„Many millions of working-age Americans would lose health insurance. Senior citizens would anguish over whether to pay their rent or their medical bills, in a way they haven’t since the 1960s. Government would be so starved of resources that, by 2050, it wouldn’t have enough money for core functions like food inspections and highway maintenance. And the richest Americans would get a huge tax cut.
This is the America that Paul Ryan envisions. And now we know that it is the America Mitt Romney envisions.“
JONATHAN COHN von „The New Republic“ zu Mitt Romneys gestriger Entscheidung, den Kongressabgeordneten und Tea-Party-Liebling Paul Ryan zum republikanischen Vizekandidaten zu machen.
Sunday, August 12, 2012
Thursday, August 2, 2012
Fischgeschichten
Wie kommt man zu Haustieren? Ganz einfach: Man kauft sich ein Haus. In unserem Fall war das eine Eigentumswohnung, und zu der gehörten ein Dutzend Fische. Nein, die Vorbesitzer hatten uns kein Aquarium hinterlassen – das gehörte nicht zum Überraschungspaket, mit dem der Kauf eines schon etwas älteren Condominiums am besten beschrieben werden kann. Der Uralt-Kühlschrank in der Garage, der irre viel Strom verbrauchte und vor allem die Umgebung heizte, gehörte eindeutig zu den weniger angenehmen Hinterlassenschaften, aber wir sind das Garagenmonster dann schnell losgeworden. Die Fischlein übernahmen wir hingegen gerne, und da war sogar noch eine Dose Fischfutter, die beim Einzug in einem der – ansonsten ausgeräumten – Küchenschränke stand.
Die Fische selbst schwammen bei unserem Einzug munter in ihrem Teich und warteten darauf, dass sie endlich wieder jemand fütterte. Nun, Teich ist vielleicht ein bisschen zu viel gesagt: Bei dem Biotop gleich neben unserer Haustür handelt es sich um einen mit Teichfolie ausgelegten Tümpel im Miniaturformat. Da trifft es sich gut, dass es sich bei den Bewohnern um eine Goldfischvariante im Zwergenformat handelt – die sind zum Glück sehr genügsam. Immerhin besitzt die Pfütze einen munter sprudelnden Springbrunnen, was seine Wirkung auf Besucher nicht verfehlt. Ich beobachtete einmal den Päckchenmann, der nach dem Ablegen seiner Lieferung einen Moment lang vor dem Teich stehenblieb und die Wasserspiele verwundert betrachtete.
Springbrunnen hin oder her – die kleine Pumpe mit einem Schwamm am Einzugsrohr mag das Wasser etwas sauerstoffreicher machen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass die Fische immer in derselben Brühe schwimmen müssen. Neuerdings sammeln wir immer Regenwasser, und in Trockenzeiten verdünnen wir die Fischsuppe regelmäßig, aber im vorigen Herbst waren wir noch nicht so schlau. Als der Wasserstand nach etlichen warmenHerbsttagen bedrohlich abgefallen war, füllte ich einfach mit Leitungswasser nach. Das war ein Fehler, wie sich schnell herausstellte: Unser Leitungswasser ist ziemlich stark gechlort. Am nächsten Tag schwamm einer der Fische kieloben. Und ich hatte ein tierisch schlechtes Gewissen.
Solche Dinge passieren, wenn man überraschend zum Haustierbesitzer wird. Wir büßten später noch einen weiteren Fisch ein, aber diesmal richtete sich der Verdacht gegen die verwilderten Katzen, die unserem Fischteich gelegentlich einen Besuch abstatteten: Bei ihm fehlte nämlich schon ein Stück, als ich ihn aus dem Wasser entfernte. Die anderen Fische hingegen gediehen prächtig, und mit dem herannahenden Winter stellte sich die Frage: Was tun?
Meine Recherchen ergaben schnell, dass man Gartenfische nicht einfach in ein Aquarium verpflanzen kann – wie gesagt, wir hatten auch gar keins. Dass Goldfische genügsam sind, wussten wir inzwischen schon. Ist der Teich tief genug, können sie theoretisch sogar im Freien überwintern, aber in unserem Fall war das natürlich ausgeschlossen: So eine Pfütze ist ganz schnell komplett gefroren, Fische inklusive. Ich hatte die Vorbesitzerin übrigens noch gefragt, wie man diese Sorte Fische überwintert. Worauf sie erst ein bisschen verlegen wurde und dann sinngemäß antwortete: „Wissen Sie, die kosten ja nur ein paar Cents... Sie fangen einfach im Frühjahr wieder von vorne an.“ FISCHSTÄBCHEN? Also, das kam überhaupt nicht in Frage. Wenigsten wollten wir es auf einen Versuch ankommen lassen.
