Sunday, December 9, 2012

Brubeck, And All that Jazz

„Brubeck, who died last week one day short of his 92nd birthday, wasn’t my first love in jazz, yet I have come to see him as a genius whose music gets more interesting as it’s heard again and again. I have a hunch that my own discovery of the power of jazz — my awakening came courtesy of Miles Davis in his ,Kind of Blue‘ and ,Seven Steps to Heaven‘ period — parallels the experience of so many who have come under its spell. It’s the exceptional American music that we will keep coming back to.

,Kind of Blue‘ led inevitably to an engagement with Davis’s brilliant collaborators: John Coltrane, Cannonball Adderley, Bill Evans, Herbie Hancock and Tony Williams. They are among the architects of our distinctly American contribution to music.“

E.J. DIONNE in einem sehr persönlich gefärbten Nachruf auf Dave Brubeck in der „Washington Post“. Ich fand das bemerkenswert, weil es ungefähr den Weg beschreibt, wie auch ich zum Jazz fand. Es war eine späte Liebe — ich sah Jazz lange als eine verpasste Gelegenheit an. Obwohl mir etwa Brubeck und „Take Five“ aus dem Album „Time Out“ irgendwie immer ein Begriff war. Aber erst das andere wichtige Album des unvergleichlichen Jazz-Jahrganges 1959 brachte dann den Anstoß, mich mit dieser Musik näher zu befassen: ,Kind of Blue‘ war der Kristallisationspunkt.

Saturday, November 10, 2012

Ein furchtbar langes Wahljahr

Vor Jahr und Tag hat alles angefangen – genauer gesagt, vor einem Jahr und einem Tag. Am 9. November 2011 war die Vorwahldebatte der Republikaner an der Oakland University. Damals waren noch acht Teilnehmer im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur, auf die aber Mitt Romney schon immer ein Naturrecht hatte. Da waren zum Beispiel Newt Gingrich und Hermann Cain und – ähm – wie hieß er noch gleich? Upps! Rick Perry war das. Und dann waren’s nur noch sieben.

Der Abend, der eine gefühlte Ewigkeit her ist, war zumindest für mich der offizielle Auftakt für den Wahlkampf. Es dauerte dann noch eine ganze Weile, bis Mitt Romney seine Kandidatur endlich schriftlich hatte. Es wurde Sommer, es wurde heiß; man schwitzte und war unleidig. Alles zog sich. So richtig in die Gänge kam der Wahlkampf erst im September. Das Video mit der Wählerbeschimpfung durch Mitt Romney tauchte auf: Darin schmähte er die „47 Prozent der Menschen“, die keine Einkommenssteuer zahlen und sowieso Barack Obama wählen würden. Abzocker! Und dann waren da noch die beiden Parteitage, wobei von der Kappensitzung der Republikaner nur der Auftritt von Clint Eastwood im Gedächtnis hängen blieb: Da stand ein alter Mann auf der Bühne und versuchte, mit einem leeren Stuhl Streit anzufangen. Erstaunlich. Das lustig-bunte Völkchen bei der Konkurrenzveranstaltung der Demokraten war da schon in besserer Stimmung.

Bis zur Debatte Nummer eins. Ojeh. Bestürzung im Demokratenlager. Triumphgeheul auf der anderen Seite. Mediengefeixe. Aber dann kam Hurrikan Sandy. Als das Wasser wieder abgelaufen und die katastrophale Verwüstung sichtbar geworden war, sahen sich ein dicker und dünner Mann gemeinsam die Bescherung an. Arm in Arm am Jersey Shore. Der Dicke war Chris Christie, Governeur des hart getroffenen Bundesstaates New Jersey, und der andere war der Präsident. Der Beginn einer wunderbaren Bromance, die bis heute hohe Wellen schlägt.

Es war ein langes Jahr, und am Wahlabend ging dann irgendwie doch alles ganz schnell. Heute wurde noch bekannt, dass Obama auch Florida knapp gewonnen hat. Hut ab vor denen, die stundenlang vor den Wahllokalen Schlange gestanden hatten, um ihre Stimme abzugeben. Das waren die 47 Prozent, und dann noch ein paar mehr.

Friday, November 9, 2012

Jubel auf dem Campus

Am späten Dienstagabend, kurz nach 23 Uhr Ostküstenzeit, ertönte ein Jubelschrei über den Campus, berichtet „The Michigan Daily“, die Unizeitung aus Ann Arbor. Das war der Moment, in dem die Nachrichtensender den Wahlsieg von Präsident Obama verkündeten. In der Tübinger US-Partnerstadt hatten viele Studenten am Wahlabend grüppchenweise die Auszählung im Fernsehen verfolgt. Als der Wahlausgang feststand, habe sich Erleichtung breit gemacht, schreibt das Uniblatt weiter. Hunderte von Studenten versammelten sich daraufhin spontan auf dem „Diag“, dem zentralen Platz auf dem Unigelände, um Obamas Wiederwahl zu feiern. 2008 war das schon ähnlich gewesen.

Wie in Ann Arbor zeigte sich landesweit, dass es der Obama-Kampagne tatsächlich gelungen war, eine neue Generation von Jungwählern zu mobilisieren – ein entscheidender Faktor bei der Wahl, die dem Demokraten Obama eine zweite vierjährige Amtszeit beschert. Dass er in Ann Arbor punkten kann, war allerdings nie die Frage: In der traditionell demokratischen Tübinger Partnerstadt erhielt der Präsident 67 Prozent der Stimmen. Spannender war, wie die Wahl im Michigan insgesamt ausgehen würde – dem Bundesstaat fiel als „Swing State“ eine wahlentscheidende Rolle zu. Nun, Barack Obama gewann ihn mit 51 Prozent und schnitt somit noch einen halben Prozentpunkt höher ab als im Landesdurchschnitt.

Das Ergebnis mag auf den ersten Blick überraschen, denn der unterlegene republikanische Kandidat Mitt Romney kommt ursprünglich aus Michigan, und sein Vater war sogar Gouverneur im Bundesstaat. Aber Michigan ist auch die Heimat der US-Automobilindustrie, die im Krisenjahr 2009 vor dem Bankrott stand und nur durch eine vorübergehende Verstaatlichung gerettet werden konnte – eine der ersten Amtsaktionen von Präsident Obama, die rund eine Million direkt und indirekt von der Autoindustrie abhängiger Arbeitsplätze sicherte. Sein Herausforderer Romney hatte diese staatliche Intervention aber stets abgelehnt und bis zuletzt im Wahlkampf schlecht geredet. Bei der Bevölkerung war das wohl nicht so gut angekommen, übrigens genau wie im benachbarten Ohio, einem weiteren Schlüsselstaat mit viel Industrie, der an Obama ging.

