Als ich ein Kind war, schnitzte ich in dieser Jahreszeit Rübengeister. Meine etwas jüngere Kusine war mit Eifer dabei. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wer uns das beigebracht hatte, aber irgendwie muss sich ein bisschen geisterhaftes Treiben auch im Schwabenland gehalten haben – eine vage vorchristliche Erinnerung an den Vorabend des Tages, aus dem die Kirche Allerheiligen machte.
Unsere Rübenfratzen hatten allerdings keinen Bezug zu organisiertem Brauchtum; wir freuten uns einfach an den von Kerzen erleuchteten Maskengesichtern. Und meine Kusine verspeiste einmal voll Genuss ein Stück Rübe, das über der Flamme geröstet war. Das Wort Halloween kannten wir damals noch nicht. Und wir forderten keine Süßigkeiten, auch nicht beim Laternenlaufen, das sich eher sporadisch ergab.
Wie ich auf Wikipedia erfahre, hat sich im deutschsprachigen Raum aber gelegentlich ein Heischebrauch um die Rübengeister erhalten, der mancherorts im Martinssingen am 11. November aufgegangen ist: Die Kinder ziehen mit ihren Lichtern von Haus zu Haus und bitten um Süßigkeiten. Genau wie bei den Iren, die verwandtes Brauchtum einst nach Nordamerika exportierten. Dass es nun in Deutschland in veränderter Form wieder eingeführt wird, freut nicht alle – Halloween scheint derzeit der am meisten verhasste US-Import zu sein. Selbst Santa Claus im roten Kunstfaserkostüm hat mehr Fans.
„Süßes oder Saures" – für die evangelische Kirche ist das keine Frage. Am 31. Oktober ist Reformationstag, und sonst gar nichts. Hielt sie im vergangenen Jahr für Kinder noch Lutherbonbons bereit, heißt es heuer für Halloween-Anhänger: „Gib ihnen Saures!" Bislang war mir ein Rätsel, wie sich Halloween überhaupt so schnell ausbreiten konnte. Noch im Jahr 2003 veröffentlichte ich einen Hintergrundsartikel in der „Südwestpresse" über den seltsamen Feiertag, der auch in den USA immer mehr an Bedeutung zulegt. Zitat: „Gemessen am Konsumverhalten darf Halloween inzwischen zu den höchsten amerikanischen Feiertagen gerechnet werden. Zu keiner anderen Zeit werden mehr Süßigkeiten genascht. Das traute Heim wird nur noch zu Weihnachten üppiger dekoriert als für den 31. Oktober."
Heute las ich auf Zeit-Online, dass kurioserweise der Golf-Krieg zur Ausbreitung der fremden Halloween-Bräuche beitrug – als Präsident Bush senior erstmals gegen den Irak ins Feld zog, wurde vielerorts der Karneval aus Pietätsgründen abgesagt. Stattdessen wurden die Faschingskostüme dann an Halloween getragen. So sieht erfolgreiches Marketing aus.
Aber auch die Amerikaner treiben es jedes Jahr bunter, wenn es wieder auf Ende Oktober zugeht. Neuerdings ist Halloween sogar auf den Hund gekommen – Herrchen kann aus einer Vielzahl von Verkleidungen wählen. Sehr hübsch sind alle möglichen tierischen Kostüme, von Marienkäfer bis Stinktier.
Mein Vorschlag, wie Hundchen auf jeder Halloween-Party garantiert gut ankommt: als Hot Dog.
Wednesday, October 31, 2007
Wednesday, October 17, 2007
Eine Rede gehört zum Essen
Erst der Vortrag, dann das Essen? Oder umgekehrt? Vielleicht auch beides gleichzeitig: Der Redner legt los, wenn alle anderen speisen. Bei der Planung eines Vortragsabends plädierte ich jedenfalls für Letzteres. Und ich verteidigte meine Position auch gegenüber dem Einwand, es sei „merkwürdig, wenn sich jemand da vorne abquält und einen Vortrag hält", während die Zuhörerschaft isst. Das empfiehlt sich aus einem guten Grund: Genau dann ist der Geräuschpegel nämlich am geringsten. Außerdem hat sich die Anordnung seit Jahrhunderten bewährt.