Am ehesten, so überlegten wir, ließen sich die Fische wohl in der Garage über den Winter bringen. Nachdem wir kein Garagenmonster mehr besaßen, hatten wir auch noch ein bisschen Platz übrig, und so fuhren wir in den Supermarkt und kauften eine große Plastikwanne. Mein Mann fischte die Fische mit einem löchrigen Kescher, der sich bei den Fischutensilien befunden hatte, einzeln aus dem Teich, und dann kamen sie mit einer ausreichenden Menge Fischwasser in die Wanne. Ein kleine Pumpe wurde auch noch erstanden, mittels Saugnapf an einem Stein befestigt und in der Wanne versenkt. Wir schlossen den Goldfisch-Whirlpool an die Steckdose in der Garage an, und das Ganze fing fröhlich an zu sprudeln. Dann fuhren wir für ein paar Tage nach Florida.
Als wir aus dem Urlaub zurückkamen, waren zu unserer Überraschung alle noch am Leben. Wenn man mit der Taschenlampe in die Wanne leuchtete, konnte man sie sehen – sie hatten sich in eine Ecke verzogen und schienen zu schlafen. Das taten sie auch weiterhin; insgesamt dümpelten sie an die vier Monate in ihrer Wanne. Zu fressen bekamen sie nur etwas, wenn es zwischendurch aufwärmte und sie aktiv wurden. In den ersten Frühjahrstagen kippten wir die inzwischen ziemlich trübe Brühe wieder in den Teich zurück. Und nicht nur das: Wir kauften ein Tongefäß mit seitlichen Löchern, wie man es für Gewürzpflanzen benutzt, und legten es so in den Teich, dass die Fische rein- und rausschwimmen können. Das taten sie schon nach wenigen Minuten. Ich weiß nicht, ob Fische begeistert sein können, aber irgendwie wirkten sie so. Auch Fische brauchen eine Eigentumswohnung.
Inzwischen sind ein paar Monate vergangen, wir haben uns an die neue Wohnung gewöhnt, und die Fische fressen uns aus der Hand. Sie müssen nun auch nicht mehr befürchten, als tiefgefrorene Fischstäbchen zu enden.
In der Garage riecht es allerdings immer noch leicht fischig. Daran wird wohl nichts mehr zu ändern sein.
Die Fische selbst schwammen bei unserem Einzug munter in ihrem Teich und warteten darauf, dass sie endlich wieder jemand fütterte. Nun, Teich ist vielleicht ein bisschen zu viel gesagt: Bei dem Biotop gleich neben unserer Haustür handelt es sich um einen mit Teichfolie ausgelegten Tümpel im Miniaturformat. Da trifft es sich gut, dass es sich bei den Bewohnern um eine Goldfischvariante im Zwergenformat handelt – die sind zum Glück sehr genügsam. Immerhin besitzt die Pfütze einen munter sprudelnden Springbrunnen, was seine Wirkung auf Besucher nicht verfehlt. Ich beobachtete einmal den Päckchenmann, der nach dem Ablegen seiner Lieferung einen Moment lang vor dem Teich stehenblieb und die Wasserspiele verwundert betrachtete.
Springbrunnen hin oder her – die kleine Pumpe mit einem Schwamm am Einzugsrohr mag das Wasser etwas sauerstoffreicher machen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass die Fische immer in derselben Brühe schwimmen müssen. Neuerdings sammeln wir immer Regenwasser, und in Trockenzeiten verdünnen wir die Fischsuppe regelmäßig, aber im vorigen Herbst waren wir noch nicht so schlau. Als der Wasserstand nach etlichen warmenHerbsttagen bedrohlich abgefallen war, füllte ich einfach mit Leitungswasser nach. Das war ein Fehler, wie sich schnell herausstellte: Unser Leitungswasser ist ziemlich stark gechlort. Am nächsten Tag schwamm einer der Fische kieloben. Und ich hatte ein tierisch schlechtes Gewissen.
Solche Dinge passieren, wenn man überraschend zum Haustierbesitzer wird. Wir büßten später noch einen weiteren Fisch ein, aber diesmal richtete sich der Verdacht gegen die verwilderten Katzen, die unserem Fischteich gelegentlich einen Besuch abstatteten: Bei ihm fehlte nämlich schon ein Stück, als ich ihn aus dem Wasser entfernte. Die anderen Fische hingegen gediehen prächtig, und mit dem herannahenden Winter stellte sich die Frage: Was tun?
