Wednesday, March 29, 2006

Arbeitsplatzbesitzstandsdenken

Im zarten Alter von 37 Jahren erhielt ich meine erste Festanstellung als Redakteurin. Besser spät als nie, dachte ich. Vorher hatte ich mich jahrelang freiberuflich durchgeschlagen. Die Redakteursstelle war allerdings befristet und wurde prompt nicht verlängert. Dann wanderte ich aus. Und so kam ich nie in den Genuss des sagenhaften deutschen Kündigungsschutzes, an dem sich jetzt mal wieder keiner die Finger verbrennen will.

Doch halt - ich widerrufe: Einmal bekam ich beinahe lebenslänglich. Vor etlichen Jahren erfreute ich mich eines verlässlichen Halbtagsjobs im Schreibzimmer der Universitäts-Augenklinik Tübingen, mit dessen Hilfe ich mein Studium finanzierte. Eines Tages erhielt ich ein Schreiben, in dem mir zu meiner nicht geringen Verblüffung das Datum meines 25-jährigen Dienstjubiläums mitgeteilt wurde - der öffentliche Dienst arbeitet vorausschauend. Ich kündigte kurze Zeit später. Die Vision, den Rest meines Lebens in einem Klinik-Kabuff zu sitzen und am museumsreifen Vorgängermodell eines Personalcomputers Arztbriefe zu tippen, mag die Entscheidung beschleunigt haben. Die Sache wurde mir unheimlich.

Normalerweise neigt der Mensch jedoch dazu, an seinem Arbeitsplatz zu kleben, und sei dieser noch so miserabel. Klar, denn in der Regel findet sich so schnell kein Ersatz, zumindest nicht in Deutschland. Wenn es sich gar um einen Job handelt, der richtiggehend auf einen zugeschnitten schien, wie meine Redakteursstelle, wiegt der Verlust doppelt schwer. Und trotzdem plädiere ich dafür, den Kündigungsschutz abzuschaffen. Damit endlich Bewegung in den Arbeitsmarkt kommt. Flexibilität schafft Stellen, was denn sonst. Hätte mein Verlag nicht die Möglichkeit gehabt, mich befristet anzustellen, wäre ich vermutlich überhaupt nie Redakteurin geworden. Und das hätte ich nun wirklich schade gefunden.

Also: Weg damit. Kündigungsschutz halte ich höchstens im Krankheitsfall für sinnvoll. Ansonsten ist er so überflüssig wie ein Kropf. In den USA geht es doch auch ohne. Würde hier überdies gar keinen Sinn machen, schließlich gibt es häufig nicht einmal Anstellungsverträge. Im Übrigen gilt auch in Amerika: Kein Arbeitgeber, der halbwegs bei Trost ist, feuert ständig fähige Mitarbeiter. Und tut er es doch, geschieht es ihm gerade recht, wenn die dann bei der Konkurrenz anheuern. Selbstverständlich findet es niemand toll, wenn er sein Bündel packen muss. Rausschmiss am Freitagnachmittag, ohne Vorwarnung - einer Freundin ist das innerhalb kurzer Zeit zweimal passiert. Dafür hat sie jetzt einen weitaus besseren Job als zuvor. In der Veränderung liegt immer eine Chance.

Was hier in Amerika nun wirklich keiner versteht: Dass in Frankreich junge Leute gegen etwas demonstrieren, was ihnen eigentlich den Zugang zur Arbeitswelt erleichtern sollte. "Close to a quarter of its young people are unemployed, but they're too busy burning cars to look for jobs", schreibt der Kolumnist John Tierney in der "New York Times". "They're protesting a new policy allowing workers under age 26 to be hired for a two-year trial period during which - quelle horreur! - they could be easily fired."

Nun, es handelt sich hier um eine Art vorauseilendes Arbeitsplatzbesitzstandsdenken: Sollte man je zu den Glücklichen gehören, die eine Stelle ergattern, möchte man diese am liebsten auf immer und ewig. Oder wenigstens bis zur Frührente. Nach dem Motto: Ich habe nichts gegen Seilschaften - ich möchte ans Seil!

