amtsinhaber herunterzumachen, das besorgte dann schon Paul Ryan selbst. Gemessen an dem ganzen Hype um seine Person fand ich ihn jedoch ziemlich blass und insgesamt underwhelming. Der Tea-Party-Liebling ist einfach ein rechter Apparatschik, der die Axt an den Sozialstaat legen möchte. Er verkörpert allerdings wunderbar das bekannte republikanische Paradox, das sich in der Frage zusammenfassen lässt: Wenn jemand so vehement den Staat und alle seine Einrichtungen bekämpft, warum strebt er dann überhaupt ein Regierungsamt an?
Zum Schluss intonierte die Uni-Band noch einmal „We Will Rock You“. Wenigstens war es nicht „We Are the Champions“.
Saturday, March 3, 2012
Mitt in Michigan: Nach der Wahl ist vor der Wahl
Kennen Sie den?
Ein Linker, ein Gemäßigter und ein Konservativer kommen in eine Bar. Der Barkeeper schaut auf und sagt: „Hallo, Mitt!“
Mitt, das ist Mitt Romney. Bis heute wird er oft „Gouverneur Romney“ genannt, denn er regierte von 2002 bis 2006 den ziemlich liberalen Staat Massachusetts, wo er eine allgemeine Krankenversicherung einführte, die später als Blaupause für Barack Obamas Gesundheitsreform diente. Nach Ablauf seiner ersten Amtsperiode stellte er sich allerdings nicht mehr zur Wahl – aus Feigheit, wie manche sagen. Er hatte seit seinem Amtsantritt stark an Popularität eingebüßt und fürchtete, die Wahl zu verlieren. Und er hatte ohnehin Höheres im Sinn: Romney sah den Gouverneursposten nur als Sprungbrett fürs höchste Amt im Lande an. Er wollte das schaffen, was seinem Vater George Romney, dem einstigen Gouverneur von Michigan, nicht gelungen war, nämlich Präsident der Vereinigten Staaten zu werden.
Im Jahr 2008 unterlag Mitt Romney in den Vorwahlen noch John McCain, aber fürs Jahr 2012 war er als Kandidat der Republikaner unumgänglich. So schien es jedenfalls. Nachdem er sich nun seit mehr als sechs Jahren als Kandidat andiente, hatte er auch genug Zeit, um ziemlich weit nach rechts abzudriften. Im Einklang mit der republikanischen Partei wurden seine Positionen immer konservativer. Und irgendwann hatte man das Gefühl, dass Mitt Romney alles sagen oder notfalls auch widerrufen würde, wenn es ihn nur der Präsidentschaftskandidatur näher brächte. Der obige Witz kursiert nun schon eine ganze Weile.
In einem ist blieb sich Romney aber treu geblieben: Die staatliche Rettung der US-Automobilindustrie, die noch von George W. Bush angeschoben wurde, lehnte er kategorisch ab. „Let Detroit Go Bankrupt“, schrieb Mitt Romney in einem Meinungsartikel am 18. November 2008 in der „New York Times“ – das war zwei Monate vor der Amtsübernahme von Barack Obama. Der neue Präsident schleuste General Motors und Chrysler durch ein beschleunigtes Insolvenzverfahren und drängte auch auf den Zusammenschluss von Chrysler mit Fiat. Mit Erfolg: GM hat ein erstaunliches Comeback erlebt und ist dank des Wachstumsmarktes in China wieder weltgrößter Autohersteller; bei Chrysler läuft es ebenfalls wieder rund. Umso erstaunlicher ist, dass Romney noch einmal nachlegte: Am Valentinstag erschien ein Artikel in „The Detroit Free Press“, in dem er den Bailout der Autoindustrie durch die Regierung gründlich schlecht redete und als „Gefälligkeitskapitalismus“ gegenüber den Gewerkschaften abtat. Und das zwei Wochen vor den republikanischen Vorwahlen in Michigan.
In Michigan kann man sich aber noch gut daran erinnern, dass die Kreditmärkte auf dem Höhepunkt der Finanzkrise vollkommen ausgetrocknet waren. Wäre damals die Regierung nicht eingesprungen, würde es heute keine einheimische US-Autoindustrie mehr geben – auch Ford wäre mit in den Abgrund gerissen worden, inklusive unzähliger Zulieferbetriebe. Insofern war es Romney schon klar, dass er seine Credentials in Bezug auf die Autohersteller wieder etwas aufpolieren musste. „Meine Frau hat auch zwei Cadillacs“, sagte er sinngemäß, was man aber nicht missinterpretieren sollte: Das heißt nicht etwa, dass Ann Romney immer zwei Caddys zur Auswahl hat. Es ist wirklich nur die pure Notwendigkeit, da die Fahrzeuge in Garagen verschiedener Residenzen parken. Wenn ich mich richtig erinnere, steht an jeder Küste einer.
Dass Mitt Romney am Dienstag trotzdem die Vorwahlen in Michigan knapp gewonnen hat, liegt an seinem Gegner: Gegenüber dem Rechtsaußen-Republikaner Rick Santorum erschien Romney den meisten Wählern doch als das geringere Übel. Ob der republikanische Präsidentschaftskandidat, der trotz aller Vorbehalte wahrscheinlich doch Romney heißen wird, im November bei den Wählern eine Chance hat, bleibt indessen dahingestellt. Der Sieger bei den Vorwahlen in Wayne County, also Detroit und Umgebung, heißt nämlich nicht genau genommen Mitt Romney, sondern – ja, richtig – Barack Obama.
Aufgrund irgendwelcher bürokratischer Spitzfindigkeiten musste nämlich auch der amtierende Präsident auf den Wahlformularen aufgeführt werden, obwohl es für ihn keinen demokratischen Gegenkandidaten gibt. Offiziell waren es zwar nur republikanische Vorwahlen, aber trotzdem ließen es sich viele Demokraten nicht nehmen, ins Wahllokal zu gehen und ebenfalls ein Kästchen anzukreuzen. Das Ergebnis in Wayne County: Barack Obama erhielt 54.015 Stimmen, Mitt Romney 48.498 und Rick Santorum 38.890. Wenn man bedenkt, dass Mitt Romney in Detroit geboren wurde, ist das wahrscheinlich kein so gutes Zeichen für die Wahlen im November.
Ein Linker, ein Gemäßigter und ein Konservativer kommen in eine Bar. Der Barkeeper schaut auf und sagt: „Hallo, Mitt!“
Mitt, das ist Mitt Romney. Bis heute wird er oft „Gouverneur Romney“ genannt, denn er regierte von 2002 bis 2006 den ziemlich liberalen Staat Massachusetts, wo er eine allgemeine Krankenversicherung einführte, die später als Blaupause für Barack Obamas Gesundheitsreform diente. Nach Ablauf seiner ersten Amtsperiode stellte er sich allerdings nicht mehr zur Wahl – aus Feigheit, wie manche sagen. Er hatte seit seinem Amtsantritt stark an Popularität eingebüßt und fürchtete, die Wahl zu verlieren. Und er hatte ohnehin Höheres im Sinn: Romney sah den Gouverneursposten nur als Sprungbrett fürs höchste Amt im Lande an. Er wollte das schaffen, was seinem Vater George Romney, dem einstigen Gouverneur von Michigan, nicht gelungen war, nämlich Präsident der Vereinigten Staaten zu werden.
Im Jahr 2008 unterlag Mitt Romney in den Vorwahlen noch John McCain, aber fürs Jahr 2012 war er als Kandidat der Republikaner unumgänglich. So schien es jedenfalls. Nachdem er sich nun seit mehr als sechs Jahren als Kandidat andiente, hatte er auch genug Zeit, um ziemlich weit nach rechts abzudriften. Im Einklang mit der republikanischen Partei wurden seine Positionen immer konservativer. Und irgendwann hatte man das Gefühl, dass Mitt Romney alles sagen oder notfalls auch widerrufen würde, wenn es ihn nur der Präsidentschaftskandidatur näher brächte. Der obige Witz kursiert nun schon eine ganze Weile.
In einem ist blieb sich Romney aber treu geblieben: Die staatliche Rettung der US-Automobilindustrie, die noch von George W. Bush angeschoben wurde, lehnte er kategorisch ab. „Let Detroit Go Bankrupt“, schrieb Mitt Romney in einem Meinungsartikel am 18. November 2008 in der „New York Times“ – das war zwei Monate vor der Amtsübernahme von Barack Obama. Der neue Präsident schleuste General Motors und Chrysler durch ein beschleunigtes Insolvenzverfahren und drängte auch auf den Zusammenschluss von Chrysler mit Fiat. Mit Erfolg: GM hat ein erstaunliches Comeback erlebt und ist dank des Wachstumsmarktes in China wieder weltgrößter Autohersteller; bei Chrysler läuft es ebenfalls wieder rund. Umso erstaunlicher ist, dass Romney noch einmal nachlegte: Am Valentinstag erschien ein Artikel in „The Detroit Free Press“, in dem er den Bailout der Autoindustrie durch die Regierung gründlich schlecht redete und als „Gefälligkeitskapitalismus“ gegenüber den Gewerkschaften abtat. Und das zwei Wochen vor den republikanischen Vorwahlen in Michigan.
In Michigan kann man sich aber noch gut daran erinnern, dass die Kreditmärkte auf dem Höhepunkt der Finanzkrise vollkommen ausgetrocknet waren. Wäre damals die Regierung nicht eingesprungen, würde es heute keine einheimische US-Autoindustrie mehr geben – auch Ford wäre mit in den Abgrund gerissen worden, inklusive unzähliger Zulieferbetriebe. Insofern war es Romney schon klar, dass er seine Credentials in Bezug auf die Autohersteller wieder etwas aufpolieren musste. „Meine Frau hat auch zwei Cadillacs“, sagte er sinngemäß, was man aber nicht missinterpretieren sollte: Das heißt nicht etwa, dass Ann Romney immer zwei Caddys zur Auswahl hat. Es ist wirklich nur die pure Notwendigkeit, da die Fahrzeuge in Garagen verschiedener Residenzen parken. Wenn ich mich richtig erinnere, steht an jeder Küste einer.
Dass Mitt Romney am Dienstag trotzdem die Vorwahlen in Michigan knapp gewonnen hat, liegt an seinem Gegner: Gegenüber dem Rechtsaußen-Republikaner Rick Santorum erschien Romney den meisten Wählern doch als das geringere Übel. Ob der republikanische Präsidentschaftskandidat, der trotz aller Vorbehalte wahrscheinlich doch Romney heißen wird, im November bei den Wählern eine Chance hat, bleibt indessen dahingestellt. Der Sieger bei den Vorwahlen in Wayne County, also Detroit und Umgebung, heißt nämlich nicht genau genommen Mitt Romney, sondern – ja, richtig – Barack Obama.
Aufgrund irgendwelcher bürokratischer Spitzfindigkeiten musste nämlich auch der amtierende Präsident auf den Wahlformularen aufgeführt werden, obwohl es für ihn keinen demokratischen Gegenkandidaten gibt. Offiziell waren es zwar nur republikanische Vorwahlen, aber trotzdem ließen es sich viele Demokraten nicht nehmen, ins Wahllokal zu gehen und ebenfalls ein Kästchen anzukreuzen. Das Ergebnis in Wayne County: Barack Obama erhielt 54.015 Stimmen, Mitt Romney 48.498 und Rick Santorum 38.890. Wenn man bedenkt, dass Mitt Romney in Detroit geboren wurde, ist das wahrscheinlich kein so gutes Zeichen für die Wahlen im November.
Saturday, November 6, 2010
Neuer Gouverneur von Michigan kommt aus Ann Arbor
Die Zwischenwahlen nach der Hälfte der vierjährigen Amtszeit des US-Präsidenten sorgen dafür, dass sich Amerika praktisch im Dauerwahlkampf befindet – dabei reichen offenbar wenige Monate, um die Machtverhältnisse gründlich zu verschieben. Die Wahlen am 2. November waren ein Desaster für die Demokraten, auch in den Bundesstaaten.
Nicht so in Ann Arbor, Michigan. In der Tübinger US-Partnerstadt haben die Demokraten weiter die Nase vorn, wie auch die Abstimmungen auf bundesstaatlicher und lokaler Ebene zeigten: Michigans künftiger Gouverneur, der Republikaner Rick Snyder, erhielt ausgerechnet in seinem Wohnort keine Mehrheit. Dafür kann der demokratische Bürgermeister demnächst zehntes Amtsjubiläum feiern. John Hieftje wurde bereits zum sechsten Mal wieder gewählt.