Wednesday, November 7, 2012

A Vote for Change

„President Obama’s reelection, ironically, isn’t about hope and change. The hope is largely gone, but the changes are already happening.

The Affordable Care Act — the single most significant bill of Obama’s first term — is law. It’s law that mostly won’t go into effect until 2014, but it’s law nevertheless. Mitt Romney’s key campaign promise was that, on day one, he’d begin working to pass a new law that would repeal it. But Obama doesn’t have to do anything to make health reform happen. […] Obama’s reelection is all that was required to for the United States of America to join every other industrialized country in having a universal — or at least very near-to-universal — health-care system.“

EZRA KLEIN auf dem „Wonkblog“ der „Washington Post“, veröffentlicht kurz nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses. Seine Schlussfolgerung: Die erste Wahl war noch für „Hope“, aber die Wiederwahl garantiert erst den „Change“.

Tuesday, November 6, 2012

Breaking

„Four more years.“

BARACK OBAMA auf Twitter.

Saturday, November 3, 2012

US-Wahlen: Klinken putzen für Obama

Der Mann mit dem Obama-T-Shirt erkennt mich sofort wieder. „Natürlich – wir haben vor vier Jahren miteinander gesprochen!“, sagt Adrian Cleypool, und er weiß auch, dass er damals in einem Artikel vorkam, sogar mit Bild. Klar hat das mitgekriegt: Der 67-jährige politische Aktivist wohnt in Chelsea in der Nähe von Ann Arbor, Tübingens US-Partnerstadt, und auf die privaten Nachrichtenkanäle zwischen den Sister Cities war noch immer Verlass. Wie vor der vergangenen Wahl hat Cleypool auch diesmal einen Stand auf dem Wochenmarkt, wo er Obama-Artikel aus Eigenproduktion feilbietet: Neben bedruckten Leibchen gibt’s Anstecker und vor allem Autoaufkleber aus Vinyl – „die gehen leicht wieder ab“, versichert er einem Kunden.

Wahlherbst in Ann Arbor. Auf dem Markt dominieren dicke orangefarbene Kürbisse für Halloween-Dekorationen, ein scharfer Wind fegt Laub durch die Straßen, und auf den Bürgersteigen drängen sich fröhliche junge Menschen in seltsam uniformer Kleidung. Fast alle tragen blaue Sachen mit einem gelben „M“ auf Brust oder Rücken. Das ist nun allerdings keine politische Botschaft, sondern eine sportliche – Studenten der lokalen University of Michigan tun so ihre Unterstützung fürs universitäre Football-Team kund. Sogar an einem Samstag, an dem „Michigan“ auswärts spielt. Politik haben sie eher nicht im Kopf. Und genau deswegen macht sich Yonah Lieberman ein bisschen Sorgen.

Yonah Lieberman ist 20 Jahre alt, kommt aus Washington D.C. und studiert in Ann Arbor Geschichte im Hauptfach. Ich treffe ihn im Obama-Wahlbüro unweit des Marktes im Yonah Lieberman © Cornelia SchaibleStadtviertel Kerrytown, wo ein liebevoll handgemaltes Schild mit dem Wahlkampf-Logo des Amtsverteidigers den Weg weist: „Volunteer Here“, steht da, „Hier freiwillig melden“. Das Büro der demokratischen Partei koordiniert die ehrenamtlichen Wahlhelfer, die dann entweder zum Telefon greifen oder sich selbst auf den Weg machen. Yonah Lieberman bevorzugt den persönlichen Kontakt: „Ich habe heute an 56 Türen geklopft“, erklärt er stolz.

Der junge Mann wirkt ähnlich aufgekratzt wie die Gleichaltrigen im Straßenbild der Unistadt, denen die Begeisterung übers coole Studentenleben auch nach acht Wochen Herbstsemester noch ins Gesicht geschrieben steht. Bei Lieberman hat der Enthusiasmus aber andere Gründe: „Ich kann zum ersten Mal wählen – ich meine, den Präsidenten!“, sagt er freudestrahlend. Bei den Kongresswahlen 2010 habe er zwar auch schon abgestimmt; in den USA ist man mit Vollendung des 18 Lebensjahres wahlberechtigt. Aber jetzt könne er endlich Obama wählen. Was ihn am derzeitigen US-Präsidenten so beeindruckt? „Obama steht für Chancengleichheit“, sagt er und wirkt auf einmal ernst. Wäre Romney Präsident, würde er alles unterminieren, was Obama erreicht hat.

„Alles“ – damit meint Yonah Lieberman vor allem Obamas Gesundheitsreform. Obwohl wesentliche Teile des Gesetzes, etwa die allgemeine Krankenversicherungspflicht, erst in den kommenden Jahren in Kraft treten, profitieren gerade Studenten bereits jetzt davon: Sie können bis zum Alter von 26 Jahren bei ihren Eltern mitversichert sein. Früher hatten viele Studenten entweder keine Krankenversicherung oder einen so hohen Eigenanteil, dass sie den Arztbesuch scheuten.

Ungeachtet der Tatsache, dass Romney während seiner Amtszeit als Gouverneur von Massachusetts von 2002 bis 2006 eine allgemeine Krankenversicherung einführte, die später als Blaupause für Obamas Gesundheitsreform diente, gehört es zu seinen Wahlversprechungen, „Obamacare“ sofort nach Amtsantritt abzuschaffen. Wissen das die jungen Leute nicht? Während Obama vor vier Jahren die Jungwähler noch in Massen mobilisieren konnte, scheint in diesem Jahr das Interesse gering. Auf die Frage, warum das so ist, hat Lieberman eine überraschende Antwort parat: „Die denken, er gewinnt sowieso!“

Nun, in Ann Arbor könnte man schon den Eindruck bekommen, dass Herausforderer Mitt Romney gegen den Titelverteidiger keine Chance hat – die Tübinger Partnerstadt ist eine Demokraten-Hochburg, und vor vier Jahren holte Obama 83 Prozent der Stimmen. Ein Heimspiel also? Aber nur wenn die Leute Wegweiser zum Obama-Wahlbüro in Ann Arbor © Cornelia Schaibletatsächlich wählen gehen, sagt Yonah Lieberman, und um sie dazu zu bringen, gehe er von Tür zu Tür. Den Wahlausgang sieht er „vorsichtig optimistisch“.