Meine Recherchen ergaben schnell, dass man Gartenfische nicht einfach in ein Aquarium verpflanzen kann – wie gesagt, wir hatten auch gar keins. Dass Goldfische genügsam sind, wussten wir inzwischen schon. Ist der Teich tief genug, können sie theoretisch sogar im Freien überwintern, aber in unserem Fall war das natürlich ausgeschlossen: So eine Pfütze ist ganz schnell komplett gefroren, Fische inklusive. Ich hatte die Vorbesitzerin übrigens noch gefragt, wie man diese Sorte Fische überwintert. Worauf sie erst ein bisschen verlegen wurde und dann sinngemäß antwortete: „Wissen Sie, die kosten ja nur ein paar Cents... Sie fangen einfach im Frühjahr wieder von vorne an.“ FISCHSTÄBCHEN? Also, das kam überhaupt nicht in Frage. Wenigsten wollten wir es auf einen Versuch ankommen lassen.
Am ehesten, so überlegten wir, ließen sich die Fische wohl in der Garage über den Winter bringen. Nachdem wir kein Garagenmonster mehr besaßen, hatten wir auch noch ein bisschen Platz übrig, und so fuhren wir in den Supermarkt und kauften eine große Plastikwanne. Mein Mann fischte die Fische mit einem löchrigen Kescher, der sich bei den Fischutensilien befunden hatte, einzeln aus dem Teich, und dann kamen sie mit einer ausreichenden Menge Fischwasser in die Wanne. Ein kleine Pumpe wurde auch noch erstanden, mittels Saugnapf an einem Stein befestigt und in der Wanne versenkt. Wir schlossen den Goldfisch-Whirlpool an die Steckdose in der Garage an, und das Ganze fing fröhlich an zu sprudeln. Dann fuhren wir für ein paar Tage nach Florida.
Als wir aus dem Urlaub zurückkamen, waren zu unserer Überraschung alle noch am Leben. Wenn man mit der Taschenlampe in die Wanne leuchtete, konnte man sie sehen – sie hatten sich in eine Ecke verzogen und schienen zu schlafen. Das taten sie auch weiterhin; insgesamt dümpelten sie an die vier Monate in ihrer Wanne. Zu fressen bekamen sie nur etwas, wenn es zwischendurch aufwärmte und sie aktiv wurden. In den ersten Frühjahrstagen kippten wir die inzwischen ziemlich trübe Brühe wieder in den Teich zurück. Und nicht nur das: Wir kauften ein Tongefäß mit seitlichen Löchern, wie man es für Gewürzpflanzen benutzt, und legten es so in den Teich, dass die Fische rein- und rausschwimmen können. Das taten sie schon nach wenigen Minuten. Ich weiß nicht, ob Fische begeistert sein können, aber irgendwie wirkten sie so. Auch Fische brauchen eine Eigentumswohnung.
Inzwischen sind ein paar Monate vergangen, wir haben uns an die neue Wohnung gewöhnt, und die Fische fressen uns aus der Hand. Sie müssen nun auch nicht mehr befürchten, als tiefgefrorene Fischstäbchen zu enden.
In der Garage riecht es allerdings immer noch leicht fischig. Daran wird wohl nichts mehr zu ändern sein.
Saturday, June 30, 2012
The Wrong People Die
„So frequently the wrong people die.“
Talkshow-Moderator DICK CAVETT zum Tode von Nora Ephron (19. Mai 1941 – 26. Juni 2012). Recht hat er. Allerdings ist eine Schriftstellerin ihres Schlages ohnehin unsterblich, und sei es nur wegen einer einzigen Zeile: „I'll have what she's having.“
Talkshow-Moderator DICK CAVETT zum Tode von Nora Ephron (19. Mai 1941 – 26. Juni 2012). Recht hat er. Allerdings ist eine Schriftstellerin ihres Schlages ohnehin unsterblich, und sei es nur wegen einer einzigen Zeile: „I'll have what she's having.“
Friday, June 29, 2012
Wer hat's erfunden?