Bis heute wird in vielen Klöstern während der Mahlzeiten vorgelesen. Ob der Mönch, der als Tischleser fungiert, schon vorher etwas zu essen bekommt oder diesen Dienst mit knurrendem Magen versieht, ist mir nicht bekannt. Dass sich der Mensch nicht bloß den Bauch füllen, sondern auch geistige Nahrung zu sich nehmen sollte, besitzt selbst außerhalb klösterlicher Lebensformen Gültigkeit. Die Frage ist nur, ob er beides gleichzeitig tun sollte. Wahrscheinlich enspricht es amerikanischem Pragmatismus, dass die Zeit zum Essen allein zu schade ist. Und, wie schon angedeutet: Sind die Zuhörer am Kauen, halten sie wenigstens den Mund.
Für „Luncheon Speeches" ist der Vortrag während des Essens ein konstituierendes Merkmal. Es gibt sie auch in der Version „Brown Paper Bag" – in diesem Fall futtert das Publikum selbst Mitgebrachtes aus Tüten und Tupperware. In Frankreich wäre so etwas schlecht vorstellbar, so genannte „déjeuner-discours" kommen dort meines Wissens nur ausnahmsweise vor. Wenn Franzosen essen, sind sie hundertprozentig bei der Sache. Und sie unterhalten sich dabei auch gerne: Am liebsten reden sie beim Essen übers – Essen. Was ich, praktische Überlegungen einmal beiseitegelegt, auch vorziehe.
Bis heute wird in vielen Klöstern während der Mahlzeiten vorgelesen. Ob der Mönch, der als Tischleser fungiert, schon vorher etwas zu essen bekommt oder diesen Dienst mit knurrendem Magen versieht, ist mir nicht bekannt. Dass sich der Mensch nicht bloß den Bauch füllen, sondern auch geistige Nahrung zu sich nehmen sollte, besitzt selbst außerhalb klösterlicher Lebensformen Gültigkeit. Die Frage ist nur, ob er beides gleichzeitig tun sollte. Wahrscheinlich enspricht es amerikanischem Pragmatismus, dass die Zeit zum Essen allein zu schade ist. Und, wie schon angedeutet: Sind die Zuhörer am Kauen, halten sie wenigstens den Mund.
Für „Luncheon Speeches" ist der Vortrag während des Essens ein konstituierendes Merkmal. Es gibt sie auch in der Version „Brown Paper Bag" – in diesem Fall futtert das Publikum selbst Mitgebrachtes aus Tüten und Tupperware. In Frankreich wäre so etwas schlecht vorstellbar, so genannte „déjeuner-discours" kommen dort meines Wissens nur ausnahmsweise vor. Wenn Franzosen essen, sind sie hundertprozentig bei der Sache. Und sie unterhalten sich dabei auch gerne: Am liebsten reden sie beim Essen übers – Essen. Was ich, praktische Überlegungen einmal beiseitegelegt, auch vorziehe.
Saturday, October 6, 2007
Memo an die lieben Mitgliederinnen
Kürzlich erhielt ich von der Organisatorin meines Buchclubs eine E-Mail, die mit dem Satz endete: „Neue Mitgliederinnen sind herzlich eingeladen.“ Vorsorglich hatte die Schreiberin noch in Klammern hinzugefügt: „Sagt man so?“
Andere haben da weniger Bedenken, sonst würde ich neuerdings nicht alle naslang über „Mitgliederinnen“ stolpern. Offenbar ist die weibliche Anredeform mittlerweile so volkstümlich, dass sich Frauen nie und nimmermehr mitgemeint fühlen, wenn die Bezeichnung auf „-er“ endet: der Politiker, der Lehrer oder auch der Leser sind eindeutig männlich – im Singular wie im Plural. Also drucken Zeitungen täglich ein paar Seiten mehr, damit sich ihre Leser und Leserinnen alle gleichermaßen wiederfinden, angefangen bei den Schülern und Schülerinnen bis hin zu den Rentnern und Rentnerinnen.