Je mehr Leute am 6. November wählen gehen, desto besser ist das Wahlergebnis für die Demokraten, glaubt auch Pat Honton. Sie ist bei der demokratischen Partei in Washtenaw County, dem Landkreis von Ann Arbor, für die Sichtbarkeit der Kampagne zuständig – was im Klartext bedeutet, dass sie das offizielle Werbematerial für Obama unters Volk bringt. Dazu gehören etwa Schildchen, die man in den Rasen im Vorgarten stecken kann, oder die obligatorischen Aufkleber. Auf einem steht: „Bin Laden is dead and General Motors is alive – Osama bin Laden ist tot und General Motors lebt.“

Der Spruch, der angeblich von Vizepräsident Joe Biden stammt, ist eine Kurzfassung von Obamas Amtszeit. Vor allem die zweite Hälfte müsste dem Präsidenten im Autostaat Michigan eine satte Mehrheit garantieren, so könnte man jedenfalls denken: Denn Romney lehnte die staatliche Rettung der US-Automobilindustrie, die noch von Obamas Vorgänger George W. Bush angeschoben wurde, kategorisch ab. „Lasst Detroit bankrott gehen“, schrieb Romney in einem Meinungsartikel am 18. November 2008 in der „New York Times“ – das war zwei Monate vor der Amtsübernahme von Barack Obama. Der neue Präsident ignorierte solche Ratschläge und schleuste General Motors und Chrysler durch ein beschleunigtes Insolvenzverfahren, außerdem segnete er den Zusammenschluss von Chrysler mit Fiat ab. Mit Erfolg: GM hat ein erstaunliches Comeback erlebt und ist dank des Wachstumsmarktes in China wieder weltgrößter Autohersteller. Bei Chrysler läuft es ebenfalls rund, und an verschiedenen US-Standorten werden zusätzlich Leute eingestellt.

Viele Wähler haben indessen ein kurzes Gedächtnis: „The Detroit News“, eine der beiden Tageszeitungen der nordöstlich von Ann Arbor gelegenen Autometropole, sprach eine Wahlempfehlung für Mitt Romney aus. Kann er so schaffen, was seinem Vater George Romney, dem einstigen Gouverneur von Michigan, nicht gelungen war, nämlich Präsident der Vereinigten Staaten zu werden? Das ist zu bezweifeln. Den Umfragen zufolge liegt immer noch Obama knapp vorn – nicht nur in Michigan, auch in anderen wahlentscheidenden Bundesstaaten.

Sicher ist allerdings, dass Präsident Obama viel von der Strahlkraft des Kandidaten Obama eingebüßt hat – er ist in den vergangenen vier Jahren ergraut. Und oft sieht er müde aus, und zwar nicht nur, wenn er mit Naturkatastrophen zu tun hat wie jüngst mit dem zerstörerischen Hurrikan „Sandy“. Ein gewisser Verschleiß sei eben unvermeidbar, sagt Adrian Cleypool, und er deutet auf seine ziemlich abgenutzte Baseballkappe mit dem Obama-Logo, die er am Tag der Inauguration bekommen hat. Mit dem Präsidentenamt verhalte es sich ähnlich. Aber er sei trotzdem zuversichtlich, dass es Obama noch einmal schaffen werde.

Friday, October 12, 2012

Rock & Republicans

Die Band der gastgebenden Oakland University spielte „We Will Rock You“. Das fand ich lustig, jedenfalls als Auftakt einer Wahlveranstaltung der Republikaner. Die allermeisten Besucher des Events am Montag, das auf dem Ticket als „Victory Rally with Paul Ryan & the GOP Team, MI“ angekündigt war, sahen jedenfalls nicht aus, als ob sie Fans von Queen und Freddie Mercury wären. Aber man kann sich täuschen – die Vorliebe für eine bestimmte Musikrichtung prägt nicht automatisch ein Weltbild, das man gemeinhin damit verbindet.

Nehmen wir zum Beispiel einmal Paul Ryan. Der Vize von Präsidentschaftskandidat Mitt Romney hat sich als Kongressabgeordneter vor allem dadurch hervorgetan, dass er einen Etatentwurf mit drastischen Kürzungen bei Sozialleistungen für arme und alte Menschen vorlegte; Reiche sollen dafür massive Steuergeschenke erhalten. Die klassische Umverteilung von unten nach oben. Aber was sollte man von einem Fan von Ayn Rand, der selbst seinen Mitarbeitern die Lektüre der Egoistenbibel „Atlas Shrugged“ ans Herz legte, auch anderes erwarten. Als ihn Romney ins Rampenlicht holte, wurden auch Ryans musikalische Präferenzen publik: Ryan outete sich unter anderem als Fan der Rockband Rage against the Machine. Dass er damit bei der Band auf wenig Gegenliebe stieß, wurde spätestens klar, als Rage-Gitarrist Tom Morello im „Rolling Stone“ einen beißenden Artikel über die Ahnungslosigkeit des neuen Politstars verfasste. Zitat: „He is the embodiment of the machine that our music has been raging against!”

Die GOP tut sich traditionell schwer mit der Beschallung ihrer Wahlveranstaltungen – so untersagten etwa die Foo Fighters, John Mellencamp und Boston vor vier Jahren dem Kandidaten John McCain, ihre Musik zu benutzen. Ein paar Musiker gibt es indessen, die freiwillig die KonservativenPaul Ryan herzt Kid Rock © Cornelia Schaible rocken. Der Präsident mag den „Boss“ verpflichtet haben (Bruce Springsteen schrieb für Barack Obama einen Wahlkampfsong), aber der bevorzugte Polit-Rocker der Republikaner hat ebenfalls geeignetes Liedgut auf Lager. Und durch die O’Rena, die Sporthalle der Oakland University, röhrt schon bald: „Born Free.“