Saturday, March 18, 2006

Ihr Kinderlein kommet

Gestern war ich, die Kinderlose, bei einem deutsch-amerikanischen Kindergeburtstag eingeladen. Das kommt gelegentlich vor, denn es hat sich herumgesprochen, dass mir so etwas gefällt - auch als Fotografin finde ich Kinderfeste hinreißend. Ich mag es, wenn so viele kleine Menschlein um mich herumwuseln. Bei manchen der kleinen Racker bin ich zwar gar nicht böse, wenn sie die Mütter irgendwann wieder einsammeln. Aber es ist auf alle Fälle lustig. Und in Deutschland hatte ich das nie, höchstens bei einem Termin im Kindergarten.

Sicher gibt es auch in deutschen Landen noch ein paar Reservate, wo man gelegentlich auf eine lärmende Horde Kinder trifft - im Zoo zum Beispiel. Aber überall sonst sollen die lieben Kleinen möglichst keinen Mucks von sich geben. Vor allem in Mietwohnungen. Das hat selbst der Hersteller der Bobbycars einsehen müssen. "Die gibt's auch mit Flüsterrädern", sagte eine Mutter auf der Geburtstagsparty, die sich über die Vorzüge des in Amerika nicht erhältlichen Spielzeugs ausließ. "Damit es in der Wohnung nicht so viel Krach macht." Und die Amerikanerinnen hatten wieder einen Grund, sich zu wundern.

In Amerika fällt es meistens gar nicht auf, dass Kinder von Natur aus laut sind - sie haben genug Platz zum Toben. Und sie dürfen fast überall mit hin. Sogar ins Restaurant, wo sie dann die Papiertischdecke mit Buntstiften bemalen. In Deutschland gelten Kinder in der Öffentlichkeit schlicht als Zumutung. Und das wird sich auch nicht ändern, bloß weil "Bild" jetzt den "Baby-Notstand" ausgerufen hat. Eine der Kindergeburtstags-Mütter wollte gar nicht glauben, dass die Deutschen zu wenig Kinder kriegen. "Hier haben doch alle welche!" Eben. Kinderkriegen muss ansteckend sein. Das sieht man an den Expatriates.

Mit Sicherheit macht nichts mehr Lust auf Kinder als - Kinder. Wer in Amerika keinen Nachwuchs hat, gilt als bemitleidenswertes Wesen. Ich werde gelegentlich gefragt, warum ich eigentlich nicht adoptiere. Was, wie ich finde, dann doch zu weit geht. Auch wenn in meiner Umgebung ständig alle schwanger sind. Ein begehrenswerter Zustand, wie eine Chrysler-Werbung zeigt: Einem Pacifica entsteigen sechs Schwangere im Abendkleid, und der Parkdienst macht Stielaugen. Dazu die Stimme aus dem Off: "Bietet Platz für sechs - oder zwölf, wie man's sieht." Daraus lässt sich nur eines schließen: Ein dicker Bauch ist sexy. Und eine Frau mit Kindern ist attraktiver als eine ohne Nachwuchs. Sonst hätte Brad Pitt nicht Jennifer Aniston verlassen, nach vierjähriger kinderloser Ehe, und sich eine Frau mit zwei Kindern angelacht. Und jetzt ist Angelina Jolie von ihm schwanger. Noch Fragen?

Vielleicht sollte man einfach Brad Pitt klonen, anstatt den Deutschen das Kinderkriegen beizubringen, wie es derzeit die "Bild" versucht. (Warum eigentlich? Die Zeitung hat sich auf die vergreiste Leserschaft doch längst eingestellt, das Wichtigste erscheint in Großbuchstaben.) Schon die ganze Woche war Baby-Alarm, und heute geht es nun wirklich ans Eingemachte: "100 Gründe, warum Sie an diesem Wochenende ein Baby machen sollten." Nein, ausnahmsweise einmal nicht wegen der Rente. Sondern weil (Grund Nummer 7) "auch Macho-Männer bei Babys ganz weich werden". Und (Grund Nummer 2) "weil wir dann auch mit 80 noch jemanden haben, der uns die BILD-Zeitung vorliest", also wenn gar nichts mehr geht und selbst die fetten Schlagzeilen vor den Augen verschwimmen. Und der schönste Grund, zu Recht an erster Stelle genannt: "Weil es dann in 9 Monaten ein echtes Christkind wird."

Genau. Dann sitzen wir alle unterm Tannenbaum und singen: "Ihr Kinderlein kommet!"