„Congratulations to Mitt Romney! His signature contribution to American life, devising a health plan that became a model for the only major Western democracy without medical care for nearly all of its citizens, has been upheld. […]
Now Romney has no choice but to run against himself. […] To please a Republican Party that waves its gnarled fists at progress, Romney promises, crosses his heart and swears on his mother’s grave that he will repeal Obamacare on Day 1 of his presidency.“
TIMOTHY EGAN auf dem Kommentar-Blog der „New York Times“ zur gestrigen Entscheidung des Obersten Gerichtes der USA, die Gesundheitsreform von Präsident Obama aufrechtzuerhalten.
Now Romney has no choice but to run against himself. […] To please a Republican Party that waves its gnarled fists at progress, Romney promises, crosses his heart and swears on his mother’s grave that he will repeal Obamacare on Day 1 of his presidency.“
TIMOTHY EGAN auf dem Kommentar-Blog der „New York Times“ zur gestrigen Entscheidung des Obersten Gerichtes der USA, die Gesundheitsreform von Präsident Obama aufrechtzuerhalten.
Monday, June 4, 2012
Zur Sache, Wortschätzchen
Die Orthografie des Englischen ist nicht phonetisch begründet, sondern etymologisch. Was im Klartext bedeutet, dass viele Wörter im heutigen Englisch immer noch so geschrieben werden wie sie im Mittelalter ausgesprochen wurden. Für Laien – und seien sie englische Muttersprachler – ist die Beziehung zwischen geschriebenem und gesprochenem Wort oft nur schwer erkennbar. Leider wird über diesen Sachverhalt in Schulen nur ungenügend aufgeklärt; ich bin sogar fest davon überzeugt, die abenteuerliche Diskrepanz zwischen Aussprache und Schreibweise im Englischen wird bewusst vertuscht, um kleine Kinder nicht zu erschrecken. Ich habe schon erwachsene Amerikaner große Augen machen sehen, wenn ich die Wörter noose und nose auf eine Tafel schrieb und darunter dann loose und (to) lose. Noch Fragen?
Die Rechtschreibung im Englischen ist Glückssache, wie sich etwa bei meinen Studenten laufend zeigt – die schreiben bespielsweise das Wort für „mittelalterlich“ ganz unbekümmert phonetisch. Statt medieval kommt dann etwas heraus, was man als das „mittlere Übel“ übersetzen könnte. So ein Pech aber auch. Man könnte nun darüber philosphieren, wie man medieval wohl im Mittelalter ausgesprochen hätte... Kleiner Scherz.
Anyway. Wer daraus nun schlussfolgert, die Rechtschreibung stünde bei den Amerikanern generell in geringem Ansehen, liegt falsch. Das Gegenteil ist der Fall: Jährlich werden in den USA unzählige Buchstabierwettbewerbe für Kinder ausgetragen, von der lokalen bis zur nationalen Ebene. Und über die Gewinner eines sogenannten spelling bee wird in der Presse ausführlich berichtet. In diesem Jahr machte eine Sechsjährige namens Lori Anne Madison von sich reden, die jüngste Teilnehmerin am nationalen Wettbewerb aller Zeiten. Ihr Lieblingswort? Das deutsche Fremdwort sprachgefuhl, das sie nach Zeitungsberichten vorwärts wie rückwärts buchstabieren kann.
Das gab mir zu denken. Eines meiner persönlichen Lieblingswörter im Deutschen ist zwar „Wortschatz“, aber „Sprachgefühl“ ist auch etwas Wunderbares. Dank diverser Rechtschreibreformen – ich meine das ganz ohne Ironie! – ist die deutsche Orthografie wenigstens halbwegs phonetisch, oder vielmehr phonemisch. In Deutschland gelten Diktate deswegen auch nicht als Nationalsport, wie etwa bei den Franzosen. Aus gutem Grund: „The French pronounce hardly any letter“, sagte meine Kollegin Dikka Berven kürzlich bei einer Preisvergabe, um die Leistung ihrer Studenten beim französischen Diktat herauszustreichen. Mein Tipp: Wer ein anderes Hobby bevorzugt, sollte einfach das Fach wechseln. „Wir sprechen alles aus!“, erkläre ich meinem Anfängerkurs in der allerersten Stunde und gratuliere den Studenten zu ihrer Entscheidung. Statt sich mit einer spitzfindigen Orthografie herumzuplagen, können sie sich weitaus Interessanterem widmen, etwa den Finessen der deutschen Satzkonstruktion. Und dafür braucht man – voilà – vor allem eines: Sprachgefühl.