Na ja, Kid Rock verkörpert die „Family Values“ der Republikaner vielleicht nicht ganz perfekt, aber die GOP war in dieser Hinsicht stets flexibel. Immerhin erschien der Rocker aus Detroit höchstpersönlich, um Paul Ryan anzukündigen. Dass er (wohl als Entschuldigung an Fans mit anderer politischer Ausrichtung gedacht) etwas Nettes über Obama sagte, war jedoch sicher nicht mit den Veranstaltern abgesprochen: Er sei stolz darauf, dass Amerika seinen ersten schwarzen Präsidenten gewählt habe, sagte der Musiker. „I’m sorry he didn’t do a better job.“

Den Amtsinhaber herunterzumachen, das besorgte dann schon Paul Ryan selbst. Gemessen an dem ganzen Hype um seine Person fand ich ihn jedoch ziemlich blass und insgesamt underwhelming. Der Tea-Party-Liebling ist einfach ein rechter Apparatschik, der die Axt an den Sozialstaat legen möchte. Er verkörpert allerdings wunderbar das bekannte republikanische Paradox, das sich in der Frage zusammenfassen lässt: Wenn jemand so vehement den Staat und alle seine Einrichtungen bekämpft, warum strebt er dann überhaupt ein Regierungsamt an?

Zum Schluss intonierte die Uni-Band noch einmal „We Will Rock You“. Wenigstens war es nicht „We Are the Champions“.

Thursday, October 4, 2012

He Blew It


„This looks to me like a classic case of overconfidence. Obama had a chance to put this thing away tonight. But he blew it. I could have done a better job. Let's hope that when the next polls start to show a dead heat, that he will pay attention and be better prepared next time. Or we're all screwed.“

KOMMENTAR von „imhumanru“ auf „salon.com“ zum Artikel „Those old Obama Debate Blues“ von Joan Walsh. Ja, das hat er gründlich vermasselt.

Tuesday, August 14, 2012

Fotos von meiner Festplatte – In Ruhe Zeitung lesen

Newspaper Reader © Cornelia Schaible
Der Alte mit dem Hütchen, der so schelmisch hinter seiner Zeitung hervorgrinst, fiel mir im vergangenen Jahr bei der Woodward Dream Cruise auf. Er saß unter den Zuschauern am Straßenrand, und während die anderen nach interessanten Autos Ausschau hielten, hatte er nichts Besseres zu tun, als das Blatt über die Cruise vom Vortag zu lesen. Die Szene fiel mir merkwürdigerweise ein paar Mal wieder ein – vor allem dann, wenn ich lesen musste, dass wieder einmal eine Zeitung ihr Erscheinen eingestellt hatte. Was immer dazu führte, dass ich mich selbst ein bisschen schuldig fühlte: Schließlich las ich die Meldung online. Da nun am Wochenende wieder eine Dream Cruise ansteht (meine zehnte), beschloss ich, das Foto endlich zu veröffentlichen. Ich denke, dass man es kaum schöner illustrieren kann, was das heißt: in Ruhe Zeitung lesen. Während das Leben in Wirklichkeit weiterhin an einem vorbeibraust, gibt einem dieses Medium die schöne Illusion, dass die Ereignisse wenigstens vorübergehend zum Stillstand gekommen sind. Das Wichtigste steht in der Zeitung. Die Lektüre des druckfrischen Blattes gibt den Geschehnissen Raum und Zeit, sich zu entfalten. Sicher – auch die jungfräulichste Zeitung sieht schnell alt und zerlesen aus, und am nächsten Tag wickelt man Kohlköpfe darin ein. Aber es ist doch ein ganz anderer Umgang mit Information, als ständig den Refresh-Button der Online-Nachrichten zu klicken.

Sunday, August 12, 2012

The America that Paul Ryan Envisions

„Many millions of working-age Americans would lose health insurance. Senior citizens would anguish over whether to pay their rent or their medical bills, in a way they haven’t since the 1960s. Government would be so starved of resources that, by 2050, it wouldn’t have enough money for core functions like food inspections and highway maintenance. And the richest Americans would get a huge tax cut.

This is the America that Paul Ryan envisions. And now we know that it is the America Mitt Romney envisions.“

JONATHAN COHN von „The New Republic“ zu Mitt Romneys gestriger Entscheidung, den Kongressabgeordneten und Tea-Party-Liebling Paul Ryan zum republikanischen Vizekandidaten zu machen.

Thursday, August 2, 2012

Fischgeschichten

Wie kommt man zu Haustieren? Ganz einfach: Man kauft sich ein Haus. In unserem Fall war das eine Eigentumswohnung, und zu der gehörten ein Dutzend Fische. Nein, die Vorbesitzer hatten uns kein Aquarium hinterlassen – das gehörte nicht zum Überraschungspaket, mit dem der Kauf eines schon etwas älteren Condominiums am besten beschrieben werden kann. Der Uralt-Kühlschrank in der Garage, der irre viel Strom verbrauchte und vor allem die Umgebung heizte, gehörte eindeutig zu den weniger angenehmen Hinterlassenschaften, aber wir sind das Garagenmonster dann schnell losgeworden. Die Fischlein übernahmen wir hingegen gerne, und da war sogar noch eine Dose Fischfutter, die beim Einzug in einem der – ansonsten ausgeräumten – Küchenschränke stand.

Die Fische selbst schwammen bei unserem Einzug munter in ihrem Teich und warteten darauf, dass sie endlich wieder jemand fütterte. Nun, Teich ist vielleicht ein bisschen zu viel gesagt: Bei dem Biotop gleich neben unserer Haustür handelt es sich um einen mit Teichfolie ausgelegten Tümpel im Miniaturformat. Da trifft es sich gut, dass es sich bei den Bewohnern um eine Goldfischvariante im Zwergenformat handelt – die sind zum Glück sehr genügsam. Immerhin besitzt die Pfütze einen munter sprudelnden Springbrunnen, was seine Wirkung auf Besucher nicht verfehlt. Ich beobachtete einmal den Päckchenmann, der nach dem Ablegen seiner Lieferung einen Moment lang vor dem Teich stehenblieb und die Wasserspiele verwundert betrachtete.