Hieftje betont indessen, dass der Wahlsieg – er erhielt über 80 Prozent der Stimmen – für ihn keine „ausgemachte Sache“ war: „Ich betrachte Wahlen nie als etwas Selbstverständliches“, sagte er dem „Michigan Daily“, der Studentenzeitung der University of Michigan. Dass sich der Demokrat mit grünen Ideen nicht vor der aktuellen Anti-Amtsinhaber-Stimmung fürchten musste, liegt vor allem daran, dass sich die Tübinger Partnerstadt in der Rezession besser geschlagen hat als der überwiegende Rest des Bundesstaates: Im September betrug die Arbeitslosenquote in Ann Arbor 8,4 Prozent, in Michigan lag sie durchschnittlich bei 13 Prozent.
Nach amtlichen Angaben wurden im Bundesstaat Michigan seit dem Jahr 2000 über 800.000 Stellen abgebaut – vor allem in der Autoindustrie, aber auch in anderen Industriezweigen. Dieser Kahlschlag fällt zum größten Teil in die Amtszeit von Gouverneurin Jennifer Granholm, der die öffentliche Meinung zumindest eine Mitschuld an dieser Misere gibt. Dabei hatte die Demokratin große Anstrengungen unternommen, um neue Investoren nach Michigan zu locken. Sie reiste dafür auch mehrfach nach Europa und Asien; am Mittwoch startete sie zum letzten Trip dieser Art nach Südkorea. Diese Werbefeldzüge waren durchaus von Erfolg gekrönt: So bauten etwa einige Batteriefirmen in Kooperation mit der Autoindustrie Werke in Michigan. Den allgemeinen Niedergang konnte das jedoch nicht aufhalten.
Für Granholm war eine erneute Kandidatur wegen Amtszeitbeschränkung auf zwei Legislaturperioden nicht möglich; sie hätte jedoch ohnehin keine Chance gehabt. Die Stimmung im Staat ist so düster, dass diese Wahl für einen demokratischen Politiker schlichtweg nicht zu gewinnen war: Michigan wollte den Wechsel, und das war in diesem Fall ein Unternehmer ohne jegliche politische Erfahrung. Und was in Kalifornien nicht gelang, wo die Milliardärin und frühere Ebay-Chefin Meg Whitman dem demokratischen Berufspolitiker Jerry Brown bei den Gouverneurswahlen unterlag, funktionierte unter etwas anderen Vorzeichen in Michigan: Der Venture-Capital-Investor
Rick Snyder, ehemaliger Firmenboss beim Computerhersteller Gateway, wird fortan den Bundesstaat regieren.
Dabei hätte einiges für seinen Rivalen gesprochen: Der Demokrat Virg Bernero, 46, hat als Bürgermeister der Hauptstadt Lansing Erfahrung im Umgang mit politischen Gremien; in seiner fünfjährigen Amtszeit konnte Bernero das Haushaltsdefizit der Stadt beträchtlich reduzieren und zudem eine halbe Milliarde an neuen Investitionen an Land holen. Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. Mit dem Businessmann aus Ann Arbor, der Seriosität mit coolen Sprüchen paart, konnte Bernero aber nicht mithalten: Er hatte schon vor Wochen in Meinungsumfragen einen Rückstand von 20 Prozentpunkten und unterlag schließlich mit 39,9 Prozent der Stimmen; Snyder wurde mit 58,1 Prozent gewählt.
Der 52-jährige Snyder finanzierte den Wahlkampf zu großen Teilen aus seinem Privatvermögen, und nach seinem Sieg bei den Vorwahlen legte er gleich richtig los: Unzählige Werbespots im Fernsehen rückten den Kandidaten ins rechte Licht. Als „one tough nerd“ stellte er sich selbst vor, was man sehr frei als „zäher Streber“ übersetzen könnte. Das ist insofern erstaunlich, als sich im republikanischen Feld eine deutlich intellektuellenfeindliche Stimmung breit machte – das richtete sich nicht zuletzt gegen den Harvard-Absolventen Barack Obama im Weißen Haus.
Die Kampagne von Rick Snyder war auch sonst eine Ausnahmeerscheinung im Wahlkampf 2010, der von Häme und Hass gegenüber politischen Gegnern geprägt war. Snyder blieb weitgehend sachlich, und nicht einmal seine Parteizugehörigkeit spielte eine große Rolle – die Rasenschildchen, die traditionell den US-Wahlkampf prägen, warben einfach für „Rick for Michigan“. Dabei war das „for“, also „für“, so klein gedruckt, dass es aussah, als würde sich ein gewisser Rick mit dem Nachnamen „Michigan“ fürs Gouverneursamt bewerben.
Seit Wochen fuhr Snyder außerdem kreuz und quer durch Michigan – und zwar im Wahlkampfbus, kurz „Nerdmobile“ genannt. Bei seinen Auftritten erlebten die Bürger einen Kandidaten, der deutlich weniger cool wirkte als in seinen Werbespots. So stand er am Sonntag vor der Wahl in einem Gasthaus im kleinen Ort Frankenmuth vor kaum zwei Dutzend Zuhörern: Ein ziemlich biederer Geschäftsmann im grauen Sakko, der sagte, man müsse „Michigan neu erfinden“. Und er wiederholte zum x-ten Mal sein Mantra: „Der Staat schafft keine Jobs – er schafft nur die richtigen Bedingungen dafür.“ Konkrete Vorschläge dafür hat er nicht, außer dass er die komplexe Unternehmenssteuer des Bundesstaates durch eine Einheitssteuer ersetzen will.
Dem politischen Quereinsteiger Snyder sahen die Wähler also manches nach – auch seine Bilanz beim Computerhersteller Gateway, wo er bis 2007 verschiedenene leitende Positionen innehatte, war alles andere als rosig. Während seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender wurden Jobs nach China ausgelagert, und der Aktienpreis brach dramatisch ein, bevor Gateway an einen Hersteller aus Taiwan verkauft wurde. Trotzdem setzen viele Bewohner von Michigan große Hoffnungen auf einen Gouverneur, „der den Staat wie ein Business führt“, wie die Medien regelmäßig berichten.
Nicht so in Ann Arbor, Michigan. In der Tübinger US-Partnerstadt haben die Demokraten weiter die Nase vorn, wie auch die Abstimmungen auf bundesstaatlicher und lokaler Ebene zeigten: Michigans künftiger Gouverneur, der Republikaner Rick Snyder, erhielt ausgerechnet in seinem Wohnort keine Mehrheit. Dafür kann der demokratische Bürgermeister demnächst zehntes Amtsjubiläum feiern. John Hieftje wurde bereits zum sechsten Mal wieder gewählt.
Hieftje betont indessen, dass der Wahlsieg – er erhielt über 80 Prozent der Stimmen – für ihn keine „ausgemachte Sache“ war: „Ich betrachte Wahlen nie als etwas Selbstverständliches“, sagte er dem „Michigan Daily“, der Studentenzeitung der University of Michigan. Dass sich der Demokrat mit grünen Ideen nicht vor der aktuellen Anti-Amtsinhaber-Stimmung fürchten musste, liegt vor allem daran, dass sich die Tübinger Partnerstadt in der Rezession besser geschlagen hat als der überwiegende Rest des Bundesstaates: Im September betrug die Arbeitslosenquote in Ann Arbor 8,4 Prozent, in Michigan lag sie durchschnittlich bei 13 Prozent.
Nach amtlichen Angaben wurden im Bundesstaat Michigan seit dem Jahr 2000 über 800.000 Stellen abgebaut – vor allem in der Autoindustrie, aber auch in anderen Industriezweigen. Dieser Kahlschlag fällt zum größten Teil in die Amtszeit von Gouverneurin Jennifer Granholm, der die öffentliche Meinung zumindest eine Mitschuld an dieser Misere gibt. Dabei hatte die Demokratin große Anstrengungen unternommen, um neue Investoren nach Michigan zu locken. Sie reiste dafür auch mehrfach nach Europa und Asien; am Mittwoch startete sie zum letzten Trip dieser Art nach Südkorea. Diese Werbefeldzüge waren durchaus von Erfolg gekrönt: So bauten etwa einige Batteriefirmen in Kooperation mit der Autoindustrie Werke in Michigan. Den allgemeinen Niedergang konnte das jedoch nicht aufhalten.
Für Granholm war eine erneute Kandidatur wegen Amtszeitbeschränkung auf zwei Legislaturperioden nicht möglich; sie hätte jedoch ohnehin keine Chance gehabt. Die Stimmung im Staat ist so düster, dass diese Wahl für einen demokratischen Politiker schlichtweg nicht zu gewinnen war: Michigan wollte den Wechsel, und das war in diesem Fall ein Unternehmer ohne jegliche politische Erfahrung. Und was in Kalifornien nicht gelang, wo die Milliardärin und frühere Ebay-Chefin Meg Whitman dem demokratischen Berufspolitiker Jerry Brown bei den Gouverneurswahlen unterlag, funktionierte unter etwas anderen Vorzeichen in Michigan: Der Venture-Capital-Investor
Rick Snyder, ehemaliger Firmenboss beim Computerhersteller Gateway, wird fortan den Bundesstaat regieren.Dabei hätte einiges für seinen Rivalen gesprochen: Der Demokrat Virg Bernero, 46, hat als Bürgermeister der Hauptstadt Lansing Erfahrung im Umgang mit politischen Gremien; in seiner fünfjährigen Amtszeit konnte Bernero das Haushaltsdefizit der Stadt beträchtlich reduzieren und zudem eine halbe Milliarde an neuen Investitionen an Land holen. Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. Mit dem Businessmann aus Ann Arbor, der Seriosität mit coolen Sprüchen paart, konnte Bernero aber nicht mithalten: Er hatte schon vor Wochen in Meinungsumfragen einen Rückstand von 20 Prozentpunkten und unterlag schließlich mit 39,9 Prozent der Stimmen; Snyder wurde mit 58,1 Prozent gewählt.
Der 52-jährige Snyder finanzierte den Wahlkampf zu großen Teilen aus seinem Privatvermögen, und nach seinem Sieg bei den Vorwahlen legte er gleich richtig los: Unzählige Werbespots im Fernsehen rückten den Kandidaten ins rechte Licht. Als „one tough nerd“ stellte er sich selbst vor, was man sehr frei als „zäher Streber“ übersetzen könnte. Das ist insofern erstaunlich, als sich im republikanischen Feld eine deutlich intellektuellenfeindliche Stimmung breit machte – das richtete sich nicht zuletzt gegen den Harvard-Absolventen Barack Obama im Weißen Haus.
Die Kampagne von Rick Snyder war auch sonst eine Ausnahmeerscheinung im Wahlkampf 2010, der von Häme und Hass gegenüber politischen Gegnern geprägt war. Snyder blieb weitgehend sachlich, und nicht einmal seine Parteizugehörigkeit spielte eine große Rolle – die Rasenschildchen, die traditionell den US-Wahlkampf prägen, warben einfach für „Rick for Michigan“. Dabei war das „for“, also „für“, so klein gedruckt, dass es aussah, als würde sich ein gewisser Rick mit dem Nachnamen „Michigan“ fürs Gouverneursamt bewerben.
Seit Wochen fuhr Snyder außerdem kreuz und quer durch Michigan – und zwar im Wahlkampfbus, kurz „Nerdmobile“ genannt. Bei seinen Auftritten erlebten die Bürger einen Kandidaten, der deutlich weniger cool wirkte als in seinen Werbespots. So stand er am Sonntag vor der Wahl in einem Gasthaus im kleinen Ort Frankenmuth vor kaum zwei Dutzend Zuhörern: Ein ziemlich biederer Geschäftsmann im grauen Sakko, der sagte, man müsse „Michigan neu erfinden“. Und er wiederholte zum x-ten Mal sein Mantra: „Der Staat schafft keine Jobs – er schafft nur die richtigen Bedingungen dafür.“ Konkrete Vorschläge dafür hat er nicht, außer dass er die komplexe Unternehmenssteuer des Bundesstaates durch eine Einheitssteuer ersetzen will.
Dem politischen Quereinsteiger Snyder sahen die Wähler also manches nach – auch seine Bilanz beim Computerhersteller Gateway, wo er bis 2007 verschiedenene leitende Positionen innehatte, war alles andere als rosig. Während seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender wurden Jobs nach China ausgelagert, und der Aktienpreis brach dramatisch ein, bevor Gateway an einen Hersteller aus Taiwan verkauft wurde. Trotzdem setzen viele Bewohner von Michigan große Hoffnungen auf einen Gouverneur, „der den Staat wie ein Business führt“, wie die Medien regelmäßig berichten.