Die sprachliche Geschlechterdifferenzierung ist ein Muss, das habe ich schon vor vielen Jahren erfahren. Als ich noch in der Schweiz an meiner Dissertation herumdokterte, fuhr ich einmal nach Basel zu einem Kongress über feministische Literaturwissenschaft. Untergebracht war ich bei zwei forschen Schweizerinnen, die nach eigenem Bekunden nichts für das männliche Geschlecht übrig hatten – auch nicht in der Grammatik. „Meine Gästin ist schon da!“ verkündete eine der beiden am Telefon. Sie sagte das natürlich auf Schwyzerdütsch, und es klang irgendwie bedeutend. Ich war beeindruckt.
Nun sollte man die Feminisierung der Sprache nicht zu weit treiben. Die Pluralform „Mitglieder“ zu verweiblichen, ist jedenfalls blanker Unsinn – schließlich heißt es im Singular „das Mitglied“, und das ist eindeutig ein sächliches Hauptwort. Wer es trotzdem gerne zweigeschlechtlich hätte, sollte sich an das deutsche Vereinswesen halten. Dort ist für die geschätzten Mitgliederinnen längst eine andere Anrede in Gebrauch, die nicht nur zu Karneval gerne aus der Kalauerkiste gekramt wird: „Liebe Mitglieder und Ohneglieder…“
Andere haben da weniger Bedenken, sonst würde ich neuerdings nicht alle naslang über „Mitgliederinnen“ stolpern. Offenbar ist die weibliche Anredeform mittlerweile so volkstümlich, dass sich Frauen nie und nimmermehr mitgemeint fühlen, wenn die Bezeichnung auf „-er“ endet: der Politiker, der Lehrer oder auch der Leser sind eindeutig männlich – im Singular wie im Plural. Also drucken Zeitungen täglich ein paar Seiten mehr, damit sich ihre Leser und Leserinnen alle gleichermaßen wiederfinden, angefangen bei den Schülern und Schülerinnen bis hin zu den Rentnern und Rentnerinnen.
Die sprachliche Geschlechterdifferenzierung ist ein Muss, das habe ich schon vor vielen Jahren erfahren. Als ich noch in der Schweiz an meiner Dissertation herumdokterte, fuhr ich einmal nach Basel zu einem Kongress über feministische Literaturwissenschaft. Untergebracht war ich bei zwei forschen Schweizerinnen, die nach eigenem Bekunden nichts für das männliche Geschlecht übrig hatten – auch nicht in der Grammatik. „Meine Gästin ist schon da!“ verkündete eine der beiden am Telefon. Sie sagte das natürlich auf Schwyzerdütsch, und es klang irgendwie bedeutend. Ich war beeindruckt.
Nun sollte man die Feminisierung der Sprache nicht zu weit treiben. Die Pluralform „Mitglieder“ zu verweiblichen, ist jedenfalls blanker Unsinn – schließlich heißt es im Singular „das Mitglied“, und das ist eindeutig ein sächliches Hauptwort. Wer es trotzdem gerne zweigeschlechtlich hätte, sollte sich an das deutsche Vereinswesen halten. Dort ist für die geschätzten Mitgliederinnen längst eine andere Anrede in Gebrauch, die nicht nur zu Karneval gerne aus der Kalauerkiste gekramt wird: „Liebe Mitglieder und Ohneglieder…“
Saturday, September 29, 2007
Zum Süßmost gibt's Donuts
Die Dexter Cider Mill ist eine einfache Holzkonstruktion, dunkelrot gestrichen mit weiß umrahmten Fenstern, wie sie auch irgendwo an der Ostküste stehen könnte – so haben schon die ersten Siedler auf amerikanischem Boden gebaut. Der Anbau dient als Verkaufsraum, das Tor steht offen. Gleich am Eingang hängen Konterfeis von Abraham Lincoln und George Washington. Die beiden Herren machen ernste Gesichter, wie es sich für ehemalige US-Präsidenten gehört.