Springbrunnen hin oder her – die kleine Pumpe mit einem Schwamm am Einzugsrohr mag das Wasser etwas sauerstoffreicher machen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass die Fische immer in derselben Brühe schwimmen müssen. Neuerdings sammeln wir immer Regenwasser, und in Trockenzeiten verdünnen wir die Fischsuppe regelmäßig, aber im vorigen Herbst waren wir noch nicht so schlau. Als der Wasserstand nach etlichen warmenHerbsttagen bedrohlich abgefallen war, füllte ich einfach mit Leitungswasser nach. Das war ein Fehler, wie sich schnell herausstellte: Unser Leitungswasser ist ziemlich stark gechlort. Am nächsten Tag schwamm einer der Fische kieloben. Und ich hatte ein tierisch schlechtes Gewissen.

Solche Dinge passieren, wenn man überraschend zum Haustierbesitzer wird. Wir büßten später noch einen weiteren Fisch ein, aber diesmal richtete sich der Verdacht gegen die verwilderten Katzen, die unserem Fischteich gelegentlich einen Besuch abstatteten: Bei ihm fehlte nämlich schon ein Stück, als ich ihn aus dem Wasser entfernte. Die anderen Fische hingegen gediehen prächtig, und mit dem herannahenden Winter stellte sich die Frage: Was tun?

Meine Recherchen ergaben schnell, dass man Gartenfische nicht einfach in ein Aquarium verpflanzen kann – wie gesagt, wir hatten auch gar keins. Dass Goldfische genügsam sind, wussten wir inzwischen schon. Ist der Teich tief genug, können sie theoretisch sogar im Freien überwintern, aber in unserem Fall war das natürlich ausgeschlossen: So eine Pfütze ist ganz schnell komplett gefroren, Fische inklusive. Ich hatte die Vorbesitzerin übrigens noch gefragt, wie man diese Sorte Fische überwintert. Worauf sie erst ein bisschen verlegen wurde und dann sinngemäß antwortete: „Wissen Sie, die kosten ja nur ein paar Cents... Sie fangen einfach im Frühjahr wieder von vorne an.“ FISCHSTÄBCHEN? Also, das kam überhaupt nicht in Frage. Wenigsten wollten wir es auf einen Versuch ankommen lassen.

Am ehesten, so überlegten wir, ließen sich die Fische wohl in der Garage über den Winter bringen. Nachdem wir kein Garagenmonster mehr besaßen, hatten wir auch noch ein bisschen Platz übrig, und so fuhren wir in den Supermarkt und kauften eine große Plastikwanne. Mein Mann fischte die Fische mit einem löchrigen Kescher, der sich bei den Fischutensilien befunden hatte, einzeln aus dem Teich, und dann kamen sie mit einer ausreichenden Menge Fischwasser in die Wanne. Ein kleine Pumpe wurde auch noch erstanden, mittels Saugnapf an einem Stein befestigt und in der Wanne versenkt. Wir schlossen den Goldfisch-Whirlpool an die Steckdose in der Garage an, und das Ganze fing fröhlich an zu sprudeln. Dann fuhren wir für ein paar Tage nach Florida.

Als wir aus dem Urlaub zurückkamen, waren zu unserer Überraschung alle noch am Leben. Wenn man mit der Taschenlampe in die Wanne leuchtete, konnte man sie sehen – sie hatten sich in eine Ecke verzogen und schienen zu schlafen. Das taten sie auch weiterhin; insgesamt dümpelten sie an die vier Monate in ihrer Wanne. Zu fressen bekamen sie nur etwas, wenn es zwischendurch aufwärmte und sie aktiv wurden. In den ersten Frühjahrstagen kippten wir die inzwischen ziemlich trübe Brühe wieder in den Teich zurück. Und nicht nur das: Wir kauften ein Tongefäß mit seitlichen Löchern, wie man es für Gewürzpflanzen benutzt, und legten es so in den Teich, dass die Fische rein- und rausschwimmen können. Das taten sie schon nach wenigen Minuten. Ich weiß nicht, ob Fische begeistert sein können, aber irgendwie wirkten sie so. Auch Fische brauchen eine Eigentumswohnung.

Inzwischen sind ein paar Monate vergangen, wir haben uns an die neue Wohnung gewöhnt, und die Fische fressen uns aus der Hand. Sie müssen nun auch nicht mehr befürchten, als tiefgefrorene Fischstäbchen zu enden.

In der Garage riecht es allerdings immer noch leicht fischig. Daran wird wohl nichts mehr zu ändern sein.
video

Saturday, June 30, 2012

The Wrong People Die

„So frequently the wrong people die.“

Talkshow-Moderator DICK CAVETT zum Tode von Nora Ephron (19. Mai 1941 – 26. Juni 2012). Recht hat er. Allerdings ist eine Schriftstellerin ihres Schlages ohnehin unsterblich, und sei es nur wegen einer einzigen Zeile: „I'll have what she's having.“

Friday, June 29, 2012

Wer hat's erfunden?

„Congratulations to Mitt Romney! His signature contribution to American life, devising a health plan that became a model for the only major Western democracy without medical care for nearly all of its citizens, has been upheld. […]

Now Romney has no choice but to run against himself. […] To please a Republican Party that waves its gnarled fists at progress, Romney promises, crosses his heart and swears on his mother’s grave that he will repeal Obamacare on Day 1 of his presidency.“

TIMOTHY EGAN auf dem Kommentar-Blog der „New York Times“ zur gestrigen Entscheidung des Obersten Gerichtes der USA, die Gesundheitsreform von Präsident Obama aufrechtzuerhalten.

Monday, June 4, 2012

Zur Sache, Wortschätzchen

Die Orthografie des Englischen ist nicht phonetisch begründet, sondern etymologisch. Was im Klartext bedeutet, dass viele Wörter im heutigen Englisch immer noch so geschrieben werden wie sie im Mittelalter ausgesprochen wurden. Für Laien – und seien sie englische Muttersprachler – ist die Beziehung zwischen geschriebenem und gesprochenem Wort oft nur schwer erkennbar. Leider wird über diesen Sachverhalt in Schulen nur ungenügend aufgeklärt; ich bin sogar fest davon überzeugt, die abenteuerliche Diskrepanz zwischen Aussprache und Schreibweise im Englischen wird bewusst vertuscht, um kleine Kinder nicht zu erschrecken. Ich habe schon erwachsene Amerikaner große Augen machen sehen, wenn ich die Wörter noose und nose auf eine Tafel schrieb und darunter dann loose und (to) lose. Noch Fragen?