Tuesday, March 23, 2010
ObamaCare
„I can't come to class today. I know I already have a few absences so that's making me nervous. I have an extremly bad sore throat, but can't go to the doctor unless it gets very bad because I lost my health insurance when I turned 23.“
Diese E-mail erhielt ich kürzlich von einer Studentin, die offenbar seit Kurzem keine Krankenversicherung mehr hat. Die Uni bietet zwar eine an, aber die ist ihr wahrscheinlich zu teuer. Vom Herbst an wird sie wieder eine Krankenversicherung haben – nämlich über ihre Eltern. Das ist Teil des Gesetzes, das Obama heute unterzeichnet hat. Genau wie die Steuergutschriften für Kleinbetriebe, die ihre Angestellten anständig versichern, das Stopfen der Versicherungslücken für Senioren sowie die Versicherungsgarantie für Menschen mit Vorerkrankungen.
Und die Republikaner wollen im Herbst damit Wahlkampf machen, den Amerikanern das alles wieder wegzunehmen? Good luck with that.
Der Studentin riet ich dann via E-Mail zu einer bestimmten Sorte Halswehtabletten, die mich auch öfters retten – wenn mich meine Studenten wieder einmal angesteckt haben.
Diese E-mail erhielt ich kürzlich von einer Studentin, die offenbar seit Kurzem keine Krankenversicherung mehr hat. Die Uni bietet zwar eine an, aber die ist ihr wahrscheinlich zu teuer. Vom Herbst an wird sie wieder eine Krankenversicherung haben – nämlich über ihre Eltern. Das ist Teil des Gesetzes, das Obama heute unterzeichnet hat. Genau wie die Steuergutschriften für Kleinbetriebe, die ihre Angestellten anständig versichern, das Stopfen der Versicherungslücken für Senioren sowie die Versicherungsgarantie für Menschen mit Vorerkrankungen.
Und die Republikaner wollen im Herbst damit Wahlkampf machen, den Amerikanern das alles wieder wegzunehmen? Good luck with that.
Der Studentin riet ich dann via E-Mail zu einer bestimmten Sorte Halswehtabletten, die mich auch öfters retten – wenn mich meine Studenten wieder einmal angesteckt haben.
Friday, October 16, 2009
Kinder und Politik
Meine Familie verachtete Willi Brandt. Ich glaube, man kann das so sagen. Er war ein Sozi, ein uneheliches Kind und ein WerweißwaserimKrieggemachthat. Und dazu lebte er „unter falschem Namen“.
Ich war damals noch ein Kind und wunderte mich über diese Tiraden, denn eigentlich sah er gar nicht unsympathisch aus. Das Wort gab es damals noch nicht, aber heute würde ich sagen: Willy Brandt besaß einen hohen Cool-Faktor, der anderen Politikern entschieden abging. Und als Jugendliche begann ich, mich für die Zusammenhänge zu interessieren. Zwar wurde ich nicht wirklich politisch aktiv, aber als ich meiner Mutter erzählte, ich sei bei der Bürgersprechstunde unserer Bundestagsabgeordneten Herta Däubler-Gmelin in der Tübinger Neckarhalde gewesen, war es an ihr, sich zu wundern. Wie Deutschland mit seinen Emigranten umging, lernte ich dann im Germanistikstudium.
Willy Brandt wurde mein Held.
(In die SPD bin ich aber doch nicht eingetreten, denn irgendwann war ich bei einer Versammlung mit Oskar Lafontaine in Mössingen, und dann sangen sie „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“. Also das mit dem Singen, das ging gar nicht.)
Es wird spannend sein zu sehen, wie Kinder und Jugendliche die politische Stimmung von heute verarbeiten. So etwas prägt. Als Barack Obama gestern in New Orleans war, fragte ihn ein Viertklässler mit großem Ernst: „Why do people hate you?“
Gute Frage.
Obama gab darauf eine sehr diplomatische Antwort, von der Art: „Das gehört zur Jobbeschreibung.“
Der kleine schwarze Junge wird indessen nie vergessen, wie cool er den Präsidenten fand. Was immer die Erwachsenen dazu meinten.
Ich war damals noch ein Kind und wunderte mich über diese Tiraden, denn eigentlich sah er gar nicht unsympathisch aus. Das Wort gab es damals noch nicht, aber heute würde ich sagen: Willy Brandt besaß einen hohen Cool-Faktor, der anderen Politikern entschieden abging. Und als Jugendliche begann ich, mich für die Zusammenhänge zu interessieren. Zwar wurde ich nicht wirklich politisch aktiv, aber als ich meiner Mutter erzählte, ich sei bei der Bürgersprechstunde unserer Bundestagsabgeordneten Herta Däubler-Gmelin in der Tübinger Neckarhalde gewesen, war es an ihr, sich zu wundern. Wie Deutschland mit seinen Emigranten umging, lernte ich dann im Germanistikstudium.
Willy Brandt wurde mein Held.
(In die SPD bin ich aber doch nicht eingetreten, denn irgendwann war ich bei einer Versammlung mit Oskar Lafontaine in Mössingen, und dann sangen sie „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“. Also das mit dem Singen, das ging gar nicht.)
Es wird spannend sein zu sehen, wie Kinder und Jugendliche die politische Stimmung von heute verarbeiten. So etwas prägt. Als Barack Obama gestern in New Orleans war, fragte ihn ein Viertklässler mit großem Ernst: „Why do people hate you?“
Gute Frage.
Obama gab darauf eine sehr diplomatische Antwort, von der Art: „Das gehört zur Jobbeschreibung.“
Der kleine schwarze Junge wird indessen nie vergessen, wie cool er den Präsidenten fand. Was immer die Erwachsenen dazu meinten.
Tuesday, November 11, 2008
Hungry for Change
Bis vor kurzem gingen viele noch von einer eingebauten republikanischen Mehrheit in diesem Lande aus. Ich muss gestehen, dass ich dazu gehörte.
Die Republikaner würden notfalls auch eine gebackene Kartoffel wählen, las ich ein paar Wochen vor den Wahlen in einem liberalen Blogforum. Schnurzegal wer der Kandidat (oder die Kandidatin) ist – die rechte Mehrheit wird schon irgendwie für den Wahlsieg sorgen.
Nun hat sich allerdings herausgestellt, dass die Marke McCain höchstens in Form von tiefgekühlten Kartoffelstäbchen ins Weiße Haus einzieht (falls die Obamas so etwas essen). Beim nebenstehenden Billboard, gesehen an der Woodward Avenue in Detroit, handelt es sich nämlich
mitnichten um übrig gebliebene Wahlwerbung – da hat sich nur die kanadische Frittenfirma McCain ein Späßchen gemacht. Wäre einmal interessant zu wissen, wie viele Autofahrer darauf hereingefallen sind. Schon vor vielen Monaten wunderte man sich in Bloggerkreisen, warum das Logo des republikanischen Präsidentschaftskandidaten so pommesmäßig daherkam: Das ging wohl voll ins Kartoffel-Auge. Die Frittenleute lachten sich ins Fäustchen, färbten ihre Tüten patriotisch blau und blieben ansonsten konsequent beim Thema. Wahlzeit!
Es gab in Downtown Detroit allerdings auch wenig Werbe-Konkurrenz vom gleichnamigen Kandidaten. Wozu auch – dass McCain in der überwiegend von Afroamerikanern bewohnten City of Detroit keine Chance hat, war schon lange klar. Die Überraschung ist vielmehr, dass er in der ganzen Metropole nicht viel ausrichten konnte: Barack Obama siegte auch in den Suburbs. Und das galt nicht nur für die Metropole Detroit: Obama, the Metropolitan Candidate.
Nach der Wahl fiel mir wieder ein, dass ich das alles schon einmal gelesen hatte: Ein Schreiber in der „Washington Post“ hatte das richtig vorausgesehen. „The High Rise of the First Metropolitan Candidate“ von Alec MacGillis – ich hatte keine Mühe, den Artikel online wiederzufinden – beschrieb die USA als “urban-suburban nation, with two-thirds of the population now residing in its largest metropolitan areas”. Und trotzdem tun die Republikaner immer noch so, als lebten die Amerikaner überwiegend auf der Farm. Für ihre Wähler trifft das allerdings schon zu. Aber die sind heutzutage in der Minderheit.
Urbane Zentren, Vorstädte und Collegetowns wählten Obama. Im Wesentlichen waren das die Jungen, die Gebildeten, die Schwarzen, die Mehrheit der Latinos und – ganz generell – 54 Prozent der Frauen. Macht insgesamt 53 Prozent der Wählerstimmen. „Hungry for Change?“ Wahrscheinlich. Allerdings war das auch ein Slogan der Frittenfirma.
Mehr zum Thema auf suite101: Warum Barack Obama gewonnen hat
Die Republikaner würden notfalls auch eine gebackene Kartoffel wählen, las ich ein paar Wochen vor den Wahlen in einem liberalen Blogforum. Schnurzegal wer der Kandidat (oder die Kandidatin) ist – die rechte Mehrheit wird schon irgendwie für den Wahlsieg sorgen.
Nun hat sich allerdings herausgestellt, dass die Marke McCain höchstens in Form von tiefgekühlten Kartoffelstäbchen ins Weiße Haus einzieht (falls die Obamas so etwas essen). Beim nebenstehenden Billboard, gesehen an der Woodward Avenue in Detroit, handelt es sich nämlich
mitnichten um übrig gebliebene Wahlwerbung – da hat sich nur die kanadische Frittenfirma McCain ein Späßchen gemacht. Wäre einmal interessant zu wissen, wie viele Autofahrer darauf hereingefallen sind. Schon vor vielen Monaten wunderte man sich in Bloggerkreisen, warum das Logo des republikanischen Präsidentschaftskandidaten so pommesmäßig daherkam: Das ging wohl voll ins Kartoffel-Auge. Die Frittenleute lachten sich ins Fäustchen, färbten ihre Tüten patriotisch blau und blieben ansonsten konsequent beim Thema. Wahlzeit!Es gab in Downtown Detroit allerdings auch wenig Werbe-Konkurrenz vom gleichnamigen Kandidaten. Wozu auch – dass McCain in der überwiegend von Afroamerikanern bewohnten City of Detroit keine Chance hat, war schon lange klar. Die Überraschung ist vielmehr, dass er in der ganzen Metropole nicht viel ausrichten konnte: Barack Obama siegte auch in den Suburbs. Und das galt nicht nur für die Metropole Detroit: Obama, the Metropolitan Candidate.
Nach der Wahl fiel mir wieder ein, dass ich das alles schon einmal gelesen hatte: Ein Schreiber in der „Washington Post“ hatte das richtig vorausgesehen. „The High Rise of the First Metropolitan Candidate“ von Alec MacGillis – ich hatte keine Mühe, den Artikel online wiederzufinden – beschrieb die USA als “urban-suburban nation, with two-thirds of the population now residing in its largest metropolitan areas”. Und trotzdem tun die Republikaner immer noch so, als lebten die Amerikaner überwiegend auf der Farm. Für ihre Wähler trifft das allerdings schon zu. Aber die sind heutzutage in der Minderheit.
Urbane Zentren, Vorstädte und Collegetowns wählten Obama. Im Wesentlichen waren das die Jungen, die Gebildeten, die Schwarzen, die Mehrheit der Latinos und – ganz generell – 54 Prozent der Frauen. Macht insgesamt 53 Prozent der Wählerstimmen. „Hungry for Change?“ Wahrscheinlich. Allerdings war das auch ein Slogan der Frittenfirma.
Mehr zum Thema auf suite101: Warum Barack Obama gewonnen hat
Wednesday, November 5, 2008
A Beautiful Day
In Ann Arbor, wo Obama einen 83-Prozent-Sieg einfuhr, zogen Studenten über den Campus, und im nahen Detroit tanzten Menschen auf den Straßen: Impressionen vom Wahltag im Bundesstaat Michigan.
Schon in der Frühe wurden überall im Land lange Schlangen vor den Wahllokalen gemeldet, und die Tübinger Partnerstadt Ann Arbor machte keine Ausnahme. In der Unistadt hatten sich im September rund 6000 neue Wähler registrieren lassen, darunter viele Studenten. Strahlender Sonnenschein machte das Warten leicht; für einen 4. November war das Wetter ungewöhnlich warm. Dazu kam eine festliche Aufbruchstimmung – anders lässt sich das nicht beschreiben. Und
noch mehr Leute als sonst hatten einen Kaffeebecher in der Hand, eine bekannte Kaffeehauskette gab zur Feier des Tages einen aus. Die Botschaft war: Wählen gehen!