Drinnen duftet es nach gebranntem Zucker und Süßmost. Hinter dem mit rotgewürfeltem Tuch bedeckten Verkaufstresen steht eine junge Frau, die einem Ehepaar eine Gallone Cider und eine
Tüte Äpfel verkauft. Sie begrüßt die Besucher und lacht, als diese sie mit Fragen überhäufen. „Wenn Sie etwas über die Geschichte der Cider Mill wissen wollen, müssen Sie schon meinen Vater fragen.“ Der könne aber nicht weit sein. „Dad!“ ruft sie.
Richard Koziski steht im Nebenraum am Kühlbehälter und füllt Cider in Plastikgefäße ab. „Wollen Sie probieren?“ fragt er und reicht einen Becher voll über den Tisch. Der Cider ist sehr dunkel, er hat etwa die gleiche Farbe wie die braun glänzenden Karamell-Äpfel vorne auf der Ladentheke, und er schmeckt schwer und süß. Die Beigabe von Birnen, die dem schwäbischen Most seine räse Spritzigkeit verleiht, ist hier nicht üblich. Dafür wird versucht, durch geschickten Verschnitt der Apfelsorten einen wohlschmeckenden Cider zu erzeugen. Im Staat Michigan, einem der wichtigsten Apfelanbaugebiete der USA, werden über 30 Sorten kommerziell angebaut, sagt Koziski. Darunter so alte Varietäten wie der seit gut 200 Jahren bekannte McIntosh-Apfel.
Wahrscheinlich stammt der McIntosh von einer alten französischen Sorte ab. Der Legende nach hatten bereits die Franzosen, die von 1701 an am Detroit River siedelten, Apfelkerne im Gepäck. Most mundete ihnen ebenso wie den Engländern – 1760 ging die Siedlung in britischen Besitz über. 1796 kam Detroit unter amerikanische Verwaltung; von diesem neuen Zentrum aus wurde ganz Michigan besiedelt. Auf frisch gerodetem Gelände wurden nicht nur Äcker angelegt, so ist überliefert, sondern stets auch Obstbäume gepflanzt.
Gerade in der Gegend um Ann Arbor ließen sich Anfang des 19. Jahrhunderts zahlreiche Einwanderer aus Süddeutschland nieder, wie die vielen Nachnamen belegen, die auf -le enden – auch der Name der Verfasserin steht mehrfach im Telefonbuch. Die Pioniere aus Schwaben dürften ihre eigene Mostkultur mitgebracht haben. Einige kleinere Mostpressen mit Handkurbel, die Richard Koziski in einem Lagerraum aufgestellt hat, sehen entsprechenden Exponaten aus schwäbischen Heimatmuseen jedenfalls verblüffend ähnlich.
Für die Mostproduktion im großen Stil nutzte man einst in ganz Michigan die Wasserkraft, um die Äpfel zu zerkleinern und zu pressen. Obwohl sie ihr Mühlrad längst eingebüßt hat und mit Strom betrieben wird, bietet die Dexter Cider Mill einen malerischen Anblick am Ufer des Hudson River. Der fließt auch durch die Universitätsstadt Ann Arbor. Das macht Dexter zum beliebten Ausflugsziel bei den Studenten: Sie brauchen nur ein Stück am Fluss entlangzuradeln, um in den Genuss von Cider und frischen Donuts zu kommen. „Es ist eine Tradition“, sagt Koziski. „Und wir zeigen ihnen, wie man schon vor mehr als 100 Jahren Cider gemacht hat.“ Er habe praktisch nichts verändert seit der Übernahme der Mühle vor 20 Jahren. Die Dexter Cider Mill ist laut Koziski die älteste im Staat, die ununterbrochen in Betrieb ist: Seit 1886 fließt hier im Herbst Most aus der Presse.