Nachtrag vom 28. Mai 2009:
Mehr zum Thema steht jetzt auf suite101: Ein amerikanischer Kindergeburtstag

Tuesday, March 7, 2006

Eine Gans macht noch keinen Frühling

Gestern standen sie auf einmal auf dem zugefrorenen Teich und machten lange Hälse. Gut zwei Dutzend Kanadagänse, zurück aus dem Winterquartier. Und dann schimpften sie lauthals,Die Kanadagans ist an ihren weißen Bäckchen leicht zu erkennen © Cornelia Schaible wahrscheinlich gefiel ihnen das Eis überhaupt nicht. Honker! Der Spitzname passt: Die Gänse hören sich wirklich an wie die Quietschehupe eines Oldtimers. Kein anderes Tier kann außerdem so indigniert gucken. Gans empört.

Nur: Eine Gans macht noch keinen Frühling. Bis die Gänseeltern wieder stolz ihre Küken auf dem Rasen vor meinem Fenster spazieren führen, vergeht noch eine ganze Weile. Fürs erste haben die Viecher noch einmal das Weite gesucht - bis der Tümpel vor dem Haus endgültig auftaut. Bei all den Gänsen da draußen kann man sich gar nicht vorstellen, dass die Spezies in Michigan bereits einmal ausgestorben war; die letzten Exemplare wurden um 1900 gesichtet. Um die Gans in Michigan wieder heimisch zu machen, gab es sogar Brutprogramme, und der stattliche Vogel wurde in Naturschutzgebieten ausgesetzt und gehegt und gepflegt.

Der Kanadagans ist das offenbar ausgezeichnet bekommen: Nach Angaben der staatlichen Naturschutzbehörde stieg die Zahl der im Frühjahr gezählten Gänse von 9000 im Jahr 1979 auf über 300.000 bis zum heutigen Tag. Ich würde allerdings sagen, dass es viel mehr sind. Gänse gibt’s hier im Sommer überall. Wahrscheinlich sind sie die eigentlichen Bewohner von Metro Detroit – und die Menschen stellen ihnen die Infrastruktur zu Verfügung.

Die Gans setzt sich hier zu Lande ins gemachte Nest. Nicht nur im Gebiet der Großen Seen hatten es Wildgänse nie besser: Bevor die weißen Siedler kamen, war Lederstrumpf-Land über weite Teile von Sümpfen und Wäldern bedeckt; offene Flächen waren eher selten. Aber erst die Erfindung der Vorstädte mit unzähligen Rasenflächen und künstlichen kleinen Gewässern schuf den idealen Lebensraum für die Gans. Und wie immer, wenn sich eine Tierart besonders erfolgreich an die veränderte Umwelt anpasst, spricht der Mensch von „Kulturfolger" und nimmt übel. Vor allem Golfspieler hassen es, wenn grasendes Federvieh das makellose Grün mit seinen Würstchen verziert.

Mehr über Branta canadensis: Gans familiär

Sunday, March 5, 2006

Im Prius zum Oscar

"A Return to Glamour" war angeblich die Devise bei den diesjährigen Oscars. Im Hinblick auf die Decolletés möchte man eher sagen: Boobs gone south... Der haltlose Ausschnitt konnte sich allerdings nicht völlig durchsetzen - beste Schauspielerin Reese Witherspoon, eine echte Southern Belle, trug eine oscarreife Abendrobe, kein Hängerchen. Aber das wollen wir jetzt alles nicht weiter vertiefen.

Die gute Nachricht ist: Er hat seinen Oscar bekommen, der sexiest man alive (aus dem Jahr 1997). George Clooney erhielt den Nebendarstellerpreis für seine Rolle im Polit-Thriller "Syriana". Darin geht's um krumme Ölgeschäfte im Nahen Osten. Kein Wunder, dass Clooney im grünen Auto zum roten Teppich rollte: in einem sparsamen Toyota Prius nämlich. Die "Red Carpet - Green Cars"-Kampagne des japanischen Autobauers sorgte schon im vorigen Jahr für einen Hybrid-Hype in Hollywood. Wenn das kein modisches Statement ist.