Unter den Erstwählern waren nicht nur junge Leute: Im Detroiter Fernsehen bekannten gestandene Menschen in den Dreißigern und Vierzigern, zum ersten Mal an die Urne gegangen zu sein. Manche brachten Kinder mit zum Wahllokal, sie sollten den historischen Moment miterleben. Und es gab jede Menge Barack-Obama-T-Shirts. Anhänger des Republikaners John McCain verhielten sich vergleichsweise diskret; sie warben allenfalls mit einem Schildchen im Vorgarten.
In der Michigan-Metropole Detroit, an deren südwestlichem Rand die Stadt Ann Arbor liegt, waren die politischen Präferenzen sichtbar verteilt – zumindest in den reichen Vorstädten lag McCain bei der Abstimmung per Rasenschildchen vorn. Anders im überwiegend von Afroamerikanern bewohnten Detroit: Zehntausende hatten dort bei Veranstaltungen Obama zugejubelt. Und im traditionell demokratischen Ann Arbor, das die Obama-Kampagne erheblich gesponsert hatte (wir berichteten), war der Wahlausgang ohnehin klar. Wie die Lokalzeitung „Ann Arbor News“ kürzlich berichtete, wurde aus einem Garten in der Innenstadt ein McCain-Schildchen geklaut – wahrscheinlich war es das einzige. Noch weniger fein war, dass der Besitzer außerdem ein Päckchen mit Hundekot zugestellt bekam.
Im Laufe des Wahltags wuchs die Spannung. In Chicago, wo Obama mit seiner Familie lebt, strömten die Leute in den Grant Park unweit vom Ufer des Michigansees. Die Großstadt Chicago liegt knapp fünf Autobahnstunden von Ann Arbor entfernt, und viele wünschten, sie wären dort. Aber Wahltage sind gewöhnliche Arbeitstage in Amerika, und so war das für die meisten nicht zu schaffen.
Der Wahlabend dauerte dann doch etwas länger als gedacht. Nachts um elf verkündeten die Fernsehsender endlich den Sieg Obamas. Seine Fans verschickten E-Mails: „Hurra, wir haben gewonnen!“ Auf dem Bildschirm: weinende Menschen, selbst altgediente Fernsehjournalisten schluckten. 400 Jahre nach Ankunft der ersten afrikanischen Sklaven in Nordamerika wählten die USA einen schwarzen Präsidenten. In den großen Städten, auch in Detroit, feierten die Menschen in der Nacht auf den Straßen.
Auch in Ann Arbor hielt es viele nicht zu Hause. Kurz nach halb zwölf, so berichten die lokalen Medien, kamen die ersten feiernden Studenten auf dem zentralen Campus zusammen. Die Menschenmenge setzte sich in Bewegung, und bald zogen 1000 Leute durch die Unistadt. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, zitiert die „Ann Arbor News“ Bürgermeister John Hieftje, der gerade in einer Kneipe seinen eigenen Wahlsieg feierte – er wurde für eine fünfte Amtszeit bestätigt. „Man konnte sie kommen hören, und dann ging die halbe Bar nach draußen und lief mit.“
Die Lokalzeitung, die zwei Mal stramm für Bush gestimmt hatte, konnte sich diesmal übrigens nicht zur Unterstützung eines Kandidaten durchringen – beide hätten eine mangelhafte Kampagne geführt, so die Begründung. In Washtenaw County, also im Landkreis, erhielt McCain nicht einmal 29 Prozent der Stimmen – weniger als Bush im Jahr 2004. Auch die Demokraten im Kongress profitierten von der Obama-Begeisterung: Zwei Republikaner aus dem Repräsentantenhaus verloren im Südwesten Michigans ihren Sitz an den demokratischen Herausforderer.
Im 15. Bezirk, zu dem Ann Arbor gehört, wurde der demokratische Abgeordnete John Dingell mit 73 Prozent im Amt bestätigt. Aber auch Dingell, das am längsten amtierende Mitglied des Repräsentantenhauses, bekommt zu spüren, dass jetzt ein anderer Wind weht: Zu lange hat er die Interessen der Detroiter Autoindustrie gegen Umweltauflagen verteidigt, und so verliert er jetzt wahrscheinlich den Vorsitz im Energie-Ausschuss des Hauses. Der demokratische Senator Carl Levin, seit 1979 im Amt, kann sich über 71 Prozent der Stimmen freuen.
Schon in der Frühe wurden überall im Land lange Schlangen vor den Wahllokalen gemeldet, und die Tübinger Partnerstadt Ann Arbor machte keine Ausnahme. In der Unistadt hatten sich im September rund 6000 neue Wähler registrieren lassen, darunter viele Studenten. Strahlender Sonnenschein machte das Warten leicht; für einen 4. November war das Wetter ungewöhnlich warm. Dazu kam eine festliche Aufbruchstimmung – anders lässt sich das nicht beschreiben. Und
noch mehr Leute als sonst hatten einen Kaffeebecher in der Hand, eine bekannte Kaffeehauskette gab zur Feier des Tages einen aus. Die Botschaft war: Wählen gehen!Unter den Erstwählern waren nicht nur junge Leute: Im Detroiter Fernsehen bekannten gestandene Menschen in den Dreißigern und Vierzigern, zum ersten Mal an die Urne gegangen zu sein. Manche brachten Kinder mit zum Wahllokal, sie sollten den historischen Moment miterleben. Und es gab jede Menge Barack-Obama-T-Shirts. Anhänger des Republikaners John McCain verhielten sich vergleichsweise diskret; sie warben allenfalls mit einem Schildchen im Vorgarten.
In der Michigan-Metropole Detroit, an deren südwestlichem Rand die Stadt Ann Arbor liegt, waren die politischen Präferenzen sichtbar verteilt – zumindest in den reichen Vorstädten lag McCain bei der Abstimmung per Rasenschildchen vorn. Anders im überwiegend von Afroamerikanern bewohnten Detroit: Zehntausende hatten dort bei Veranstaltungen Obama zugejubelt. Und im traditionell demokratischen Ann Arbor, das die Obama-Kampagne erheblich gesponsert hatte (wir berichteten), war der Wahlausgang ohnehin klar. Wie die Lokalzeitung „Ann Arbor News“ kürzlich berichtete, wurde aus einem Garten in der Innenstadt ein McCain-Schildchen geklaut – wahrscheinlich war es das einzige. Noch weniger fein war, dass der Besitzer außerdem ein Päckchen mit Hundekot zugestellt bekam.
Im Laufe des Wahltags wuchs die Spannung. In Chicago, wo Obama mit seiner Familie lebt, strömten die Leute in den Grant Park unweit vom Ufer des Michigansees. Die Großstadt Chicago liegt knapp fünf Autobahnstunden von Ann Arbor entfernt, und viele wünschten, sie wären dort. Aber Wahltage sind gewöhnliche Arbeitstage in Amerika, und so war das für die meisten nicht zu schaffen.
Der Wahlabend dauerte dann doch etwas länger als gedacht. Nachts um elf verkündeten die Fernsehsender endlich den Sieg Obamas. Seine Fans verschickten E-Mails: „Hurra, wir haben gewonnen!“ Auf dem Bildschirm: weinende Menschen, selbst altgediente Fernsehjournalisten schluckten. 400 Jahre nach Ankunft der ersten afrikanischen Sklaven in Nordamerika wählten die USA einen schwarzen Präsidenten. In den großen Städten, auch in Detroit, feierten die Menschen in der Nacht auf den Straßen.
Auch in Ann Arbor hielt es viele nicht zu Hause. Kurz nach halb zwölf, so berichten die lokalen Medien, kamen die ersten feiernden Studenten auf dem zentralen Campus zusammen. Die Menschenmenge setzte sich in Bewegung, und bald zogen 1000 Leute durch die Unistadt. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, zitiert die „Ann Arbor News“ Bürgermeister John Hieftje, der gerade in einer Kneipe seinen eigenen Wahlsieg feierte – er wurde für eine fünfte Amtszeit bestätigt. „Man konnte sie kommen hören, und dann ging die halbe Bar nach draußen und lief mit.“
Die Lokalzeitung, die zwei Mal stramm für Bush gestimmt hatte, konnte sich diesmal übrigens nicht zur Unterstützung eines Kandidaten durchringen – beide hätten eine mangelhafte Kampagne geführt, so die Begründung. In Washtenaw County, also im Landkreis, erhielt McCain nicht einmal 29 Prozent der Stimmen – weniger als Bush im Jahr 2004. Auch die Demokraten im Kongress profitierten von der Obama-Begeisterung: Zwei Republikaner aus dem Repräsentantenhaus verloren im Südwesten Michigans ihren Sitz an den demokratischen Herausforderer.
Im 15. Bezirk, zu dem Ann Arbor gehört, wurde der demokratische Abgeordnete John Dingell mit 73 Prozent im Amt bestätigt. Aber auch Dingell, das am längsten amtierende Mitglied des Repräsentantenhauses, bekommt zu spüren, dass jetzt ein anderer Wind weht: Zu lange hat er die Interessen der Detroiter Autoindustrie gegen Umweltauflagen verteidigt, und so verliert er jetzt wahrscheinlich den Vorsitz im Energie-Ausschuss des Hauses. Der demokratische Senator Carl Levin, seit 1979 im Amt, kann sich über 71 Prozent der Stimmen freuen.
Sunday, November 2, 2008
Die Sache mit den Swing States
In deutschen Publikationen ist derzeit ziemlich häufig zu lesen, dass die US-Präsidentschaftswahlen in den Swing States entschieden werden. Das stimmt so nicht ganz: Swing States sind vielmehr diejenigen Staaten, in denen George W. Bush im Jahr 2004 knapp gewonnen oder John Kerry knapp verloren hat. Dazu gehört auch Michigan - trotzdem passiert hier nichts Wahlentscheidendes, denn Barack Obama führt in den meisten Umfragen zweistellig. Der Bundesstaat ist also nur in der Retrospektive ein Swing State; im Übrigen hat nach 1988 kein Republikaner mehr den Staat gewonnen. Deshalb hat John McCain hier auch schon Anfang Oktober das Handtuch geworfen.
Nun ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass die Swing States trotzdem eine Rolle im Wahlkampf spielen - jedenfalls in einem frühen Stadium. Ob es sich dann aber tatsächlich um einen Battleground State handelt, entscheiden die weiteren Umfragen. Und in den Tossup States, also den Münzwurfstaaten, bleibt es tatsächlich bis zum Ende spannend: Niemand weiß, auf welche Seite die Münze fällt.
Das erklärt manches. Zum Beispiel die Frage: Was hat die Obama-Kampagne in Arizona verloren? Dass McCains Heimatstaat an den Demokraten geht, ist eher unwahrscheinlich. Nun, es ist ganz einfach: Obama denkt schon an 2012. Die Offensive ist nichts anderes als der Versuch, einen neuen Swing State zu produzieren. Nach der Wahl ist vor der Wahl.
Mehr zum Thema auf suite101: Wahlen in den USA: Noch Fragen?
Nun ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass die Swing States trotzdem eine Rolle im Wahlkampf spielen - jedenfalls in einem frühen Stadium. Ob es sich dann aber tatsächlich um einen Battleground State handelt, entscheiden die weiteren Umfragen. Und in den Tossup States, also den Münzwurfstaaten, bleibt es tatsächlich bis zum Ende spannend: Niemand weiß, auf welche Seite die Münze fällt.
Das erklärt manches. Zum Beispiel die Frage: Was hat die Obama-Kampagne in Arizona verloren? Dass McCains Heimatstaat an den Demokraten geht, ist eher unwahrscheinlich. Nun, es ist ganz einfach: Obama denkt schon an 2012. Die Offensive ist nichts anderes als der Versuch, einen neuen Swing State zu produzieren. Nach der Wahl ist vor der Wahl.
Mehr zum Thema auf suite101: Wahlen in den USA: Noch Fragen?
Saturday, November 1, 2008
Sportlicher Kampfgeist in Ann Arbor
Wer wird gewinnen? Am letzten Wochenende im Oktober, zehn Tage vor dem Wahltermin, herrscht in Ann Arbor Kampfstimmung. Allerdings hat das weniger mit den Präsidentschaftswahlen zu tun – Tübingens US-Partnerstadt ist vom Footballfieber gepackt.
Wie an jedem Samstag, an dem ein Heimspiel im Stadion der University of Michigan (U-M) ansteht, geht es in er Innenstadt von Ann Arbor hoch her. Wolverines heißen die Lokalmatadore, und man erkennt sie und ihre Fans leicht am Uni-Logo: einem gelben „M“ auf blauem Grund. Die meisten Einheimischen tragen am Spieltag blaue oder gelbe Kleidung, was wahrscheinlich nur Europäer lustig finden können. Amerikanischer College-Football ist eine ernsthafte Angelegenheit, auch in der Tübinger Partnerstadt im US-Bundesstaat Michigan.