Die Rechtschreibung im Englischen ist Glückssache, wie sich etwa bei meinen Studenten laufend zeigt – die schreiben bespielsweise das Wort für „mittelalterlich“ ganz unbekümmert phonetisch. Statt medieval kommt dann etwas heraus, was man als das „mittlere Übel“ übersetzen könnte. So ein Pech aber auch. Man könnte nun darüber philosphieren, wie man medieval wohl im Mittelalter ausgesprochen hätte... Kleiner Scherz.

Anyway. Wer daraus nun schlussfolgert, die Rechtschreibung stünde bei den Amerikanern generell in geringem Ansehen, liegt falsch. Das Gegenteil ist der Fall: Jährlich werden in den USA unzählige Buchstabierwettbewerbe für Kinder ausgetragen, von der lokalen bis zur nationalen Ebene. Und über die Gewinner eines sogenannten spelling bee wird in der Presse ausführlich berichtet. In diesem Jahr machte eine Sechsjährige namens Lori Anne Madison von sich reden, die jüngste Teilnehmerin am nationalen Wettbewerb aller Zeiten. Ihr Lieblingswort? Das deutsche Fremdwort sprachgefuhl, das sie nach Zeitungsberichten vorwärts wie rückwärts buchstabieren kann.

Das gab mir zu denken. Eines meiner persönlichen Lieblingswörter im Deutschen ist zwar „Wortschatz“, aber „Sprachgefühl“ ist auch etwas Wunderbares. Dank diverser Rechtschreibreformen – ich meine das ganz ohne Ironie! – ist die deutsche Orthografie wenigstens halbwegs phonetisch, oder vielmehr phonemisch. In Deutschland gelten Diktate deswegen auch nicht als Nationalsport, wie etwa bei den Franzosen. Aus gutem Grund: „The French pronounce hardly any letter“, sagte meine Kollegin Dikka Berven kürzlich bei einer Preisvergabe, um die Leistung ihrer Studenten beim französischen Diktat herauszustreichen. Mein Tipp: Wer ein anderes Hobby bevorzugt, sollte einfach das Fach wechseln. „Wir sprechen alles aus!“, erkläre ich meinem Anfängerkurs in der allerersten Stunde und gratuliere den Studenten zu ihrer Entscheidung. Statt sich mit einer spitzfindigen Orthografie herumzuplagen, können sie sich weitaus Interessanterem widmen, etwa den Finessen der deutschen Satzkonstruktion. Und dafür braucht man – voilà – vor allem eines: Sprachgefühl.

Aber so ein Sprachgefühl muss sich erst einmal entwickeln, und das ist ein selbstverständlich ein längerer Prozess. Wenn die Studenten motiviert werden können, dem Klang der Sprache zu lauschen und sich gleichzeitig Wortbilder einzuprägen, kommt dieser Prozess aber wie von selbst in Gang. Die Wahl eines deutschen Lieblingswortes hilft dabei ungemein. Ich mache das gerne mit den Studenten im zweiten Jahr: Im vergangenen Wintersemester konnten sie nicht nur ihre Wortschätzchen einreichen – es gab auch einen Buchpreis zu gewinnen. Und dann wurde gewählt. Wichtig ist, dass die Studenten nicht für ihren eigenen Vorschlag stimmen dürfen, denn sonst kommt kein vernünftiges Ergebnis zustande. Und das waren die Top Ten aus rund 30 Vorschlägen:
  1. der Schöpflöffel
  2. der Dudelsack
  3. das Edelweiß
  4. die Geschwindigkeitsbegrenzung
  5. das Drachenfliegen
  6. die Schadenfreude
  7. das Eichhörnchen
  8. der Einkaufswagen
  9. das Larifari
  10. die (Zahl) Neunhundertneunundneunzig
Die Studentin, die das Siegerwort „Schöpflöffel“ eingereicht hatte, begründete ihre Entscheidung folgendermaßen: „This one just sounds kind of funny to my ears. Both in how it’s pronounced and what it means. It’s fun to say.” Dem gibt es nichts hinzuzufügen.

Wednesday, May 23, 2012

A Church, Obsessed with Sex

„Gallup tested the morality of 18 issues, and birth control came out on top as the most acceptable, beating divorce, which garnered 67 percent approval […].

The poll appeared on the same day as headlines about Catholic Church leaders fighting President Obama’s attempt to get insurance coverage for contraception for women who work or go to college at Catholic institutions. The church insists it’s an argument about religious freedom, not birth control. But, really, it’s about birth control, and women’s lower caste in the church. […] And it’s about a church that is obsessed with sex in ways it shouldn’t be, and not obsessed with sex in ways it should be.

The bishops and the Vatican care passionately about putting women in chastity belts. Yet they let unchaste priests run wild for decades, unconcerned about the generations of children who were violated and raped and passed around like communion wine.“

Ich weiß nicht, ob das heute noch so ist, aber wenn man früher in Rottenburg am Neckar etwas in der Zeitung schrieb, was gegen den Bischof oder ganz allgemein gegen die Institution der katholischen Kirche ging, hieß es oft: „Es gab Bemerkungen.“ Das bedeutete, man sprach im Bischöflichen Ordinariat darüber. Über diese Kolumne in der heutigen „New York Times“ gab es bestimmt auch Bemerkungen – im Vatikan. Die irischstämmige und katholisch erzogene Journalistin MAUREEN DOWD nimmt neuerdings kein Blatt mehr vor den Mund.

Saturday, March 31, 2012

Der Wonnemonat März

Der März ist gekommen, die Bäume schlagen aus. Richtig?

Nun, auf manche US-Bundesstaaten mag diese leicht geänderte Version des deutschen Volksliedes zutreffen, in den meisten Jahren wenigstens. Michigan gehört allerdings nicht dazu – oder besser, gehörte nicht dazu. März, das war einmal Winter. Ein guter Teil der Schneebilder in meinen Fotobeständen entstand genau in dem Monat. In jüngster Zeit kamen allerdings keine mehr dazu, dafür gab es einfach zu wenig Winter.

Dafür war diesem März schon zwei Wochen lang Sommer, und zwar so richtig. Meine Studentinnen trugen bereits ihre kürzesten Shorts, und ich holte eine besonders leichte Jacke aus dem Schrank und ging zum ersten Mal in meinem Leben im März ohne Strümpfe. Für die jahreszeitlich eher angemessene Garderobe war es einfach viel zu heiß. Bereits an St. Patrick’s Day, der auf einen Samstag fiel, war es ungebührlich warm – die Straßen waren voll mit Menschen in seltsam grünen T-Shirts, die aus der irischen Sause ein sommerliches Fest mit Guinness machten. Normalerweise hätten sie noch eine Jacke darüber tragen müssen, aber die war dieses Mal überflüssig. Sonst gab es – naturgemäß – noch nicht viel Grün. Dafür viel Sonne.