An die 150 Cider Mills soll es in Michigan noch geben, und ihre kulturhistorische Bedeutung wird oft betont: Viele spiegeln ein Stück amerikanische Geschichte wider. Erster Inhaber der Dexter Cider Mill war ein Veteran aus dem Sezessionskrieg. Kurz nach 1900 erwarb ein gewisser Otto Wagner – „auch ein deutscher Name“, bemerkte Koziski – die Cider Mill. In der Wagnerschen Familie blieb die Mosterei dann, bis Koziski sie kaufte. Früher habe er bei Ford gearbeitet, und daher die ersten fünf Jahre nur an Wochenenden gemostet, erzählt Koziski: „Im Herbst haben wir sieben Tage in der Woche gearbeitet – fünf Tage im Betrieb, und am Samstag und Sonntag hier.“
Seit er im Ruhestand ist, hat die Dexter Cider Mill in der Saison mittwochs bis sonntags geöffnet, und zwar weit bis in den November hinein. Die ganze Familie ist eingespannt: Ehefrau Katherine, die früher mal bei Kellogg’s in der Versuchsküche arbeitete und ein hoch gelobtes Apfelkochbuch verfasst hat, bäckt Kuchen. Und die Töchter mit Anhang helfen ebenfalls abwechselnd mit: Wie die Mostpresse funktioniert, erklärt Schwiegersohn Martin Steinhauer, der Mann von Nancy, die an diesem Tag den Verkauf macht.
„Die Konstruktion ist sehr einfach“, sagt Steinhauer, der sonst Computer-Software verkauft. Die zerkleinerten Äpfel werden in ein Tuch eingeschlagen und auf einen Lattenrost aus Eichenholz gelegt, darauf kommt wieder ein Rost und eine Schicht Äpfel, und so fort. Der Stapel kommt in eine hydraulische Presse – und unten fließt der Saft heraus. Pro Pressung werden rund 1500 Pounds Apfelschnitze verarbeitet, gut 680 Kilogramm; das ergibt jeweils 100 Gallonen oder 378 Liter Süßmost. Und so, wie er herauskommt, wird der Most auch verkauft: „It’s all natural“, so Steinhauer, „alles ganz natürlich.“
Weil er sein Stöffchen so naturbelassen will, ist Richard Koziski auf Direktvermarktung angewiesen – im Supermarkt verkaufter Süßmost muss pasteurisiert werden, das ist gesetzlich vorgeschrieben. Sein Cider fängt nach fünf Tagen an zu gären. Und wie viele Gallonen Most produziert die Cider Mill in einer Saison? Da grinst Koziski nur ganz breit und sagt: „Das weiß ich nicht. Ich will es nicht wissen.“
(Erschienen im Schwäbischen Tagblatt am 15. Oktober 2003.)
Drinnen duftet es nach gebranntem Zucker und Süßmost. Hinter dem mit rotgewürfeltem Tuch bedeckten Verkaufstresen steht eine junge Frau, die einem Ehepaar eine Gallone Cider und eine
Tüte Äpfel verkauft. Sie begrüßt die Besucher und lacht, als diese sie mit Fragen überhäufen. „Wenn Sie etwas über die Geschichte der Cider Mill wissen wollen, müssen Sie schon meinen Vater fragen.“ Der könne aber nicht weit sein. „Dad!“ ruft sie. Richard Koziski steht im Nebenraum am Kühlbehälter und füllt Cider in Plastikgefäße ab. „Wollen Sie probieren?“ fragt er und reicht einen Becher voll über den Tisch. Der Cider ist sehr dunkel, er hat etwa die gleiche Farbe wie die braun glänzenden Karamell-Äpfel vorne auf der Ladentheke, und er schmeckt schwer und süß. Die Beigabe von Birnen, die dem schwäbischen Most seine räse Spritzigkeit verleiht, ist hier nicht üblich. Dafür wird versucht, durch geschickten Verschnitt der Apfelsorten einen wohlschmeckenden Cider zu erzeugen. Im Staat Michigan, einem der wichtigsten Apfelanbaugebiete der USA, werden über 30 Sorten kommerziell angebaut, sagt Koziski. Darunter so alte Varietäten wie der seit gut 200 Jahren bekannte McIntosh-Apfel.
Wahrscheinlich stammt der McIntosh von einer alten französischen Sorte ab. Der Legende nach hatten bereits die Franzosen, die von 1701 an am Detroit River siedelten, Apfelkerne im Gepäck. Most mundete ihnen ebenso wie den Engländern – 1760 ging die Siedlung in britischen Besitz über. 1796 kam Detroit unter amerikanische Verwaltung; von diesem neuen Zentrum aus wurde ganz Michigan besiedelt. Auf frisch gerodetem Gelände wurden nicht nur Äcker angelegt, so ist überliefert, sondern stets auch Obstbäume gepflanzt.