Das gilt vor allem am Tag der grünen Invasion. Die Grünen, das sind die Spartans von der Michigan State University (East Lansing), die Erzrivalen der U-M. Die Begegnung ist der Höhepunkt
der Saison. Schon am späten Vormittag stauen sich Autos mit Spartan-Aufklebern in der Hauptstraße der Tübinger Partnerstadt. Es ist ein kalter Herbsttag, und bald sind viele grüne Anoraks unterwegs. Der Inhaber eines T-Shirt-Ladens hängt die Flaggen beider Mannschaften außen ans Schaufenster – Geschäftssinn schlägt Lokalpatriotismus. Auch sonst gibt sich der Besitzer unparteiisch. Jedenfalls lassen die übrigen Auslagen diesen Rückschluss zu: Im Angebot sind T-Shirts, die für beide Präsidentschaftskandidaten werben, für den Demokraten Barack Obama und für seinen republikanischen Konkurrenten John McCain.
Auf die Frage, ob sich McCain-T-Shirts im traditionell Demokraten-freundlichen Ann Arbor überhaupt verkaufen, gibt der Mann nur zögerlich Auskunft. Ja, er habe einige verkauft, antwortet er dann. Die Journalistin lässt nicht locker: Aber wahrscheinlich mehr von der Obama-Sorte? Der Ladenbesitzer bejaht. „Das will ich aber hoffen“, ruft eine Passantin, die das Gespräch mitbekommen hat. „Das will ich aber schwer hoffen!“
Außerhalb des T-Shirt-Ladens dürfte es in der Innenstadt von Ann Arbor nur wenig Hinweise auf die Existenz des republikanischen Kandidaten geben – abgesehen vom Büro der McCain-Wahlhelfer selbst. Auf der Kampagnen-Website ist es als lokales „Victory Office“ (zu Deutsch „Siegesbüro“) aufgeführt. Aber offenbar glauben in der Partei nicht einmal mehr die Optimisten daran, dass die Republikaner am 4. November die 17 Wahlmänner aus Michigan für sich verbuchen können: Schon Anfang Oktober haben John McCain und seine Vizekandidatin Sarah Palin den Wahlkampf in Michigan offiziell eingestellt. Meinungsumfragen zufolge liegt Barack Obama im Bundesstaat mit 17 Prozentpunkten in Führung. Und wie heißt die Stadt in Michigan, aus der die meisten Spenden für die Obama-Kampagne kamen? Richtig, Ann Arbor. Eine knappe halbe Million Dollar waren es Presseberichten zufolge.
Obwohl es keinen Zweifel daran gibt, wen man in der Tübinger Partnerstadt gern im Präsidentenamt sähe, sind die Wahlhelfer im lokalen Obama-Büro an der Ecke von West Liberty und First Street sehr aktiv. Nun, vielleicht nicht gerade vor einem Heimspiel – ein gelbes „M“ am Gebäude deutet schon an, dass auch Wahlkämpfer bisweilen Prioritäten setzen. In diesem Fall geht Sport vor Politik. Allerdings denken nicht alle so: Immer wieder sieht man Leute, die ihren Einkäufen nach vom Markt kommen und außer dem Gemüse noch ein Barack-Obama-Rasenbanner nach Hause tragen. Abgesehen von Werbespots im Fernsehen und im Internet spielt sich der US-Wahlkampf vor allem in Vorgärten ab. Wahlplakate im öffentlichen Raum sind nicht üblich.
Die Quelle für die Obama-Schilder findet sich schließlich auf dem Wochenmarkt: ein Stand der Demokraten. Die Republikaner? Fehlanzeige. Auch Adrian Cleypool hat mit ihnen nichts am Hut: Daran prangen vielmehr Obama-Anstecker, die Cleypool neben passenden T-Shirts aus der eigenen Druckerei verkauft. Schon den ganzen Sommer über stand er jeden Samstag auf dem
Markt – dabei hat ihm der Hut gute Dienste geleistet. Jetzt wirkt der Strohhut nicht mehr saisongemäß. Der Wahlkampf war lang: Seit anderthalb Jahren sei er für Obama im Einsatz, so der 63-Jährige.
Cleypool, der ursprünglich aus Rotterdam stammt, ist seit dem Vietnamkrieg politisch aktiv. Als er eingezogen werden sollte, verweigerte er den Militärdienst aus Gewissensgründen – nach stundenlangem FBI-Verhör konnte er sich damit sogar durchsetzen. Seinen Ersatzdienst leistete Cleypool, der vorher in einer anderen Region von Michigan gelebt hatte, im Krankenhaus in Ann Arbor. Und er blieb in der Unistadt hängen. Von einem Wahlsieg Obamas verspricht er sich eine grundsätzlich Änderung der politischen Kultur – „einen großen Aufbruch“, wie er es nennt.
Mit einem Schild im Garten zeigen die Leute, „dass sie zur Obama-Familie gehören“, meint er. Aktivisten wie Cleypool möchten vor allem sicherstellen, dass die Wähler tatsächlich an die Urnen gehen – sonst nützen die ganzen schönen Umfragewerte nichts. Im Mehrheitswahlsystem der USA, bei dem die siegreiche Partei alle Wahlmänner eines Bundesstaates für sich verpflichtet, bringen oft wenige Stimmen die Entscheidung. 537 Wählerstimmen in Florida verhalfen George W. Bush im Jahr 2000 zum Sieg. Der Demokrat Al Gore erhielt landesweit mehr Wählerstimmen als Bush, wurde aber trotzdem nicht Präsident.
Für knappe Wahlausgänge ist gerade Ann Arbor berühmt. Im Jahr 1977 wurden die Bürgermeisterwahlen mit einer einzigen Stimme entschieden – das steht jedenfalls in einem Blättchen, das zur Wahlzeit in der Filiale einer bekannten Kaffeeshop-Kette ausliegt. Ann Arbors Bürgermeister John Hieftje, der am 4. November für eine fünfte Amtszeit zur Wahl steht, hat in dieser Hinsicht allerdings nichts zu befürchten – es gibt zwar einen Gegenkandidaten von der Libertarian-Partei, aber der stellt keine ernsthafte Konkurrenz dar.
Das soll nicht heißen, dass der Favorit in Ann Arbor nicht gelegentlich einmal verliert. Das Spiel der U-M gegen Michigan State endet 21-35 – der erste Sieg der Spartans seit 2001 über die lange Zeit übermächtigen Wolverines.
Zurück zur Politik. Wie gut sind die Chancen von Barack Obama? Adrian Cleypool gibt sich zuversichtlich: „Am Tag nach der Wahl drucke ich neue T-Shirts.“ Mit der Aufschrift „President Obama“.
Wie an jedem Samstag, an dem ein Heimspiel im Stadion der University of Michigan (U-M) ansteht, geht es in er Innenstadt von Ann Arbor hoch her. Wolverines heißen die Lokalmatadore, und man erkennt sie und ihre Fans leicht am Uni-Logo: einem gelben „M“ auf blauem Grund. Die meisten Einheimischen tragen am Spieltag blaue oder gelbe Kleidung, was wahrscheinlich nur Europäer lustig finden können. Amerikanischer College-Football ist eine ernsthafte Angelegenheit, auch in der Tübinger Partnerstadt im US-Bundesstaat Michigan.
Das gilt vor allem am Tag der grünen Invasion. Die Grünen, das sind die Spartans von der Michigan State University (East Lansing), die Erzrivalen der U-M. Die Begegnung ist der Höhepunkt

der Saison. Schon am späten Vormittag stauen sich Autos mit Spartan-Aufklebern in der Hauptstraße der Tübinger Partnerstadt. Es ist ein kalter Herbsttag, und bald sind viele grüne Anoraks unterwegs. Der Inhaber eines T-Shirt-Ladens hängt die Flaggen beider Mannschaften außen ans Schaufenster – Geschäftssinn schlägt Lokalpatriotismus. Auch sonst gibt sich der Besitzer unparteiisch. Jedenfalls lassen die übrigen Auslagen diesen Rückschluss zu: Im Angebot sind T-Shirts, die für beide Präsidentschaftskandidaten werben, für den Demokraten Barack Obama und für seinen republikanischen Konkurrenten John McCain.
Auf die Frage, ob sich McCain-T-Shirts im traditionell Demokraten-freundlichen Ann Arbor überhaupt verkaufen, gibt der Mann nur zögerlich Auskunft. Ja, er habe einige verkauft, antwortet er dann. Die Journalistin lässt nicht locker: Aber wahrscheinlich mehr von der Obama-Sorte? Der Ladenbesitzer bejaht. „Das will ich aber hoffen“, ruft eine Passantin, die das Gespräch mitbekommen hat. „Das will ich aber schwer hoffen!“
Außerhalb des T-Shirt-Ladens dürfte es in der Innenstadt von Ann Arbor nur wenig Hinweise auf die Existenz des republikanischen Kandidaten geben – abgesehen vom Büro der McCain-Wahlhelfer selbst. Auf der Kampagnen-Website ist es als lokales „Victory Office“ (zu Deutsch „Siegesbüro“) aufgeführt. Aber offenbar glauben in der Partei nicht einmal mehr die Optimisten daran, dass die Republikaner am 4. November die 17 Wahlmänner aus Michigan für sich verbuchen können: Schon Anfang Oktober haben John McCain und seine Vizekandidatin Sarah Palin den Wahlkampf in Michigan offiziell eingestellt. Meinungsumfragen zufolge liegt Barack Obama im Bundesstaat mit 17 Prozentpunkten in Führung. Und wie heißt die Stadt in Michigan, aus der die meisten Spenden für die Obama-Kampagne kamen? Richtig, Ann Arbor. Eine knappe halbe Million Dollar waren es Presseberichten zufolge.
Obwohl es keinen Zweifel daran gibt, wen man in der Tübinger Partnerstadt gern im Präsidentenamt sähe, sind die Wahlhelfer im lokalen Obama-Büro an der Ecke von West Liberty und First Street sehr aktiv. Nun, vielleicht nicht gerade vor einem Heimspiel – ein gelbes „M“ am Gebäude deutet schon an, dass auch Wahlkämpfer bisweilen Prioritäten setzen. In diesem Fall geht Sport vor Politik. Allerdings denken nicht alle so: Immer wieder sieht man Leute, die ihren Einkäufen nach vom Markt kommen und außer dem Gemüse noch ein Barack-Obama-Rasenbanner nach Hause tragen. Abgesehen von Werbespots im Fernsehen und im Internet spielt sich der US-Wahlkampf vor allem in Vorgärten ab. Wahlplakate im öffentlichen Raum sind nicht üblich.
Die Quelle für die Obama-Schilder findet sich schließlich auf dem Wochenmarkt: ein Stand der Demokraten. Die Republikaner? Fehlanzeige. Auch Adrian Cleypool hat mit ihnen nichts am Hut: Daran prangen vielmehr Obama-Anstecker, die Cleypool neben passenden T-Shirts aus der eigenen Druckerei verkauft. Schon den ganzen Sommer über stand er jeden Samstag auf dem
Markt – dabei hat ihm der Hut gute Dienste geleistet. Jetzt wirkt der Strohhut nicht mehr saisongemäß. Der Wahlkampf war lang: Seit anderthalb Jahren sei er für Obama im Einsatz, so der 63-Jährige.Cleypool, der ursprünglich aus Rotterdam stammt, ist seit dem Vietnamkrieg politisch aktiv. Als er eingezogen werden sollte, verweigerte er den Militärdienst aus Gewissensgründen – nach stundenlangem FBI-Verhör konnte er sich damit sogar durchsetzen. Seinen Ersatzdienst leistete Cleypool, der vorher in einer anderen Region von Michigan gelebt hatte, im Krankenhaus in Ann Arbor. Und er blieb in der Unistadt hängen. Von einem Wahlsieg Obamas verspricht er sich eine grundsätzlich Änderung der politischen Kultur – „einen großen Aufbruch“, wie er es nennt.
Mit einem Schild im Garten zeigen die Leute, „dass sie zur Obama-Familie gehören“, meint er. Aktivisten wie Cleypool möchten vor allem sicherstellen, dass die Wähler tatsächlich an die Urnen gehen – sonst nützen die ganzen schönen Umfragewerte nichts. Im Mehrheitswahlsystem der USA, bei dem die siegreiche Partei alle Wahlmänner eines Bundesstaates für sich verpflichtet, bringen oft wenige Stimmen die Entscheidung. 537 Wählerstimmen in Florida verhalfen George W. Bush im Jahr 2000 zum Sieg. Der Demokrat Al Gore erhielt landesweit mehr Wählerstimmen als Bush, wurde aber trotzdem nicht Präsident.