Ein solcher frühreifer Sommer fühlt sich merkwürdig an, nicht zuletzt weil die Kulisse nicht stimmt. Die Natur vermag mit dem plötzlich Temperaturanstieg nicht Schritt zu halten, die Flora am Boden Wild Pear Tree © Cornelia Schaiblejedenfalls. Die Bäume schon eher. Hinter unserem Haus steht eine Holzbirne, die allerliebst unseren Balkon einrahmt. Zu den Freuden einer neuen Wohnung gehört auch, im ersten Zyklus der Jahreszeiten herauszufinden, was ums Haus herum so grünt und blüht. Mit dem Birnbaum hatte ich frühestens im Mai gerechnet. Überraschung! Insofern ist so eine Märzenblüte natürlich toll.

Trotzdem haftet diesen unzeitigen Sommertagen etwas erheblich Unstatthaftes oder Unziemliches an. Als bekäme man die Weihnachtsgeschenke schon lange vor Weihnachten. Es ist auch bereits wieder kälter geworden, und die Mädchen in ihren Hotpants frieren. Wahrscheinlich kann man die Holzbirnen, das Vogelfutter für den nächsten Winter, diesmal komplett abschreiben. Und das restliche Obst ebenfalls.

Wednesday, March 7, 2012

Uninspiring Candidate, Uninspiring Primary Season

„And much as the Romney campaign might wish otherwise, candidates are not iPods, capable of being easily restored to factory settings. Voters may not be fully engaged; their memories may be fleeting. Yet the lingering negative impressions remain of an uninspiring candidate in an uninspiring primary season.“

RUTH MARCUS heute in der Online-Ausgabe der „Washington Post“; „Lasting damage for Romney“ lautet der Titel ihres Kommentars.

Saturday, March 3, 2012

Mitt in Michigan: Nach der Wahl ist vor der Wahl

Kennen Sie den?

Ein Linker, ein Gemäßigter und ein Konservativer kommen in eine Bar. Der Barkeeper schaut auf und sagt: „Hallo, Mitt!“

Mitt, das ist Mitt Romney. Bis heute wird er oft „Gouverneur Romney“ genannt, denn er regierte von 2002 bis 2006 den ziemlich liberalen Staat Massachusetts, wo er eine allgemeine Krankenversicherung einführte, die später als Blaupause für Barack Obamas Gesundheitsreform diente. Nach Ablauf seiner ersten Amtsperiode stellte er sich allerdings nicht mehr zur Wahl – aus Feigheit, wie manche sagen. Er hatte seit seinem Amtsantritt stark an Popularität eingebüßt und fürchtete, die Wahl zu verlieren. Und er hatte ohnehin Höheres im Sinn: Romney sah den Gouverneursposten nur als Sprungbrett fürs höchste Amt im Lande an. Er wollte das schaffen, was seinem Vater George Romney, dem einstigen Gouverneur von Michigan, nicht gelungen war, nämlich Präsident der Vereinigten Staaten zu werden.

Im Jahr 2008 unterlag Mitt Romney in den Vorwahlen noch John McCain, aber fürs Jahr 2012 war er als Kandidat der Republikaner unumgänglich. So schien es jedenfalls. Nachdem er sich nun seit mehr als sechs Jahren als Kandidat andiente, hatte er auch genug Zeit, um ziemlich weit nach rechts abzudriften. Im Einklang mit der republikanischen Partei wurden seine Positionen immer konservativer. Und irgendwann hatte man das Gefühl, dass Mitt Romney alles sagen oder notfalls auch widerrufen würde, wenn es ihn nur der Präsidentschaftskandidatur näher brächte. Der obige Witz kursiert nun schon eine ganze Weile.

In einem ist blieb sich Romney aber treu geblieben: Die staatliche Rettung der US-Automobilindustrie, die noch von George W. Bush angeschoben wurde, lehnte er kategorisch ab. „Let Detroit Go Bankrupt“, schrieb Mitt Romney in einem Meinungsartikel am 18. November 2008 in der „New York Times“ – das war zwei Monate vor der Amtsübernahme von Barack Obama. Der neue Präsident schleuste General Motors und Chrysler durch ein beschleunigtes Insolvenzverfahren und drängte auch auf den Zusammenschluss von Chrysler mit Fiat. Mit Erfolg: GM hat ein erstaunliches Comeback erlebt und ist dank des Wachstumsmarktes in China wieder weltgrößter Autohersteller; bei Chrysler läuft es ebenfalls wieder rund. Umso erstaunlicher ist, dass Romney noch einmal nachlegte: Am Valentinstag erschien ein Artikel in „The Detroit Free Press“, in dem er den Bailout der Autoindustrie durch die Regierung gründlich schlecht redete und als „Gefälligkeitskapitalismus“ gegenüber den Gewerkschaften abtat. Und das zwei Wochen vor den republikanischen Vorwahlen in Michigan.

In Michigan kann man sich aber noch gut daran erinnern, dass die Kreditmärkte auf dem Höhepunkt der Finanzkrise vollkommen ausgetrocknet waren. Wäre damals die Regierung nicht eingesprungen, würde es heute keine einheimische US-Autoindustrie mehr geben – auch Ford wäre mit in den Abgrund gerissen worden, inklusive unzähliger Zulieferbetriebe. Insofern war es Romney schon klar, dass er seine Credentials in Bezug auf die Autohersteller wieder etwas aufpolieren musste. „Meine Frau hat auch zwei Cadillacs“, sagte er sinngemäß, was man aber nicht missinterpretieren sollte: Das heißt nicht etwa, dass Ann Romney immer zwei Caddys zur Auswahl hat. Es ist wirklich nur die pure Notwendigkeit, da die Fahrzeuge in Garagen verschiedener Residenzen parken. Wenn ich mich richtig erinnere, steht an jeder Küste einer.