Aber so ein Sprachgefühl muss sich erst einmal entwickeln, und das ist ein selbstverständlich ein längerer Prozess. Wenn die Studenten motiviert werden können, dem Klang der Sprache zu lauschen und sich gleichzeitig Wortbilder einzuprägen, kommt dieser Prozess aber wie von selbst in Gang. Die Wahl eines deutschen Lieblingswortes hilft dabei ungemein. Ich mache das gerne mit den Studenten im zweiten Jahr: Im vergangenen Wintersemester konnten sie nicht nur ihre Wortschätzchen einreichen – es gab auch einen Buchpreis zu gewinnen. Und dann wurde gewählt. Wichtig ist, dass die Studenten nicht für ihren eigenen Vorschlag stimmen dürfen, denn sonst kommt kein vernünftiges Ergebnis zustande. Und das waren die Top Ten aus rund 30 Vorschlägen:
Die Rechtschreibung im Englischen ist Glückssache, wie sich etwa bei meinen Studenten laufend zeigt – die schreiben bespielsweise das Wort für „mittelalterlich“ ganz unbekümmert phonetisch. Statt medieval kommt dann etwas heraus, was man als das „mittlere Übel“ übersetzen könnte. So ein Pech aber auch. Man könnte nun darüber philosphieren, wie man medieval wohl im Mittelalter ausgesprochen hätte... Kleiner Scherz.
Anyway. Wer daraus nun schlussfolgert, die Rechtschreibung stünde bei den Amerikanern generell in geringem Ansehen, liegt falsch. Das Gegenteil ist der Fall: Jährlich werden in den USA unzählige Buchstabierwettbewerbe für Kinder ausgetragen, von der lokalen bis zur nationalen Ebene. Und über die Gewinner eines sogenannten spelling bee wird in der Presse ausführlich berichtet. In diesem Jahr machte eine Sechsjährige namens Lori Anne Madison von sich reden, die jüngste Teilnehmerin am nationalen Wettbewerb aller Zeiten. Ihr Lieblingswort? Das deutsche Fremdwort sprachgefuhl, das sie nach Zeitungsberichten vorwärts wie rückwärts buchstabieren kann.
Das gab mir zu denken. Eines meiner persönlichen Lieblingswörter im Deutschen ist zwar „Wortschatz“, aber „Sprachgefühl“ ist auch etwas Wunderbares. Dank diverser Rechtschreibreformen – ich meine das ganz ohne Ironie! – ist die deutsche Orthografie wenigstens halbwegs phonetisch, oder vielmehr phonemisch. In Deutschland gelten Diktate deswegen auch nicht als Nationalsport, wie etwa bei den Franzosen. Aus gutem Grund: „The French pronounce hardly any letter“, sagte meine Kollegin Dikka Berven kürzlich bei einer Preisvergabe, um die Leistung ihrer Studenten beim französischen Diktat herauszustreichen. Mein Tipp: Wer ein anderes Hobby bevorzugt, sollte einfach das Fach wechseln. „Wir sprechen alles aus!“, erkläre ich meinem Anfängerkurs in der allerersten Stunde und gratuliere den Studenten zu ihrer Entscheidung. Statt sich mit einer spitzfindigen Orthografie herumzuplagen, können sie sich weitaus Interessanterem widmen, etwa den Finessen der deutschen Satzkonstruktion. Und dafür braucht man – voilà – vor allem eines: Sprachgefühl.
Aber so ein Sprachgefühl muss sich erst einmal entwickeln, und das ist ein selbstverständlich ein längerer Prozess. Wenn die Studenten motiviert werden können, dem Klang der Sprache zu lauschen und sich gleichzeitig Wortbilder einzuprägen, kommt dieser Prozess aber wie von selbst in Gang. Die Wahl eines deutschen Lieblingswortes hilft dabei ungemein. Ich mache das gerne mit den Studenten im zweiten Jahr: Im vergangenen Wintersemester konnten sie nicht nur ihre Wortschätzchen einreichen – es gab auch einen Buchpreis zu gewinnen. Und dann wurde gewählt. Wichtig ist, dass die Studenten nicht für ihren eigenen Vorschlag stimmen dürfen, denn sonst kommt kein vernünftiges Ergebnis zustande. Und das waren die Top Ten aus rund 30 Vorschlägen:
- der Schöpflöffel
- der Dudelsack
- das Edelweiß
- die Geschwindigkeitsbegrenzung
- das Drachenfliegen
- die Schadenfreude
- das Eichhörnchen
- der Einkaufswagen
- das Larifari
- die (Zahl) Neunhundertneunundneunzig
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