Für knappe Wahlausgänge ist gerade Ann Arbor berühmt. Im Jahr 1977 wurden die Bürgermeisterwahlen mit einer einzigen Stimme entschieden – das steht jedenfalls in einem Blättchen, das zur Wahlzeit in der Filiale einer bekannten Kaffeeshop-Kette ausliegt. Ann Arbors Bürgermeister John Hieftje, der am 4. November für eine fünfte Amtszeit zur Wahl steht, hat in dieser Hinsicht allerdings nichts zu befürchten – es gibt zwar einen Gegenkandidaten von der Libertarian-Partei, aber der stellt keine ernsthafte Konkurrenz dar.
Das soll nicht heißen, dass der Favorit in Ann Arbor nicht gelegentlich einmal verliert. Das Spiel der U-M gegen Michigan State endet 21-35 – der erste Sieg der Spartans seit 2001 über die lange Zeit übermächtigen Wolverines.
Zurück zur Politik. Wie gut sind die Chancen von Barack Obama? Adrian Cleypool gibt sich zuversichtlich: „Am Tag nach der Wahl drucke ich neue T-Shirts.“ Mit der Aufschrift „President Obama“.
Thursday, October 23, 2008
Memo: The Winner Takes It All
Gestern hatte ich ein Live-Gespräch mit der Volkshochschule Offenburg. Angekündigt wurde die Veranstaltung im "Offenburger Tageblatt" (und anderen Medien) mit einem Interview, das ich hier auszugsweise wiedergebe:
Frau Schaible, Sie leben an den Großen Seen. Da haben sich in der Vergangenheit viele deutsche Auswanderer angesiedelt. Spürt man den deutschen Einfluss noch?
Manchmal wünscht man sich seinen deutschen Akzent natürlich weg. Aber dank meines Akzents bekomme ich viele schöne Geschichten deutschstämmiger Michiganer zu hören. Nach offiziellen Angaben hat jeder vierte Einwohner des Bundesstaates deutsche Vorfahren. Sobald ich den Mund aufmache, klickt bei denen etwas. Und dann erzählen sie mir von ihrem deutschen Großvater oder ihrer Großmutter, die einst in die Staaten auswanderten, um ihr Glück zu machen.
Werden Sie als Deutsche oft nach Ihrer Meinung zu den Kandidaten gefragt?
Politische Diskussionen sind etwa bei Partys tabu – deshalb werde ich gerade als Deutsche – unter vier Augen – oft nach meiner Meinung zur politischen Situation in den USA gefragt, weniger nach den Kandidaten selbst.(...)
Wie ist die Situation in Detroit?
Die Metropolregion Detroit, das wirtschaftliche Zentrum des Bundesstaates Michigan, zeichnet sich durch drei charakteristische Merkmale aus: die ums Überleben kämpfende Autoindustrie, starke Gewerkschaften und eine überwiegend von Afroamerikanern bewohnte Innenstadt. Das spricht alles für die Demokraten. Tatsächlich hat Michigan, derzeit regiert von der Demokratin Jennifer Granholm, in allen Präsidentschaftswahlen nach 1988 demokratisch gewählt. Zu Großveranstaltungen mit Barack Obama in Detroit und in der Hauptstadt Lansing kamen jeweils zwischen 15.000 und 30.000 Leute, und zwar aus allen Schichten der Bevölkerung. Die Events des Republikaners John McCain zogen deutlich weniger Publikum an.
Derzeit liegt Obama vorne. Glauben Sie noch an Überraschungen?
Ich denke, dass diese Wahl auch ganz anders als gedacht und prognostiziert ausgehen kann. Umfragen sind überhaupt mit Vorsicht zu genießen – die Bevölkerung in den einzelnen Bundesstaaten wählt den Präsidenten ja nicht direkt, sondern sie bestimmt die Wahlmänner. Und zwar geht das nach dem "The-winner-takes-it-all"-Prinzip: Die einfache Mehrheit entscheidet, und dann stellt die siegreiche Partei alle Wahlmänner des jeweiligen Staates. Die Stimmen für den Gegenkandidaten fallen schlichtweg unter den Tisch. Der Demokrat Al Gore erhielt mehr Wählerstimmen als George W. Bush – und wurde trotzdem nicht Präsident. Und nicht vergessen: Vor vier Jahren wurde George W. Bush im Amt bestätigt. Das sagt auch schon einiges aus. […]
Frau Schaible, Sie leben an den Großen Seen. Da haben sich in der Vergangenheit viele deutsche Auswanderer angesiedelt. Spürt man den deutschen Einfluss noch?
Manchmal wünscht man sich seinen deutschen Akzent natürlich weg. Aber dank meines Akzents bekomme ich viele schöne Geschichten deutschstämmiger Michiganer zu hören. Nach offiziellen Angaben hat jeder vierte Einwohner des Bundesstaates deutsche Vorfahren. Sobald ich den Mund aufmache, klickt bei denen etwas. Und dann erzählen sie mir von ihrem deutschen Großvater oder ihrer Großmutter, die einst in die Staaten auswanderten, um ihr Glück zu machen.
Werden Sie als Deutsche oft nach Ihrer Meinung zu den Kandidaten gefragt?
Politische Diskussionen sind etwa bei Partys tabu – deshalb werde ich gerade als Deutsche – unter vier Augen – oft nach meiner Meinung zur politischen Situation in den USA gefragt, weniger nach den Kandidaten selbst.(...)
Wie ist die Situation in Detroit?
Die Metropolregion Detroit, das wirtschaftliche Zentrum des Bundesstaates Michigan, zeichnet sich durch drei charakteristische Merkmale aus: die ums Überleben kämpfende Autoindustrie, starke Gewerkschaften und eine überwiegend von Afroamerikanern bewohnte Innenstadt. Das spricht alles für die Demokraten. Tatsächlich hat Michigan, derzeit regiert von der Demokratin Jennifer Granholm, in allen Präsidentschaftswahlen nach 1988 demokratisch gewählt. Zu Großveranstaltungen mit Barack Obama in Detroit und in der Hauptstadt Lansing kamen jeweils zwischen 15.000 und 30.000 Leute, und zwar aus allen Schichten der Bevölkerung. Die Events des Republikaners John McCain zogen deutlich weniger Publikum an.
Derzeit liegt Obama vorne. Glauben Sie noch an Überraschungen?
Ich denke, dass diese Wahl auch ganz anders als gedacht und prognostiziert ausgehen kann. Umfragen sind überhaupt mit Vorsicht zu genießen – die Bevölkerung in den einzelnen Bundesstaaten wählt den Präsidenten ja nicht direkt, sondern sie bestimmt die Wahlmänner. Und zwar geht das nach dem "The-winner-takes-it-all"-Prinzip: Die einfache Mehrheit entscheidet, und dann stellt die siegreiche Partei alle Wahlmänner des jeweiligen Staates. Die Stimmen für den Gegenkandidaten fallen schlichtweg unter den Tisch. Der Demokrat Al Gore erhielt mehr Wählerstimmen als George W. Bush – und wurde trotzdem nicht Präsident. Und nicht vergessen: Vor vier Jahren wurde George W. Bush im Amt bestätigt. Das sagt auch schon einiges aus. […]
Monday, October 20, 2008
Wahlkampf im Vorgarten
Gelegentlich soll ich fürs deutsche Publikum erklären, wie eigentlich der Wahlkampf in den USA aussieht. Also, abgesehen von Fernsehdebatten und Werbespots. Wie sich das im Straßenbild bemerkbar macht. „Gibt’s eigentlich auch Wahlplakate?“, wurde ich kürzlich gefragt. Nein, die gibt’s nicht, jedenfalls nicht im öffentlichen Raum – hier hängen definitiv keine Politikerporträts an Straßenlaternen.
Der Wahlkampf in den USA wird überwiegend in den Vorgärten ausgetragen. Bunte Rasenschildchen verraten die politischen Präferenzen der einzelnen Wohnsiedlungen; manchmal prangen die Namen des bevorzugten Kandidaten auch an Hauswänden oder an einer anderen exponierten Stelle. Im Appartmentkomplex nebenan hat einer „Obama for President“ an der Balkonbrüstung hängen. Klar, nicht jeder hat einen Vorgarten. Dazu sollte man erwähnen, dass nicht nur die Namen der Präsidentschaftskandidaten den herbstlich mit Laub gesprenkelten Rasen zieren: Am 4. November werden auch ein gutes Drittel des Senatsmitglieder und das komplette Repräsentantenhaus neu gewählt, dazu sind in manchen Staaten Gouverneurswahlen, zusätzlich müssen in Landkreisen und Gemeinden vom Bürgermeister bis zum Polizeichef viele Ämter neu besetzt werden – ein Wahlmarathon. Daher treiben es manche Vorgartenbesitzer ziemlich bunt.
Nun ist es aber offenbar so, dass sich Hausbesitzer am liebsten dann politisch outen, wenn der Nachbar sein Kreuzchen an der gleichen Stelle macht – so manch eine Subdivision in den Vorstädten scheint ganz auf McCain zu setzen. Die koordinierte Abstimmung per lawn sign macht
es nicht einfach, für illustrative Zwecke beide Kandidaten-Schilder gleichzeitig aufs Bild zu bekommen.
Bei unserem letzten Kurztrip an die Sleeping Bear Dunes wurden wir schließlich fündig: Die Wochenendhausbesitzer am Crystal Lake in Benzie County scheinen nicht unbedingt erpicht darauf, in politischer Harmonie mit dem Nachbarn zu leben. Der Grundstückbesitzer der Obama-Seite meines Fotos meinte jedenfalls sinngemäß, der Anblick würde seinen Nachbarn schon fuchsen. „Manche klauen die Schilder auch“, fügte er noch vieldeutig hinzu. Diese Art von nachbarlichem Wahlkampf ist auch bereits in einem Youtube-Video festgehalten.
Die Schilder müssen auch sonst für einiges herhalten. Am Tag zuvor hatte ich bereits versucht, ein ähnliches Bild in Northport aufzunehmen. Da fiel mir plötzlich auf, dass das Obama-Schild – offenbar auf McCain-Territorium – von Löchern übersät war. Es handelte sich eindeutig um Einschusslöcher – irgendjemand hatte mit der Schrotflinte darauf geschossen.
Mir war das schon von weitem aufgefallen, weil ich eine Gegenlichtaufnahme versucht hatte. Durch die Löcher im Obama-Logo fielen Sonnenstrahlen.
Der Wahlkampf in den USA wird überwiegend in den Vorgärten ausgetragen. Bunte Rasenschildchen verraten die politischen Präferenzen der einzelnen Wohnsiedlungen; manchmal prangen die Namen des bevorzugten Kandidaten auch an Hauswänden oder an einer anderen exponierten Stelle. Im Appartmentkomplex nebenan hat einer „Obama for President“ an der Balkonbrüstung hängen. Klar, nicht jeder hat einen Vorgarten. Dazu sollte man erwähnen, dass nicht nur die Namen der Präsidentschaftskandidaten den herbstlich mit Laub gesprenkelten Rasen zieren: Am 4. November werden auch ein gutes Drittel des Senatsmitglieder und das komplette Repräsentantenhaus neu gewählt, dazu sind in manchen Staaten Gouverneurswahlen, zusätzlich müssen in Landkreisen und Gemeinden vom Bürgermeister bis zum Polizeichef viele Ämter neu besetzt werden – ein Wahlmarathon. Daher treiben es manche Vorgartenbesitzer ziemlich bunt.
Nun ist es aber offenbar so, dass sich Hausbesitzer am liebsten dann politisch outen, wenn der Nachbar sein Kreuzchen an der gleichen Stelle macht – so manch eine Subdivision in den Vorstädten scheint ganz auf McCain zu setzen. Die koordinierte Abstimmung per lawn sign macht
es nicht einfach, für illustrative Zwecke beide Kandidaten-Schilder gleichzeitig aufs Bild zu bekommen. Bei unserem letzten Kurztrip an die Sleeping Bear Dunes wurden wir schließlich fündig: Die Wochenendhausbesitzer am Crystal Lake in Benzie County scheinen nicht unbedingt erpicht darauf, in politischer Harmonie mit dem Nachbarn zu leben. Der Grundstückbesitzer der Obama-Seite meines Fotos meinte jedenfalls sinngemäß, der Anblick würde seinen Nachbarn schon fuchsen. „Manche klauen die Schilder auch“, fügte er noch vieldeutig hinzu. Diese Art von nachbarlichem Wahlkampf ist auch bereits in einem Youtube-Video festgehalten.