Dass Mitt Romney am Dienstag trotzdem die Vorwahlen in Michigan knapp gewonnen hat, liegt an seinem Gegner: Gegenüber dem Rechtsaußen-Republikaner Rick Santorum erschien Romney den meisten Wählern doch als das geringere Übel. Ob der republikanische Präsidentschaftskandidat, der trotz aller Vorbehalte wahrscheinlich doch Romney heißen wird, im November bei den Wählern eine Chance hat, bleibt indessen dahingestellt. Der Sieger bei den Vorwahlen in Wayne County, also Detroit und Umgebung, heißt nämlich nicht genau genommen Mitt Romney, sondern – ja, richtig – Barack Obama.

Aufgrund irgendwelcher bürokratischer Spitzfindigkeiten musste nämlich auch der amtierende Präsident auf den Wahlformularen aufgeführt werden, obwohl es für ihn keinen demokratischen Gegenkandidaten gibt. Offiziell waren es zwar nur republikanische Vorwahlen, aber trotzdem ließen es sich viele Demokraten nicht nehmen, ins Wahllokal zu gehen und ebenfalls ein Kästchen anzukreuzen. Das Ergebnis in Wayne County: Barack Obama erhielt 54.015 Stimmen, Mitt Romney 48.498 und Rick Santorum 38.890. Wenn man bedenkt, dass Mitt Romney in Detroit geboren wurde, ist das wahrscheinlich kein so gutes Zeichen für die Wahlen im November.

Wednesday, February 1, 2012

Obama's Long Game

„I did not expect, or want, a messiah. I have one already, thank you very much. And there have been many times when I have disagreed with decisions Obama has made to drop the Bowles-Simpson debt commission, to ignore the war crimes of the recent past, and to launch a war in Libya without Congress’s sanction, to cite three. But given the enormity of what he inherited, and given what he explicitly promised, it remains simply a fact that Obama has delivered in a way that the unhinged right and purist left have yet to understand or absorb. Their short-term outbursts have missed Obama’s long game […].“

Auszug aus einem Artikel von ANDREW SULLIVAN im „Newsweek Magazine“, der schon vor gut zwei Wochen erschienen ist, aber erst so langsam seine Rezeption findet. Ich bin auch heute schon gespannt, was wir in Zukunft über die Obama-Jahre lesen werden.

Tuesday, January 31, 2012

... und GM lebt

„Osama bin Laden is dead and General Motors is alive.“

Obamas erste Amtszeit kurz gefasst, jedenfalls laut US-Vizepräsident JOE BIDEN.

Wednesday, January 18, 2012

Der Autoindustrie geht’s besser – warum nicht Detroit?

„While the auto industry is still a major presence in Michigan, there’s relatively little left of it inside the city limits.

Even though General Motors' headquarters is in downtown Detroit, the automaker doesn't even rank among the city's top 10 largest employers. Chrysler Group, the sole auto company in the top 10, operates the only assembly line inside city limits.

So Detroit has seen little benefit from the auto industry’s return to profitability.“

CHRIS ISIDORE heute auf „CNNMoney“ – endlich hat’s mal jemand gemerkt, dass die Autoindustrie und die Stadt Detroit heutzutage sehr wenig miteinander zu tun haben, weder im Guten noch im Schlechten. Ich habe das gelegentlich auch schon etwas ausführlicher beschrieben, etwa in Die Sache mit dem Niedergang von Detroit.

Sunday, January 15, 2012

Was ihr Volt

That’s the power of German engineering“ wirbt der VW-Stand auf der Autoshow in Detroit. Daneben steht ein Jetta Hybrid. Wenn ausgerechnet dieses Fahrzeug deutsche Ingenieurskunst repräsentieren soll, sollte man allerdings hinzufügen: Gut Ding will Weile haben. Mehr als zehn Jahre, nachdemVW Jetta Hybrid auf der NAIAS 2012 in Detroit © Cornelia Schaible Toyota das erste Hybridfahrzeug in den USA auf den Markt brachte, hat VW das immerhin auch geschafft. Glückwunsch! Jahrelang rümpften deutsche Autobauer über Hybridantriebe nur die Nase und versuchten stattdessen, die amerikanischen Kunden zur verhältnismäßig sparsamen und sauberen Dieseltechnologie zu bekehren. Jetzt haben sie offenbar aufgegeben. Nein, nicht ganz: Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Deutschen Automobilindustrie, ist immer noch auf Diesel-Mission, aber das ist er schon seit Jahren. Die Botschaft der Fahrzeughersteller selbst lautet: „Wir haben’s kapiert!“ So lautet wenigstens der Titel von Tom Grünwegs Artikel über „Deutsche Hybridautos in Detroit“, und treffender kann man es kaum ausdrücken.

Inzwischen ist klar – „die deutschen Autohersteller verpassten ob ihrer Diesel-Euphorie den Hybrid-Hype“, so Grünweg. Jedenfalls, was Massentauglichkeit angeht. Ein paar Hybridvarianten waren bei Mercedes, BMW und Porsche immer schon im Mix dabei, aber das betraf nur die Luxussparte. Man glaubte nicht wirklich an der Kraft der zwei Herzen: Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Dr. Frank Seyfried, damals Projektleiter für alternative Kraftstoffe bei VW, auf der Autoshow 2006. Seyfried hielt den Hybrid-Boom für eine vorübergehende Modeerscheinung, und er pries Biokraftstoffe als Alternative an. Es lebe der Verbrennungsmotor!

Nun, wie sich herausgestellt hat, war Biosprit auch nicht ganz das Wahre, und irgendwie hat der Markt ein Faible für Elektromotoren entwickelt. Sei es nun für Teilzeitstromer oder für ausgewachsene Elektroautos. Die Autobauer aus Germany haben lange übersehen, dass Ingenieurskunst allein kein Verkaufsargument ist – man sollte auch die Kundenwünsche irgendwie ins Konzept miteinbeziehen. Die Hybridversion des Ford Escape, eingeführt im Jahr 2004, traf sicher den Publikumsgeschmack. Es war das erste SUV mit Hybridantrieb.

Was auf der NAIAS von Jahr zu Jahr deutlicher wird: Hybridmodelle erhöhen die Akzeptanz für Elektrofahrzeuge. Erst gab‘s ein kleines Elektromotörchen als Sidekick für den Benziner, dann wurden Plug-in-Hybrids autosalonfähig – und heute sind selbst reine E-Modelle längst Alltag. Was ihr Volt.

Mehr zum Thema auf suite101: NAIAS 2012: Automesse in Detroit