Gerade in der Gegend um Ann Arbor ließen sich Anfang des 19. Jahrhunderts zahlreiche Einwanderer aus Süddeutschland nieder, wie die vielen Nachnamen belegen, die auf -le enden – auch der Name der Verfasserin steht mehrfach im Telefonbuch. Die Pioniere aus Schwaben dürften ihre eigene Mostkultur mitgebracht haben. Einige kleinere Mostpressen mit Handkurbel, die Richard Koziski in einem Lagerraum aufgestellt hat, sehen entsprechenden Exponaten aus schwäbischen Heimatmuseen jedenfalls verblüffend ähnlich.
Für die Mostproduktion im großen Stil nutzte man einst in ganz Michigan die Wasserkraft, um die Äpfel zu zerkleinern und zu pressen. Obwohl sie ihr Mühlrad längst eingebüßt hat und mit Strom betrieben wird, bietet die Dexter Cider Mill einen malerischen Anblick am Ufer des Hudson River. Der fließt auch durch die Universitätsstadt Ann Arbor. Das macht Dexter zum beliebten Ausflugsziel bei den Studenten: Sie brauchen nur ein Stück am Fluss entlangzuradeln, um in den Genuss von Cider und frischen Donuts zu kommen. „Es ist eine Tradition“, sagt Koziski. „Und wir zeigen ihnen, wie man schon vor mehr als 100 Jahren Cider gemacht hat.“ Er habe praktisch nichts verändert seit der Übernahme der Mühle vor 20 Jahren. Die Dexter Cider Mill ist laut Koziski die älteste im Staat, die ununterbrochen in Betrieb ist: Seit 1886 fließt hier im Herbst Most aus der Presse.
An die 150 Cider Mills soll es in Michigan noch geben, und ihre kulturhistorische Bedeutung wird oft betont: Viele spiegeln ein Stück amerikanische Geschichte wider. Erster Inhaber der Dexter Cider Mill war ein Veteran aus dem Sezessionskrieg. Kurz nach 1900 erwarb ein gewisser Otto Wagner – „auch ein deutscher Name“, bemerkte Koziski – die Cider Mill. In der Wagnerschen Familie blieb die Mosterei dann, bis Koziski sie kaufte. Früher habe er bei Ford gearbeitet, und daher die ersten fünf Jahre nur an Wochenenden gemostet, erzählt Koziski: „Im Herbst haben wir sieben Tage in der Woche gearbeitet – fünf Tage im Betrieb, und am Samstag und Sonntag hier.“
Seit er im Ruhestand ist, hat die Dexter Cider Mill in der Saison mittwochs bis sonntags geöffnet, und zwar weit bis in den November hinein. Die ganze Familie ist eingespannt: Ehefrau Katherine, die früher mal bei Kellogg’s in der Versuchsküche arbeitete und ein hoch gelobtes Apfelkochbuch verfasst hat, bäckt Kuchen. Und die Töchter mit Anhang helfen ebenfalls abwechselnd mit: Wie die Mostpresse funktioniert, erklärt Schwiegersohn Martin Steinhauer, der Mann von Nancy, die an diesem Tag den Verkauf macht.
„Die Konstruktion ist sehr einfach“, sagt Steinhauer, der sonst Computer-Software verkauft. Die zerkleinerten Äpfel werden in ein Tuch eingeschlagen und auf einen Lattenrost aus Eichenholz gelegt, darauf kommt wieder ein Rost und eine Schicht Äpfel, und so fort. Der Stapel kommt in eine hydraulische Presse – und unten fließt der Saft heraus. Pro Pressung werden rund 1500 Pounds Apfelschnitze verarbeitet, gut 680 Kilogramm; das ergibt jeweils 100 Gallonen oder 378 Liter Süßmost. Und so, wie er herauskommt, wird der Most auch verkauft: „It’s all natural“, so Steinhauer, „alles ganz natürlich.“
Weil er sein Stöffchen so naturbelassen will, ist Richard Koziski auf Direktvermarktung angewiesen – im Supermarkt verkaufter Süßmost muss pasteurisiert werden, das ist gesetzlich vorgeschrieben. Sein Cider fängt nach fünf Tagen an zu gären. Und wie viele Gallonen Most produziert die Cider Mill in einer Saison? Da grinst Koziski nur ganz breit und sagt: „Das weiß ich nicht. Ich will es nicht wissen.“
(Erschienen im Schwäbischen Tagblatt am 15. Oktober 2003.)