Die Schilder müssen auch sonst für einiges herhalten. Am Tag zuvor hatte ich bereits versucht, ein ähnliches Bild in Northport aufzunehmen. Da fiel mir plötzlich auf, dass das Obama-Schild – offenbar auf McCain-Territorium – von Löchern übersät war. Es handelte sich eindeutig um Einschusslöcher – irgendjemand hatte mit der Schrotflinte darauf geschossen.
Mir war das schon von weitem aufgefallen, weil ich eine Gegenlichtaufnahme versucht hatte. Durch die Löcher im Obama-Logo fielen Sonnenstrahlen.
Wednesday, January 16, 2008
Vorwahlzirkus
Am Montag hatten die republikanischen Präsidentschaftsbewerber ihren großen Auftritt auf der Automesse. Mitt Romney, dessen Vater eine leitende Position in der Autoindustrie hatte und dann von 1963 bis 1969 Gouverneur von Michigan war, versprach der notleidenden US-Autoindustrie allen erdenklichen Beistand, um sie wieder zur Blüte zu bringen: „Die Zukunft der Industrie ist sonnig.“ Die republikanischen Wähler aus Michigan goutierten das offenbar, denn 39 Prozent sähen ihn gern als Präsidentschaftskandidaten – John McCain, der auf Wohlfühlrhetorik verzichtete und sagte, dass die Industriejobs, die Michigan verloren hat, wohl nicht alle wiederkommen, erhielt 30 Prozent. Jeder Kandidat darf mal gewinnen, heißt jetzt offenbar das Motto bei den Republikanern. Der nächste, bitte!
Bei den Demokraten entfielen bei den gestrigen Vorwahlen in Michigan 55 Prozent der abgegebenen Stimmen auf Hillary Clinton, 40 Prozent waren „nicht festgelegt“ – im Bezirk Washtenaw County, zu dem Ann Arbor gehört, machten übrigens 45,5 Prozent ihr Kreuzchen bei „uncommitted“, und nur 43 Prozent würden Clinton als Kandidatin ins Rennen schicken. Obama und Edwards waren auf dem Stimmzettel nicht aufgeführt. Wegen innerparteilicher Querelen hatte das demokratische Hauptfeld den Bundesstaat Michigan komplett boykottiert – entsprechend mager war auch die Wahlberichtserstattung in den US-Medien ausgefallen.
Dabei hätten die Vorwahlen dazu dienen sollen, Michigan einmal so richtig ins mediale Rampenlicht zu rücken. Mitsamt den wirtschaftlichen Sorgen, die den Bundesstaat plagen – in Michigan liegt die Arbeitslosenquote mit 7,4 Prozent deutlich über dem nationalen Durchschnitt, und die Immobilienkrise trifft die Bevölkerung besonders hart. Bisher wählte Michigan nach dem Hauptvorwahl-Termin am 5. Februar, wenn das Rennen schon gelaufen war. So sieht es die innerparteiliche Regelung vor. Die republikanischen und demokratischen Parteiführer hatten deshalb gemeinsam ausgekungelt, die Kandidatenkür publikumswirksam in den Januar vorzuziehen. So wollten sie sich die nationale Aufmerksamkeit sichern – und das Millionen-Dollar-Geschäft rund um den Wahlkampfzirkus gleich mit dazu.
Der Schuss ging nach hinten los, jedenfalls für die Demokraten. Das Demokratische Nationalkomittee (DNC) bestrafte die Parteigenossen aus Michigan für ihre Regelverletzung mit Platzverweis: Wenn der demokratische Präsidentschaftskandidat beim Nationalkonvent im Sommer offiziell gekürt wird, sollen die Delegierten aus Michigan nicht zugelassen werden. Die gleiche Strafe droht Florida, das den Wahltermin eigenmächtig auf den 29. Januar vorgezogen hat. Die republikanische Parteiführung will nicht ganz so hart durchgreifen – die Stimmen der Delegation aus Michigan sollen beim Parteitag aber nur zur Hälfte zählen. Die Anhänger beider Parteien in Michigan hoffen indessen, dass die Parteispitze ihre Drohungen nicht wahrmacht und die Delegierten aus dem Staat den Präsidentschaftskandidaten jeweils mit bestimmen dürfen.
Nun hatten sich die drei demokratischen Favoriten aber dazu verpflichtet, als Reaktion auf die Vorverlegung der Wahlen keine Auftritte in Michigan zu absolvieren. Im Gegensatz zu Barack Obama und John Edwards hatte Hillary Clinton ihren Namen auf den Wahlformularen nicht streichen lassen – ob aus Nachlässigkeit oder Kalkül, ist nicht bekannt. Die Anhänger von Obama und Edwards fanden das indessen gar nicht gut und riefen dazu auf, auf dem Stimmzettel „uncommitted“, also „nicht festgelegt“, anzukreuzen. Entfallen auf „uncommitted“ mehr als 15 Prozent der Stimmen, schickt die Partei die entsprechende Anzahl ungebundener Delegierter zum Nationalkonvent. Und die könnten dann das Zünglein an der Waage spielen, falls bis dahin noch kein eindeutiger Gewinner feststeht.
Da vor allem die Anhänger der Demokraten befürchten müssen, dass die Vorwahlergebnisse aus Michigan ohnehin nicht zählen, war die Wahlbeteiligung sehr gering. Vor ein paar Wochen hätten sich die Leute noch darüber aufgeregt, sagte Stefanie Murray, Business-Reporterin bei den „Ann Arbor News“, aber in jüngster Zeit sei von den Vorwahlen kaum mehr die Rede gewesen.
Wenn sie sich schon nicht an Parteiregeln halten, sollten die Demokraten die Vorwahlen nächstes Mal wenigstens nicht während der Autoshow abhalten. Denn die liefert einfach noch mehr Schlagzeilen.
Bei den Demokraten entfielen bei den gestrigen Vorwahlen in Michigan 55 Prozent der abgegebenen Stimmen auf Hillary Clinton, 40 Prozent waren „nicht festgelegt“ – im Bezirk Washtenaw County, zu dem Ann Arbor gehört, machten übrigens 45,5 Prozent ihr Kreuzchen bei „uncommitted“, und nur 43 Prozent würden Clinton als Kandidatin ins Rennen schicken. Obama und Edwards waren auf dem Stimmzettel nicht aufgeführt. Wegen innerparteilicher Querelen hatte das demokratische Hauptfeld den Bundesstaat Michigan komplett boykottiert – entsprechend mager war auch die Wahlberichtserstattung in den US-Medien ausgefallen.
Dabei hätten die Vorwahlen dazu dienen sollen, Michigan einmal so richtig ins mediale Rampenlicht zu rücken. Mitsamt den wirtschaftlichen Sorgen, die den Bundesstaat plagen – in Michigan liegt die Arbeitslosenquote mit 7,4 Prozent deutlich über dem nationalen Durchschnitt, und die Immobilienkrise trifft die Bevölkerung besonders hart. Bisher wählte Michigan nach dem Hauptvorwahl-Termin am 5. Februar, wenn das Rennen schon gelaufen war. So sieht es die innerparteiliche Regelung vor. Die republikanischen und demokratischen Parteiführer hatten deshalb gemeinsam ausgekungelt, die Kandidatenkür publikumswirksam in den Januar vorzuziehen. So wollten sie sich die nationale Aufmerksamkeit sichern – und das Millionen-Dollar-Geschäft rund um den Wahlkampfzirkus gleich mit dazu.
Der Schuss ging nach hinten los, jedenfalls für die Demokraten. Das Demokratische Nationalkomittee (DNC) bestrafte die Parteigenossen aus Michigan für ihre Regelverletzung mit Platzverweis: Wenn der demokratische Präsidentschaftskandidat beim Nationalkonvent im Sommer offiziell gekürt wird, sollen die Delegierten aus Michigan nicht zugelassen werden. Die gleiche Strafe droht Florida, das den Wahltermin eigenmächtig auf den 29. Januar vorgezogen hat. Die republikanische Parteiführung will nicht ganz so hart durchgreifen – die Stimmen der Delegation aus Michigan sollen beim Parteitag aber nur zur Hälfte zählen. Die Anhänger beider Parteien in Michigan hoffen indessen, dass die Parteispitze ihre Drohungen nicht wahrmacht und die Delegierten aus dem Staat den Präsidentschaftskandidaten jeweils mit bestimmen dürfen.
Nun hatten sich die drei demokratischen Favoriten aber dazu verpflichtet, als Reaktion auf die Vorverlegung der Wahlen keine Auftritte in Michigan zu absolvieren. Im Gegensatz zu Barack Obama und John Edwards hatte Hillary Clinton ihren Namen auf den Wahlformularen nicht streichen lassen – ob aus Nachlässigkeit oder Kalkül, ist nicht bekannt. Die Anhänger von Obama und Edwards fanden das indessen gar nicht gut und riefen dazu auf, auf dem Stimmzettel „uncommitted“, also „nicht festgelegt“, anzukreuzen. Entfallen auf „uncommitted“ mehr als 15 Prozent der Stimmen, schickt die Partei die entsprechende Anzahl ungebundener Delegierter zum Nationalkonvent. Und die könnten dann das Zünglein an der Waage spielen, falls bis dahin noch kein eindeutiger Gewinner feststeht.
Da vor allem die Anhänger der Demokraten befürchten müssen, dass die Vorwahlergebnisse aus Michigan ohnehin nicht zählen, war die Wahlbeteiligung sehr gering. Vor ein paar Wochen hätten sich die Leute noch darüber aufgeregt, sagte Stefanie Murray, Business-Reporterin bei den „Ann Arbor News“, aber in jüngster Zeit sei von den Vorwahlen kaum mehr die Rede gewesen.
Wenn sie sich schon nicht an Parteiregeln halten, sollten die Demokraten die Vorwahlen nächstes Mal wenigstens nicht während der Autoshow abhalten. Denn die liefert einfach noch mehr Schlagzeilen.
Friday, January 4, 2008
Momentum
Im Englischen gibt es einen Begriff, der vor allem im Sport und in der Politik auftaucht und für den die deutsche Sprache keine exakte Entsprechung kennt: momentum. Derzeit wird dieses Wort besonders häufig gebraucht.
Momentum – das ist die Erfolgswelle, auf der eine Mannschaft von Sieg zu Sieg reitet, dem Meistertitel entgegen. Es ist der häufig bemühte Rückenwind, den ein Teilnehmer im Wettkampf oder Wahlkampf verspürt. Der Auftrieb, den ein Kandidat erhält, wenn er urplötzlich den Zeitgeist zu verkörpern scheint und die Massen mobilisiert. Barack Obama hat zweifellos momentum.
Nun mag man sich darüber streiten, wie repräsentativ die Wähler sind, die im Bundesstaat Iowa für den demokratischen Senator Obama stimmten. Aber immerhin brachten die Demokraten für die innerparteiliche Kandidaten-Kür mehr als doppelt so viele Wähler auf die Beine wie die Republikaner: 200.000 Menschen begaben sich gestern Abend bei Eiseskälte in eine Turnhalle oder einen Kirchensaal, um sich für ihren Kandidaten in eine Ecke zu stellen. Dieses basisdemokratische Verfahren, bei dem Wähler buchstäblich mit den Füßen abstimmen, ist besonders günstig für die Entwicklung von momentum: Die Obama-Anhänger hatten offenbar regen Zulauf in ihrer jeweiligen Ecke. 38 Prozent – davon hätte keiner zu träumen gewagt, nicht einmal Obama selbst. In einem nahezu weißen Bundesstaat jubelten die Menschen einem farbigen Kandidaten zu!
Zum momentum gehört, dass Träumen erlaubt ist. Auch die Hautfarbe spielt dann keine Rolle mehr. Selbst wer in Obamas Wohlfühlrhetorik bisher die Substanz vermisste, wurde gestern Abend weich. Die Amerikaner haben genug von Kriegstreibern und Angstmachern. Sie wollen einen Präsidenten, der optimistisch in die Zukunft blickt und dabei versöhnlich wirkt. Im Gegensatz zum aktuellen Amtsinhaber, der bei Fernsehauftritten im Zuschauer das Bedürfnis weckt, mit den Fäusten auf den Bildschirm zu trommeln, wirkt der 46-jährige Hoffnungsträger geradezu blutdrucksenkend. Obama tut gut. Es ist eine reine Freude, ihm zuzuhören.