Saturday, February 25, 2006

A German Mardi Gras

Zu den Merkwürdigkeiten des Auswandererdaseins gehört, dass sich organisierter deutscher Frohsinn weniger vermeiden lässt als einst daheim. Und so finde ich mich in der Karnevalszeit in einer Luftballon-geschmückten Festhalle wieder, an einem Tisch mit anderen Heimatlosen und Versprengten, und werde zwangsgeschunkelt. "Wie ist es am Rhein so schön", spielt die Musikkapelle. "Und wo kommen Sie her?" fragt meine Tischnachbarin. Sie selbst stamme aus Lindau am Bodensee. Dann fängt sie an, vom Allgäu zu schwärmen. Im vergangenen Jahr habe sie sieben Wochen lang Urlaub in der Heimat gemacht. "Es ist so schön dort", sagt sie. "Als man jung war, wusste man das gar nicht zu schätzen." Seit 50 Jahren lebt sie schon in den Staaten.

Der Ansager vom Festkomitee ist wahrscheinlich ähnlich lange in Amiland, kann aber immer noch kein T-Eitsch. "Sank you", ruft er über den Beifall hinweg, nachdem der Elferrat eingezogen ist, "enjoy our German Mardi Gras!" Sogar ein Prinzenpaar haben die hier aufgeboten – was sich auf dem Ankündigungsplakat anhörte wie eine exilbedingte Fusion aus Karneval und Fasching, deckt sich in Wirklichkeit doch mehr mit der rheinischen Variante. "Alaaf und Helau!" rufen seine Tollität Prinz Josef I und ihre Lieblichkeit Prinzessin Marlina. Die glitzernden Perlenketten, die bei der Ehrenparade durch die Luft fliegen, gehören aber eher zum Mardi Gras in New Orleans. Neben mir verfängt sich eine Kette in der Tischdekoration, und ein Weinglas geht zu Bruch. Sie hätten vielleicht doch lieber Konfetti werfen sollen.

"Karneval has a religious background and is celebrated in the period before Lent as a time of frolic, fun and gaiety", steht auf einem Merkblatt, das am Halleneingang ausliegt, "with everyone indulging in food and drink." Nach altem Brauch, der eine Wurst als Fastnachtsspeise vorsieht, werden Hot dogs serviert. Ich verzichte und esse lieber einen Apfelstrudel, während ich mir den Rest des eng gedruckten Karneval-Merkblattes zu Gemüte führe: "People sway and sing songs, which are especially composed for the Karneval season, and some of the melodies gain such a popularity that they are remembered and sung for years to come." Wahrscheinlich ist damit so unvergängliches Liedgut wie der "Anton aus Tirol" gemeint, der gerade erklingt.

Was mir auffällt an diesen Faschings-Hits: In Deutschland trällert man Schlager, die das Fernweh zelebrieren, und in der Fremde wird die Heimat-Melodie gepflegt. "In der Heimat, in der Heimat, da gibt's ein Wiedersehn..." Selbst "Griechischer Wein" hört sich in diesem Kontext ganz anders an – ich kriege eine Gänsehaut. Bei "Es gibt kein Bier auf Hawaii" werde ich endgültig nostalgisch und begebe mich an die Bar. Dort wird Warsteiner ausgeschenkt. Hurra!

In Detroit gab's immer Bier, außer in der Prohibition – deswegen hat sich ein Ehepaar auch in lokaler Anspielung als Bierdose verkleidet, ich meine: als zwei Bierdosen. Auf dem etwas sperrigen Kostüm, offenbar mit Hilfe von Hoolahoop-Reifen konstruiert, steht "Stroh Beer" – das wurde mal in Downtown gebraut. Ansonsten gibt es Engelchen, Teufelchen, Haremsdamen, Herzensbrecher und alle möglichen anderen Peinlichkeiten und Anzüglichkeiten. Als typisch amerikanische Verkleidung wäre das auch an Halloween beliebte Kissing-Booth-Kostüm zu nennen – "Kisses 1 Dollar". Man sieht allerdings verhältnismäßig wenige Cowboys. Und keine Indianer.

Dafür gibt es eine Funkengarde, "Blau-Weiß Sarnia", aus Kanada importiert. Die Mädels sind wirklich sehr gelenkig, wahrscheinlich trainieren sie ganzjährig. Oder sie praktizieren den Rest des Jahres als Cheerleader. Der Ansager ist ganz aus dem Häuschen: "And now a Prosit der Gemütlichkeit for the girls!"