Wednesday, September 26, 2007
Proper Pronunciation
Mit der richtigen Aussprache von Namen ist es so eine Sache. Bei Lech Wałęsa etwa habe ich irgendwann kapituliert - der ging mir nicht einmal unter Anleitung einer polnischen Kommilitonin locker über die Zunge. Mit Sprachen, die von vorneherein einen Teil ihrer Buchstaben durchstreichen, habe ich zugegebenermaßen etwas Mühe. Smørrebrød, Smørrebrød røm, pøm, pøm, pøm!
Amerikaner tun sich bekanntlich mit allen fremden Sprachen schwer. Deswegen ist es nur verständlich, dass Präsident Bush bei seiner UN-Rede eine kleine Aussprachehilfe für ausländische Namen im Manuskript stehen hatte - beispielsweise „sar-KO-zee“. Inklusive der richtigen Betonung. Hat da etwa jemand gelacht? In den USA ist diese Art der phonetischen Schreibweise von Eigen- und Familiennamen weit verbreitet. Man findet sie sogar in der "New York Times", wie das folgende Zitat aus dem Autoblog vom 21. Mai 2007 zeigt:
Wir haben für den Hausgebrauch ebenfalls beschlossen, dass wir Machmud Achmadinedschad nicht bei vollem Namen nennen - das dauert jedes Mal knapp vier Sekunden, habe ich herausgefunden, und das ist entschieden zu viel Lebenszeit. Wir nennen ihn schon lange A-Punkt. Basta.
Hier gibt's eine praktische Aussprachehilfe, von Afrikaans bis Weißrussisch.
Amerikaner tun sich bekanntlich mit allen fremden Sprachen schwer. Deswegen ist es nur verständlich, dass Präsident Bush bei seiner UN-Rede eine kleine Aussprachehilfe für ausländische Namen im Manuskript stehen hatte - beispielsweise „sar-KO-zee“. Inklusive der richtigen Betonung. Hat da etwa jemand gelacht? In den USA ist diese Art der phonetischen Schreibweise von Eigen- und Familiennamen weit verbreitet. Man findet sie sogar in der "New York Times", wie das folgende Zitat aus dem Autoblog vom 21. Mai 2007 zeigt:
„Q: How do you pronounce DaimlerChrysler in German?Die Neigung, manche Namen einfach stumm zu übergehen, zeigt Bush ebenfalls. Den iranischen Präsidenten jedenfalls erwähnte er in besagter Rede mit keinem Wort. Der hat aber auch einen besonders vertrackten Namen. Selbst die Nachrichtensprecherin Katie Couric benutzt eine Eselsbrücke für den Unaussprechlichen, wie die "New-York-Times"-Kolumnistin Maureen Dowd heute berichtet: "I'm a dinner jacket."
A: Daimler. The Chrysler is silent.
That was the joke in Detroit after the, ahem, merger of Daimler-Benz and Chrysler led to disagreements over whether the new company’s name should be pronounced ,DIME-ler‘ or ,DAME-ler.‘ Fortunately, the question became irrelevant this week after DaimlerChrysler agreed to sell Chrysler to a Manhattan-based private equity firm, Cerberus Capital Management, which pronounces its name SIR-burr-us.“
Wir haben für den Hausgebrauch ebenfalls beschlossen, dass wir Machmud Achmadinedschad nicht bei vollem Namen nennen - das dauert jedes Mal knapp vier Sekunden, habe ich herausgefunden, und das ist entschieden zu viel Lebenszeit. Wir nennen ihn schon lange A-Punkt. Basta.
Hier gibt's eine praktische Aussprachehilfe, von Afrikaans bis Weißrussisch.
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