„Whatever their political affiliations, Americans are going to feel good about the Obama victory, which is a story of youth, possibility and unity through diversity – the primordial themes of the American experience“, schreibt der konservative Kolumnist David Brooks heute in der New York Times. Obama steht für das Prinzip Hoffnung schlechthin. Daneben verblasst auch der Überraschungserfolg des Republikaners Mike Huckabee, eines ehemaligen Baptistenpredigers, der gerade sein eigenes momentum erlebt.
Huckabee, eine eher schlichte Figur, wird in weniger evangelikal geprägten Bundesstaaten wohl deutlich schlechter abschneiden. Der Auftrieb, der sich aus der Zuversicht und Begeisterung der Anhänger speist, kann sich auch rasch wieder abschwächen. Ob das momentum bei Obama bis ins Ziel trägt, wird man sehen. Am Tag nach der Wahl scheint die Euphorie jedenfalls noch zu wachsen.
Die Reaktionen auf das schlechte Abschneiden von Hillary Clinton und Mitt Romney, die sich als Kandidaten für unumgänglich hielten, lässt sich ebenfalls in einem einzigen Wort zusammenfassen. Und in diesem Fall ist nicht einmal eine Übersetzung nötig – schadenfreude!
Momentum – das ist die Erfolgswelle, auf der eine Mannschaft von Sieg zu Sieg reitet, dem Meistertitel entgegen. Es ist der häufig bemühte Rückenwind, den ein Teilnehmer im Wettkampf oder Wahlkampf verspürt. Der Auftrieb, den ein Kandidat erhält, wenn er urplötzlich den Zeitgeist zu verkörpern scheint und die Massen mobilisiert. Barack Obama hat zweifellos momentum.
Nun mag man sich darüber streiten, wie repräsentativ die Wähler sind, die im Bundesstaat Iowa für den demokratischen Senator Obama stimmten. Aber immerhin brachten die Demokraten für die innerparteiliche Kandidaten-Kür mehr als doppelt so viele Wähler auf die Beine wie die Republikaner: 200.000 Menschen begaben sich gestern Abend bei Eiseskälte in eine Turnhalle oder einen Kirchensaal, um sich für ihren Kandidaten in eine Ecke zu stellen. Dieses basisdemokratische Verfahren, bei dem Wähler buchstäblich mit den Füßen abstimmen, ist besonders günstig für die Entwicklung von momentum: Die Obama-Anhänger hatten offenbar regen Zulauf in ihrer jeweiligen Ecke. 38 Prozent – davon hätte keiner zu träumen gewagt, nicht einmal Obama selbst. In einem nahezu weißen Bundesstaat jubelten die Menschen einem farbigen Kandidaten zu!
Zum momentum gehört, dass Träumen erlaubt ist. Auch die Hautfarbe spielt dann keine Rolle mehr. Selbst wer in Obamas Wohlfühlrhetorik bisher die Substanz vermisste, wurde gestern Abend weich. Die Amerikaner haben genug von Kriegstreibern und Angstmachern. Sie wollen einen Präsidenten, der optimistisch in die Zukunft blickt und dabei versöhnlich wirkt. Im Gegensatz zum aktuellen Amtsinhaber, der bei Fernsehauftritten im Zuschauer das Bedürfnis weckt, mit den Fäusten auf den Bildschirm zu trommeln, wirkt der 46-jährige Hoffnungsträger geradezu blutdrucksenkend. Obama tut gut. Es ist eine reine Freude, ihm zuzuhören.
„Whatever their political affiliations, Americans are going to feel good about the Obama victory, which is a story of youth, possibility and unity through diversity – the primordial themes of the American experience“, schreibt der konservative Kolumnist David Brooks heute in der New York Times. Obama steht für das Prinzip Hoffnung schlechthin. Daneben verblasst auch der Überraschungserfolg des Republikaners Mike Huckabee, eines ehemaligen Baptistenpredigers, der gerade sein eigenes momentum erlebt.
Huckabee, eine eher schlichte Figur, wird in weniger evangelikal geprägten Bundesstaaten wohl deutlich schlechter abschneiden. Der Auftrieb, der sich aus der Zuversicht und Begeisterung der Anhänger speist, kann sich auch rasch wieder abschwächen. Ob das momentum bei Obama bis ins Ziel trägt, wird man sehen. Am Tag nach der Wahl scheint die Euphorie jedenfalls noch zu wachsen.
Die Reaktionen auf das schlechte Abschneiden von Hillary Clinton und Mitt Romney, die sich als Kandidaten für unumgänglich hielten, lässt sich ebenfalls in einem einzigen Wort zusammenfassen. Und in diesem Fall ist nicht einmal eine Übersetzung nötig – schadenfreude!
Wednesday, November 8, 2006
Ein Stimmprozent für eine Million
„Ein guter Tag für die Demokraten“, titelte die „Ann Arbor News“, die Lokalzeitung aus der Tübinger Partnerstadt, heute in ihrer Online-Ausgabe. Das kann man wohl sagen – schließlich haben demokratische Kandidaten auf fast allen politischen Ebenen abgeräumt: Nicht nur im Repräsentantenhaus in Washington, sondern auch in Lansing im Bundesstaat Michigan stellen Demokraten jetzt die Mehrheit. Somit weiß Gouverneurin Jennifer Granholm künftig zumindest einer Kammer hinter sich, was das Regieren erheblich angenehmer machen dürfte; der Senat in Michigan bleibt republikanisch. Granholm selbst kann sich über ein komfortables Ergebnis freuen: 56 Prozent der Wähler stimmten für die amtierende Demokratin; ihr republikanischer Herausforderer Dick DeVos erhielt 42 Prozent der Stimmen.
Die Höhe des Wahlsieges kam laut Presseberichten selbst für die Anhänger der Amtsinhaberin überraschend. Denn der Geschäftsmann und Milliardär Dick DeVos, dessen Vater die Reinigungsmittelfirma Amway gründete, führte den teuersten Wahlkampf aller Zeiten in Michigan – 41 Millionen Dollar kostete der Spaß. Immerhin 35 Millionen Dollar hatte der Ex-Amway-Präsident dafür aus seinem Privatvermögen beigesteuert. Ein Stimmprozent kostete also knapp eine Million. Sauber!
Worüber unzählige Fernsehspots allerdings nicht hinwegtäuschen konnten: Eine konkrete Agenda ließ DeVos, ein Vertreter der christlichen Rechten, bis zum Schluss vermissen. Trotz schwieriger Wirtschaftslage im Bundesstaat Michigan setzten die Wähler daher wieder auf Granholm, die für den Niedergang der Autoindustrie schließlich nichts kann: "Unsere Wirtschaft hat sich 100 Jahre lang in diese Richtung entwickelt", sagte die Governeurin bei einem Interview. "Wir können jetzt nicht einfach einen Schalter umlegen und die Sache über Nacht verändern." Granholm möchte stattdessen den Strukturwandel in vernünftige Bahnen lenken und mehr Hightechfirmen nach Michigan bringen. Vor allem im Einzugsgebiet der Unistadt Ann Arbor erzielte sie mit dieser Strategie erste Erfolge. Insofern erstaunt es nicht, dass die charismatische Gouverneurin in Washtenaw County, zu dem Ann Arbor gehört, knapp 68 Prozent der Stimmen erhielt.
Noch besser schnitt Bürgermeister John Hieftje ab: Der Demokrat mit grünem Programm wurde mit 79 Prozent im Amt bestätigt. Hieftje, Bürgermeister seit dem Jahr 2000 und schon zum dritten Mal wieder gewählt, will in der kommenden Legislaturperiode neben der Stabilisierung der Stadtfinanzen vor allem seine ökologischen Projekte weiter verfolgen – die Förderung erneuerbarer Energien sowie eine Bahnverbindung zum Flughafen und ins nahe Detroit gehören zu seinen wichtigsten Anliegen. Wenn sie ihn noch ein paarmal wählen, fahren Metro Detroiter irgendwann im Bähnchen nach Ann Arbor zum Bummeln. Und müssen dann aufpassen, dass sie nicht von Radlern über den Haufen gefahren werden. Wie in Tübingen.
In der Unistadt Ann Arbor sorgte am Tag nach der Wahl allerdings ein anderes Thema für Gesprächsstoff: Per Volksentscheid wurde in Michigan auch die so genannte „Affirmative Action“ abgeschafft; 58 Prozent der Wähler befürworteten den Vorschlag. „Affirmative Action“ – ein Begriff, der sich nur schwer ins Deutsche übersetzen lässt und meistens mit „positive Diskriminierung“ wiedergegeben wird – ist eine Quotenregelung, die Minderheiten etwa den Zugang zur Universität erleichtern soll. Nicht nur afroamerikanische Studenten an der „University of Michigan“ zeigten sich über den Ausgang der Abstimmung enttäuscht. Universitätspräsidentin Mary Sue Coleman kündigte an, gerichtlich gegen den Entscheid vorzugehen. „Diversität macht uns stark“, sagte sie in einer Ansprache vor Studenten.
Mehr über John Hieftje, Bürgermeister von Ann Arbor: Ann Arbor, ein grünes Biotop in Amerika
Die Höhe des Wahlsieges kam laut Presseberichten selbst für die Anhänger der Amtsinhaberin überraschend. Denn der Geschäftsmann und Milliardär Dick DeVos, dessen Vater die Reinigungsmittelfirma Amway gründete, führte den teuersten Wahlkampf aller Zeiten in Michigan – 41 Millionen Dollar kostete der Spaß. Immerhin 35 Millionen Dollar hatte der Ex-Amway-Präsident dafür aus seinem Privatvermögen beigesteuert. Ein Stimmprozent kostete also knapp eine Million. Sauber!
Worüber unzählige Fernsehspots allerdings nicht hinwegtäuschen konnten: Eine konkrete Agenda ließ DeVos, ein Vertreter der christlichen Rechten, bis zum Schluss vermissen. Trotz schwieriger Wirtschaftslage im Bundesstaat Michigan setzten die Wähler daher wieder auf Granholm, die für den Niedergang der Autoindustrie schließlich nichts kann: "Unsere Wirtschaft hat sich 100 Jahre lang in diese Richtung entwickelt", sagte die Governeurin bei einem Interview. "Wir können jetzt nicht einfach einen Schalter umlegen und die Sache über Nacht verändern." Granholm möchte stattdessen den Strukturwandel in vernünftige Bahnen lenken und mehr Hightechfirmen nach Michigan bringen. Vor allem im Einzugsgebiet der Unistadt Ann Arbor erzielte sie mit dieser Strategie erste Erfolge. Insofern erstaunt es nicht, dass die charismatische Gouverneurin in Washtenaw County, zu dem Ann Arbor gehört, knapp 68 Prozent der Stimmen erhielt.
Noch besser schnitt Bürgermeister John Hieftje ab: Der Demokrat mit grünem Programm wurde mit 79 Prozent im Amt bestätigt. Hieftje, Bürgermeister seit dem Jahr 2000 und schon zum dritten Mal wieder gewählt, will in der kommenden Legislaturperiode neben der Stabilisierung der Stadtfinanzen vor allem seine ökologischen Projekte weiter verfolgen – die Förderung erneuerbarer Energien sowie eine Bahnverbindung zum Flughafen und ins nahe Detroit gehören zu seinen wichtigsten Anliegen. Wenn sie ihn noch ein paarmal wählen, fahren Metro Detroiter irgendwann im Bähnchen nach Ann Arbor zum Bummeln. Und müssen dann aufpassen, dass sie nicht von Radlern über den Haufen gefahren werden. Wie in Tübingen.
In der Unistadt Ann Arbor sorgte am Tag nach der Wahl allerdings ein anderes Thema für Gesprächsstoff: Per Volksentscheid wurde in Michigan auch die so genannte „Affirmative Action“ abgeschafft; 58 Prozent der Wähler befürworteten den Vorschlag. „Affirmative Action“ – ein Begriff, der sich nur schwer ins Deutsche übersetzen lässt und meistens mit „positive Diskriminierung“ wiedergegeben wird – ist eine Quotenregelung, die Minderheiten etwa den Zugang zur Universität erleichtern soll. Nicht nur afroamerikanische Studenten an der „University of Michigan“ zeigten sich über den Ausgang der Abstimmung enttäuscht. Universitätspräsidentin Mary Sue Coleman kündigte an, gerichtlich gegen den Entscheid vorzugehen. „Diversität macht uns stark“, sagte sie in einer Ansprache vor Studenten.
Mehr über John Hieftje, Bürgermeister von Ann Arbor: Ann Arbor, ein grünes Biotop in Amerika
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